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Russisches Roulette

Russisches RoulettePotenzmittel und Pillen – die Internet-Apotheken werden immer beliebter und die Methoden der Fälscher immer raffinierter. Im Netz werden aber nicht nur Placebos als Schlankheitsmittel vertrieben, sondern auch gefährliche Fälschungen.

(jh) Gefälscht wird alles, was Geld bringt – patentgeschützte Arzneimittel oder Generika. Vor allem die teuren rezeptpflichtigen Arzneimittel sind für die dubiosen Geschäftemacher lukrativ.

Antibiotika und Lifestyle-Medikamente stehen ganz oben auf der Liste der Betrüger. Die am häufigsten gefälschten Medikamente in den Entwick- lungsländern sind Arzneimittel gegen Malaria und Tuberkulose sowie Chemotherapeutika.

Milliardenumsätze mit Fälschungen
Die amerikanische Food and Drug Administration schätzt, dass weltweit über zehn Prozent aller Medikamente gefälscht sind. Häufig werden Medikamente in den Ländern gefälscht, in denen es keine oder nur dürftige Medikamentenkontrollen gibt. So liegt der Anteil in einigen Ländern des ehemaligen Ostblocks bei 20 Prozent und in Afrika, Asien und Südamerika bei über 30 Prozent. In Ländern mit Zulassungsregeln liegt der Anteil unter einem Prozent. In den westlichen Ländern werden vor allem teure Lifestyle-Pharmaka gefälscht (Hormone, Steroide und Antihistamine). Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist aber Viagra weltweit das am häufigsten gefälschte Medikament. Lukrativ sind auch Wachstumshormone zum Muskelaufbau, Schlankheits- und Schlafmittel sowie Blutdruck- und Cholesterinsenker. Gemäss WHO stammen 95 Prozent der Fälschungen aus Indien. Die Fälscher legen es wissentlich darauf an, dem gutgläubigen Patienten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Seine Gesundheit und sein Leben sind ihnen dabei völlig egal. Das Risiko einer Bestrafung ist in vielen Ländern gering. Die Machenschaften werden oft sogar als Kavaliersdelikt betrachtet. So erweist sich die Medikamentenfälschung als ergiebiger als der Drogenhandel, denn sie wird nicht im gleichen Masse verfolgt und bestraft. Die Auftraggeber und die Hintermänner sind professionell organisiert und in kriminellen Netzwerken zusammengeschlossen. WHO-Experten beziffern den Umsatz mit Pharmafälschungen auf 75 Millarden Dollar.

Risiken für die Gesundheit
Der Arzt verschreibt Medikamente, um Krankheiten zu behandeln und den Patienten wieder gesund zu machen. Dem Betrüger hingegen kommt es nicht auf die Gesundheit an, sondern auf die Wirtschaftlichkeit. Produziert im Hinterhof, enthalten viele gefälschte Arzneimittel Giftstoffe oder Verunreinigungen, die den Patienten schädigen. Selbst durch mindere Qualität, die durch fehlerhafte Produktion oder durch unsachgemässe Lagerung entstand, kann die gewünschte Wirkung ausbleiben. Auch wenn die Fälschung gewisse Wirkstoffe enthält, diese aber nicht in der gewünschten Beschaffenheit und Menge vorliegen, können allergische Reaktionen auftreten, Impfungen versagen und Behandlungen gar tödlich enden. Nicht umsonst schreibt der Gesetzgeber ein aufwendiges Verfahren für die klinische Prüfung und Zulassung von Medikamenten vor. Auch fehlende oder mangelhafte Informationen über die Indikation und Anwendung des Produktes bergen Gefahren und können dem Patienten Schaden zuführen. Es wurde schon festgestellt, dass Fälscher absichtlich gefährliche Stoffe beifügten, um so eine Nebenwirkung und keine heilende Wirkung zu erreichen. Viele Organisationen warnen daher auch vor dem Erwerb von Arzneimitteln über das Internet oder auf Auslandsreisen. Die Einnahme eines gefälschten Arzneimittels ist wie «Russisches Roulette».

