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Und plötzlich ging die Tür zur Logistik auf

Von Bismarck zur Beschaffungslogistik, diesen Weg gehen nur wenige. Lena Wittwer ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt: Nach dem Geschichtsstudium machte sie die Weiterbildung zur Logistikleiterin und lenkt nun im Wallis die logistischen Geschicke von SoBe Cosmetics.

Alles fing mit einem Studentenjob an, oder genauer gesagt: mit einem Nebenjob im Kundendienst. Es ist nun acht Jahre her, dass Lena Wittwer Teil des Teams von SoBe Cosmetics wurde. «Sie haben jemanden gesucht, der Schweizerdeutsch spricht.» Damals waren sie in der im Jahr 2000 gegründeten Firma noch zu zehnt. Und so arbeitete die Studentin der internationalen Beziehungen neben ihrem Bachelor- Studium an der Universität Genf bei SoBe Cosmetics, manchmal Teilzeit im Kundendienst, später auch während den Ferien Vollzeit im Lager. Als sie 2012 ihren Master in Geschichte in der Tasche hatte, bot ihr der Geschäftsführer eine neu geschaffene Stelle als Logistikleiterin an, entsprechende Weiterbildung inklusive. «Ich dachte mir: warum eigentlich nicht?»

Eine Exotin in Olten
Und so startete Lena Wittwer im Frühling 2013 in Olten ihre Weiterbildung zur eidgenössisch diplomierten Logistikleiterin – nur ein Jahr nach dem Ende des Studiums. Aufgrund ihrer Vorbildung war sie vom ersten Teil dispensiert und stiess etwas später zur Klasse. «Am Anfang war ich schon die Exotin», meint sie schmunzelnd. In der Tat sind Akademiker – insbesondere Universitätsabsolventen – eine echte Rarität in Logistikleiterklassen. Die Studienkollegen beäugten sie zunächst skeptisch. Sie zieht die Augenbrauen zusammen und mimt einen verwunderten Blick. «Sie waren etwas verwundert im Stil von: Was? Die hat studiert? Diesen Wechsel haben viele nicht verstanden. » Lange hielt die Skepsis nicht an. Ihre Gesichtszüge entspannen sich, sie lächelt wieder. «Durch die Gruppenarbeiten haben wir uns schnell besser kennengelernt und meine Kollegen haben bald gemerkt, dass ich nicht völlig abgehoben bin und in irgendwelchen Theorien lebe.»

Für Lena Wittwer war die akademische Ausbildung genauso wenig ein Nachteil wie ihre geringe Berufserfahrung in der Logistik. «Ich habe das nie wirklich als Problem empfunden, da ich den Stoff immer auf das Unternehmen zurückführen konnte. Ich hatte vielleicht weniger Logistikerfahrung als meine Klassenkameraden, aber ich war schon sehr lange an verschiedenen Stellen für das Unternehmen tätig.» Das Studium habe ihr aber auch Vorteile gebracht: «Dort habe ich gelernt, Problemstellungen systematisch anzugehen. Das war für die Diplomarbeit ein grosser Vorteil. » Und noch etwas habe sie vom Master-Studium gelernt: die Ausdauer. «Die Weiterbildung ist schon anstrengend und man muss sich durchbeissen. Aber vom Master war ich einiges gewöhnt und ich wusste, dass man das durchsteht.» Den Lehrgang fand sie spannend – und auch das motivierte zum Durchhalten. «Ich habe viel gelernt. Und solange es etwas bringt, mache ich weiter.» Besonders gut gefallen hat ihr die Zusammenarbeit im Klassenverband. «Ich habe sehr viel von meinen Klassenkollegen und ihren Erfahrungen profitieren können.»

Allein auf weiter Flur
Heute stellt Lena Wittwer für SoBe Cosmetics die Warenverfügbarkeit sicher. Zu ihren täglichen Aufgaben gehören  der Einkauf und die Koordination mit den Spediteuren. «Das finde ich so spannend an meiner Position: Ich bin über die ganze Lieferkette hinweg involviert.» Zusätzlich ist sie in die Handhabe der Möbel, mit denen die Waren in den Verkaufsstellen präsentiert werden, eingebunden. «Unser Geschäftsführer gestaltet diese Möbel zusammen mit einer Partnerfirma.» Nachdem sie direkt an die Verkaufsstellen geliefert worden sind, überprüft Lena Wittwer vor Ort das Aufstellen und Bestücken. «Ja, diese Storechecks sind in der Tat schon fast eine Marketingaufgabe. Aber bei SoBe Cosmetics haben wir keine starren Strukturen und denken nicht in den berühmten Silos. Vor Ort sehe ich auch besser, was wir bei den Möbeln besser machen können.» Genau diesen Gestaltungsfreiraum schätzt sie besonders: Sie ist in ihrer Position alleine. «Im mittleren Kader gibt es neben mir in der Logistik nur noch den Lagerleiter.» Einen Nachteil hat das dennoch: Sie vermisst den Austausch mit Logistikleiterkollegen.

