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Mit Tempo und Biss

Jasmin Winistörfer, Migros-Verteilbetrieb Neuendorf AGJasmin Winistörfer und ihr Team sorgen bei der Migros-Verteilbetrieb Neuendorf AG dafür, dass die Regale der Migros-Fachmärkte Do it + Garden und Micasa nie leer stehen – eine junge Frau mehr, welche die Logistik zu ihrer Welt gemacht hat und mit raschen Schritten den Weg nach oben geht.

(uh)Jasmin Winistörfer ist unauffindbar. Vorerst jedenfalls. Nach zwanzig Minuten und unzähligen telefonischen Versuchen von Seiten der freundlichen Dame am Empfang des Migros-Verteilbetriebs im solothurnischen Neuendorf bestätigt sich der langsam aufgekeimte Verdacht der wartenden Journalistin:

«Wir haben uns doch erst für morgen verabredet», sagt Jasmin Winistörfer etwas atemlos am anderen Ende der internen Telefonleitung. Alles Bitten hilft nichts: «Ich bin mitten in einer Besprechung und kriege das Interview heute leider nirgends dazwischen.

» Nächster Tag, nächster Versuch und eine erneute Reise ins logistische Herz der Schweiz am Autobahnkreuz Zürich- Bern-Basel-Luzern, an den Ort, wo vieles von dem, was die Schweizer Bevölkerung tagtäglich einkauft, zwischengelagert, sortiert und verteilt wird. Diesmal klappt es. Die Türe zum Logistikcenter Ost, wo das Sortiment von Migros Do it + Garden und Micasa lagert, fliegt auf. Heraus kommt Jasmin Winistörfer. In wenigen Sekunden führt sie im Sauseschritt quer durch das Labyrinth der Halle, hinauf zu ihrem Arbeitsplatz, dem sogenannten «Aquarium», einem Glaskubus am Rande des Gebäudes. Hier gehen im Moment drei ihrer fünf Mitarbeiterinnen ihrem Tagesgeschäft nach, das heisst, sie beschäftigen sich mit den Warenein- und -ausgängen. «Damit Sie sich ein Bild machen können, wo ich arbeite», sagt Jasmin Winistörfer. Ein Schnappschuss muss reichen, denn schon geht es zügig weiter ins Besprechungszimmer. Es sollte ein Interview der kürzeren Sorte werden, wenn nicht das kürzeste in der Karriere der Journalistin überhaupt – und nicht etwa deshalb, weil Jasmin Winistörfer nichts zu sagen gehabt hätte … «Wissen Sie, ich bin sehr schnell, und manchmal wird mir das zum Vorwurf gemacht. Aber es entspricht einfach meinem Naturell. Ich bemühe mich zwar, die Dinge etwas ruhiger anzugehen, denn ich bin mir bewusst, dass mein Tempo nicht all meinen Mitmenschen entspricht …»

Aus der Not eine Karriere gemacht
Angefangen hat alles – und das will gar nicht so recht zur heutigen Jasmin Winistörfer passen – mit einer grossen Unentschlossenheit: Was tun nach Abschluss der obligatorischen Volksschulzeit; was werden? Zuerst arbeitete sie ein Jahr im Betrieb ihres Vaters, aber in dieser Zeit wurde ihr bloss klar, was sie nicht wollte: einen normalen Bürojob. Ihr Vater riet ihr schliesslich, sich doch bei der Migros-Verteilbetrieb Neuendorf AG (MVN AG) um eine Lehrstelle als Lageristin, wie es damals noch hiess, zu bewerben. Gesagt, getan – auch wenn sie nicht so genau wusste, was dies mit sich bringen würde. Heute, 15 Jahre später, ist sie immer noch beim MVN. «Ich bin die Erste», erklärt sie beinahe entschuldigend, «die jedem raten würde, dass er einmal rausgehen und andere, neue Dinge kennenlernen soll. Aber die MVN AG hat mir immer wieder eine neue, spannende Möglichkeit angeboten und mich kontinuierlich gefördert, sodass ich mich intern weiterentwickeln konnte.»

Bereits im letzten Lehrjahr wurde ihr die Betreuung der jüngeren Lehrlinge übertragen. Das war ihre erste grosse Herausforderung. «Ich habe mich auch bereits vor Abschluss meiner Lehreerkundigt, wie ich mich weiterbilden könnte.» Als Erstes reiste sie jedoch nach San Diego und machte einen zehnwöchigen Sprachaufenthalt.

2001, zwei Jahre nach Abschluss der Lehre, begann ihre Karriere in der Koordination Micasa als Mitarbeiterin im Kundendienst Non Food. 2004 wurde sie zur Teamleiterin, seit 2007 ist sie Abteilungsleiterin, seit 2009 Leiterin der Abteilung Koordination Do It/Micasa/ Garden. «Ich ertrage es schlecht, wenn die Arbeit monoton wird», sagt sie, «deshalb habe ich immer auch an Projekten mitgearbeitet. So etwa beim Umzug in unser neues Gebäude, als ein Grossteil des Sortiments von Micasa und Do it + Garden unter einem Dach zusammengeführt wurde.» Zu den Aufgaben ihres jetzigen Teams zählen nebst der Koordination von Warenein- und -ausgang und der damit verbundenen Kommunikation mit den Lieferanten und den Empfängern in den Migros-Genossenschaften auch Saisonplanung, Zuteilungen, Lehrlingsausbildung und Inventar.