Traurige Bilanz
Die Medikamentenfälscher sind sogar bemüht, Übelkeit als bekannte Nebenwirkung hervorzurufen. Dabei wird der Fälschung eine bestimmte Menge Gift beigefügt, um dem Patienten die Einnahme des Originalmedikaments vorzutäuschen. Oder bei einem gefälschten Potenzmittel wird nicht der Originalwirkstoff in reduzierter Menge verwendet, sondern eine oder mehrere Abwandlungen davon. Dabei kann es durchaus zu einer gewünschten Wirkung kommen, was der Patient aber wirklich eingenommen hat, weiss er nicht. Die Folgen, die durch gefälschte Medikamente entstehen, sind grausam. Nach entsprechenden Berichten starben 1990 in Nigeria mehr als 100 Kinder an einem mit giftigen Lösungsmitteln gestreckten Hustensaft. Fünf Jahre später verloren etwa 2500 Menschen ihr Leben, weil sie mit einem vermeintlichen Impfstoff gegen Meningitis behandelt wurden. Der Impfstoff enthielt aber nur Wasser. In Kenia und einigen südostasiatischen Ländern stellten sich angebliche Anti-Malaria- Präparate als wirkungslos heraus, und in Haiti überlebten 1996 mindestens 59 Kinder die Behandlung mit einem gefälschten Fiebersirup nicht.

Kontrolle verschärfen
Vor diesem Hintergrund haben sich die europäischen Gesundheitspolitiker Anfang Mai 2010 im Rahmen eines umfassenden Pharma-Gesetzgebungspaketes geeinigt, gegen Medikamentenfälschung vorzugehen. Die Abgeordneten stimmten mehrheitlich dafür, Online-Apotheken stärker zu kontrollieren und europaweit einheitliche Sicherheitsmerkmale für verschreibungspflichtige Arzneimittel einzuführen. Die Massnahmen sind Teil des Pharmapakets der Europäischen Kommission. Mit dem Gesetz wird der Patient im Internet besser geschützt und legal gehandelte Präparate können bei der Abgabe an den Patienten bis zum Hersteller zurückverfolgt werden. Anbieter von Internet-Apotheken sollen in Zukunft die Möglichkeit haben, sich von nationalen Aufsichtsbehörden autorisieren zu lassen und dies durch ein EU-weit einheitliches Logo auf ihren Websites deutlich zu machen. Die EUStaaten sind aber auch in der Lage, den Verkauf von rezeptpflichtigen Medikamenten im Internet komplett zu verbieten. Der Parallelhandel bleibt weiterhin erlaubt. Originalpackungen dürfen geöffnet und das Produkt neu verpackt werden. Eine Ausnahme gibt es weiterhin: Tablettenblister und Arzneimittelflaschen sollen unversehrt bleiben.

Nachahmungen unrentabel machen
Um Fälschungen künftig sicher zu erkennen, entwickeln Terahertz-Forscher der Ruhr-Universität Bochum gemeinsam mit Industriepartnern versteckte, optisch nicht erkennbare Kennzeichnungen, die sich zum Beispiel bei der Ein- und Ausfuhrkontrolle automatisiert prüfen lassen. Das Verfahren basiert auf einer Kombination von zerstörungsfreien Analysemethoden, die die schnelle und sichere Unterscheidung von Originalprodukten und Fälschungen zum Beispiel beim Zoll ermöglichen. «Das Verfahren würde eine erfolgreiche Fälschung so teuer machen, dass Nachahmungen unrentabel würden», erklärt Jens Soetebier von der Ruhr- Universität Bochum. Das bedeutet eine deutlich verbesserte Arzneimittelsicherheit und somit die Vermeidung von Gesundheitsschäden und damit einhergehenden Kosten für das Gesundheitssystem.

Joachim Heldt

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