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Der Handel setzt auf die Schiene

Der Handel setzt auf die SchieneNicht nur Massengüter, auch immer mehr Handelsware wird in der Schweiz auf der Schiene transportiert. Eine Win-win-Geschichte mit Zukunft.

(sp) Die Bahn bringt es jeden Tag auf den Schweizer Tisch. Ein aktuelles Beispiel sind da «Fasnachtschüechli». Ohne die luftigen Knusperblätter, die über weite Strecken auf der Schiene transportiert werden, wäre die Fasnacht weniger sündig. Oder die Milch: Sie steht am Morgen taufrisch im Regal. Jene von der Migros beispielsweise ist direkt vom Hof per Bahn quer durch die Schweiz gereist.

Sie wird kurz nach dem Melken in moderne Tankcontainer gefüllt und nach Estavayer-le-Lac zur Verarbeitung gefahren. Die Produkte, etwa Joghurts oder Frischkäse, spediert SBB Cargo dann in temperaturgeführten Bahnwagen während der Nacht in die Betriebszentralen. Von dort beliefern Lastwagen die Filialen. So ist es mit vielen Artikeln des täglichen Bedarfs. In der Schweiz arbeiten Handel und Bahn Hand in Hand. Das verdeutlicht die Liste der Handelsbetriebe, die seit Jahren auf die Logistikleistung der Bahn und insbesondere von SBB Cargo vertrauen. Sie liest sich wie das «Who is Who» des Handels: Migros, Coop, Manor, Denner, Feldschlösschen, Nestlé, Valora und Zulieferer wie Fenaco (Getreide und Mehl) lassen den Nachschub auf der Schiene anliefern.

Erschlossen bis ins letzte Detail
Der Handel nutzt dabei die Qualitäten des «Bahnlandes Schweiz». Für Patrick Schenker, Branchenleader Handel bei SBB Cargo, ist das vor allem der sogenannte «Wagenladungsverkehr». Die Bahn bedient jeden Tag über 300 Standorte und von da aus eine Vielzahl von Anschlussgleisen zu Produktionsbetrieben, Verteilzentralen und Aussenlagern auch des Detailhandels. Der Vorteil des Wagenladungsverkehrs: «Im Gegensatz zu unserer Bahnkonkurrenz können die Kunden bei uns einen oder 100 Wagen aufgeben», erklärt Patrick Schenker den hohen Bahnanteil in der Komplettladungslogistik. Der Handel macht einen nicht unerheblichen Teil des Wagenladungsverkehrs aus: Gut jeder dritte der 3250 täglich verkehrenden Bahnwagen transportiert Ware für die Grossund Kleinverteiler, für die Getränkehersteller und -verkäufer sowie für die Zulieferer aus der Agrarwirtschaft. Selbst Marktneulinge wie Aldi arbeiten in der Schweiz mit der Bahn zusammen – was in ihrem Heimmarkt Deutschland nicht der Fall ist.

Nachtaktivität als Vorteil
Dass die Marktführer im Detailhandel ihre Warenströme grossenteils mit der Bahn verschieben, hat mit dem ausgeklügelten Netzangebot zu tun, das kurze Lieferzeiten bietet. Die Güterbahn verkehrt auch und vor allem nachts im sogenannten «Nachtsprung», wenn die Lastwagen aufgrund des Fahrverbots stillstehen. Selbst Waren, bei denen die Frische nicht die Lieferzeit diktiert, verschieben die Detaillisten vorwiegend zwischen 22 Uhr und 5 Uhr früh, so wie Migros. Sie beliefert ihre Genossenschaften in der Westschweiz, im Tessin und in der Ostschweiz vom Migros-Verteilbetrieb Neuendorf (MVN) ausschliesslich per Bahn mit WC-Papier, Waschmitteln, Kosmetik, Elektronik, Möbeln und dergleichen.

Pro Nacht fahren rund 20 Wagen voll beladen von Neuendorf nach Carouge in die Betriebszentrale der Migros Genf. Im Laufe des Jahres 2008 haben weitere Genossenschaften wie Migros Waadt oder Wallis nach und nach auf die Schiene umgestellt. Die Artikel des täglichen Bedarfs aus dem Non-Foodund Near-Food-Bereich der Logistikplattform in Neuenburg werden «Just in time» geliefert. Das hält die Lagerkosten gering. «2007 haben wir mit dieser Dienstleistung beim Grosskunden Migros 300 000 Paletten von der Strasse geholt», erklärt Patrick Schenker. Migros hat für diesen Verkehr einen 10-Jahres-Vertrag bei SBB Cargo unterschrieben.

