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Blick in die Zukunft und konkrete Handlungsempfehlungen

Substanziellen Input für zukunftsfähige Businesspläne: Das verspricht die neue Ausgabe der Logistikmarktstudie Schweiz. Sie befasst sich mit aufkommenden Technologien, massgeblichen Trends, entwirft wahrscheinliche Zukunftsszenarien und gibt vor diesem Hintergrund konkrete Handlungsempfehlungen für Logistikdienstleister und Verlader. Wir haben mit Prof. Dr. Erik Hofmann vom Institut für Supply Chain Management der Universität St. Gallen über die Studieninhalte gesprochen.

GS1 network: Worin besteht aus Ihrer Sicht der Mehrwert der Logistikmarktstudie 2019?
Erik Hofmann: Sie ist nicht nur ein sehr umfangreiches Nachschlagewerk, welches fast den Charakter eines Kompendiums hat. Jede der bisherigen Ausgaben enthält die vertiefte Analyse eines Spezialthemas – man sollte sie deshalb unbedingt aufbewahren, auch wenn die allgemeinen Marktdaten nicht mehr aktuell sind. Die neueste Ausgabe 2019 bietet nun erstmals die Kombination aus aufbereitetem Hintergrundwissen, umfangreichen Analysen und dem Blick auf Technologien und Zukunftstrends inklusive konkreter Handlungsempfehlungen für Unternehmen der Branche.

Somit könnten Unternehmen damit ihren Businessplan zukunftsfähiger machen?
Auf jeden Fall – vor allem, wenn man das eigene Geschäftsmodell bereits in einem Business Model-Canvas für das Modell abgebildet hat, welches die Kernleistungen des Unternehmens in den Mittelpunkt stellt, die Erwartungen der Kunden erfasst, die Beschaffung miteinbezieht und monetäre Auswirkungen adressiert. Für solche Modelle enthält die neue Ausgabe der Logistikmarktstudie sehr konkrete und praxisorientierte Handlungsempfehlungen. Wir differenzieren diese im Kontext verschiedener Zukunftsszenarien für Logistikdienstleister und Verlader.

Vorher gilt es, sich ein Szenario auszusuchen, auf das man sich ausrichten möchte?
Korrekt. Wir präsentieren insgesamt sieben mögliche Entwicklungsszenarien für den Logistikmarkt. Darunter findet man beispielsweise das Szenario «Hegemonialmacht China». Wir erwarten dort, dass China mittel- bis langfristig zum grössten Schweizer Handelspartner aufsteigt. Das hat entsprechende Implikationen auf die Logistik und internationale Supply Chains entlang der neuen Seidenstrasse. Schon heute kann man in der Logistikmarktstudie erfahren, wie sich Unternehmen darauf vorbereiten können.

Ein anderes Szenario befasst sich mit der Dominanz des Onlinehandels.
Hier sind vor allem neue Logistikkonzepte für urbane Regionen gefragt. Die Studie gibt Impulse, wie man die korrespondierenden Konzepte unter Einbezug beispielsweise autonomer Zustellroboter oder Plattformmodelle ausgestalten könnte.

Welche Unternehmen sollten die Studie besonders aufmerksam konsultieren?
Ich empfehle es jedem, aus seiner Optik einen Blick hineinzuwerfen und sich vor allem mit den Trends und Szenarien zu beschäftigen. Das schliesst durchaus auch Berater mit ein. Vielleicht sollte man einen Workshop mit dem eigenen Kader und Kunden oder Partnerunternehmen machen, um die für das eigene Netzwerk relevantesten Punkte zu einer Shortlist zu verdichten. So könnte man die entsprechenden Aktivitäten koordiniert in die Wege leiten.

Welches sind für Sie die spannendsten Trends in der Logistik?
Wir haben den Anspruch, alle relevanten Entwicklungen im Trendradar abzubilden. Hierfür wurden technologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Trends mit ihrer Verbreitungsgeschwindigkeit und der sich daraus ergebenden Relevanz erfasst. Bei den Technologien stehen derzeit künstliche Intelligenz, massenfähige Sensorik beziehungsweise Internet of Things sowie die Blockchain im Fokus. Von den wirtschaftlichen Trends möchte ich besonders die Hyperindividualisierung nennen und bei den gesellschaftlichen Trends den demografischen Wandel. Letzterer hat ja eigentlich schon stattgefunden und manifestiert sich langsam, aber sicher auf den Märkten.

Wirken sich die Trends auf Logistikdienstleister und Verlader gleichermassen aus?
Ja, alle Unternehmen sind davon betroffen, egal welche Leistung sie anbieten und welche Grösse sie haben. Alle Akteure stehen gleichermassen vor dem Problem, dass es eine Fülle von Technologien und möglichen Trends gibt, die jedoch einen unterschiedlichen Reifegrad besitzen. Die Vielfalt macht es anspruchsvoll, die für eigene Investitionen richtigen Entwicklungen auszuwählen; die Reifegrade erschweren die Bestimmung des richtigen Zeitpunkts.

Gibt es Unterschiede in der Entscheidungsfindung bei grösseren und kleineren Unternehmen?
Die kleineren Marktteilnehmer müssen ihre Investitionsentscheide sehr genau abwägen und verfolgen deshalb eher eine Follower-Strategie. Die grossen Firmen wollen keinen Trend verpassen. Sie können parallel in mehrere Trends investieren und tun das auch, um ihre Marktposition zu verteidigen.

