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«Das bringt mich nicht aus der Ruhe»

Etappen plant er, Schritte macht er: Osman Selmani geht seinen Logistikweg geplant spontan. Überraschungen nimmt der Logistikleiter und Prüfungsexperte mit Gelassenheit und Optimismus.

«Ich habe das Gefühl, dass ich hier schon ewig arbeite», sagt Osman Selmani. Er stutzt und es wirkt, als könne er es selbst nicht glauben. Denn der Logistikleiter ist erst seit acht Monaten bei Traveco Transporte beschäftigt. Dort verantwortet er die drei Logistik- Standorte Hägendorf, Herzogenbuchsee und Weinfelden. «Dieses Gefühl hatte ich noch nie. Vielleicht liegt es an der Transportbranche. Wir krempeln die Ärmel hoch und packen an.»

Mit Energie und Emotionen
An diesem schwülen Freitagvormittag ist das kaum zu glauben. Das Gebäude steht wie eine ausgetrocknete Blume in der Sonne. Kein Mensch ist zu sehen, auch nicht in dem Flur, der zu Osman Selmanis Büro führt. Auch nicht in der Lagerhalle, auf die die Besucher von diesem Flur aus blicken können. Nur das Brummen der Klimaanlage unterbricht die gespenstische Stille, die in den kahlen Räumen herrscht.

«Rund die Hälfte der Waren schlagen wir in der Zeit zwischen 19 Uhr und Mitternacht um», erklärt Osman Selmani. «Ich habe erst vor Kurzem die Schichtpläne angepasst.» Es gehört zu seinen Aufgaben, Prozesse zu optimieren. Das benötige viel Zeit und Energie. «Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Es ist schwer, ihn zu ändern.» Der Logistikleiter spricht mit feiner Stimme, leise und sehr deutlich. «Das bringt mich nicht mehr aus der Ruhe.» Emotionen zeigt er trotzdem. Er lächelt verschmitzt. «Wenn ich das nicht machen würde, dann wäre mir alles egal. Das ist nicht so. Ich will einen guten Job machen.» Auf die Frage, wann er nach Feierabend sage, er habe einen guten Job gemacht, muss er erst einmal überlegen. Er grinst, lehnt sich zurück, legt den Zeigefinger über die Oberlippe und denkt nach. «Da müsste ich meine Frau fragen, ob ich das jemals gesagt habe.» Und fügt hinzu: «Wenn ich ein Projekt oder einen Prozess umgesetzt habe, dann bin ich zufrieden. Aber es muss nicht jedes Mal ein Projekt sein. Auch kleine Sachen machen mich glücklich.»

Gut geplant, spontan gemacht
Osman Selmanis Werdegang verläuft konstant: schon immer in der Logistik, schon immer im Spannungsfeld von Impulsivität und sorgfältiger Planung. Der spontane Macher ist gleichzeitig ein weitsichtiger Stratege. Die Weiterbildungen hat er gezielt gewählt, der Einstieg in die Logistik selbst und der letzte Jobwechsel zu Traveco Transporte erfolgten spontan. «Das hat sich einfach so ergeben.» Zuvor arbeitete er fünf Jahre bei Continental Suisse. Ein Wechsel ins Ausland war für Selmani, der ursprünglich aus dem Kosovo kommt, keine Option. «Ich habe hier meine Familie und kann sie nicht einfach entwurzeln.» Die Familie ist wichtig für den Vater von zwei schulpflichtigen Kindern. Und die Frau. «Ich schätze sehr, dass sie mich unterstützt und mir den Rücken freihält», sagt er. Das ist viel wert: Er verbringt zwei Abende pro Woche in der Schule. Den Lehrgang zum Betriebswirtschafter NDS HF wird er im November abschliessen. Als er zu Traveco Transporte wechselte, hatte er damit bereits begonnen. «Im Nachhinein betrachtet ist es viel auf einmal, berufsbegleitend die Schule zu besuchen und eine neue Stelle anzunehmen. » Er habe gemerkt, dass er nach dem Motto «Alles oder nichts» arbeitet. «Warum das so ist? Keine Ahnung. Vielleicht funktioniere ich nur mit ein bisschen Druck. Vielleicht plane ich nicht gerne.» Er fügt schmunzelnd hinzu: «Man kann im Leben nicht alles planen. Ich mache einfach.» Diese Weiterbildung ist die dritte für Osman Selmani, ihre Wahl war sorgfältig durchdacht. «Vorher habe ich meine Logistikkenntnisse vertieft. Jetzt möchte ich das Fachwissen mit breiterem Wirtschaftswissen ergänzen.» Nach der Lehre hatte er sich spezialisiert und erst die Prüfung zum Logistikfachmann, dann zum Logistikleiter gemeistert. Für den Strategen war dies ein wichtiger Schritt in der Karriereplanung. Für den Lehrgang wählte er bewusst GS1 Schweiz. «GS1 Schweiz ist in der Logistik die Adresse.»

