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Auf dem Bildungsweg durch die Schweiz, auch per pedes

Anna Maria DuschlettaAnna Maria Duschletta hat als Ausbildungsleiterin der Grundbildung Logistik bei der Schweizerischen Post mehr mit Menschen als mit dem Barcode zu tun. Genau deshalb bildete sie sich zur Logistikleiterin weiter.

(sp) Ist sie Managerin oder Logistikerin? «Engadinerin!», pariert Anna Maria Duschletta, 40, lachend. Die erste Runde geht an sie, und es werden noch einige folgen. Diese Art von Humor hat auch mit ihrer Herkunft zu tun: Wer in den Bergen gross geworden ist, kennt die Widrigkeiten der Natur und lernt, aus allen Situationen das Beste zu machen.

Nicht selten geht damit ein heiteres Gemüt einher. So erfährt man dies jedenfalls bei Anna Maria Duschletta – obschon sie heute mit anderem als mit den Launen der Natur konfrontiert wird: Ungeachtet ihrer Funktion oder Kaderstufe werden Mitarbeitende des Gelben Riesen in der Öffentlichkeit ab und an als rotes Tuch gestempelt.

Den einen ist die Post zu langsam, den andern zu teuer, und generell scheint der Service-Public-Auftrag zu undurchsichtig. Ähnliches hat Anna Maria Duschletta auch schon erlebt. «Jeder kennt jemanden, der bei der Schweizerischen Post arbeitet. Aber die wenigsten sind sich bewusst, was dahintersteckt», sagt sie und führt gleich mitten ins Thema Logistik: «Weshalb ein Brief von Brig nach Visp über Härkingen zugestellt wird – und das noch über Nacht –, ist auf den ersten Blick unlogisch. Übers Ganze aber macht es Sinn», bekräftigt sie. Der Prozess müsse stimmen. Standardisierte Abläufe erlauben es der Schweizerischen Post, derart grosse Mengen – allein 2,7 Milliarden Briefe sind es pro Jahr – zu verarbeiten.

Praxis zählt mehr
An diesem Punkt setzt sie auch als Ausbildungsleiterin an: Gerade in der Logistik sei es von Belang, den gesamten Prozess zu verstehen. «Wer erkennt, wie wichtig sein Beitrag am Ganzen ist, arbeitet leichter. Nur so können wir den Service Public zuverlässig und pünktlich erfüllen.» Derart geschliffene Sätze freuen die hauseigene Medienstelle. Wer jedoch der vifen Fachfrau gegenübersitzt, sieht schon im offenen Blick, dass es ihr um mehr geht. Sie wandte sich nach ihrer Postlehre als Betriebsassistentin ab vom Bundesbetrieb; arbeitete in der Hotellerie, in einer Notrufzentrale, in der Maschinenindustrie, bei einem Pharmaproduzenten. «Ich habe in jenen Jahren und vor allem quer durch die Branchen viel über Logistik gelernt. In der Praxis, nicht auf dem Papier.» Diese interdisziplinäre Erfahrung kam ihr nach der Rückkehr zur Post zugute. 2006 stieg sie als regionale Ausbildnerin bei der Schweizerischen Post in der Ostschweiz ein. Zwei Jahre später wurde sie in Bern zur Ausbildungsleiterin der Grundbildung Logistik gewählt – ohne entsprechenden Abschluss auf
Die Schweizerische Post zählt mit über 60 000 Mitarbeitenden aus mehr als 115 Nationen zu den wichtigsten Arbeitgebern der Schweiz. Sie bietet Jugendlichen in den Geschäftsfeldern Mail, Güter und Logistics, Finanzdienstleistungen und Personenverkehr 12 verschiedene Berufsausbildungen an. In der gesamten Schweiz erhalten die Lernenden nach einer zweijährigen Grundausbildung ein eidgenössisches Berufsattest (EBA), nach einer drei-oder vierjährigen Grundausbildung ein eidgenössisches Fähigkeitszeugnis (EFZ). Die Grundausbildung Logistiker/in EFZ kann im Anschluss zu einer Anstellung als Mitarbeiter/in Distribution führen.
diesem Gebiet. Ihre Berufserfahrung wog mehr als ein Logistikleiter-Diplom, das sie nun nachgeholt hat. «Am meisten Kopfzerbrechen bereiteten mir die Berechnungen von Produktionsplanungen. Ich bin keine Rätsellöserin, dazu fehlt mir die Geduld. Aber hier setzte ich mich dahinter, bis ich es begriff.» Ohne dieses Wissen hätte sie sich gescheut, mündliche Prüfungen der Lernenden abzunehmen. Dies, obschon sie dank ihrer praktischen Erfahrung weiss, wie sie das logische Denken der angehenden Logistiker/innen Distribution fördern kann. Er oder sie müsse unter anderem wissen, wie man eine Zustelltour vorbereite und entsprechend lade.

