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Jenseits aller Klischees

Barbara Bütikofer; Ammann Schweiz AG Leiterin Lagerlogistik, Spedition und interne Transporte und stv. Leiterin BeschaffungBarbara Bütikofer ist die erste Frau, welche bei GS1 Schweiz den Lehrgang zur eidgenössisch diplomierten Supply Chain Managerin abgeschlossen hat. Bei der Ammann Schweiz AG in Langenthal führt sie die Bereiche Lagerlogistik, Spedition und interne Transporte und ist stellvertretende Leiterin Beschaffung.

(uh) «Frauenberufe sind Klischee» – zu lesen auf einem Werbeplakat am Hauptsitz der Ammann Gruppe in Langenthal, wo eine Reihe von Lernenden grossformatig porträtiert werden. «Ich war die einzige Frau im Lehrgang Supply Chain Manager/in bei GS1 Schweiz» – zu hören von Barbara Bütikofer, Logistikleiterin und stellvertretende Leiterin Beschaffung bei der Ammann Schweiz AG in Langenthal.
«Die Supply Chain Managerin, der Supply Chain Manager übernehmen im Supply Chain und Demand Management Projekt- und Führungsaufgaben. In Produktions-, Handels- und Dienstleistungsbetrieben sind sie mit komplexen Aufgaben der über- und innerbetrieblichen Logistik betraut und leiten die Entwicklung, Einführung und Umsetzung von Demand und Supply Chain Konzepten.» So explizit spricht GS1 auch weibliche Zielpersonen ihres vor zwei Jahren neu geschaffenen Angebots an. Dennoch machen sich die Frauen rar.
Barbara Bütikofer kümmert das nicht. Die kürzlich diplomierte Supply Chain Managerin ist es gewohnt, als Frauallein auf weiter Männerflur zu stehen, erst recht, weil sie bei der Firma Ammann nicht gerade in einer frauenaffinen Branche tätig ist. Mit der Maschinenwelt kam sie erstmals in Berührung, als sie nach ihrer Ausbildung zur kaufmännischen Angestellten bei der Schneider Electric (Schweiz) AG in Ittigen als Sachbearbeiterin in die Beschaffungslogistik einstieg. Sie lebte sich schnell ein und blieb der Branche auch treu, als sie nach knapp sechs Jahren zur Maschinenfabrik WIFAG in Bern wechselte. Dort war sie als operative Einkäuferin für die Warengruppe Systemkomponenten und als Assistentin der Einkaufsleitung tätig. Gleichzeitig bildete sie sich zur eidgenössich diplomierten Einkäuferin weiter. Sie hoffte, dass sie in der Folge mehr Verantwortung übernehmen könnte. Aus wirtschaftlichen Gründen wurde die Position, die sie ins Auge gefasst hatte, jedoch nicht mehr neu besetzt.

Zwischen Wohlgefühl und Ehrgeiz
Barbara Bütikofer nahm dies zum Anlass, ihren Marktwert zu testen; über eine Stellenvermittlung fand sie alsEinkäuferin zur Ammann Gruppe in Langenthal. Maschinen für den Strassenbau waren es diesmal, und, so gesteht sie heute, die ganzen Bleche, Rohre und Profile seien ihr damals reichlich fremd gewesen. Lange dauerte dieses Fremdheitsgefühl nicht an; schon bald wurde sie zur stellvertretenden Einkaufsleiterin ernannt. «Ich fühlte mich sehr wohl in dieser Position und zögerte deshalb, als mir vor drei Jahren anlässlich einer Neustrukturierung die frisch geschaffene Stelle der Logistikleiterin angeboten wurde. Ich bin nie ein typisches Alphatier gewesen und wollte eigentlich auch nicht Karriere machen. Alles, was ich wollte, war ein anspruchsvoller Job. Aber dann hat mich doch der Ehrgeiz gepackt. Ich wusste auch, dass ich auf die Unterstützung des CPO (Chief Procurement Officer) zählen konnte, der mir damals direkt vorgesetzt war.»
Bereut hat sie diesen Schritt nicht, obwohl, wie sie sagt, ihr Leben zuvor sorgloser gewesen sei. Früher sei sie abends unbelasteter nach Hause gefahren. Heute trägt sie die Verantwortung für 21 Mitarbeiter aus den beiden Bereichen Lagerlogistik sowie Spedition und interne Transporte. Besonders wenn personell schwierige Entscheidungen anstehen würden, lasse sie das nicht unberührt, «aber das ist ja normal», fügt sie an, «oder etwa nicht?»
Ihre Führungsaufgabe fiel ihr zu Beginn nicht leicht, obwohl sie zu spüren glaubte, dass die Männer, die ihr unterstellt sind, eigentlich kein Problem mit einer weiblichen Vorgesetzten hatten. Zugute kam ihr, dass sie relativ bald, nachdem sie die Gesamtleitung der Logistik übernommen hatte, bei GS1 Schweiz den Lehrgang Supply Chain Management in Angriff nahm, der unter anderem auch Führung zum Thema macht. «Ich habe sehr viel gelernt. Andererseits bin ich der Überzeugung, dass man nicht ausschliesslich nach dem Lehrbuch führen kann, sondern dass es auch eine Frage des gesunden Menschenverstands ist.»
Ausserdem konnte sie auf wertvolle Erfahrungen zurückgreifen, die sie jenseits der Geschäftswelt gemacht hatte: Jahrelang war sie Mitglied einer Zweitliga-Volleyballmannschaft gewesen. «Ich gehörte nicht zu den Leaderinnen, aber im Hintergrund war ich wichtig für die Mannschaft, für alles, was mit Coaching, Motivation und Förderung zu tun hatte. Auch das braucht es in einer Führungsfunktion, und das kann ich jetzt sehr gut einbringen.»

