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Blackout

Strom ist für uns so alltäglich geworden, dass wir gar nicht darüber nachdenken, was passieren würde, wenn plötzlich kein Strom mehr aus der Steckdose käme. Wir sind vom Strom abhängig. Ohne Strom funktioniert nichts.

(jh)Es kommt immer wieder vor, dass der Strom ausfällt. Oft dauert es nur Sekunden, manchmal aber auch Stunden oder gar Tage und im Extremfall Wochen. Für Personen, Haushalte, Unternehmen und für die ganze Industriegesellschaft kann ein länger andauernder Stromausfall einschneidende Folgen haben. Deshalb wird auf eine hohe Versorgungssicherheit Wert gelegt.
Dass die Stromnetze immer labiler und anfälliger werden, hat auch der letzte Winter gezeigt. Stabil ist ein Netz nur dann, wenn sich die Stromproduktion und der Verbrauch die Waage halten. Kippt das Gleichgewicht, dann kippt das Netz. Daher trifft der Staat Massnahmen, um bei Strommangel die Stromverteilung zu steuern. Er greift aber nur dann ein, wenn die Elektrobranche die Lage nicht mehr selber kontrollieren kann.

Baum legt ganz Italien lahm
Als Blackout-Ursachen kommen technisches und menschliches Versagen, kriminelle oder terroristische Aktionen, Epidemien, Pandemien oder extreme Wetterlagen mit viel Schnee und Eis in Frage. Selbst Bäume können ganze Stromnetze zum Erliegen bringen.
So geschehen 2003 in Brunnen im Kanton Schwyz. Dort stürzten Äste eines Baums auf eine 380-Kilovolt- Leitung der Atel. Der Ausfall der wichtigen Nord-Süd-Leitung über den Lukmanierpass führte gegen 3 Uhr zu einer Überlastung anderer Leitungen. Im Misox (Kanton Graubünden) schaltete sich eine weitere Hochspannungsleitung wegen Überlastung ab. Die Kettenreaktion nahm ihren Lauf.
Fast zeitgleich wurden auch zwei Leitungen von Frankreich nach Italien unterbrochen. Damit begann der Zusammenbruch sämtlicher Verbindungen nach Italien. Das italienische Netz kollabierte, da es vom Importstrom abgeschnitten war. Eine halbe Stunde nach dem Vorfall in Brunnen waren 57 Millionen Menschen – ganz Italien mit Ausnahme der Insel Sardinien – ohne Strom.
Experten rechnen damit, dass die Ausfallwahrscheinlichkeit grösser wird, da klimabedingte Extremwetterereignisse und die Gefahr terroristischer Angriffe als Ursache für Netzzusammenbrüche zunehmen werden. Die nationalen und internationalen Ereignisse verursachten Schäden in Höhe von mehreren Milliarden US-Dollar. Die Stromausfälle dauerten aber nur einige Stunden.
Ein landesweiter Strom-Blackout wäre dramatisch. Swissgrid-Chef Pierre-Alain Graf geht laut NZZ von rund 3 Millionen Franken pro Minute aus. Zudem kann nach einem Totalausfall nicht einfach der Schalter umgelegt werden und der Strom fliesst wieder. Laut Heinz Kaupa von Austrian Power Grid kann das Hochfahren nach einem Totalausfall bis zu einer Woche dauern.
Sogar Bau- oder Reparaturarbeiten können zu einem grösseren Netzausfall führen. Am 8. September 2011 kam es in den USA zu einem massiven Stromausfall. Reparaturarbeiten in einem Umspannwerk in Arizona lösten ihn aus. Betroffen war eine 500-Kilovolt- Hochspannungsleitung zwischen Kalifornien und Arizona. 1,4 Millionen Haushalte beziehungsweise 5,7 Millionen Menschen in Kalifornien, Arizona und dem Norden von Mexiko waren davon betroffen. Zwei Atomreaktoren wurden abgeschaltet.

Plötzlich steht alles still
Strommangel liegt vor, wenn die Stromlieferung über eine längere Zeit hinweg nicht mehr zu hundert Prozent garantiert werden kann. Strom ist einer der wichtigsten Energieträgerüberhaupt. Kaum eine Tätigkeit ist ohne Strom denkbar. Die Folgen eines Stromausfalls treten abrupt und massiv auf.
Von einer zur anderen Minute steht alles still. Im ganzen Land fallen auf einen Schlag sämtliche Ampeln aus. Tausende Unfälle ereignen sich gleichzeitig. Unzählige Menschen stecken in Strassenbahnen, Fahrstühlen und Zügen fest. Millionen von Menschen stehen im Dunkeln, überall im ganzen Land.
Mit dem Ausfall des Stromnetzes schalten sich innerhalb von Sekunden Notstromaggregate in Krankenhäusern, Kraftwerken, Regierungsgebäuden und Funksendern an. Die Aggregate produzieren durchschnittlich für 48 Stunden Strom. Die erste Nacht ohne Strom ist nicht nur dunkel, sondern auch kalt, denn ohne Strom funktioniert die Steuerung der Heizung nicht, und das Telefon bleibt auch stumm.
Bereits wenige Stunden nach dem Breakdown geht nichts mehr. Internet, Fest- und Mobilnetze fallen aus.Das mobile Netz läuft mit Notstrom nur wenige Stunden. Ein Zusammenbruch wegen Überlastung droht. Ohne Strom stehen auch Computer und Server still. Kein Google, kein E-Mail, kein Facebook. Ohne Strom bricht unsere gesamte Kommunikation zusammen. Das Einzige, was jetzt noch bleibt, ist das gute alte batteriebetriebene Kofferradio.
Tankstellen liefern kein Benzin mehr, denn Notstromeinrichtungen fehlen, die das Benzin in die Zapfsäulen pumpen. Stunden später stehen private und behördliche Fahrzeuge still. Die Akkus des Behördenfunks neigen sich dem Ende zu. Ohne Kommunikation spitzt sich die Krise zu. Die öffentliche Ordnung und Sicherheit gerät ins Schwanken. Chaos droht.
Sicher wird die Regierung schnell einen Krisenstab bilden. Mittlerweile sind pausenlos Rettungsdienste und Polizeiautos im Einsatz. Es funktionieren weder Alarmanlagen noch können Notrufe abgesetzt werden. Nach 24 Stunden ohne Strom wird es bedrohlich. Im Haushalt funktioniertnichts mehr. In den Supermärkten sind die Kühlsysteme endgültig ausgefallen. Auch der Zahlungsverkehr kommt zum Erliegen, weder Kassensysteme noch Geldautomaten stehen zur Verfügung.
Und nun stockt auch die Logistik. Zunächst sind nur Bahnen und Züge betroffen, dann breitet sich das Szenario auch auf Lastwagen und Autos aus. In der Produktion geht nichts mehr. Fliessbänder, Maschinen, Kontrollgeräte stehen still. Alles, was in dieser Zeit produziert wurde, kann weggeschmissen werden. Die gesamte Just-in-Time- Produktion bricht zusammen.

