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Den Papierkrieg beenden

Den Papierkrieg beenden Seit 1959 gibt es in der Schweiz eine Institution, die Arbeiten, Material und Leistungen sämtlicher Sparten des Bauwesens definiert und standardisiert: die Schweizerische Zentralstelle für Baurationalisierung (CRB). Sie ist nicht nur europaweit federführend, sondern kann einen beachtlichen Leistungsausweis vor- legen. Ein Interview mit Direktor Max Studer über die Erfolgsgeschichte von CRB.

GS1 network: Weshalb wurde die Schweizerische Zentralstelle für Baurationalisierung gegründet? Und warum gerade 1959?
Max Studer: Die wirtschaftliche Hochkonjunktur der 1950er-Jahre hatte Veränderungen in der Bauwirtschaft zur Folge. Die den Architekten gestellten Aufgaben wurden zunehmend komplexer. Visionäre Bauleute erkannten, dass eine einheitliche Leistungsausschreibung für die Praxis erforderlich ist und nur eine Standardisierung und Rationalisierung der Abläufe die notwendige Bauqualität gewährleisten kann. So beschloss der Bund Schweizer Architekten (BSA) an seiner GV 1959 die Gründung eines «Studienbüros für die Normierung und Rationalisierung im Bauwesen».

Welches waren seither die wichtigsten Innovationen von CRB zugunsten der Baurationalisierung?
Viele der Instrumente, die CRB im Auftrag der schweizerischen Bauwirtschaft gemeinsam mit den Fachverbänden entwickelt hat und die laufend den neuesten Erkenntnissen angepasst werden, sind heute für Bauschaffende nicht mehr wegzudenken. Im Bereich der Leistungsbeschreibung ist der Normpositionen-Katalog (NPK) das Hauptprodukt. Er enthält mehr als 200 Kapitel mit über einer Million Leistungspositionen. Um eine fachlich und rechtlich eindeutige Sprache zu gewährleisten, baute CRB eine Terminologie-Datenbank mit über 35 000 Begriffen aus der Baubranche auf. Für die Kostenplanung und -kontrolle hat CRB den bewährten Baukostenplan (BKP) entwickelt. Seit rund 30 Jahren wird er bei öffentlichen Bauaufträgen von Bund und kantonalen Bauämtern obligatorisch angewendet und eindeutige Auftragsbeschreibung. Der Normpositionen-Katalog, der Baukostenplan sowie weitere Arbeitsmittel in allen drei Landessprachen für Planung, Ausführung und Bewirtschaftung von Bauwerken erfüllen diese Forderungen. Die CRB-Standards dienen der Rechts-und Kostensicherheit und gewährleisten eine einheitliche Terminologie. Sie ermöglichen Bau Für Planer, Unternehmer und Handwerker wurde bereits in den 80er- Jahren die Projektadministration mit einem grossen Angebot an EDV-Programmen erleichtert, und 1992 wurde das Datenaustauschformat SIA 451 eingeführt.

Welches sind die wichtigsten (meistverlangten) Dienstleistungen von CRB?
Nicht erst in den vergangenen Jahren forderten Bauherren, Planer und Unternehmer für die Erstellung von Bauwerken Transparenz, Kostensicherheit schaffenden einen effizienten Informationsaustausch und sind eine wichtige Grundlage für die korrekte Beschreibung, Kalkulation und Abrechnung aller Bauleistungen über den ganzen Lebenszyklus eines Bauwerks. Das geeignete Werkzeug für intelligentes Kostenmanagement ist unsere Neuentwicklung, die Schweizer Norm Baukostenplan Hochbau (eBKP-H). Sie orientiert sich an Bauelementen – statt wie bisher an Arbeitsgattungen – und stellt erstmals die Rückführbarkeit von Kosteninformationen aus der Realisierung in die Planung sicher. So können zuverlässige Kostenermittlungen bereits in sehr frühen Projektphasen durchgeführt und Kosten-oder Energiekennwerte generiert werden. Leicht gemacht wird der Einstieg mit dem Anwenderhandbuch. Für die professionelle Farbplanung stellt CRB der Schweizer Bauwirtschaft seit 1981 das schwedische Farbsystem NCS (Natural Color System) zur Verfügung. NCS orientiert sich ganz an der menschlichen Farbempfindung – unabhängig von Produkten, Materialien oder Herstellungsverfahren. Die praktischen Arbeits-und Hilfsmittel von NCS sind für die Farbgestaltung bei Planern, Handwerkern, Denkmalpflegern, Gestaltern und Designern unentbehrlich.

