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Grenzen überschreiten

Katharina Nobs, Leiterin Einkaufsplanung Division Personenverkehr bei der SBBKatharina Nobs hat keine gradlinige Berufsbiografie. Genau das macht die Leiterin Einkaufsplanung Division Personenverkehr bei der SBB zu einer äusserst spannenden Frau mit einem weiten Horizont.

(uh) Katharina Nobs ist eine Grenzgängerin, eine Grenzgängerin mit erweitertem Radius sozusagen: Sie wohnt im grenznahen Deutschland und arbeitet im grenzfernen Bern. Einen Umzug zieht sie nicht in Betracht. «Ich brauche das Grenzland. Da bin ich gross geworden. » Und sie erzählt von ihrem Urgrossvater, der von der Schweiz nach Deutschland ausgewandert ist, von der Kindheit am Bodensee mit ständigem Sichtkontakt mit der Schweiz und von ihrem Vater, der grossen Wert darauf gelegt hat, die Schweizer Wurzeln in seiner Familie lebendig zu erhalten. Deshalb scheint es Katharina Nobs irgendwie logisch, dass sie heute in der Schweiz arbeitet. Dass sie Leiterin der Einkaufsplanung Division Personenverkehr bei der SBB ist, kann man ebenfalls darauf zurückführen, dass sie sich nicht scheut, Grenzen zu überschreiten – auch Grenzen im übertragenen Sinn. Weder in die eine noch in die andere Richtung. Doch eins nach dem anderen.

Zuerst einmal interessiert die Frage, welche Art Einkauf sie bei der SBB denn plant. Sie lacht. «Ganz einfach: den von Zügen!» Ganz so einfach ist das allerdings nicht, denn Züge lassen sich nicht von der Stange kaufen. «Die Bestellung eines Zuges muss man sich als gemeinsame Entwicklungsarbeit mit Anbietern oder Konsortien vorstellen. Dabei kann es sich um jahrelange Projekte handeln», erklärt sie. «Der Kaufentscheid fällt letztlich auf CEO-Ebene; unsere Aufgabe besteht darin, gemeinsam mit anderen Planungsabteilungen alles nötige Zahlenmaterial für eine möglichst präzise Kostenprognose zur Verfügung zu stellen und Vorentscheidungen zu begleiten.»


18 000 Räder
Ist der Zug erst einmal ausgeliefert, sollte er 40 Jahre lang Dienst tun. Das bedingt, dass er regelmässig unterhalten wird, dass Verschleissteile ausgewechselt werden und Kaputtes ersetzt wird, ein Spektrum, das vom Scheibenwischer für die Lok über Bestandteile der Klimaanlagen bis hin zum Elementarsten reicht: zu den Rädern. «Wir benötigen nicht weniger als 18 000 neue Räder pro Jahr», sagt Katharina Nobs. Bezugsstoffe, mit denen in der SBB-eigenen Polsterei verschlissene oder mutwillig beschädigte Sitze repariert werden, stellen ebenfalls einen der grossen Posten dar, der ihr spontan einfällt: 32 000 Laufmeter müssen davon Jahr für Jahr geordert werden.

Die Aufgabe von Katharina Nobs’ Team besteht unter anderem darin, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen: Wie haben sich die Preise bei den Lieferanten entwickelt, wurde pünktlich geliefert, gab es Reklamationen und haben die daraufhin getroffenen Massnahmen gegriffen? Gibt es irgendwo versteckte Kostentreiber? Aber auch die Mengen interessieren: Wie viele Teile mussten bestellt werden? Aufgrund der quantitativen Vergangenheitsbetrachtung und unter Einbezug der Wachstumsfaktoren kann prognostiziert werden, wie sich der Bedarf in Zukunft entwickeln wird. All diese Daten werden der Einkaufsabteilung zur Verfügung gestellt; sie sind die Grundlage für Bestellmengen, für Preisverhandlungen oder, wenn nötig, für die Neuausschreibung eines Auftrags.

Männer- oder Frauensache?
Es ist eigentlich eine virtuelle Aufgabe, die das Team von Katharina Nobs bewältigt, und eine sehr zahlenlastige dazu. Ist das ein Frauenjob? «Mir wurde schon als Kind gesagt: ‹Denken kann sie.› Diese analytische Seite hatte ich immer schon», sagt sie. «Interessanterweise besteht unser Viererteam aus drei Frauen und nur einem Mann. Eine Mehrheit von Frauen also, welche die Arbeitsinstrumente für die männerdominierte Einkaufsabteilung erstellt.» Diese Konstellation lässt sie schmunzeln. Sie führt dies unter anderem darauf zurück, dass man vor 30, 40 Jahren aufgehört hat, die Mädchen auf die sprachlichen Fächer zu reduzieren, und sie entsprechend gefördert hat. Und wie war das damals bei ihr? Trotz ihres ausgeprägten analytischen Denkens fühlte sie sich als Jugendliche in den Natur- und den Geisteswissenschaften gleichermassen zuhause: Chemie und Geschichte waren ihre bevorzugten Fächer. Sie konnte sich dann weder zum einen noch zum anderen Studium durchringen und entschied sich nach dem Abitur für eine Banklehre. «Ich habe mich auf der Metaebene, als die ich die Geschäfte mit dem Geld verstehe, aber sehr unwohl gefühlt.» Die Konsequenz dieses Unwohlseins: Katharina Nobs studierte nach ihrer Lehre katholische Theologie. Sie hat diese jedoch nie zu ihrem Beruf gemacht. Die Logistik ist ihr dazwischengekommen.