Sind Schweizer Unternehmen unter Druck, bei Neuerungen mitzuziehen?
Der Schweizer Markt ist zwar noch immer geschützt, aber die Wertschöpfungsnetzwerke sind mittlerweile international gesponnen und reichen weit über die Landesgrenzen hinaus. Die Unternehmen sind in internationale Supply Chains eingebettet. Somit resultiert für die Schweizer Unternehmen durchaus ein gewisser Druck, sich mit den neuen Trends zu befassen und diese auch branchenkonform umzusetzen. Das erwarten auch ihre international tätigen Partner jenseits der Grenze.

Setzen Schweizer Logistiker international beachtete neue technologische Standards oder vollziehen sie eher ausländische Entwicklungen nach?
Mit Blick auf Logistik und Supply Chain ist die Schweiz nicht in jeder Hinsicht ein Trendsetter. Trotzdem hat das Land eine Tradition zur Innovation. Ein zukunftsweisendes  Vorhaben wie Cargo sous terrain erregt international gewisse Aufmerksamkeit. Derzeit konkretisiert die Politik die Voraussetzungen für die Realisierung. Für die Schweiz könnte das durchaus ein Leuchtturmprojekt werden. Im Bereich der Blockchain gibt es zudem in der Schweiz eine sehr rege Community und viele Akteure. Hier entstehen auch für Logistik und Supply Chain immer wieder interessante Initiativen.  

Was kann man von der sich aktuell in Bearbeitung befindenden Logistikmarktstudie 2020 Neues erwarten?
Sie setzt einen Analyseschwerpunkt auf genau diese dezentralen Technologien, also Blockchain und Distributed Ledger. Wir werden uns mit Anwendungsfeldern, potenziellen Mehrwerten aber auch strukturellen Barrieren bei der Umsetzung befassen. Ergänzend dazu präsentieren wir einige vielversprechende Use Cases aus Logistik und Supply Chain.

Kennen Sie einige Beispiele für gute Blockchain-Anwendungen in der Branche?
Wir führen derzeit eine Umfrage dazu durch, deren Ergebnisse noch nicht publiziert sind. Als beste Anwendungsfelder erscheinen derzeit das Dokumentenmanagement und dort besonders der vereinfachte Datenzugriff. Insgesamt sind vor allem Prozesse in der Supply Chain für die Blockchain- Anwendungen geeignet, die eine Vielzahl an Intermediären aufweisen. Das könnte etwa Trade Finance sein. Ein anderes Anwendungsbeispiel ist Track and Trace von Produkten der pharmazeutischen Industrie. Hier lässt sich mit Blockchain-Anwendungen die Kühlkette lückenlos und sicher dokumentieren.

Welche Hürden stehen der Blockchain-Technologie im Weg?
Eine Blockchain entfaltet erst dann ihr volles Potenzial, wenn möglichst viele oder sogar alle Akteure, die in einen Prozess involviert sind, die gleiche technologische Lösung benutzen. Der Wert dieses sogenannten Netzgutes steigt mit der Zahl seiner Teilnehmer und seiner Verbreitung. Derzeit kann man aber vor allem einen Wettbewerb zwischen verschiedenen Initiativen beobachten. Es geht zu oft nur darum, wer sich durchsetzt und die marktbestimmende Plattform etabliert. Das Geschehen wird also vom Konkurrenzgedanken bestimmt. Von höherer Warte aus betrachtet ist das eine Ressourcenverschwendung Ressourcenverschwendung, weil sich am Ende nur eine – oder einige wenige – von aktuell vielen Lösungen durchsetzen wird. Die anderen sind dann als Sunk Costs zu verbuchen. Es kommt leider zu selten vor, dass sich die Akteure im Schweizer Logistikmarkt zusammentun und gemeinsam etwas entwickeln.

Kollaboration findet also nicht statt?
Gerade die Entwicklung einer Blockchain- Lösung wäre ein ideales Kollaborationsthema. Die Zusammenarbeit ist erforderlich, um den Mehrwert der Lösung überhaupt erst zu heben. Doch derzeit sind die Akteure offenbar nur in ihren eigenen Netzwerken unterwegs, statt darüber hinauszublicken. Nur gemeinsam könnte man einen in der Breite akzeptierten Standard schaffen. Mit dem aktuellen Vorgehen werden wir wohl noch etwas länger auf die von der Blockchain getriebene Technologierevolution in der Supply Chain warten müssen. Es zeichnet sich eher das Gegenteil ab: Die Akteure sind tendenziell der Meinung, dass diese Technologie in absehbarer Zeit ein das Bestehende nur ergänzendes Nischendasein führen wird, statt aktuelle Systeme flächendeckend zu ersetzen.

Was gibt es aus Ihrer Sicht noch Wissenswertes rund um die Logistikmarktstudie?
Es gibt keine vergleichbare Studie für den Schweizer Markt. Wir haben hier Pionierarbeit geleistet und in nunmehr 13 Jahren eine umfangreiche Datenbasis mit eigenen Primärdaten geschaffen. Deshalb können wir jetzt mit verlässlichen Zahlen Marktabschätzungen vornehmen. Die Studie als solche ist mittlerweile fester Bestandteil bei der Ausbildung von Logistikfachkräften in Lehrgängen von GS1 Switzerland.

Im Verkehrshaus Luzern zeigt eine aktuelle Sonderausstellung die Bedeutung der Logistik für die Schweiz auf und greift dabei auch auf Daten aus der Logistikmarktstudie zurück. Somit möchte ich auch der Community danken, die die Erstellung dieser Studie ermöglicht hat. Die Beantwortung unserer teils recht ausführlichen Fragebögen hat sicher viel Zeit gekostet. Ich hoffe, dass wir mit der neuen Logistikmarktstudie 2019 und den in Zukunft folgenden Untersuchungen nun einen valablen Mehrwert stiften können.

Die Fragen stellten Alexander Saheb und Joachim Heldt.

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