Wer wendet Ihre Standards an und welches sind die Vorteile?
Die CRB-Arbeitsmittel dienen allen am Bau Beteiligten, und über 40 zertifizierte EDV-Partner sorgen dafür, dass die Daten zusätzlich zur Papierform auch elektronisch zur Verfügung stehen. Unsere Kunden kommen aus vielen Tätigkeitsbereichen. Bauherren und Investoren sind frühzeitig über Kosten orientiert und erhalten unmissverständliche Dokumentationen. Planende verfügen jederzeit über verlässliche Daten und können sich optimal mit Unternehmern und Handwerkern verständigen. Diese wiederum profitieren von standardisierten Leistungsbeschreibungen der Planer. Sie ermöglichen eine eindeutige Formulierung und Kalkulation auf der Basis der Kalkulationsgrundlagen der Berufsverbände. Verwalter und Eigentümer von Immobilien erhalten einheitliche Grundlagen für Betrieb und Unterhalt. Die CRB-Arbeitsmittel ermöglichen es zudem, die Projektkosten von der Planung über die Realisierung bis zur Abrechnung fest im Griff zu haben und anschliessend die Kostenkennzahlen für neue Projekte zu nutzen.

Wer sind die Träger von CRB? Und wie wird CRB finanziert?
Die Trägerverbände von CRB sind der Bund Schweizer Architekten (BSA), der Schweizerische Ingenieur-und Architektenverein (SIA) sowie der Schweizerische Baumeisterverband (SBV). Heute arbeitet CRB zudem mit über 70 Fachverbänden in den Bereichen Hochbau, Tief-und Untertagbau, Gebäudetechnik sowie Facility Management zusammen. CRB finanziert sich über den Verkauf seiner Dienstleistungen sowie über Einnahmen aus Mitgliederbeiträgen.

Seit Kurzem bietet CRB der Bauwelt ein Internetportal an. Was bietet dieses Portal konkret?
Mit dem neuen Online-Angebot, welches auf der Technik der etablierten Internet-Standards basiert, baute CRB seine Verlagstätigkeit weiter aus und nimmt mit der zentralen Datenbank eine wichtige Rolle in der Schweizer Bauwirtschaft ein. Alle bestehenden Normen und Standards wie NPK, eBKP-H usw. sind mit einer Online- Lizenz zum Download bereit. Verschiedene Lizenzmodelle bieten bedürfnisgerechte Nutzung der Daten. Das Internetportal ist rund um die Uhr zugänglich und führt über zwei, drei Klicks zu den gewünschten CRB-Produkten. Auch für kleinere Unternehmungen ist der Ein-und Umstieg einfach und kostengünstig gewährleistet.

In welchem Mass haben sich schweizerische und internationale Baustandards bisher angeglichen? Gibt es eine Zusammenarbeit mit vergleichbaren ausländischen Organisationen?
Seit 1962 pflegt CRB Kontakt zu internationalen Organisationen. 1994 gehörte CRB zu den Gründungsmitgliedern der International Construction Information Society (ICIS), 2009 folgten 15 Länder unserer Einladung zum Jahreskongress in Luzern. Thema war die internationale Ausschreibung von Wettbewerben und Bauaufträgen, die eine Kompatibilität der Systeme (Begriffe, Beschreibungstechnik, Projektabwicklung) erforderlich macht. Im Weiteren engagiert sich ICIS stark für eine vermehrte Verknüpfung zwischen CAD und Leistungsbeschreibung. In diesem Bereich weist CRB im Vergleich zu Organisationen anderer Länder ein hohes Niveau auf. So ist es verständlich, dass ICIS in der herausfordernden Aufgabe, Elemente im Bauwesen international gültig zu definieren, auf die Erfahrung von CRB zurückgreift. Erwähnenswert ist auch die international tätige Organisation building-SMART. Mit der bei uns domizilierten buildingSMART Schweiz erbringen wir auf nationaler und internationaler Ebene ein weiteres Engagement für die Erkennung relevanter Trends der baubezogenen Informationstechnologien und für die Definition zukunftsgerichteter Standards.

