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Ungenügend auf Notlagen vorbereitet

Hochkarätige ReferateProfessionelles Risikomanagement antizipiert frühzeitig Risiken innerhalb einer dynamischen Wirtschaftsentwicklung und reagiert schnell und adäquat darauf. Doch in der Schweiz haben die meisten Unternehmen diesen Soll-Zustand noch nicht erreicht. Dies ist das Fazit des GS1 Forums für Logistik & Supply Chain vom 7. März 2012, das unter dem Motto «Sind unsere Supply Chains sicher – auch in einer Notlage?» stand.

(bs)Jedes System ist krisen- und störungsanfällig oder kann ausfallen. Je differenzierter es ist, desto grösser ist die Gefahr. Das gilt insbesondere für nationale und internationale Wirtschafts-, Infrastruktur- und Logistiksysteme und betrifft die Privatwirtschaft ebenso wie den Staat, der für die Grundversorgung der Bevölkerung mit den wichtigsten Gütern in Notlagen vorzusorgen hat.
Noch nie waren die Gefahren und Bedrohungen so zahlreich und vielfältig wie heute. Neben den Naturkatastrophen (Erdbeben, Überschwemmungen, Folgen des Klimawandels) bedrohen Kriege und Terroranschläge die Welt. Dazu kommen Krankheiten, Seuchen, Epidemien, aber auch unberechenbare «markttechnische» Turbulenzen wie Börsencrashes, Managementfehler oder der Kampf um endliche Ressourcen.
Die Begriffe «Krise» oder «Katastrophe » werden zwar mit all diesen Ereignissen assoziiert, aber ganz unterschiedlich gebraucht. Es gibt keine verbindliche Definition. An der GS1 Tagung in Baden verwendete Alfred Flessenkämper, stellvertretender Direktor des Bundesamtes für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL), dazu eine originelle Definition. Er zitierte Max Frisch, der gesagt hatte: «Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.»

Situationsanalyse
Wie ist die Schweiz auf Engpässe, Krisen und Katastrophen vorbereitet? Und was beinhaltet ein Risikomanagement? Das waren die Ausgangsfragen für das 7. GS1Forum Logistics & Supply Chain, das am 7. März 2012 in Baden unter dem Motto «Sind unsere Supply Chains sicher – auch in einer Notlage?» stattfand. GS1 Schweiz griff damit – einmal mehr – ein Thema auf, das sowohl in der Privatwirtschaft als auch bei Behörden zunehmend an Bedeutung und Aktualität gewinnt.
Rund 150 Teilnehmer diskutierten und analysierten das Thema und konnten sich dank hochkarätigen Referaten und branchenbezogenen Vertiefungssessionen ein aktuelles Bild über den Stand des Risikomanagements und des Notfallverhaltens von Unternehmen und Behörden in der Schweiz machen.

Umfrage von GS1 Schweiz zeigt Mängel im Risikomanagement
GS1 Schweiz befragte rund 4000 Firmen zu deren Risikoeinschätzung, Notfallszenarien und Massnahmenplänen (Titel: «Vorsorgestatus bei Krisenfällen zur Aufrechterhaltung des Unternehmenserfolges bei Unternehmen in der Schweiz»). Die Resultate der insgesamt 378 Firmen, die geantwortet haben, wurden von Valentin K. Wepfer, dem stellvertretenden Geschäftsführer von GS1 Schweiz, an der Tagung vorgestellt. Demnach setzt sich zwar die Mehrheit der Schweizer Firmen mit Krisen- und Katastrophenszenarien auseinander und ist für den Krisenfall gut vorbereitet, aber (noch) nicht genügend – so das Fazit.
Das heisst: Ein bedeutender Teil der Schweizer Unternehmen ist für den Krisen-, Katastrophen- oder Problemfall grundsätzlich gut gerüstet. Über die Hälfte der Unternehmen verfügen wenigstens teilweise über eine Krisenorganisation und haben Strategien, Pläne und notwendige Massnahmen definiert. Es gibt jedoch auch Schwachstellen. Nur knapp die Hälfte aller Unternehmen verfolgt die identifizierten Risiken ganz oder teilweise. Zudem fehlen in sehr vielen Firmen Notsysteme (Kommunikationsmittel, Notstromaggregate, Betriebsstoffreserven usw.). Handlungsbedarf haben vor allem mittlere und kleinere Firmen.
Die Detailauswertung zeigt, dass sich die Schweizer Firmen im Krisen- oder Katastrophenfall am meisten vor einem Ausfall ihrer Produktionsanlagen,der Energieversorgung, der IT oder des Personals fürchten (38 Prozent). Weitere 25 Prozent sorgen sich um spezielle Marktsituationen. Sie sehen sich von einem Rückgang der Nachfrage oder einer geringeren Produktqualität wegen mangelnder Ressourcen oder dem Ausfall von Vorlieferanten bedroht.
Die Finanzen rangieren mit 12 Prozent auf Platz 3. Damit sind Probleme gemeint, die sich einerseits aus Wechselkursszenarien und andererseits aus mangelnder Liquidität ergeben könnten. Danach folgen mit 11 Prozent die direkten Auswirkungen «klassischer» Katastrophen aus den Bereichen Natur und Umwelt auf die Infrastruktur der Unternehmen.