Wenn Frauen Frauen führen
Ihr Team besteht ausschliesslich aus Frauen. Führungsprobleme habe sie trotz ihrer jungen Jahre keine, sagt sie. «Einerseits habe ich ein Führungsseminar besucht, andererseits lässt sich mein Frauenteam auch gut führen. Bei Männern kann das schon mal härter sein, da wird man als Frau schneller hinterfragt, man muss sich immer wieder beweisen und auch ab und zu mal auf die Hinterbeine stehen». Dass sie das kann, glaubt man ihr gerne. Und sie bestätigt lachend, dass ihr im Betrieb eine gewisse «Stutenbissigkeit» nachgesagt werde. Kein Wunder, denn anfangs hatte sie als Führungskraft keinen leichten Stand: Sie war aus dem Team heraus in die neue Position befördert worden. «Heute ist die Resonanz gut, denn ich verfüge über ein entsprechendes Fachwissen. Mir ist wichtig, dass ich nicht nur mein eigenes Gärtchen kenne, sondern auch von dem eine Ahnung habe, was rundherum geschieht. So kann ich gesamtheitlich entscheiden.»

Ihr Fachwissen hat sie sich zu einem grossen Teil bei der MVN AG, aber auch bei GS1 Schweiz angeeignet: Im vergangenen Frühling hat sie ihre Ausbildung zur Logistikfachfrau abgeschlossen. Während eines Jahres hat sie alle zwei Wochen am Freitag und Samstag die Schulbank gedrückt. «Die Dozenten haben es verstanden, enge Praxisbezüge herzustellen und mit anschaulichen Beispielen die Bedeutung der Materie zu untermalen.» Ganz besonders beeindruckt hat sie der Kommunikationsfachmann Hans Conrad Hirzel im Modul «Kommunikation», der die Klasse richtiggehend mitgerissen habe. Geschätzt hat sie auch die Exkursionen in einen Produktionsbetrieb oder zur Zollverwaltung: «Vieles verstehe ich seither besser.» Profitiert hat sie zudem vom Austausch mit den anderen Kursteilnehmenden und von der Gruppenarbeit. «Ich hatte vorher zum Beispiel keine Ahnung von einem Produktionsbetrieb; das hat sich nun geändert, weil ich durch einen Teilnehmer Einblick in diese Welt erhalten habe.»

Das nächste Ziel vor Augen
Für Jasmin Winistörfer ist klar: «Der Aufbau der Ausbildung und die Verknüpfung von Theorie und Praxis haben mich überzeugt. Ich werde deshalb auch meine nächste Ausbildung bei GS1 Schweiz absolvieren.» Im Gegensatz zu damals, vor 15 Jahren, hat sie den Entschluss diesmal schnell gefasst: Sie will eidgenössisch diplomierte Supply Chain Managerin werden. «Weil diese Fachrichtung ein breiteres Wissen erfordert als jene der Logistikleiterin, entspricht sie eher meiner Art. Ich möchte einen möglichst breiten Horizont», begründet sie ihren Entscheid. Atempause gönnt sie sich natürlich keine. Bereits in diesem Herbst soll es losgehen.

Eines ist nach dem Interview mit Jasmin Winistörfer klar: Kein Wunder, konnte sie tags zuvor nicht gefunden werden – wer mit einem solchen Tempo durchs Leben geht, ist schwierig aufzuspüren.

Ursula Homberger

Die Migros-Verteilbetrieb Neuendorf AG
Die Migros-Verteilbetrieb Neuendorf AG (MVN AG) ist eine der beiden zentralen Logistikplattformen des Migros-Genossenschaftsbundes. In Neuendorf wird die gesamte Logistik der Sortimente Near/Non Food und Tiefkühlartikel sowie der Fachmärkte abgewickelt; zu Letzteren zählen unter anderem Micasa und Do it + Garden. Am Standort Volketswil befindet sich die Plattform für Textilien. Der MVN AG kommt innerhalb des Migros-Konzerns eine wichtige Scharnierfunktion zwischen dem Einkauf und den POS in den Filialen in der ganzen Schweiz zu. Bei der MVN AG lagern in fünf Gebäuden etwa 80 000 verschiedene Artikel. Die rund 1100 Mitarbeitenden nehmen jährlich 1,7 Millionen Paletten in Empfang und liefern 2,2 Millionen aus.

Zur Person
Jasmin Winistörfer ist 32 Jahre alt und im solothurnischen Dulliken aufgewachsen. Sie wohnt immer noch im Kanton Solothurn, zurzeit jedoch in Oensingen, und sie plant einen baldigen Umzug «Richtung Zürich». Sie sagt, sie sei durch und durch Schweizerin und könne sich innerhalb der Landesgrenzen überall zuhause fühlen, wo ihr wohl sei. Sie sei nicht in einer bestimmten Gegend verwurzelt. Wer aufgrund des Tatendrangs, den sie beruflich an den Tag legt, bei ihr auf ein aufregendes Hobby schliesst, liegt falsch. In ihrer Freizeit mag sie eher Beschauliches wie Biken, Wandern oder Kochen mit ihren Freunden. Doch wenn man sich schon etwas zu wundern beginnt, kommt es noch: «Ich würde gerne tanzen, Salsa und Bachata. So wie früher. Drei, vier Mal pro Woche. Tanzen kostet mich nämlich keine Kraft, im Gegenteil, es gibt mir Energie.» Leider haben ihr im letzten Jahr der Partner und die Zeit dazu gefehlt. Letzteres wird angesichts der geplanten Ausbildung wohl auch in der kommenden Zeit so bleiben.

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