Eine Zeitbombe tickt
Richtig ungemütlich wird’s etwa nach 48 Stunden. Dann geht auch den meisten Notstromaggregaten der Treibstoff aus, und die Wasserwerke stehen still. Die Wasserversorgung kommt dort zum Erliegen, wo elektrische Pumpen im Einsatz sind. Ohne Pumpen und Wasser versagt auch das Abwassersystem. Ein Tag ohne Klo-Spülung geht noch. Aber dann wird’s prekär. Die Seuchengefahr steigt.
Durch den Stress erhöht sich automatisch die Gewaltbereitschaft vieler Menschen. Plünderungen drohen. In Grossstädten werden Hochhäuser evakuiert. Die öffentliche Ordnung ist gefährdet. Gekocht wird an offenen Feuerstellen. Die Gefahr von Bränden steigt, und der Wassermangel verunmöglicht die Löscharbeiten.
Für viele dienen die Krankenhäuser in der Stadt als Zufluchtsorte, denn sie verfügen noch über Notstrom. Doch es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis auch diese Aggregate nicht mehr betankt werden können. Dann stehenauch die Krankenhäuser still, die medizinische und pharmazeutische Versorgung bricht zusammen.
In den Städten eskaliert alles, und ausserhalb der Städte tickt eine Zeitbombe. Bricht in einem AKW die Notstromversorgung zusammen, droht der Super-GAU – die Kernschmelze. Eine Woche ohne Strom würde unsere Gesellschaft wohl nicht überstehen.

Wirtschaft und Politik
Hundert Prozent der Rohstoffe, achtzig Prozent der Energie und vierzig Prozent der Nahrungsmittel und Medikamente bezieht die Schweiz aus dem Ausland. Diese hohe Importrate veranlasst die Schweiz, sich für etwaige Notfälle zu rüsten. Die Verantwortung für krisenbedingte Ausfälle obliegt den Unternehmen, die sich mit einem betrieblichen Kontinuitätsmanagement auf Risiken und mögliche Störungen vorbereiten.
Mit Artikel 102 der Bundesverfassung wird der Bund beauftragt, für den Krisenfall Wirtschaftsmassnahmen zu planen. Gemäss dem Landesversorgungsgesetz muss die wirtschaftliche Landesversorgung (WL), die dem eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartement angegliedert ist, die konkreten Massnahmen ausarbeiten. Die WL versteht sich als Helfer und Unterstützer in Krisensituationen und versucht Unternehmen für etwaige Krisen zu sensibilisieren. Sie greift nur im absoluten Notfall in den marktwirtschaftlichen Prozess ein. Im Hinblick auf eine Strommangellage empfiehlt die WL Folgendes:

• Bestimmen Sie diejenigen Systeme, welche auf keinen Fall ausfallen dürfen.

• Um kurzfristige Störungen zu überbrücken, lohnt sich die Installation einer Unterbrechungsfreien Stromversorgung- Anlage (USV), damit IT-Systeme, Licht- und Sicherheitsanlagen unterbrechungsfrei weiterarbeiten können.

• Organisieren Sie die Notstromversorgung: Ein unterbrechungsfreier Betrieb der Informatiksysteme und der Beleuchtung ist entscheidend, um bei einer Abschaltung des Stroms die Sicherheit im Betrieb gewährleisten zu können. Bedenken Sie, dass Sie für diese Situation zwingend auf Notstromaggregate angewiesen sind.

• Stellen Sie ausreichende Betriebsstoffvorräte (zum Beispiel Diesel) für den Betrieb Ihrer Notstromaggregate sicher.

Und was leistet der Staat? Bei einer Strommangellage wird er alles daran setzen, das Angebot zu erhöhen und die Nachfrage mittels Kontingentierungen, Verwendungseinschränkungen oder Verboten zu reduzieren. Als letztes Mittel werden in einem vorgängig bekannt gegebenen Rhythmus Netzabschaltungen in Erwägung gezogen.
Auch wenn die Wahrscheinlichkeit eines lang andauernden Stromausfalls gering sein mag, müssen mögliche Krisen- und Katastrophenszenarien und deren Bewältigung auf der Agenda von Politik und Wirtschaft stehen, und auch die Bevölkerung sollte für diese Themen sensibilisiert werden.

Joachim Heldt

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