Wie hoch sind ungefähr die Einsparungen, die pro Jahr im Bauwesen erreicht werden dank der von CRB entwickelten Arbeitsmittel für Rationalisierung und Standardisierung?
Gemäss einer Studie liegt das jährliche Sparpotenzial in der Schweizer Bauwirtschaft durch die Anwendung der CRB-Standards zwischen 110 und 450 Millionen Franken. Die Spann- weite ergibt sich – laut Ergebnissen der Studie – durch die Interpretation der am Bau beteiligten Anwender.

In welchen Baubereichen ist die Baurationalisierung schon weit fortgeschritten? Und wo besteht Nachholbedarf?
In den Bereichen Roh-und Ausbau ist die Standardisierung und Rationalisierung weit fortgeschritten. Bei der Gebäudetechnik, speziell in den Bereichen Heizung, Sanitär und Lüftungseinrichtungen, besteht noch grosser Nachholbedarf.

Welches sind Ihre aktuellen Projekte?
Die Auswahl aus unserer umfangreichen Tätigkeit fällt mir nicht leicht – beschränken wir uns auf vier Schwerpunkte: Mit dem Baukostenplan Tiefbau (eBKP-T) erscheint demnächst ein weiterer wichtiger Baustein aus dem Bereich Forschung und Entwicklung. Er wurde nach der erfolgreichen Einführung des eBKP-H zusammen mit Vertretern aus den Bereichen Tiefbau, Verkehrsweg-bau und Ingenieurbau entwickelt und baut auf der gleichen Systematik auf. Im Gesundheitswesen ist eine Zunahme von Spitalbauprojekten, ausgelöst durch die geplanten Neuerungen in der Spitalfinanzierung, zu erwarten. CRB hat mit Ingenieur Hospital Schweiz (IHS) und H+ zwei wichtige Verbände als Mitherausgeber des überarbeiteten Spitalbau-Kostenplans eBKP-S gewonnen. Die Einführung dieser Norm ist 2011 geplant. Der Zugang zu den Online-Lizenzen muss für alle Kunden gewährleistet sein. Schon in der Forschungsphase für die neuen Online-Angebote übernahmen Entwicklungspartner ausserordentlich wichtige Aufgaben; sie sind bereits zertifiziert. In den kommenden Monaten wird die Zertifizierung jener EDV-Partner, die bisher noch eine abwartende Haltung eingenommen haben, angestrebt. Intensiv ausgebaut wird das dreistufige Kursangebot zu den CRB-Normen und -Standards. Die erste Stufe vermittelt Basiswissen, wobei das CRB-Handbuch «Bauleistungen beschreiben und Baukosten ermitteln» auch zum Selbststudium geeignet ist. Die zweite Stufe vertieft Praxiswissen, und das CRB-Ringbuch «Vom Bauprojekt zum Leistungsverzeichnis» vermittelt die erforderlichen Grundlagen. In der dritten Stufe geht es um die Aufbereitung von speziellen Kenntnissen und begleitenden CRB-Ratgebern. Momentan gibt es den Kurs zum Ratgeber «Baukostenplanung: Theorie und Anwendung» und als Nächstes ist ein Kurs zum Thema «Ausschreibung» geplant. So können sich alle im Planungs-und Baubereich Tätigen – sei es im Hoch-oder Tiefbau – mit diesen Angeboten auf den neuesten Wissens-stand bringen. Qualifizierte Fachlehrer und Referenten aus dem CRB-Dozentenpool lassen zudem ihre Erfahrungen aus mehrjähriger Tätigkeit in der Baubranche in den Unterricht einfliessen. Die neue Richtlinie «ProLeMo» (Prozess-/Leistungsmodell im Facility Management), die gemeinsam mit der International Facility Management Association Schweiz (IFMA) entwickelt wurde, wendet sich an Eigentümer, Betreiber und Nutzer von Immobilien. Sie definiert die wesentlichen Bewirtschaftungsprozesse mit den entsprechenden Leistungen. Zudem wurde die Notwendigkeit eines weiteren Projekts erkannt: In den kommenden Monaten wird ein Ausschreibungsmodell gemeinsam mit Projektpartnern und Verbänden entwickelt, wobei einheitliche Ausschreibungsunterlagen geschaffen werden, die sowohl ergebnisorientierte als auch leistungsorientierte Ausschreibungen ermöglichen.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung des Baumarkts in den nächsten Jahren in der Schweiz?
Die leichte Konjunkturerholung lässt auch die Bauwirtschaft für die Zukunft vorsichtig optimistisch sein, selbst wenn die Bauinvestitionen im ersten Quartal 2010 leicht gesunken sind. Die Planungsbüros schätzen die Geschäftslage anhaltend positiv ein, da der Auftragsbestand auch in den vergangenen Monaten leicht zugenommen hat. Im Bauhauptgewerbe ist wohl eine leichte Abschwächungstendenz zu erwarten. Vor allem im Tiefbau wurden in den vergangenen Jahren sehr grosse Projekte gestartet. Die öffentliche Hand wird dieses hohe Auftragsvolumen kaum über die weitere Zukunft aufrecht erhalten können. Voraussichtlich wird sich aufgrund von Zinserhöhungen auch der Wohnungsbau eher etwas abschwächen. Wie schon in der Vergangenheit werden zyklische Bewegungen auch in den kommenden Jahren die Bauwirtschaft prägen. Der Geschäftsgang von CRB wird in der Regel von solchen Schwankungen nicht betroffen.

