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Standards dürfen keine Bremse sein

Standards dürfen keine Bremse sein Die Katastrophenlogistik der DEZA ist auf dem Weg zu neuen Standards, möchte sich von diesen aber nicht in der Handlungsfähigkeit einschränken lassen.

(as) Wenn das Handy von Markus S. Hischier wie die Sirene eines Rettungswagens aufheult, könnte irgendwo auf der Welt ein Einsatz nötig sein. «Emergency-Logistik ist eine komplexe, in einer kurzen Zeitphase effizient und gezielt erbrachte Leistung.» So beschreibt Markus S. Hischier seine Tätigkeit als Leiter der Sektion Ausrüstung und Logistik (H-LOG) bei der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, kurz DEZA.

Beispielhafte Reaktionszeit
Die Sektion hat mehrere Aufgaben. Eine davon ist es, die jederzeitige Verfügbarkeit der Schweizer Rettungskette für Rapid-Response-Einsätze, der humanitären Hilfe des Bundes zu sichern. Diese Rettungskette Schweiz umfasst 100 Personen, 18 Hunde und 16 Tonnen Material, die von acht staatlichen Einrichtungen, privaten Unternehmen oder Vereinen vorgehalten werden. Alles ist zehn bis zwölf Stunden nach dem Einsatzentscheid abflugbereit und die Einheit kann dank vollständiger Ausrüstung bis zu zehn Tage autonom operieren. Die Rettungskette Schweiz besteht aus zwei vollständig ausgerüsteten Staffeln, von denen immer eine bereit ist, und hat sich auf den Einsatz in Erdbebengebieten spezialisiert. Des Weiteren ist die H-LOG auch zuständig für die Logistik bei Aktionen der humanitären Hilfe des Bundes. Sie verantwortet die Beschaffung von Gütern aller Art und deren Lagerung im In-und Ausland ebenso wie den Transport in alle DEZA-Einsatzländer mit allen verfügbaren Transportmitteln. Die humanitäre Hilfe des Bundes wiederum kennt vier Aufgabenfelder: Prävention, Nothilfe, Wiederaufbau und Anwaltschaft, mit teils wesentlich längeren Zeithorizonten als reine Rettungseinsätze. Das System funktioniert dank kurzer Entscheidungswege gut. Die Schweiz gehört zu den in Unglückssituationen oft am schnellsten präsenten Staaten. «Wenn man als europäisches Land rascher in Indonesien einsetzt als die australischen Rettungseinheiten, führt das schon zu Interesse an unserem System», sagt Hischier. Nicht nur aus «Down under», auch aus England kamen in der Folge interessierte Anfragen.

Meist kein Hochlader auf der Gegenseite
Die von H-LOG angesteuerten Bestimmungsorte für Einsatzpersonal und Waren liegen zu 90 Prozent in Krisen-, Kriegs-oder Katastrophengebieten in Entwicklungsländern teils ohne genügende Logistikinfrastrukturen. In der Praxis muss man dann daran denken, ein Frachtmaschine mit Laderampe zu chartern, weil am Zielflughafen meist keine Hochlader bereitstehen, um den Frachtraum zu entladen. «Wir haben zu 90 Prozent keinen Hochlader auf der Gegenseite und müssen vorher überlegen, wie das Flugzeug ausgeladen wird», berichtet Hischier. Ist der Flughafen intakt, sind Lkws vorhanden? So lauten weitere Fragen. Die im Rahmen der Rettungskette-Einsätze transportierten Güter selbst tragen diesen Anforderungen ebenso Rechnung. Schwerstes Stück der 253 Rettungsketten-Colis im Lager ist mit 217 Kilogramm die mobile Küche. Sonst wiegen die meisten Packstücke zwischen 20 und 80 Kilogramm und können deshalb von einer oder zwei Personen getragen werden. Dann gelingt auch der Umschlag vom Grossraumflugzeug in kleine Maschinen oder Helikopter ohne Gabelstapler. Die H-LOG hat aber auch eine zentrale Funktion bei der Evakuation von Schweizer Bürgerinnen und Bürgern aus Krisengebieten. Das war 2006 der Fall, als es galt, 921 Schweizerinnen und Schweizer aus dem Libanon zu evakuieren. Dazu wurde von Hischiers Team neben zwölf Charter-Flugzeugen auch ein Lkw-Ro-Ro-Schiff gechartert, welches dann die menschliche Fracht von Beirut nach Larnaca brachte. Grundlegend geht es dann darum, die nötige Transportleistung binnen weniger Stunden gezielt und effizient bereitzustellen.

