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Mit Nachhaltigkeit zu guten Geschäften

Mit Nachhaltigkeit zu guten GeschäftenUnternehmen sehen sich mit wachsenden Anforderungen an Transparenz und Nachhaltigkeit in den Lieferketten konfrontiert. Was das für die Betriebe bedeutet und welche Anforderungen und Strategien sich daraus ergeben, darüber sprach Peter Teuscher, Partner der BSD Consulting, mit GS1 network.

GS1 network: Wie definieren Sie Nachhaltigkeit? Hat die Definition, wie sie im Brundtland-Report von 1987 festgehalten wurde, heute noch Gültigkeit?

Peter Teuscher: Die Brundtland-Definition sagt ja, etwas verkürzt, dass die Menschheit von den Zinsen und nicht vom ökonomischen, ökologischen und sozialen Kapital des Planeten leben soll. Das stimmt so sicher immer noch und eignet sich als Leitlinie für die Unternehmens- wie auch politische Führung. Nicht umsonst bezieht sich die Schweizer Regierung wie viele andere auch auf dieses Konzept und definiert dazu konkrete Massnahmen in mehrjährigen Aktionsplänen.
Die zentrale Frage ist, was diese Definition im heutigen Kontext für die einzelnen Unternehmen bedeutet: Wie können wirtschaftlicher Fortschritt, soziale Fairness und Schutz der Umwelt miteinander verknüpft werden? Die sich daraus ergebenden Herausforderungen, wie der Umgang mit immer knapper werdenden natürlichen Ressourcen, die Wahrung der menschlichen Sicherheit, Bekämpfung der Armut, Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts oder auch Bekämpfung der Korruption und Sicherung der politischen Stabilität, sind alles Themen, die nicht von einzelnen Akteuren, wie zum Beispiel Unternehmen, alleine gelöst werden können. Zudem führen die Themen der Nachhaltigkeit immer auch zu Zielkonflikten, die gelöst werden müssen. Beispielsweise steht die Forderung, Arbeitsplätze zu schaffen, meist in direktem Widerspruch mit der Notwendigkeit, Kosten zu sparen.

Was für Anforderungen und Strategien ergeben sich daraus für Unternehmen?

Sich aufgrund der Komplexität der Fragestellung zurückzuziehen und zu glauben, dass man als einzelnes Unternehmen nichts bewirken kann, ist sicher der falsche Weg. Wichtig ist erst einmal zu verstehen, in welchem Nachhaltigkeitskontext sich das einzelne Unternehmen befindet. Was sind unsere Kundenbedürfnisse in Bezug auf die Themen der Nachhaltigkeit? Wie verändern sich diese? In welchem gesetzlichen Kontext produzieren wir respektive stellen wir die Dienstleistungen bereit? Welche Ressourcen brauchen wir? Von wo beziehen wir diese? Wo haben wir mit unserer unternehmerischen Tätigkeit die grösste Wirkung, sowohl ökonomisch wie auch in den Bereichen Umwelt und Soziales? Eine systematische Auslegeordnung entlang der gesamten Wertschöpfungskette hilft, die wirklich wichtigen Themen, die sogenannten Hotspots, zu identifizieren. Am effektivsten ist dabei, wenn für diese Analyse auch Geschäftspartner und weitere Anspruchsgruppen einbezogen werden. Wenn dies klar auf dem Tisch liegt, dann braucht es eine Unternehmensführung, die bereit ist, bestehende Strategien, Geschäftsmodelle und Massnahmenpläne kritisch zu hinterfragen und allenfalls anzupassen. Die Themen der Nachhaltigkeit liefern einen unglaublichen Fundus für Innovationen und ein grosses Potenzial für die Differenzierung im Markt. Typische Strategien von Unternehmen im Bereich der Nachhaltigkeit befassen sich mit der effizienten Nutzung der natürlichen Ressourcen Energie, Wasser, Material. Die drei Stichworte dazu sind: reduce, reuse and recycle. Zudem sollten die Vermeidung von Umweltverschmutzung und Treibhausgasemissionen sowie die Respektierung der Menschenrechte, insbesondere entlang von globalen Lieferketten, in der Strategie berücksichtigt werden. Nebst den Nachhaltigkeitsanforderungen der Kunden, Mitarbeitenden und der Gesellschaft sind auch die langfristige finanzielle Planung und der haushälterische Umgang mit den finanziellen Ressourcen zu beachten.

 

«Die Themen der Nachhaltigkeit liefern einen unglaublichen Fundus für Innovationen und ein grosses Potenzial für die Differenzierung im Markt.»


Was muss sich ändern, damit das Thema Nachhaltigkeit auf allen Ebenen der Gesellschaft bewusst wahrgenommen und gelebt wird?

