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«Copy & Paste funktioniert im internationalen Supply Chain Management nicht.»

Erdinc Caglar arbeitet seit rund 15 Jahren im Supply Chain Management. Spannend findet er die Mischung zwischen taktisch-strategischer Planung und operativer Arbeit.Supply Chain Manager, die von Globalisierung und internationalen Waren- und Informationsflüssen reden, gibt es viele. Supply Chain Manager, die die weltweite Vernetzung wirklich erlebt haben, gibt es weniger. Einer davon ist Erdinc Caglar.

Eine Hand reicht gerade noch. Zumindest wenn man die Länder zählen möchte, in denen Erdinc Caglar schon gelebt hat. Entdeckergeist blitzt in seinen Augen, wenn er von seinem Werdegang spricht: Kindheit und Jugend in Deutschland, Studium in der Türkei, Arbeit in der Schweiz, in Schweden und in Italien. «Wenn mich jemand fragt: Ich bin kein Deutscher, aber auch kein Türke.» Kleine Pause. Der türkischstämmige Hamburger füllt sie mit einem Schmunzeln. «Ich bin Hanseat!»

Auf zu neuen Ufern
Einige der Auslandsstationen ergaben sich durch seine Tätigkeit bei einem schwedischen Möbelhaus, für das er ab 1999 zunächst in der Schweiz arbeitete. Wie es zu den Jobs ausserhalb der Schweiz kam? «Ganz einfach: Ich war jung und sehr neugierig.» Erdinc Caglar lacht. «Ich hatte damals keine Verpflichtungen in der Schweiz und war offen für die Auslandsaufenthalte. Aufgrund meines Hintergrunds hatte ich auch keine Bedenken, in ein anderes Land zu gehen.» Nach fünf Jahren in Schweden zog es ihn in den Süden. «Als ich die Möglichkeit erhielt, in Italien zu arbeiten, habe ich die Chance sofort ergriffen. Ein wirklich lebenswertes Land, nicht nur wegen des guten Essens», sagt er augenzwinkernd.
Sowohl in Schweden als auch in Italien verantwortete er für das Möbelhaus grössere Supply-Chain-Projekte. «In Schweden habe ich am Aufbau der internationalen Supply Chain mitgewirkt. In Italien durfte ich eine neue Retail-Supply-Organisation aus der Taufe heben.» Während dieser Zeit knüpfte er viele internationale Kontakte. «Es war eine tolle Zeit.» Die Auslandsaufenthalte seien für ihn eine wichtige Erfahrung gewesen, aus kulturellen Unterschieden habe er gelernt. «Es ist sehr wichtig, sein Gegenüber zu verstehen und ihn so zu nehmen, wie er ist. Menschen haben im Vorfeld - oft unbewusst - Vorstellungen davon, wie etwas sein und funktionieren muss. Das habe ich durch meine Arbeit im internationalen Umfeld gelernt: mich von diesen starren Einstellungen zu befreien und wirklich auf meinen Gesprächspartner einzugehen.»

Zvieri, Mundart und Skifahren
Erdinc Caglar beschreibt sich selbst als «kommunikativ». Dass er sich auf unterschiedliche Gegenüber einstellen kann, beweist er bei der Antwort auf die Frage, wie er Supply Chain Management einem Kind erklären würde. Postwendend fragt er nach dem Alter des Kindes. «Einem Schulkind würde ich sagen: Das Ziel von Supply Chain Management ist, dass du deine Biscuits zusammen mit der Milch pünktlich zum Zvieri auf dem Tisch hast und dass deine Eltern zufrieden sein können, weil die Finanzen stimmen und der Haushalt läuft.»
Erdinc Caglar arbeitet seit rund 15 Jahren im Supply Chain Management. Spannend findet er die Mischung zwischen taktisch-strategischer Planung und operativer Arbeit.A propos Zvieri: Seit rund fünf Jahren lebt der Vater zweier Kleinkinder abgesehen von einer kurzen Zwischenstation in Deutschland in der Schweiz, die er liebevoll als seine «Homebase» bezeichnet. «Meine Frau und ich haben 2009 eine Entscheidung gefällt: Haus und Hof sind grundsätzlich in der Schweiz.» Erdinc Caglar fügt hinzu, dass sie sich dafür auf zwei Grundregeln geeinigt haben. «Erstens: Ich lerne Schweizerdeutsch. Zweitens: Ich lerne Skifahren.» Und wieder lacht er. «Wenn meine Kinder das erste Mal auf den Skiern stehen, möchte ich dabei sein.» Ein weiterer Auslandsaufenthalt sei grundsätzlich nicht ausgeschlossen. «Vielleicht wenn die Kinder grösser sind. Aber dann als Expatriate mit zeitlich begrenzter Mission.» Sollte Erdinc Caglar seine Koffer wirklich noch einmal packen, würde er in der Statistik übrigens als Auslandsschweizer geführt: Vor Kurzem wurde er eingebürgert.

