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Der Chefapotheker und sein Roboter

Die Anlage beeindruckt durch ihre Leistungsfähigkeit: Bis zu 50 000 Einheiten der ungefähr 1100 Medikamente in Faltschachteln kann das Gerät einlagern und kommissionierenDas Universitätsspital Genf – nach Anzahl Betten und Pflegetagen grösstes Krankenhaus der Schweiz – leistet Pionierarbeit im Dienste der Patientensicherheit. Roboter kommissionieren Medikamente. Bald werden automatisierte Medikamentenschränke die Fehlerquote bei der Arzneimittel-Dispensation weiter senken.

(mf) «Irren ist menschlich.» Doch wo man sich in die Hände von Spezialisten begibt, hört die Fehlertoleranz schlagartig auf. Ob Eisenbahnverkehr, Flugtransport oder Lebensmittelsicherheit: ein Unfall pro Jahr ist einer zu viel. Auch vom Spitalbetrieb erwarten die Patienten höchstmögliche Sicherheit zum Wohle ihrer Gesundheit. Doch die Abläufe in Krankenhäusern sind noch immer belastet mit Fehlerquoten in der Grössenordnung von über einem Prozent bei der Dispensation von Medikamenten. Fehler, die aus dem manchmal turbulenten Alltag von Pflegestationen resultieren, aber Gegenstand gezielter Verbesserungsmassnahmen sein müssen.

Hightech erhöht die Patientensicherheit
Zwar gibt es nur wenige Studien und verlässliche Zahlen zu Fehlern in der Dispensation von Medikamenten. In einigen Krankenhäusern wurden Fehlerquoten (über einen Simulator) experimentell ermittelt. Drei Prozent aller ausgeführten Dispensationen durch das Personal entsprachen nicht den ärztlichen Verschreibungen; festgestellt wurden Fehler bei der Auswahl, bei der Dosierung und der Menge an Medikamenten, die für Patienten bestimmt sind. Dass rund 85 Prozent der Fehler durch Doppelkontrollen entdeckt werden, ist da wenig tröstlich. Klar ist: Ähnlich einem industriellen Supply-Chain-Management gibt es Automatisierungspotenzial auch bei der Arzneimittellogistik in Krankenhäusern. Seitdem deutsche Hightech- Spezialisten für Apothekenlogistik in der Schweiz Vertretungen haben, war für Pascal Bonnabry, Chefapotheker der Hôpitaux Universitaires de Genève (HUG), die Stunde gekommen, sich an neue Projekte zu wagen. Die Automatisierung der Warenbewirtschaftung sieht er als wichtige Etappe in Richtung höhere Patientensicherheit.

HUG – das grösste Spital der Schweiz

Das Genfer Universitätsspital blickt auf eine lange Geschichte zurück. Es begann an der Schwelle zur Neuzeit als fusioniertes «allgemeines Hospital» (damals noch Waisenhaus, Hospiz, Alters- und Pflegeheim sowie Krankenhaus in einem). Mit der Spitalreform von 1995 wurden mehrere Institutionen des Kantons Genf zu den Hôpitaux Universitaires de Genève (HUG) zusammengefasst. Das HUG dient der regionalen Versorgung der Grossregion Genf mit medizinischen Diensten. Als Universitätsklinikum bietet es aber auch spezialisierte Dienste der Spitzenmedizin an. Hinsichtlich seines vielfältigen Ausbildungsauftrags arbeitet das HUG eng mit der medizinischen Fakultät der Universität Genf, den Fachhochschulen und Fachschulen der Region zusammen. Heute ist das Genfer Universitätsspital die grösste Krankenhaus-Organisation der Schweiz. Das HUG besteht aus nicht weniger als acht einzelnen Spitälern (alle im Kanton Genf ), 40 Pflegestationen und zählt rund 1900 Betten. Jährlich werden über 48 000 Personen hospitalisiert. Die Anzahl Pflegetage betrug dementsprechend im vergangenen Jahr 672 000 (das Universitätsspital Zürich kam auf 284 000 Pflegetage). Im Jahr 2011 wurden nicht weniger als 25 000 chirurgische Eingriffe vorgenommen. Das jährliche Budget beläuft sich auf 1,7 Milliarden Franken. Die Spitalleitung plant bis 2016 Investitionen in der Höhe von 600 Millionen Franken. Zum Vergleich: Die Kosten für die Beschaffung eines Kommissionierautomaten für die zentrale Spitalapotheke entsprechen etwa einem Tausendstel dieser Summe.

