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Überhaupt nicht abgehoben

Einst wusste Bruno Lifart nicht einmal, was Logistik ist. Heute ist der Maschineningenieur als Logistik- und Supply-Chain-Berater sowie Dozent bei GS1 Schweiz tätig. Und wenn der charismatische Mittfünfziger und passionierte Privatpilot in der Freizeit nicht in der Luft ist, steht er mit beiden Beinen fest auf dem Boden, ruhig und aufrecht.

«Da war ich jetzt auch noch nie», meint Bruno Lifart lächelnd. Für das Gespräch gibt es eine kleine Premiere: Er erklimmt den Berner Hausberg, den Gurten. Eine Mischung aus Freude und Neugierde scheint ihn zu umgeben. Und doch strahlt er vor allem eines aus: Ruhe.

Unterrichten aus Überzeugung
Seit 15 Jahren unterrichtet er bei GS1 Schweiz und leitet im Lehrgang Supply Chain Manager das letzte Modul, in dem die von ihm entwickelte Fallstudie zu bearbeiten ist. Für ihn sei es spannend zu sehen, wie die verschiedenen Gruppen die Aufgabe lösen. Denn da liegt für ihn der Reiz der Logistik. «In der Mathematik ist eins plus eins gleich zwei. Da gibt es nichts zu diskutieren. Die Logistik hingegen hat unendlich viele Facetten.» Bruno Lifart schmunzelt. Zum Fachlichen kommt das Menschliche, er interessiert sich für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Auch Skiweekends habe es schon gegeben.
Nur mit einer Klasse hatte er bisher Mühe. Die Stirn in Falten gelegt, die Augen erschreckt offen. «Diese Klasse war eine Katastrophe. So etwas habe ich noch nie erlebt.» Der Wurm sei von Anfang an drin gewesen. «Ich war schon parat für die Piste, als ich merkte, dass ich unterrichten muss. Das ist mir bisher ein einziges Mal passiert», gibt er zu. Bruno Lifart beginnt eine Stunde später. Es sollte ein mühsamer Tag werden. Er erzählt: «Jemand hat sich demonstrativ auf das Pult gelegt. Ich habe schon gefragt, ob wir eine Ambulanz rufen sollen. Da sagte mir die Person, dass es ihr gut gehe, aber es stinke ihr.» Solche Zwischenfälle trüben jedoch sein Gesamtbild nicht: «Ich unterrichte gerne.»

"Mitarbeiter sind Teil der Lösung, nicht des Problems."Zur Logistik überredet worden
Wie so viele kam auch Bruno Lifart durch Zufall in die Logistik. Der gelernte Maschinenzeichner arbeitete nach seinem Studium zum Maschineningenieur als Berechnungsingenieur für Wasserturbinen. «Ich wollte immer etwas Sinnvolles machen», sagt er offen. Ein paar Branchen kämen für ihn bis heute nicht infrage. «Die Waffenoder Chemieindustrie sind nichts für mich.» Auch die Logistik war dazumal eine Branche, die er sich nicht vorstellen konnte. «Mein Nachbar fragte mich, ob ich nicht zurück zu Landis & Gyr wollte. Er redete immer von Logistik.»
Mit dem Begriff konnte Lifart nichts anfangen. Mehrmals schlug er das Angebot aus, doch sein Nachbar blieb hartnäckig. Irgendwann gab Bruno Lifart nach. «Ich kann es mir ja mal anschauen.» Und so wurde er Projektleiter für die Planung von Produktablösung und -neueinführung und koordinierte verschiedene Standorte. Motiviert hat ihn schlussendlich die Neugierde: «Es war eine neue Stelle, die mir Freiraum liess.» Er wurde befördert und übernahm mit 28 die Gesamt- Logistik. «Das hat sich so ergeben.» Der Job sei «total spannend» gewesen, auch weil er regelmässig die verschiedenen Standorte in über 40 Ländern besuchte.