Hochkarätige Referate
Prof. Dr. Stephan Wagner, Chair of Logistics Management an der ETH Zürich, führte an der Tagung als erster Redner von der wissenschaftlich-technischen Seite her ins Thema ein, indem er einen Überblick über die aktuellen Risiken der Supply Chain skizzierte und Wege zu mehr Sicherheit aufzeigte. Er stützte sich dabei auf die neueste Studie «Global Risk» des World Economic Forum (WEF). Danach gehören der CO2-Ausstoss, das Bevölkerungswachstum, die instabile Finanzsituation und die Infrastrukturen zu den grössten Risiken.
Auf ihn folgte Alfred Flessenkämper, stellvertretender Direktor des Bundesamtes für wirtschaftliche Landesversorgung. Er sprach aus der Perspektive eines Behördenvertreters über «Versorgungssicherheit in Krisen – Beitrag der wirtschaftlichen Landesversorgung ». Wichtigstes Instrument der staatlichen Katastrophenbewältigung ist die Pflichtlagerhaltung. Im Unterschied zum Ausland unterhält der Staat in der Schweiz keine eigenen Reserve- und Notfalllager, sondern verpflichtet die Privatwirtschaft dazu. (Siehe Interview auf Seiten 26 ff.)
Nach den drei Plenumsreferaten wurde das Tagungsthema in parallelen Vertiefungssessionen im Detail analysiert. So wurde das Notfallverhalten bzw. die Versorgungssicherheit unter anderem in den Bereichen Lebensmittel, Güter- und Gesundheitsversorgung, Transport, Anlagen, Technologie und IT thematisiert.
In einem dieser Workshops konkretisierte Dr. Ruedi Rytz (Leiter der Geschäftsstellen Infrastrukturbereiche im BWL) die Verwundbarkeit der Transportlogistik selbst in Friedenszeiten. Als Anfang 2011 das Motorschiff «Waldhof» vor der Loreley havarierte, war die Rheinschifffahrt während vier Wochen so stark beeinträchtigt, dass der Transport über andere Kanäle abgewickelt werden musste, was zu massiven Mehrkosten führte. Oder als im Herbst 2010 in Frankreich landesweit gestreikt wurde, war die Einfuhr von Flugtreibstoff von Marseille nach Genf so lange unterbrochen, dass der Flugbetrieb in Genf-Cointrin beinahe zum Erliegen kam.
Zum Abschluss sprachen Dr. Stefan Brem, Chef Risikogrundlagen und Forschungskoordination beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz, zum Thema «Schutz kritischer Infrastrukturen» und Dr. Klaus Bockslaff über «Wahrheit versus Wahrnehmung: Erfolgsfaktor Krisenkommunikation».

GS1 Schweiz hat Kompetenz in Krisenlogistik aufgebaut
GS1 Schweiz hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Erfahrungen in der Krisenlogistik gesammelt. Als Kompetenzplattform für Standards und Kollaboration, die das optimale Funktionieren der Logistik in Supply Chains in unterschiedlichen Branchen zum Ziel hat, engagiert sich GS1 Schweiz seit rund einem Jahr auch im Projekt NATRAL (Nationaler Ausschuss für die Transportlogistik), dessen Ziel die Sicherung der Güterverteilung in der Schweiz in Krisensituationen ist.

Bernhard Stricker

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