Der Fast-Alleskönner

Professor Pascal Bonnabry ist die treibende Kraft der Logistikprojekte beim Genfer Universitätsspital (HUG)Pascal Bonnabry berichtet in seinem unscheinbaren Büro, das in einer unteren Etage des labyrinthisch verwinkelten Universitätsspitals liegt, über seine stetige Überzeugungsarbeit: «Automatisierungsprojekte haben nur dann Erfolg, wenn sie auch die spezifische Kultur des Betriebs berücksichtigen.» Deswegen, so Bonnabry, können Strukturen und Prozesse in einem Universitätsspital nicht von heute auf morgen umgekrempelt werden. Die Anpassungen müssten schrittweise erfolgen. Ausserdem sei die Distribution von Arzneimitteln immer Bestandteil einer komplexen Krankenhaus-Organisation. Dies gelte es bei der Wahl technischer Systeme zu berücksichtigen. In der Schweiz ist die sogenannte Globalverteilung üblich, ein zweistufiges System. Die zentrale Spitalapotheke beliefert periodisch die einzelnen Abteilungen des Krankenhauses mit Medikamenten. Die Aufbereitung der Arzneimittel für jeden individuellen Patienten geschieht anschliessend auf der Pflegeabteilung. Das Herzstück der Logistik im HUG ist und bleibt die Zentralapotheke. Seit Juli 2011 ist sie mit einem hypermodernen Kommissionierautomaten ausgestattet. Das bereits realisierte Projekt hat für die Schweiz Pioniercharakter. Das zimmergrosse Gerät besteht aus zwei Gängen und je zwei Robotern, die blitzgeschwind mit ihren Armen nach Medikamenten in den Regalen greifen. Über Förder bänder und Schranken werden bestellte Medikamente von Plastikbehältern aufgefangen; die gefüllten Behälter werden dann an die einzelnen Pflegestationen und Operationssäle versendet. Die Anlage beeindruckt durch ihre Leistungsfähigkeit: Bis zu 50 000 Schachteln der ungefähr 1100 Medikamente kann das Gerät einlagern und kommissionieren. Vor allem in der Nacht wird für Nachschub gesorgt; ohne sich um Sortieraufgaben kümmern zu müssen, können Mitarbeitende der Apotheke das Gerät laufend mit neuer Ware «füttern ». Ein Lesekopf liest den Barcode der Medikamente, ein anderer Sensor misst die Dimension der Schachtel. Schliesslich führen Fliessbänder den beiden Robotern das einzulagernde Gut zu. Der Roboterarm pickt die Schachteln auf und lagert sie ein. Keine Frage, dass die Spitalapotheke mit dem Einsatz des elektronischen Kameraden ein wichtiges Ziel erreicht: Die Fehlerquote bei vorgängigen Arbeitsschritten zur Kommissionierung auf Stufe Zentralapotheke (im manuellen Betrieb ein Prozent) kann so massiv gesenkt werden. Zwar bewirtschaftet der Automat bereits 70 Prozent des Volumens der Spitalapotheke. Doch Behälter mit Flüssigkeiten (wie Infusionen), Betäubungsmittel und Produkte, die nur kühl gelagert werden können, bleiben noch ausserhalb der Reichweite der Roboterarme. Bonnabry, treibende Kraft der Logistikprojekte beim HUG, argumentiert gegenüber der Spitalleitung auch mit der gesteigerten Effizienz nach Investitionen in die Spitallogistik. «Wir rechneten vor, dass der Kapitaleinsatz für die Anlage sich in drei bis vier Jahren amortisiert. Eine intelligente Spitalleitung ist gegenüber solchen Argumenten nicht unsensibel», berichtet der Chefapotheker mit einem Augenzwinkern.


Projekte zur Erhöhung der Patientensicherheit und der Effizienz im Krankenhaus haben nur dann Erfolg, wenn die Mitarbeitenden und ihre Prozesse miteinbezogen werden.



Kulturelle Dimension der Automatisierung
Zurzeit wird im HUG an diversen Projekten gearbeitet, um den Versorgungskreislauf mit Medikamenten sicherer und effizienter zu machen. Diese sind nicht immer so einfach durchsetzbar, da sie im Einklang mit anderen Abteilungen des Spitals realisiert werden müssen. Dazu Bonnabry: «Projekte haben immer auch eine kulturelle Dimension. Es geht nicht nur darum, Geld für Investitionen zu bekommen. Häufig müssen die Verantwortlichkeiten zwischen den Abteilungen, wie etwa der zentralen Spitalapotheke und den Pflegestationen, neu definiert werden. Das löst immer Diskussionen aus.» Eine gut funktionierende elektronische Warenbewirtschaftung setzt voraus, dass in Zukunft die Spitalapotheke für das Auffüllen der peripheren Medikamentenschränke zuständig sein muss. Auch hier hätten experimentelle Studien gezeigt, dass der Einsatz automatisierter Medikamentenschränke einen positiven Effekt auf die Sicherheit haben kann. «Die Zahl der Dispensationsfehler konnte von 3 auf 0,4 Prozent gesenkt werden», so Bonnabry. Wird in einem Regal ein Minimalbestand eines Medikaments erreicht, löst dies automatisch eine Bestellung für eine bestimmte Menge an die Zentralapotheke aus. Dank der Automatisierung sinkt die Anzahl Bestellungen pro Woche. Ein weiterer Vorteil: Administrative Kontrollen für Betäubungsmittel werden sehr vereinfacht, da die Maschinen jederzeit das Auffüllen und Entnehmen von Medikamenten lückenlos aufzeichnen.

Patientenarmband für mehr Sicherheit
Sämtliche im HUG bereits realisierten Automatisierungsschritte dienen immer auch der Rückverfolgbarkeit. Restliche Fehler bei der Dispensation von Medikamenten werden so auf spürbar. Derzeit läuft ein Projekt mit dem sogenannten Bedside-Scanning auf der Onkologie-Abteilung des Spitals. Dabei werden die Patienten mit Armbändern ausgestattet, die mit einer elektronischen Kennzeichnung (DataMatrix) versehen sind. Das Pflegepersonal ist aufgefordert, die Produktetikette für die Chemotherapie mit einem optischen Gerät zu lesen, anschliessend den DataMatrix des Patienten zu scannen. Diskussionen sind im Gange, das Scanningsystem auf andere therapeutische Produkte aus zudehnen, beispielsweise auf Bluttransfusionen. Als Konsequenz müsste das Bedside-Scanning im ganzen Spital etabliert werden. In Zukunft werden mehr und mehr sensible Tätigkeiten des Pflegepersonals elektronisch aufgezeichnet (durch sogenannte Logs). Durch das Interpretieren des elektronischen Logbuchs werden typische Fehlerquellen erkannt und die Patientensicherheit wird verbessert.

Manuel Fischer

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