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Im städtischen Gebiet greifen Diebe spontan zu

 Willi Gärtner: «Wir scannen alle Transportware und prozessieren sehr nachvollziehbar. Die EU wird zudem in wenigen Jahren die Rückverfolgbarkeit auf Basis von Serialisierung bis auf Packungsebene in Gesetzesrang erheben.»Eine sorgfältige Personalauswahl für Schlüsselpositionen kann ein wichtiger Beitrag zu mehr Sicherheit in der Supply Chain sein, findet Willi Gärtner, Leiter Logistik und Geschäftsleitungsmitglied der Planzer Transport AG. Das gilt auch beim spontanen Ladungsdiebstahl, wie er in Städten vorkommt: Sorgfältige Fahrer schliessen ihren Lieferwagen nämlich ab.

GS1 network: Was fällt Ihnen zum Thema Sicherheit in der Supply Chain als Erstes ein?
Willi Gärtner: Die Produkte, welche wir für unsere Kunden übernehmen, müssen den Anforderungen entsprechend gelagert, prozessiert und transportiert werden.

Wie gut gelingt Ihnen das?
In der Summe aller Dinge gelingt uns das zu 99,92 Prozent fehlerfrei. In dieser Zahl sind aber auch Fehllieferungen enthalten, wenn lediglich die verkehrte Ware ausgeliefert wurde. Dabei handelt es sich dann um Kommissionierfehler. Solche Ereignisse ausgenommen, steigt unsere Erfüllungsquote auf 99,99 Prozent.

Also geht fast alles glatt?
Je nach Warengruppe gibt es unterschiedliche Parameter. Meist dreht sich das Thema Sicherheit um Temperaturabweichungen, Kontaminationen oder Zutritts- und Zugriffskontrollen. In unseren Lagern dürfen Pharmaprodukte und Pflanzenschutzmittel beispielsweise nicht am gleichen Ort gelagert werden. Solche Aspekte sind auch bei Lebensmitteln relevant. Glasbruch wiederum kommt schon mal vor, wird aber unter dem Aspekt «Kontamination der Ware» erfasst.

In welchen Geschäftsfeldern sind solche Sicherheitsfragen besonders relevant?
Das ist vor allem bei Pharma und Food der Fall, auch bei Chemieprodukten. Man könnte sagen: bei allem, was für Menschen bestimmt ist. Wir sind dort aber besonders sorgfältig, denn sollte einmal etwas schiefgehen, würde nicht nur unser Name in der Presse auftauchen, sondern auch der des Kunden, weil seine Waren betroffen sind.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit Kriminalität in der Lieferkette?
Wir setzen konkrete Massnahmenkataloge unserer Kunden um, die wir in unseren Systemen abbilden. Meist geht es dabei um Verhinderung von Produktpiraterie. Dank Serialisierung wissen wir genau, welche Packung auf welcher Palette ist. Das müssen wir auch in der IT abbilden können. Wenn man in der Apotheke eine Medikamentenpackung kauft, wird diese ein letztes Mal gescannt. Damit das Produkt rückverfolgbar bleibt, müssen wir wissen, in welchem Karton und auf welcher Palette diese Packung bei uns war. Deshalb scannen wir alle Transportware und prozessieren sehr nachvollziehbar. Die EU wird zudem in wenigen Jahren die Rückverfolgbarkeit auf Basis von Serialisierung bis auf Packungsebene in Gesetzesrang erheben.

Diebstahl, Datenmanipulation und spontaner Ladungsdiebstahl sind laut Logistikmarktstudie 2016 die Hauptprobleme von Schweizer Logistikern. Wie erleben Sie das?
Diebstahl aus Lagergebäuden kommt eigentlich nicht vor, da müsste ja jemand die Ware raustragen. Auch Einbrüche sind ganz selten. Was wir aber vor allem in der städtischen Distribution beobachten, ist der spontane Ladungsdiebstahl. Das kommt vor, wenn der Lieferwagenfahrer eine Sendung abgibt und das Fahrzeug derweil nicht abschliesst. Deshalb sehen unsere Richtlinien mittlerweile vor, dass nur verschlossene Fahrzeuge verlassen werden dürfen. Ganze Ladungen sind in der Schweiz aber noch nie verschwunden. Dazu ist die Kommunikation mit den Fahrern zu engmaschig. Die Fahrzeuge werden ja auch ständig per GPS geortet.