Turbulenzen ohne Absturz
2011 entschloss sich der Absolvent einer technischen Fachhochschule zu einer Weiterbildung im Bereich Supply Chain Management. Er wagte den Schritt in die Pilotklasse von GS1 Schweiz und schrieb zusammen mit seinen Klassenkameraden ein Stück Geschichte in der Höheren Berufsbildung:
Er war einer der ersten eidg. dipl. Supply Chain Manager überhaupt. Die Bruchlandung sei beim Jungfernflug zwar ausgeblieben, doch ganz ohne Turbulenzen sei er nicht verlaufen. «Es war definitiv eine Herausforderung, aber wir hatten auch Freude, vor allem weil wir den Lehrgang aktiv mitgestalten konnten. Wir konnten zu jedem einzelnen Modul Feedback geben. Das ist nicht selbstverständlich.» Spannend sei auch die Zusammenarbeit mit dem Lehrpersonal gewesen. «Es gab ein paar Dozenten, die die ursprünglichen Unterlagen auf den Kopf gestellt und grundlegend überarbeitet haben. Das fand ich sehr gut!»

«Supply Chain Management kann man sowohl im Coiffeursalon um die Ecke als auch in einem multinationalen Konzern umsetzen.»


Für Erdinc Caglar war die Doppelbelastung von Beruf und Weiterbildung durchaus eine Umstellung. Der Anfang sei besonders hart gewesen. «Viel Freizeit und Zeit für Ausgang am Wochenende blieb natürlich nicht mehr.» Herausfordernd war für ihn ausserdem, das systematische Lernen erneut zu lernen. «Ich musste für mich eine Technik entwickeln, wie ich den Stoff in der knappen Zeit nachbereite.» Dafür habe er einen detaillierten Zeitplan entworfen. Das A und O sei jedoch, sicherzustellen, dass man nicht abgelenkt wird. «Die heutigen technischen Möglichkeiten waren eine enorme Hilfe», sagt er. «Vor zehn Jahren hätte ich so nicht studieren wollen.» Erneut muss er schmunzeln. «TV on demand ist eine tolle Entwicklung! So konnte ich wichtige Fussballspiele zeitversetzt anschauen.»

Neues Terrain erkunden
Das neu erworbene Wissen konnte der Supply Chain Manager zunächst bei der Henkel & Cie AG einsetzen. Dort betreute er den Unternehmensbereich Beauty Care, wo er mit zwei unterschiedlichen Geschäftsmodellen und damit auch Supply-Chain-Strukturen zu tun hatte. «Auf der einen Seite gibt es den Bereich Retail. Das ist Ware, die in der Regel vom Hersteller über ein Zentrallager in das Regal des Händlers kommt. Und auf der anderen Seite gibt es den Bereich Professional, über den Produkte vertrieben werden, die nur in den Friseursalons erhältlich sind.» Spannend findet Erdinc Caglar ausserdem, dass er Projekte umsetzen durfte, die er früher konzeptionell bearbeitet hatte. «Aber das ist das Schöne an dem Job: diese Mischung von operativer Arbeit und taktisch-strategischer Planung. Einerseits muss man eine klare Strategie entwickeln und verfolgen, wie beispielsweise Budgets und Forecasts. Und andererseits arbeiten wir auch sehr operativ.»
Kein Wunder, plant er, dem Bereich Supply Chain Management treu zu bleiben. Jetzt wird Erdinc Caglar erst einmal neues Terrain erkunden; im Dezember tritt er eine neue Stelle an. Die Koffer packt er dafür jedoch nicht: Dieses Mal bleibt er der «Homebase» Schweiz treu.

Katharina Birk

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