Gute Kontakte haben grösste Bedeutung
Der Schlüssel, mit dieser Herausforderung umzugehen, sind in erster Linie nicht besonders leistungsfähige technische Einrichtungen. Es sind die guten und langjährigen persönlichen Kontakte, die Hischier und seine Mitarbeitenden mit ihren Ansprechpartnern in Unternehmen und Behörden pflegen. Denn die H-LOG bestellt unvorhergesehen und unplanbar, dann aber mit höchster Dringlichkeit. Die Ansprechpartner im Lieferantennetzwerk zeichnen sich durch erwiesene Einsatzbereitschaft und Flexibilität aus. An eine Stellenbeschreibung im Unternehmen könne man diese Leistungsbereitschaft nicht einfach anhängen, meint Hischier. Es komme stark auf den jeweiligen Menschen und seine Einstellung an. Das Gleiche ist bei der H-LOG selbst der Fall. Es gibt laut Hischier praktisch keine Personalfluktuation, er selbst ist seit mittlerweile zehn Jahren dabei, davon sieben in der aktuellen Leitungsfunktion. Wenn die H-LOG-Mitarbeitenden mit einem Bestellwunsch anrufen, kann es ohne Weiteres Freitagnachmittag um fünf Uhr sein. Gewöhnliche Firmen schliessen um diese Zeit. Doch die Kontaktpersonen der H-LOG schauen dann nicht auf die Uhr und den Dienstschluss, sondern auf den Auftrag. Und so lieferte beispielsweise die Schweizerische Nagelfabrik in Winterthur noch am Wochenende zwei Tonnen Nägel für den raschen Versand in die Erdbebengebiete in Haiti. Das Lieferantennetzwerk der H-LOG ist so aufgebaut, dass jeder der 16 Mitarbeitenden seine fachspezifische Spezialität hat und innerhalb dieser seine Kontaktpersonen jederzeit anrufen kann. «Wenn ich die Rega oder die Einsatzleitstelle der Swiss kontaktiere und meinen Namen sage, wissen die sofort, was los ist», illustriert Hischier dieses Bewusstsein. Doch das «Dollarzeichen» sollte jetzt nicht in den Augen der Gesprächspartner aufleuchten, sondern der Wille zu helfen. Teilweise habe man keine Möglichkeit, zeitraubende Offerten und Angebote zu prüfen, hier gelte «first in – first surf», so Hischier. Doch die Partnerfirmen wissen auch, dass sie das nächste Mal nur mit dabei sind, wenn Preis und Leistung stimmen. Mithin ist gegenseitiges Vertrauen die Basis der Effizienz dieser Art von Logistik. Das ist zudem nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit so, sagt Hischier.