Gibt es eine Zusammenarbeit von staatlichen Stellen und Ämtern mit CRB?
Die Bereitstellung der Datenbank und der hierfür notwendigen Technik hat auch Veränderungen in der Form der Zusammenarbeit gebracht. Bund, Kantone und Verbände sind seit Längerem Partner von CRB. Sie nutzen die von CRB zur Verfügung gestellte Plattform und das Autorensystem und arbeiten so aktiv am Aufbau und an der Erweiterung der Datenbank mit. Speziell erwähnenswert sind das Bundesamt für Energie und das Bundesamt für Statistik. Letzteres greift bei seinen Erhebungen auf die zentrale Plattform von CRB zu. CRB wird somit in der Schweiz zum Moderator der zentralen Datenbank für Bauwissen. Die intensive Zusammenarbeit mit Hochschulen und Fachhochschulen in Forschung und Entwicklung hat sich sehr bewährt. Sie bringen im CRB-Vorstand, als Dozenten in unseren Kurs-angeboten und als Autoren unserer Schulungsmittel ihr wertvolles Wissen ein.

Mit welchen anderen Normierungsund Standardisierungsorganisationen arbeiten Sie in der Schweiz zusammen?
Beim Normpositionen-Katalog (NPK) sind CRB und der Schweizerische Verband der Strassen-und Verkehrsfachleute (VSS) gemeinsam Herausgeber. Die Arbeitsteilung hat sich sehr bewährt; der VSS ist für den Bereich Tiefbau verantwortlich. Mit dem Schweizerischen Ingenieur-und Architektenverein pflegt CRB eine langjährige gute Beziehung, unsere NPK-Kapitel basieren auf den SIA-Normen. Normierungsprojekte werden gemeinsam mit dem SIA und der Schweizerischen Normenvereinigung (SNV) erarbeitet.

Die Fragen stellte Bernhard Stricker.

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