Das Salz in der Suppe
Heute ist er selbstständig und immer noch viel international unterwegs – Fluch und Segen. Fluch, weil ihm die Zeitverschiebung noch nie gelegen hat. «Ich habe schon alles probiert: vor dem Schlafen im Flieger essen, gar nichts essen, danach essen … Nur Medikamente habe ich noch nicht genommen. » Bruno Lifart lacht, als er eine Schwäche offenbart. «Meine Ungeduld hilft da nicht. Wenn man sich aufregt, schläft man nicht wirklich schneller ein.» Und so sei es schon vorgekommen, dass er nachts um drei im Fitnessraum eines mexikanischen Hotels auf der Matte stand. Segen, weil die Zusammenarbeit mit anderen Kulturkreisen herausfordernd, aber auch interessant sei. Je nach Einsatzgebiet bereitet er sich vor. So hat er sich vor seiner ersten Reise nach Hongkong das «kleine Einmaleins» der chinesischen Gepflogenheiten näherbringen lassen, «um die dümmsten Fehler zu vermeiden». Aber auch bei vermeintlich ähnlichen Kulturen musste der Schweizer Unterschiede lernen. «In den USA wird sehr viel Wert auf Hierarchie gelegt.» Vor Kurzem habe er es bereut, keine Einführung gemacht zu haben. «Ich dachte, Mexiko steht uns aufgrund der christlichen Tradition relativ nahe.» Weit gefehlt. «Dort wird ganz anders gearbeitet.»

Ein Kindheitstraum wird (fast) wahr
Der Schritt in die Selbstständigkeit war eine Herzensangelegenheit. «Ich habe schon als Junge von meiner eigenen Firma geträumt.» Doch Bruno Lifart kommt aus einer Arbeiterfamilie. Er betont: «Wir hatten es sehr gut, aber eine Firmengründung lag nicht drin.» Die Idee liess ihn dennoch nicht los, er studierte verschiedene Varianten. «Eine Idee war, neue Sportartikel aus den USA in der Schweiz zu vertreiben und hierzulande die Trends zu setzen.» Fast schon bereute er, Maschineningenieur geworden zu sein. «Ich habe auf den Baustellen immer die Handwerker gesehen und mir gedacht, dass es als Handwerker viel einfacher wäre, sich selbstständig zu machen.» Sein Traum wäre ein KMU mit 50 bis 100 Mitarbeitenden. Seine Augen leuchten. «Eine Firma, in der jeder jeden kennt. Wie in einer kleinen Familie.» Doch Lifart fehlte es an Eigenkapital, um eine Firma zu übernehmen. Und so entschloss er sich, «die kleinste Einheit» zu machen, die «One-Man-Show», wie er sie lachend nennt. Bereut hat er den Entscheid nie. «Keine Sekunde», antwortet er prompt. «Ich habe in meinem Leben drei sensationelle Entscheide getroffen: 1. meine Frau zu heiraten, 2. eine Familie zu gründen und 3. mich selbstständig zu machen.»
Für die nächsten fünf bis zehn Jahre verfolgt er noch ein Ziel: weniger zu arbeiten. Er lacht wieder. Es sei zwar von Anfang an klar gewesen, dass «man als Berater nicht vom Liegestuhl aus grosse Rechnungen schreibt.» Aber er wollte seine Zeit flexibel einteilen, zum Beispiel an einem Schlechtwettersonntag arbeiten und dafür an einem schönen Mittwoch für die Kinder frei nehmen. «Stattdessen arbeite ich Mittwoch und Sonntag.» Es komme immer noch ein Kunde mit einem dringenden Anliegen. «Das ist mein zweites Ziel: Nein sagen zu lernen.» Spass macht es ihm trotzdem. «Jeder neue Kontakt ist für mich ein Highlight. » Die Sache und das Umfeld seien zwar jedes Mal anders, aber Gemeinsamkeiten seien immer auszumachen. Das mache es spannend.
Eine Herausforderung sei es, sich jedes Mal wieder Gehör zu verschaffen. «Schön ist, dass die Menschen sehr engagiert sind. Oft aber denken sie, dass sie die einzigen sind, die wissen, worum es geht.» Er schmunzelt. Die Akzeptanz müsse er sich immer wieder erarbeiten. «Zuhören ist ganz wichtig. Dabei bin ich mir bewusst, dass viele Leute nicht auf mich gewartet haben», formuliert er es etwas überspitzt. «Ich habe generell den Ansatz: Mitarbeiter sind Teil der Lösung, nicht des Problems.» Schwieriger wird es jedoch, wenn der Auftraggeber das Problem ist. Zweimal hat das schon dazu geführt, dass er laufende Mandate niedergelegt hat. In einem Fall hat er den Umgang des Geschäftsführers mit den Mitarbeitern nicht mitgetragen. «Mitarbeiter zu verheizen und ihnen zu sagen: Wir gehen nach links, wenn man genau weiss, dass man nach rechts geht, dafür gebe ich meinen Namen nicht her.» Ein Mann mit Prinzipien. A propos: Er hat Mandate auch schon abgelehnt.