Graubünden mit Biss
Vom früheren Netzwerk profitiert sie heute noch: «Es ist für mich entscheidend zu wissen, was für berufliche Fähigkeiten beispielsweise die Pharmaindustrie von Logistikern erwartet. Deshalb tausche ich mich regelmässig mit diesen Leuten aus und lasse die dabei gewonnenen Erkenntnisse in die Lehrpläne einfliessen.» Was sich so einfach liest, ist in der Realität ein komplexes Unterfangen: Anna Maria Duschletta gestaltet in mehreren Projektteams – u.a. mit Fachleuten des Bundesamtes für Berufsbildung und Technik (BBT) und Vertretern der Kantone – die Lehrpläne für die drei Berufsfeldbereiche der Logistik Lager, Distribution (u.a. Post) und Verkehr (Bahnen, Bergbahnen, Schiffe usw.).
Für diese übergeordnete Aufgabe ist sie viel auf Achse. «Ich besuche die Orte des Geschehens: Lernende, Regionalleitende und Berufsbildner.» Der Austausch mit allen gebe Aufschluss, wo der Bildungsplan zu überarbeiten sei. «Quer durch die Schweiz» war übrigens auch das Motto ihres letzten privaten Projekts: Sie wanderte zusammen mit ihrem Partner in 16 Etappen die 485 Kilometer des Alpenwanderwegs Schweiz Ost–West von Rorschach am Bodensee bis Versoix am Genfersee. «Ich mag grosse Projekte», sagt sie dazu. Das passt zu ihren beruflichen Zielen: Sie wolle die Attraktivität der Logistikerberufe erhalten und steigern. Die Lernenden sollen mit marktfähigen Jobprofilen abschliessen und eine gute Stelle in der Wirtschaft finden, und sie wolle auch Leute aus Randregionen rekrutieren. Dass sie selber aus einer stammt, schätzen mitunter ihre Stadtkollegen sehr. Anna Maria Duschletta tischt ihren Gästen gerne Engadiner Spezialitäten auf: Plain in Pigna (Kartoffel-Wurst-Rösti aus dem Ofen mit Preiselbeerkompott, wobei einige allein des Kompotts wegen kommen), Micluns (Kartoffelriebel) oder Tatsch (gebratene Pfannkuchen) lockern den Arbeitsalltag mit Bündner Ferienstimmung auf. «Mehr noch freuen mich unsere Erfolgsgeschichten», kommt sie noch einmal auf die Lernenden zu sprechen. Sie denkt an junge Menschen, die in den zwei bis vier Ausbildungsjahren zu aufgeschlossenen Jung-Erwachsenen werden. «Mit Menschen und ihren Fähigkeiten umgehen begeistert mich
Eine Ausbildungsleiterin zum Anfassen: Anna Maria Duschletta schaut bei Simone Utiger (3. Lehrjahr als Logistikerin EFZ Lager) im Logistikzentrum Bern vorbei.immer. Unsere Ziele sind identisch: Lernende wollen die Prüfung bestehen und ich will sie da hinführen. Natürlich schwankt beim einen oder andern zwischendurch mal die Motivation. Doch das grosse gemeinsame Ziel vor Augen half bisher immer darüber hinweg», sagt die Managerin, die auch Logistikerin ist. Das eine wie das andere hat viel mit Führen, Organisieren und dem Übernehmen von Verantwortung zu tun.

Susanne Perren

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