Damenoberbekleidung und O-Ringe
«Ich habe während meiner Studienzeit zu 50 Prozent gearbeitet und wollte deshalb einen Job mit Anspruch.» Beim Umweltversand «Waschbär» arbeitete sie sich in der Folge von der Auftragserfassung bis zum Einkauf hoch und erhielt so den Zugang zur Materialbewirtschaftung. Zum Schluss war sie als Beschaffungsdisponentin verantwortlich für den Bereich Damenoberbekleidung. Diese Sparte des Versandhandels ist wegen des hohen Retourenanteils ein äusserst heikles und anspruchsvolles Geschäft.

Ganze zehn Jahre stand sie im Dienst von «Waschbär», doch dann wünschte sie sich etwas Neues, etwas ganz anderes. «Wenn ich Damenoberbekleidung disponieren kann, kann ich auch Schrauben disponieren», habe sie damals ihren Freunden etwas plakativ gesagt. Dass sie ausgerechnet beim Familienkonzern Freudenberg eine neue Stelle fand, war beinahe schon Ironie des Schicksals; Freudenberg beliefert als Hersteller von Dichtungen, sogenannten O-Ringen, und schwingungstechnischen Komponenten viele unterschiedliche Industriezweige. Weit von den Schrauben entfernt war das nicht. «Nein, ich hatte kein Problem, in die Technik hineinzuwachsen, auch wenn ich über keinen entsprechenden Hintergrund verfügte. Analytik ist universell », antwortet Katharina Nobs auf die Frage, ob ihr der Wechsel von den ausgesprochen weiblichen auf die rein technischen Produkte nicht schwergefallen sei.

Sechs Jahre arbeitete sie für Freudenberg zunächst in der Produktionslogistik und später als KVP-Managerin für die Gestaltung der gesamten Supply Chain. «Mich faszinierten nicht nur die Resultate der Projekte, die ich mit den verschiedenen Teams umsetzte, sondern auch die Gruppendynamik, die daraus entstand. Ich konnte beobachten, wie sich die Beteiligten im Berufsalltag veränderten und wie sie die Neuerungen zu leben begannen.»


Zurück zu den Familienwurzeln
Katharina Nobs hatte sich bis dahin ihr ganzes Logistikwissen autodidaktisch angeeignet. Irgendwann kam sie an den Punkt, wo sie dachte, dass ein Nachweis für ihr Können nützlich wäre. Sie sah sich nicht nur in Deutschland nach einer Weiterbildungsmöglichkeit um, sondern aufgrund ihrer Familiengeschichte auch in der Schweiz. Und sie war überrascht, dass es das Weiterbildungswesen in der Schweiz im Gegensatz zu Deutschland zulässt, einen staatlich anerkannten Titel zu erwerben. So bildete sie sich beim SfB Bildungszentrum in Dietikon berufsbegleitend zur Logistikleiterin weiter. «Kurz darauf erfuhr ich, dass bei der SBB die Stelle der Fachleitung für die Materialdisposition neu zu besetzen sei. Ich habe mich beworben und die Stelle erhalten.» Das war 2006. Seit 2010 ist sie Leiterin Einkaufsplanung. Dass sie nebenbei an der Fernuniversität Hagen auch noch Soziologie studiert, erstaunt eigentlich nicht bei einer Frau, die beruflich immer mal wieder Entscheidungen getroffen hat, die auf den ersten Blick etwas irritieren. «Mich interessiert – nicht zuletzt berufsbedingt –, wohin sich unsere mobile Gesellschaft entwickelt, und mir scheint, dass die Soziologie darauf die unvoreingenommensten Antworten geben kann.» – Wahrlich eine Grenzgängerin.


Ursula Homberger

 

Zur Person

Die 48-jährige Katharina Nobs lebt mit ihrem Partner in Grenzach-Wyhlen im Dreiländereck Schweiz–Deutschland–Frankreich. Das tägliche Pendeln nach Bern stört sie nicht im Geringsten. Im Zug lasse es sich wunderbar arbeiten oder abends auch abschalten. Und sie reist grundsätzlich gern, egal ob in der Schweiz, in Deutschland, anlässlich eines Städteweekends in Europa oder einmal pro Jahr irgendwo in die Ferne. In ihrer freien Zeit näht sie Kleider, ein Überbleibsel aus ihrer Zeit bei «Waschbär», nimmt sie an. Sie geniesst es, sich dabei so viel Zeit nehmen zu können, wie sie will, und für einmal nicht produktiv sein zu müssen. Dass sie ihre Projekte zu Ende führt, versteht sich jedoch. Katharina Nobs ist ausserdem Prüfungsexpertin bei GS1 Schweiz.

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