Die Öffentlichkeit drückt
Bei manchen Aufträgen fungiert Bruno Lifart als Projektleiter. So hat er als Baupräsident den Umbau und die Erweiterung des Spitals Schwyz und damit Investitionen von rund 60 Millionen Franken verantwortet. Kein Wunder, wird er Teil des öffentlichen Interesses. Freude bereitet ihm das aber nicht: «Mir wäre es ohne Öffentlichkeit lieber. Ich möchte vielmehr in Ruhe arbeiten und gute Projekte machen. » Die Medienpräsenz interessiere ihn nicht. «Ich will nicht Politiker werden », betont er. Auf die Frage nach dem Warum antwortet er unverblümt und ohne zu zögern: «Da kann man nicht mehr ehrlich sein.» Er verzieht leicht das Gesicht, als er sagt: «Nein, das habe ich bei Projekten schon erlebt. Mit welchen Menschen man da am Tisch sitzt … anstatt Probleme zu lösen …» Er lässt den Satz unvollständig. Politik ist wohl wirklich nicht seine Welt.
Auch bei seinem aktuellen Grossprojekt, dem Neubau der Stoosbahnen, sei der öffentliche Druck sehr hoch. Eigentlich hätte die steilste Standseilbahn der Welt schon eröffnet werden sollen, doch das wird wohl noch zwei Jahre dauern. Als Gesamtprojektleiter und Verwaltungsratsdelegierter ist er im Fadenkreuz der Kritiker. Wie er damit umgeht? «Ja, das hat schon ein paar schlaflose Nächte gegeben.» Grundsätzlich könne er auch bei tausend Pendenzen gut schlafen. Bruno Lifart zieht die Augenbrauen zusammen und meint leise: «Wo ich aber Mühe habe, ist, wenn es unter die Gürtellinie geht und Anschuldigungen fachlich falsch sind.»
Und trotzdem schmeisst er das Handtuch nicht. «Ich war früher in der Ruder-Nationalmannschaft. Dort habe ich gelernt, dass das Rennen dann vorbei ist, wenn man über der Ziellinie ist und der Schiedsrichter die Fahne schwenkt.» Der Ehrgeiz sei seine grösste Stärke und gleichzeitig auch seine grösste Schwäche. «Ich kämpfe bis zum Schluss. Egal, wie hoffnungslos es aussieht.» Ausserdem sei das Einstellungssache. «Ich habe zum Stoos einmal Ja gesagt. Das Team ist mir ans Herz gewachsen.»

Über den Wolken …
Einen buchstäblichen Druckausgleich findet Bruno Lifart in der Luft: Er ist Privatpilot. Mit Anfang zwanzig hat er das Deltasegeln gelernt. Doch sein Hobby fiel dem Job zum Opfer: Aufgrund der vielen Auslandseinsätze konnte er nur noch wenige Flüge im Jahr machen. Er beschloss, das Deltasegeln aufzugeben. «Wenn man nicht jeden Monat einen Flug macht, wird es gefährlich.» Es blieben die Wehmut und die Sehnsucht nach der Höhe. «Aber ich dachte immer, dass das Fliegen zu teuer ist.» Und wieder half der Zufall. Nachdem er sich auf dem Arbeitsweg monatelang durch Staus geschoben hatte, wählte er eine Alternativstrecke durch das Suhrental. Sie führte am Flugplatz Triengen vorbei.
Eines Tages öffnete sich für ihn ein unerwartetes Zeitfenster. «Und so habe ich mich am Flugplatz umgeschaut und festgestellt, dass das Fliegen zwar teuer, aber nicht unerschwinglich ist.» Am 12.12.2003 war es dann so weit: Bruno Lifart machte seinen Prüfungsflug. Seitdem ist er regelmässig am Flugplatz Triengen, chartert Flieger und teilt das Vergnügen. «Es ist wirklich schön. Und ich konnte auch schon dem einen oder anderen mit einem Flug eine Freude bereiten.» Die Höhe zieht ihn nicht nur mit dem Flugzeug an. Wann immer er Zeit findet, ist er mit seiner Frau auf Ski- oder Hochtouren. «Klettern ist nicht mehr so das Thema, das hat meine Frau nicht so gerne.» Aber Bruno Lifart hat auch ohne Flieger oder Hochtour Freude an den Bergen. Am Gurten zum Beispiel.

Katharina Birk

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