gs1-neton-header-05.jpg

Gütermobilität Schweiz

Verliebt sein, so behauptete kürzlich ein bekannter Psychiater in einer deutschen Talkshow, sei eine psychische Erkrankung. Ein erhebliches Mass an Provokation mag diese Aussage mitverursacht haben. Dennoch ist kaum ernsthaft zu bestreiten, dass dieser Zustand das Handeln der betroffenen Menschen für die Umgebung vielfach nicht nach logischen Kriterien nachvollziehen lässt.

(rv) Die heutige Diskussion zur Frage, wie und mit welchen Infrastrukturen die Gütermobilität in den kommenden Jahrzehnten gesichert werden soll, wird geprägt durch eine nicht mehr überschaubare Zahl an Stellungnahmen. Alle Meinungsäusserungen unterstreichen, unter Beizug von Zahlen, Expertisen und Prognosen, die Bedeutung des bevorzugten Verkehrsträgers und der dazu notwendigen Infrastrukturen. Das ist zu respektieren.

Bedürfnisse als Ausgangspunkt

Um die Gütermobilität und deren Bedürfnisse von morgen und übermorgen erkennen zu können, darf die Sicht der Dinge aus den Augen von «Verliebten» – bei allem Respekt – nicht das Mass der Dinge sein. Die Bedeutung des Vorhabens zugunsten der künftigen Generationen verbietet die Priorisierung eines einzelnen Verkehrsträgers. Eine umfassende Auslegeordnung und die Öffnung des Blicks auf die globalen und europäischen Entwicklungen sind zwingend, sofern die der Aufgabe zuzuordnende Bedeutung für den Lebensraum Schweiz respektiert werden soll. Ein paar Gedanken dazu sollen diese Schlussfolgerung verdeutlichen.
Die Frage nach den künftigen Gütermengen von und nach, aber auch innerhalb der Schweiz zeigt, dass jede Veränderung auf globaler Ebene, noch mehr in Europa und erst recht in der Schweiz einen grundlegenden Einfluss auf die Antwort in der Zukunft haben muss. Zunehmende Verstädterung, demografische Entwicklungen, Wohlstandsgefälle, neue Technologien, Bevölkerungswachstum, Erschöpfung natürlicher Ressourcen und Konsequenzen aus der Erderwärmung sind einige Aspekte, die jeder für sich, aber auch gemeinsam die künftigen Warenströme beeinflussen dürften.

Auch Experten aus unterschiedlichsten Disziplinen ausserhalb der Verkehrsträgerschaft und Politik müssen zur Mitwirkung gewonnen werden.

Der Mensch im Mittelpunkt

Den entscheidendsten Parameter für die Anforderungen an eine künftige Infrastruktur setzen jedoch wir Menschen mit unserem Verhalten. Nur wer dasselbe für die Zukunft möglichst genau antizipieren kann, wird mit seinen Dienstleistungen und Produkten Erfolg haben. Leistungen, die an den Bedürfnissen vorbeizielen, verschwinden vom Markt. Ausgangspunkt aller Überlegungen zur Gütermobilität in der Zukunft muss deshalb die Suche nach den massgeblichen Veränderungen sein. Dabei ist insbesondere mitzuberücksichtigen, dass der Mensch über einen relativ kurzen Zeitraum in der Lage ist, sich und seine Bedürfnisse an veränderte Umgebungen anzupassen. Nur so haben wir überhaupt eine Chance, uns an die künftigen Realitäten heranzutasten.

Vermehrt Infrastrukturen ausschliesslich für Güterbewegungen?