Wie stellt sich der Aufwand rund um das Thema Sicherheit dar?
In der Tat ist der Aufwand enorm. Einmal bei der Infrastruktur: Wo es möglich ist, sind unsere Areale eingezäunt. Wir haben Überwachungskameras und eine Zutrittskontrolle mit Badges. So wissen wir, wer wann wo gewesen ist. Manche Fahrzeuge müssen nachts auf ein geschlossenes Areal, andere werden ganz eingeschlossen. Weil an immer mehr Stellen Scanner zum Einsatz kommen, sind Investitionen in diese Arbeitsmittel nötig. Es ist im Sinne der Prozesssicherheit, mehr und mehr zu scannen. Allerdings erhöht das den Zeitaufwand unserer Mitarbeitenden. Dazu kommt noch der Aufwand für die Personalschulung. Alle müssen ständig à jour bleiben.

Die ständige Kontrolle wird so zum Kostentreiber?
Man sagt, dass badgegeführte Artikel in der Logistik etwa 30 Prozent teurer sind als andere. In der Serialisierung geht das aber noch drei Stufen tiefer; eine Verdoppelung der Kosten kann da durchaus drinliegen. Denn wenn 100 Packungen in einem Karton sind und davon 30 entnommen werden, müssen diese alle einzeln gescannt werden. Das ist ein zusätzlicher Zeitaufwand.

Gibt es aus Ihrer Sicht einfache Methoden, die Sicherheit zu erhöhen?
Meiner Meinung nach zählt am Schluss, wie überall, vor allem der Mensch. Wenn jemand über kriminelle Energie verfügt, kann er Systeme immer umgehen. Ein gutes Sicherheitsdis positiv ist deshalb die sorgfältige Besetzung bestimmter Positionen. Dabei ist wichtig, dass die Lebensläufe lückenlos dokumentiert sind. Die Selektion der Mitarbeitenden auf kritischen Positionen ist meiner Meinung nach ein wichtiger Sicherheitsfaktor.

In der Logistikmarktstudie wird die Authorized Economic Operator Initiative der EU (AEO) erwähnt. Einem Unternehmen wird der Status des «zugelassenen Wirtschaftsbeteiligten » verliehen, wenn die Zollvorschriften und bestimmte Kriterien bezüglich Zahlungsfähigkeit, Buchführung und Sicherheitsstandards eingehalten werden. Sind Sie dabei?
Wir haben 2013 einen entsprechenden Antrag gestellt, der aber noch immer in Bearbeitung ist. Für uns ist das interessant, weil wir dann in der EU besser wahrgenommen werden. Der Antrag läuft für unsere zwei Exportstandorte Villmergen und Pratteln. Allerdings geht es dabei eigentlich eher um eine Bestätigung von Dingen, die wir sowieso schon machen.

Wie ist Ihr Ausblick in Bezug auf die Sicherheit von Supply Chains?
Wir sind in der Schweiz recht gut unterwegs. Die Auflagen werden zwar immer umfangreicher, vor allem die Dokumentationspflichten, denen unsere Kunden von Gesetzes wegen nachkommen müssen. Was nicht dokumentiert ist, hat quasi nicht stattgefunden. Die Bedrohungslage jedoch dürfte sich in der Schweiz in Zukunft nicht wesentlich verändern. International wiederum ist es stark von der Destination abhängig. Westeuropa kann man entspannt betrachten. Richtung Osten gibt es jedoch Regionen, wo versiegelte Fahrzeuge sehr sinnvoll sind.

Die Fragen stellte Alexander Saheb.

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