Wichtig ist sicher die Ausbildung unserer Führungs- und Nachwuchskräfte. Berufs- und Hochschulen sollten das Thema noch integraler in ihren Lehrplänen berücksichtigen. Zudem gibt es trotz eines riesigen Weiterbildungsangebots immer noch wenige, welche auf die konkrete Umsetzung in die Praxis ausgerichtet sind, insbesondere in den Bereichen Produktdesign, Einkauf, Marketing und Controlling. Des Weiteren brauchen wir Mitglieder von Geschäftsleitungen und Verwaltungsräten, welche glaubwürdig und verständlich aufzeigen, was der wirtschaftliche, gesellschaftliche und ökologische Fussabdruck ihres Unternehmens ist, was ihr Unternehmen im Bereich der Nachhaltigkeit leistet und was die grössten Herausforderungen sind.
Generell braucht es von allen Beteiligten die Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Hier spielen Unternehmensverbände als Plattformen für die Zusammenarbeit eine wichtige Rolle, zum Beispiel bei nicht kompetitiven Themen wie den Garantieleistungen von Labels und Zertifikaten, der Internalisierung von externen Kosten für mehr Kostenwahrheit oder der Entwicklung von neuen Technologien.

BSD Consulting ist spezialisiert auf das Management von Nachhaltigkeitsthemen. In welchen Branchen und in welchen Unternehmensbereichen orten Sie Handlungsbedarf bezüglich Nachhaltigkeit?

Als wir unser Unternehmen vor 15 Jahren gegründet haben, wurde das Thema Nachhaltigkeit noch häufig mit Umweltschutz gleichgesetzt. Erst einige wenige Unternehmen veröffentlichten  einen Nachhaltigkeitsbericht oder befassten sich mit ökologischen und sozialen Aspekten in ihren Lieferketten. Da hat sich in der Zwischenzeit enorm viel getan.
Heute finden wir ein breites Bewusstsein für die Wichtigkeit von Umweltaspekten, schon nur wegen der gestiegenen Energie- und Rohstoffpreise. Auch die gewachsene Nachfrage von Konsumenten nach «sauberen» Produkten hat dazu beigetragen. Es ist denn auch kein Wunder, dass Unternehmen aus dem Konsumgüterbereich und Branchen wie Lebensmittel, Textilien oder Elektroindustrie durchschnittlich mehr tun im Bereich Nachhaltigkeit als Unternehmen mit vorwiegend Geschäftskunden.
Generell stellen wir in der Praxis über die Branchen hinweg aber fest, dass sich viele Unternehmen immer noch schwertun, soziale Themen wie zum Beispiel Mitarbeiterbeteiligung, Lohngerechtigkeit, Korruption und Menschenrechte in Beschaffungsprozessen zu bearbeiten. Heute genügt es nicht mehr, für das eine oder andere Produkt ein Label zu führen oder punktuell Daten zum Beispiel zum Energieverbrauch zu sammeln. Sich erfolgreich im Markt zu behaupten, erfordert heutzutage ein systematisches Sich-Auseinandersetzen mit dem Thema Nachhaltigkeit. Das heisst, wie gesagt, sich mit den Wirkungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu befassen, sich dann auf die wirklich wichtigen Themen zu konzentrieren und Massnahmen zu treffen, die real etwas bewirken.

Wie kann ich Greenwashing von glaubwürdigem Engagement unterscheiden?

Ein grosses Warentest- und Prüfinstitut hat während ein paar Jahren Informationen auf Produkten analysiert und dabei sieben Kennzeichen für Greenwashing identifiziert. Das reicht von vagen Äusserungen, Behauptungen ohne externe Prüfung über die Nutzung von zweifelhaften oder selber gemachten Labels und Zertifikaten bis hin zu schlichten Lügen. Ein Hinweis auf ein glaubwürdiges Engagement ist, wenn die wichtigen Anspruchsgruppen angemessen in Entscheidungen einbezogen werden –  zum Beispiel in die Beurteilung der für das Unternehmen relevanten Themen und in die Entwicklung, Umsetzung und Kontrolle von Strategien – und dies auch transparent gemacht wird. Weiter ist überzeugend, wenn das Engagement eines Unternehmens im Bereich Nachhaltigkeit auf sein Kerngeschäft ausgerichtet ist und eine qualitativ gute Nachhaltigkeitsberichtserstattung mit konkreten Zielen und kritischer Beurteilung der eigenen Leistung vorliegt.

Nachhaltigkeit in der Lieferkette erhält zunehmend Aufmerksamkeit. Worauf müssen Unternehmen achten?

Die grösste Herausforderung in Lieferketten ist die Bewältigung der Komplexität. Die Struktur der Lieferketten kann sehr kompliziert sein, insbesondere bei Waren von ausserhalb der Schweiz und der EU. Oft sind die Produzenten gar nicht bekannt, geschweige denn deren Vorstufen. Dann gilt es die vielen potenziellen Umwelt- und Sozialthemen zu berücksichtigen, wie zum Beispiel Arbeitsbedingungen, Gesundheit und Sicherheit, Emissionen oder Gefahrenstoffe. Als erster Schritt empfiehlt sich eine systematische Auslegeordnung über die Struktur und Wirkungen in den Supply Chains. Zur Reduktion der Komplexität werden die Anstrengungen auf die wichtigsten ökologischen, sozialen und ökonomischen Wirkungen fokussiert. In der Folge geht es darum, mit den Lieferanten im Fokusbereich auf die konsequente Einhaltung von Nachhaltigkeitskriterien für deren Produkte hinzuarbeiten.