Durch und durch Logistiker
Die Karriere von Osman Selmani begann mit einer Lehre zum Logistiker bei Coop. Dieser erste Schritt war nicht geplant. «Ich habe mich für mehrere Berufe interessiert und auch bei der Post und in einer Autowerkstatt Schnuppertage gemacht.» Coop habe ihm die Lehrstelle recht schnell angeboten. Er nahm sie an, «ohne gross zu überlegen. Ich habe das nie bereut.» 16 Jahre blieb er Coop in verschiedenen Funktionen treu: vom Lehrling Logistik über Leiter Textillager bis hin zum Leiter Wareneingang.

Nach 20 Jahren in der Logistik ist für ihn der Blick für das Gesamte weiterhin das Spannende: «Manchmal denke ich: Es ist eine kleine Sache. Dann drehe ich an einem Rädchen und stelle fest, dass dieses noch viele weitere in Bewegung setzt. Eine der grössten Schwierigkeiten für einen Logistiker ist es, diese Zusammenhänge zu erkennen.» Für die Zukunft rechnet er damit, dass der Druck weiter zunehmen wird. «In der Logistik kann man nicht viel Geld verdienen. Aber man kann viel Geld verlieren, wenn man nicht gut aufgestellt ist.»

Industrie 4.0, Automatisierung und Fachkräftemangel sind seiner Meinung nach weitere Herausforderungen der nächsten Jahre. «Wer denkt schon an die Logistik? Sie steht bei den Schulabgängern auf der Liste der attraktiven Berufe sicher nicht oben.» Zwar habe sich einiges getan, die Branche sei professioneller geworden. Und dennoch: «Die Logistik muss sich besser verkaufen. » Müsste er einen jungen Menschen überzeugen, würde er ihm sagen: «In der Logistik kannst du ganz unten anfangen und dich hocharbeiten.» Und er würde betonen, dass mehr dahintersteckt, als man auf den ersten Blick sieht. «Logistik ist mehr als nur Lager. Viele denken nicht an Themen wie Beschaffung und Produktion.»

Für ihn ist die Logistik weiterhin oben auf der Liste der attraktiven Berufe. «Grundsätzlich sehe ich mich dort bis zur Rente.» Aber er sei offen für andere Branchen. «Deshalb habe ich die Weiterbildung zum Betriebswirtschafter gewählt.» Das sagt der Karriereplaner. Wo seine Laufbahn dann tatsächlich endet, könnte der spontane Osman Selmani entscheiden.

Vom Prüfen lernen
Neben seiner Tätigkeit bei Traveco Transporte arbeitet Osman Selmani als Prüfungsexperte für GS1 Schweiz. Bei den angehenden Logistikfachleuten nimmt er die mündlichen Prüfungen im Fach «Führung und Organisation» ab. Für ihn ist das eine gute Ergänzung: «So bleibe ich auf dem Laufenden. Ausserdem profitiere ich vom Netzwerk. Der Kontakt zu den anderen Experten ist sehr wertvoll.» Die Prüfungen nimmt er ernst, scheut sich aber auch hier nicht, Emotionen zu zeigen. «Einmal hat ein Prüfling Fachbegriffe falsch verwendet. Das ergab sehr komische Antworten. Ich musste einfach lachen.» Osman Selmani lacht, während er das erzählt. Nicht böse, aber amüsiert. «Das ist menschlich.» Die Stimmung sei wichtig. «Ich möchte eine Atmosphäre schaffen, in der sich der Kandidat wohlfühlt. Ein Witz und zusammen lachen, das kommt meistens gut an.» Die Absicht sei nicht, den Prüfling noch mehr unter Druck zu setzen. «Ich will wissen, was er kann. Und nicht, was er nicht kann.»

Destination unbekannt
In seiner Freizeit tritt der weitsichtige Stratege in den Hintergrund. «Wir reisen gerne spontan, manchmal nur vier, ANZEIGE fünf Tage. Wir machen, worauf wir Lust haben.» Lieblingsdestinationen haben die Selmanis nicht. Einzig der Balkan steht jedes Jahr auf ihrer Reiseliste, um die Familie zu besuchen. «Wir sind Sommermenschen.»

Im Juni führte ein Kurztrip nach Lyon, zur Fussball-Europameisterschaft. «Das war super. Tolle Stimmung.» Besonders Freude hatte sein Sohn, den Osman Selmani immer zu seinen Fussballspielen begleitet. Er selbst spielte früher in der zweiten Liga. Heute ist er nicht mehr aktiv. «Ich wollte eigentlich Fussballer werden. Jetzt bin ich Logistiker.» Er zuckt mit den Achseln und lacht wieder. «Das ist auch super», sagt er fröhlich. Man kann eben nicht alles planen im Leben. Aber für Sommermenschen regnet es selten.

Katharina Balande 

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