Aktionen fordern Action
Auch der andere Grosse im Handel, Coop, hat im Verlaufe der letzten Jahre die Bahntransporte ausgebaut. Bei weiten Strecken zwischen nationalen und regionalen Verteilzentren wickelt SBB Cargo gegen 60 Prozent des gesamten Transportvolumens für Coop ab. «Wir beliefern die Coop-Verkaufsstellen ausschliesslich mit unserer eigenen Flotte. Der Hauptbahnverkehr läuft via nationale Verteilzentren Prat  teln, Wangen und Langenthal in die Regionen», erklärt Coop-Mediensprecher Nicolas Schmied. An die 20 000 Coop-Artikel sind mit der Bahn unterwegs.

Dieses komplexe System läuft selbst bei Aktionen oder während saisonaler Schwankungen. «Bei Schönwetterprognosen vor Ostern wird der ohnehin üppigere Feiertagsverkehr mit Aktionen wie beispielsweise Holzkohle oder Campingartikeln überlagert. Das können bei der Migros-Verteilzentrale Neuendorf an einem Tag mit 180 Bahnwagen bis zu 75 Prozent mehr sein als üblich», sagt Patrick Schenker. Auch Coop verschiebt in Spitzenzeiten doppelte Mengen. «Festtage planen wir vier Wochen im Voraus, Aktionen acht Wochen früher», sagt Nicolas Schmied. Trotz derart kurzfristigen Mengenerhöhungen, die bis zu 50 Prozent zusätzlich einschenken können, produziert SBB Cargo auf einem hohen Qualitätsniveau. Die Pünktlichkeit im gesamten Wagenladungsverkehr lag 2007 über 93 Prozent. «Wir planen aufgrund historischer Daten und garantieren bei Schwankungen von bis zu 30 Prozent über oder unter dem Soll flexible Transporte», dementiert Patrick Schenker gelegentliche Vorwürfe, die Bahn agiere zu wenig wandlungsfähig.

Nachhaltigkeit wird zur Maxime des Handels
Ebenso bedeutsam wie die Speditionszeit und die Menge ist inzwischen der soziale und ökologische Mehrwert eines Produktes. Entsprechend umweltsensibel zeigen sich die Detailhändler. CO2-Emissionswerte und Umweltbelastungsdeklarationen sind trotz des harten Preiskampfes in der Branche zum Verkaufsargument geworden. Dem fährt die Bahn im Wortsinn und auf der Schiene nachhaltig entgegen. «Die Kombination ‹Transport und Bahn› wird sexy», spitzt Patrick Schenker den Trend zu.

Noch dominiert die Strasse
Potenzial, zusätzlichen Verkehr auf die Bahn zu bringen, hat SBB Cargo zumindest aus zwei Gründen: Zum einen nehmen die Verkehrsprobleme auf der Ost-West-Achse stetig zu. Das Bundesamt für Raumentwicklung beziffert die auf der Hauptverkehrsader zwischen den Grossräumen Zürich/Winterthur und Bern/Lausanne verschobene Gü termenge auf über 20 Millionen Tonnen pro Jahr (2003). Sie wird weiter steigen und mit ihr werden die Staus auf der Strasse zunehmen.

Zum andern ist die Strasse in der Konsumgüterlogistik tonangebend; die Bahn hat mengenmässig noch genügend Terrain, das sie wettmachen kann. 76,8 Prozent der Konsumgüter rollen nach wie vor auf der Strasse ( Logistikmarktstudie 2009). Über die Schiene werden 20,3 Prozent und über den Kombinierten Verkehr lediglich 2,9 Prozent der Konsumgüter befördert – das bei einem Total von 43,9 Millionen Tonnen Gütern, die während eines Jahres innerhalb der Schweiz verschoben werden. Experten sprechen Anbietern von Kontraktlogistiklösungen Wachstumschancen zu. SBB Cargo ist sich der Herausforderungen bewusst, um weitere Mengen auf die Bahn zu holen: Noch können die Kunden ihre Frischwaren-Sendungen nicht ausreichend verfolgen. Zudem ist sie bei Transporten «von Tür zu Tür» auf weitere Partner angewiesen, um massgeschneiderte Leistungsbündel anzubieten.

Susanne Perren

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