Lagerwirtschaft noch auf dem Papier
Das Zentrallager der H-LOG liegt in Wabern bei Bern, in Untermiete in Räumlichkeiten des SRK. Dort finden sich auf 2200 Quadratmetern insgesamt 3600 verschiedene Sortimentsartikel. Auf den ersten Blick mutet es an wie in einem Outdoorladen. Auf den Regalen stapeln sich Regenjacken, Warnwesten, Sonnenhüte und Moskitonetze. Es gibt zahlreiche Zelte verschiedener Grösse, Wasserdesinfektionsausrüstungen und sogar Campingmöbel. Umfangreiche Lagerbestände an Medikamenten, Notapotheken selbst für Rettungshunde und Gaswarngeräten schaffen dann aber eine erkennbare Distanz zu den Freizeitsportlern. Mit in den Einsatz geht auch eine komplette und komplexe IT-Ausrüstung. Ein solches Set umfasst in der Regel ein Notebook, zwei unterschiedliche Satellitentelefone, ein GSM-Telefon und ein GPS-Gerät sowie einen mobilen Drucker inklusive Kabel und Verbrauchsmaterialien. Alles steckt einzeln in wasserdichten Plastikbeuteln und erst dann in einem Gepäcktrolley. «Manchmal stehen die Sachen im Regen», meint Hischier. Im Sonderkoffer für den Teamleiter finden sich dann noch die Stempel, damit überall auf der Welt notwendige Verwaltungsvorgänge korrekt ablaufen können. Im Keller des Lagergebäudes gibt es ein Zollfreilager. Hier warten teils im Ausland eingekaufte Plastikplanen, Zelte und faltbare Wasserkanister darauf, die Schweiz wieder verlassen zu können. Derzeit wird die Logistik über weite Strecken noch «papierhaft» gesteuert. Die einzelnen Artikel werden in Bestandslisten erfasst und anhand von Checklisten bei Bedarf zu fertigen Sets kommissioniert. So lagern fertig zusammengestellte Kleidungssets in Plastikkisten mit der jeweiligen Grösse angeschrieben, damit im Einsatzfall jeder rasch sein passendes Set fassen kann. Bei Medikamenten wird bereits die IT genutzt, um den Bestand zu führen. Warenzugänge werden allerdings
von Hand ins System eingegeben. Dieses meldet dann mit zehn Tagen Vorlauf die jeweiligen Verfalldaten und sichert damit die jederzeitige Verwendbarkeit der entsprechenden Mittel. Ähnlich werden auch vom Hersteller vorgegebene Wartungsdaten der technischen Ausrüstung überwacht.

Handlungsfähigkeit kommt vor Standardisierung
Die Verwaltungsprozesse sind hingegen, und das ist einmalig für eine staatliche Hilfsorganisation, bereits nach ISO Rapid Response zertifiziert. Während hierfür im Herbst die Rezertifizierung ansteht, ist geplant, nun auch die Materialprozesse auf dieses Niveau zu entwickeln. Dazu läuft eine Ausschreibung für ein neues IT-Tool. Einerseits möchte man damit die Warenbewirtschaftung (Leistungs-und Supportprozesse) verbessern, andererseits aber auch Informationen für den Führungsprozess generieren. Das neue System soll Erkenntnisse zu den gesamten Warenvolumen liefern ebenso wie Informationen zu wöchentlichen Beschaffungsvorhaben, und Hischier möchte auch ohne Weiteres in Erfahrung bringen können, welche Bestellungen überhaupt gemacht werden. Ziel ist eine klare Inventarisierung, die der Führung und der Geschäftsleitung Informationen liefert. Es geht auch darum, während Einsätzen zugekaufte Materialien sauber dokumentiert zu erfassen, um am Ende des Einsatzes eine einheitliche Dokumentation auf IKS-Basis erstellen zu können. Insbesondere beim Bestellwesen braucht es laut Hischier eine höhere Standardisierung, um durch dokumentierte und formalisierte Strukturen mehr Transparenz zu schaffen. Doch zu viel der Regeln darf es nicht werden. «Ein Austreten aus dem Raster muss möglich sein, um flexibel reagieren zu können», weiss der Cheflogistiker. Sonst stelle das die gesamte Leistung infrage. Schliesslich müsse die Ware auch ausgeliefert werden, wenn dem Barcodescanner die Batterien ausgehen sollten.

Alexander Saheb

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