Schiene und Strasse sind heute Infrastrukturen, die sowohl für Personenwie auch Gütertransporte genutzt werden. Ursprünglich primär für den Transport von Gütern gebaut, sehen wir heute bei Schiene wie Strasse, dass der Personen- gegenüber dem Gütertransport bevorzugt zugelassen wird. Dadurch sind die Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der Infrastrukturen beispielsweise (aber nicht nur) im Bereich der Sicherheit auf ein Niveau gehoben worden, das die Bedürfnisse des Warentransports um ein Mehrfaches übersteigt. Wir nutzen und belasten beim heutigen Stand der Dinge eine sehr aufwendige Infrastruktur für eine Mobilität, die dank geringeren Anforderungen mit wesentlich einfacheren (und damit kostengünstigeren und ressourcenschonenderen) Systemen zufrieden wäre. Die Idee ist keineswegs neu: Bereits vor mehr als hundert Jahren stand Chicago vor dem Problem, dass der in den Strassen in rauen Mengen anfallende Pferdemist förmlich «zum Himmel stank». Deshalb wurde ein unterirdisches System von Tunnelgängen erstellt, das die Pferdefuhrwerke mit Warentransporten aufnahm.

Ausgangspunkt aller Überlegungen zur Gütermobilität in der Zukunft muss die Suche nach massgeblichen Veränderungen sein.

Finanzierung künftiger Infrastrukturen

Güter stellen geringere Anforderungen an eine Infrastruktur als Personen. Dadurch werden Modelle ausserhalb einer rein staatlichen Finanzierung und Realisierung von Infrastrukturen denkbar. Auch beim Betrieb und Unterhalt von Infrastrukturen im Trennverkehr sind Einsparungen bei bestehenden wie auch künftigen Infrastrukturen leicht erkennbar. Denkbar ist auch ein sinnvoller Automatisierungsgrad bei den Warenbewegungen, der bei gleichzeitiger Verwendung zugunsten von Personenverkehr (noch) nicht denkbar wäre. Investitionen in künftige Infrastrukturen werden in Zukunft mit Sicherheit deutlicher unter dem Aspekt der Kosten-Nutzen-Relation getätigt werden müssen. Geld ist beim Staat schon heute eine sehr beschränkt vorhandene Ressource. Eine substanzielle Mitwirkung Privater bei der Finanzierung von Infrastrukturvorhaben setzt voraus, dass deren Vorteile erkennbar werden. Die Abdeckung der wesentlichen Marktbedürfnisse und der Beizug der einzelnen Verkehrsträger in denjenigen Bereichen, in denen sie ihre Stärken ausspielen können, würde dadurch zusätzlich gefördert.

Die Aufgabe ist nur gemeinsam zu lösen

Die künftigen Herausforderungen bei der Beschaffung und Verteilung von Gütern können nur gemeinsam bewältigt werden. Deshalb fördert GS1 Schweiz seit Jahren die Steigerung von Effizienz und Effektivität von Wertschöpfungsnetzwerken über die Bereitstellung von Kompetenzplattformen, die das Wissen von Praktikern für Praktiker sammelt, aufbereitet und über Empfehlungen aufzeigt, wie die grösstmögliche Effizienz in einem Wertschöpfungsnetzwerk erzielt werden kann. Über eine der grössten schweizerischen Ausbildungsorganisationen wird das Wissen direkt an die Praktiker weitergegeben. Die eingangs aufgezeigte Vielschichtigkeit der Aufgabe legt nahe, dass die heutige Diskussion ohne eine starke Öffnung des Blickfeldes nicht zielstrebig und mit der Sache im Zentrum der Arbeiten geführt werden kann. Das bedeutet, dass Experten aus unterschiedlichsten Disziplinen ausserhalb der Verkehrsträgerschaft und Politik zusätzlich zur Mitwirkung gewonnen werden müssen. Unter Beizug des relevanten Wissens sollen das Ziel, die Richtung und der Weg definiert werden, damit die Schweiz auch in den künftigen Jahrzehnten eine Infrastruktur besitzt, die den Anforderungen an die Mobilität von Personen und Gütern genügt. Veränderungen beginnen im Kopf. Verharren wir in den bisherigen Positionen, ist die Enttäuschung auf allen Ebenen ebenso wie die Verschleuderung wertvoller Ressourcen vorprogrammiert. Setzen wir die Sache anstelle von Partikularinteressen in den Vordergrund!


Robert Vogel
Präsident GS1 Schweiz

Nach oben