Die zweite Herausforderung besteht darin, dass ein einzelnes Unternehmen oft nur kleine Mengen von einem Lieferanten bezieht. Die Einflussmöglichkeiten können dann recht limitiert sein. Bei solchen Konstellationen empfiehlt sich die Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen, zum Beispiel im Rahmen von Verbänden oder mit dem Beitritt zu Initiativen wie der Business Social Compliance Initiative (BSCI) oder der Fair Wear Foundation (FWF).

Am 9. GS1 Business Day sind Sie als Referent geladen. Worüber werden Sie referieren, respektive worauf werden Sie Ihren Schwerpunkt
Legen und warum?

Ich werde über Nachhaltigkeit von Wertschöpfungsnetzwerken sprechen und damit den Rahmen abstecken für das neu entwickelte GS1 Sustainability Framework. Das Nachhaltigkeits-Grundmuster kann Unternehmen bei der Situationsanalyse, der Entwicklung von Handlungsfeldern sowie der Umsetzung mittels Massnahmen in der ökologischen, ökonomischen und sozialen Dimension unterstützen und dient in erster Linie als Orientierung.

Welche Rolle spielen freiwillige Umwelt- und Sozialstandards in Bezug auf Nachhaltigkeit?

Solche Standards sind ursprünglich entstanden als Instrumente zur Selbstregulierung von Akteuren. Mit freiwilligen Standards wird ein Marktversagen adressiert, um Verlässlichkeit und Transparenz zu schaffen in bislang nicht oder zu wenig kontrollierten Teilbereichen, wie zum Beispiel Qualität, Sicherheit und Gesundheit, Menschenrechte und Umweltschutz. Freiwillige Standards dienen der Verständigung zwischen den Akteuren und sollen die Effizienz im Umgang mit Nachhaltigkeitsthemen fördern.
Heutzutage gibt es viele hundert freiwillige Umwelt- und Sozialstandards, und an vielen Orten wird Kritik laut. Aufgrund der grossen Anzahl ist die Rede von einem «Labeldschungel» und von der Schwierigkeit, sich als Konsumentin oder Konsument darin zurechtzufinden. Auch für Unternehmen ist es nicht einfach, die passenden Standards zu identifizieren. Dazu gibt es übrigens ein hilfreiches Tool, den Kompass Nachhaltigkeit, eine vom SECO finanziell unterstützte Plattform für beschaffende Organisationen (www.kompass-nachhaltigkeit.ch). Für die Lieferanten kann es bedeuten, dass unter Umständen eine oder mehrere Personen einzig damit beschäf-tigt werden müssen, die konstant anfallenden Auditbesuche zu bewältigen. Hinzu kommt, dass Audits als Momentaufnahme nur sehr bedingt die reale Situation abbilden und leider auch oft die Resultate geschönt werden. So verwundert es nicht, dass ganz allgemein von «Auditmüdigkeit» die Rede ist und neue Formen der Qualitätssicherung und Zusammenarbeit gerfordert werden, die über die Einforderung von Standardzertifikaten hinausgehen.

Welche Rolle kann und muss GS1 Schweiz in Bezug auf Nachhaltigkeit einnehmen?

Erstens sollte GS1 ihren Mitgliedern als Akteuren in globalen Wertschöpfungsnetzwerken helfen, soziale und ökologische Risiken zu erkennen und Chancen in Bezug auf Nachhaltigkeit zu nutzen. Zweitens sollte GS1 gute Praxis und Innovationen für nachhaltige Wertschöpfungsnetzwerke erfassen und der Öffentlichkeit präsentieren. Drittens könnte GS1 bei der Weiterentwicklung von kollaborativen Lösungen und Tools insbesondere durch die Nutzung von Technologie für eine durchgängige Information über Nachhaltigkeitsleistungen vom Produzenten bis zum Konsumenten mitwirken.

Wie hat die Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit Ihr Leben verändert?

Das ist nun also die schwierige Frage zum Schluss! Sagen wir es so: Das Thema Nachhaltigkeit ist und bleibt faszinierend für mich, weil es viel mit unternehmerischer Initiative und Innovation zu tun hat und ich jeden Tag Neues dazulernen kann. Mein Fazit lautet: Beim Thema Nachhaltigkeit geht es letztendlich schlicht und ergreifend
um gute Geschäftsführung.

Die Fragen stellte Joachim Heldt.

 

Angaben zur Person - Peter Teuscher ist Gründer und geschäftsführender Partner der BSD Consulting, einer auf die Umsetzung von Nachhaltigkeit im Unternehmen spezialisierten internationalen Beratungsfirma. Er ist Autor zahlreicher Publikationen und Initiator von Unternehmen wie der gebana ag und Projekten wie dem Kompass Nachhaltigkeit. Peter Teuscher berät grosse und weniger grosse Unternehmen zu strategischen Fragen, Kommunikation und nachhaltigem Supply Chain Management in einem internationalen Kontext.

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