Der Blick aufs Ganze
Warum hat sie sich eigentlich für die Ausbildung zur Supply Chain Managerin und nicht zur Logistikleiterin entschieden? «Mich hat vor allem angesprochen, dass die Ausbildung so umfassend und breit gefächert ist. Als Supply Chain Managerin kann ich den ganzen Prozess von A bis Z beeinflussen, ich sehe die rohe Ware als Erste und das fertige Produkt als Letzte.» Kostenkontrolle, Lagerbestände optimieren, Prozessoptimierungen durch die ganze Supply Chain und Arbeitssicherheit sind die wichtigen Themen, mit denen sich Barbara Bütikofer auseinandersetzt.
Als grosses Projekt steht zurzeit die Standardisierung der «Herzteile»-Produktion an und damit der Schritt von der Werkstatt- zu einer Art Fliessfertigung. Herzteile sind anspruchsvolle mechanische oder elektronische Teile für Aufbereitungs-, Asphalt- und Betonanlagen, die am Standort Langenthal für die ganze Welt produziert werden. Dazu gehören etwa die sogenannten Trockner, riesige, 20 bis 40 Tonnen schwere Trommeln, welche das Gestein trocknen und erwärmen, ehe es mit dem Bindemittel Bitumen zu Asphalt vermengt wird. «Die Umstellung der Produktion wird die Arbeitsabläufe stark verändern.» Barbara Bütikofer packt solche Aufgaben mit Begeisterung an, so wie es ihr generell gefällt, sich dem rasch ändernden Umfeld – als Beispiel nennt sie den IT-Bereich – stets von Neuem anzupassen und die Neuerungen in die bestehenden Prozessstrukturen zu integrieren.

Herausforderung der neuen Art
Ideale Voraussetzungen für jene Veränderung, die in den nächsten Monaten auf sie zukommt und deren Ausmass die bisherigen wohl übertreffen dürfte: Barbara Bütikofer wird Mutter. Und sie will nach dem Mutterschaftsurlaub zu 80 Prozent weiterarbeiten.Die Betreuung des Kindes werden ihr Mann, der sein Arbeitspensum deutlich reduzieren wird, sowie ihre Familie, die in nächster Nähe wohnt, übernehmen. Sie habe ihrem Chef versichert, dass die Abteilung weiterlaufe wie bisher, wenn sie 80 Prozent anwesend sei, schliesslich habe sie während ihrer Weiterbildung in den letzten beiden Jahren auch bloss zu 90 Prozent gearbeitet. Sie ist sich jedoch bewusst, dass dies nur möglich ist, weil sie auf die Abteilungsleiter der Bereiche Lagerlogistik und Spedition zählen kann. «Die sind beide sehr gut.»
Barbara Bütikofer ist zuversichtlich, dass es ihr auch diesmal gelingen wird, sich den Umständen anzupassen, und dies obwohl sie sich der Herausforderung und auch der Unwägbarkeiten bewusst ist. Nur etwas ärgert sie: Immer wieder müsse sie ihre Entscheidung, ein so hohes Arbeitspensum beizubehalten, anstatt ihre Stelle mit dem heimischen Herd zu tauschen, rechtfertigen. – Gewisse Klischees halten sich hartnäckig.

Ursula Homberger

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