Suchen, finden, umsetzen
Im Berufsalltag konnte sie bereits von der Weiterbildung profitieren. Für ihre Diplomarbeit hat sie den Informationsfluss bei SoBe Cosmetics analysiert. «Ich habe die Art des Bestelleingangs untersucht und wie diese die Durchlaufzeit und die Bestände beeinflusst.» Um den Informationsfluss zu automatisieren, hat sie als Lösung EDI, den elektronischen Datenaustausch, vorgeschlagen. «Heute kommen Bestellungen in allen möglichen Formaten rein – das ist für uns sehr aufwendig.» Deshalb hat sie teilweise EDI eingeführt. «Ich denke aber, dass wir über kurz oder lang mehr EDI nutzen werden. EDI wird immer mehr auch von unseren Partnern verlangt.»

A propos Informationsaustausch: Er ist eine der grössten Herausforderungen für Lena Wittwer. «Man muss ständig dahinter sein, denn Informationen gehen leider auch immer wieder verloren. » So habe ein Hauptlieferant ein wichtiges Produkt eingestellt, es galt zu verhandeln und zu reden. Und auch transportseitig läuft nicht immer alles glatt: «Klar muss ich auch mit den Spediteuren reden. Verspätungen sind auch immer wieder ein Thema.» Sie macht eine kurze Pause und lacht. «Ich bin konstant daran, Lösungen zu suchen für irgendwelche Probleme, und versuche dabei immer einen kühlen Kopf zu bewahren.» Für Lena Wittwer trifft wohl auch der unter Logistikern beliebte Spruch zu: «I’m a logistician. I solve problems you don’t know you have in ways you don’t understand.»

Die Geschichte lebt weiter
Aber ein bisschen fehlt ihr die Geschichte doch. «Natürlich kann ich mit meinen Arbeitskollegen nicht über Bismarck diskutieren», sagt sie lachend. Manchmal bedaure sie ein bisschen, dass sie ihr Wissen nicht direkt im Beruf einbringen kann. «Aber es ist auch nicht so, dass ich ein Handwerk wie Maurer gelernt habe und plötzlich etwas ganz anderes machen muss. Alles, was Methodik, systematische Problemlösungen und das vernetzte Denken betrifft, nützt mir auch heute im Job noch.» Für den historischen Austausch habe sie immer noch den Freundeskreis aus der Studienzeit. Und ihre Bücher: «In meiner Freizeit lese ich sehr gerne Geschichtsbücher.» Besonders interessiert ist sie am Weltgeschehen des 19. Jahrhunderts. In dieser Zeit sind auch zwei Maler geboren, deren Ausstellung sie kürzlich in Nizza besucht hat: Marc Chagall und Henri Matisse. «Ich gehe sehr gerne Kunstausstellungen besuchen.»

Es gibt noch viel zu entdecken
In der nächsten Zeit möchte sie der Logistik weiterhin treu bleiben. «Wir haben jetzt ein ganz spannendes Projekt: Wir werden selbst Naturkosmetik produzieren und dabei die Nachhaltigkeit in den Vordergrund stellen. Uns geht es darum, die gesamte Ökobilanz einzubeziehen.» Gerade die Nachhaltigkeit interessiert sie neben Beschaffungslogistik und Automatisierung. «Nachhaltigkeit und Automatisierung werden in der Logistik immer wichtiger.» Spannend sei auch die Entwicklung, die unter anderem der ECommerce befeuert hat. «Als ich 2008 angefangen habe, hat niemand um drei angerufen und gefragt, ob er die Lieferung am gleichen Abend noch bekomme. » Heute steigen die Anforderungen. Noch sei zwar Same-day Delivery kein Thema bei ihnen, «aber das kann noch kommen».
Lena Wittwer hat also noch viele Ideen für die Logistik und derzeit keine konkreten Projekte für einen Wechsel. «Aber ich kann jetzt auch nicht sicher sagen, dass ich bis zur Rente in der Logistik bleiben werde», sagt die knapp 30-Jährige pragmatisch. Momentan ist sie jedenfalls zufrieden. Die Logistik ist also noch nicht Geschichte für sie.

Katharina Birk

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