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Mobilität in der Sackgasse

63 Prozent der Schweizer Logistikexperten sind mit der Verkehrspolitik unzufrieden. So lautet das Ergebnis der jüngsten Befragung des Lehrstuhls für Logistikmanagement der Universität St. Gallen und von GS1 Schweiz zur Verkehrspolitik. Befragt wurde das von GS1 Schweiz neu geschaffene Panel von 140 Logistik- und Supply-Chain-Experten der Deutschschweiz und der Romandie.

(vkw) Ob Lebensmittel für den Supermarkt oder Bauteile für den Gotthard-Basistunnel: Güter und Waren sollen schnell, kostensparend, sauber und leise an ihren Bestimmungsort gelangen. Damit beim Transport keine Verzögerungen auftreten, sind leistungsfähige Güterverkehrsnetze und Logistiksysteme nötig. Doch wie zufrieden sind Logistikund Supply-Chain-Experten mit der Verkehrspolitik der Schweiz?

Quo vadis Verkehrspolitik?

63 Prozent der befragten Experten sind ganz oder teilweise unzufrieden mit der heutigen Verkehrspolitik mit Fokus auf den Güterverkehr. Das zeigt die jüngste Befragung des Lehrstuhls für Logistikmanagement und des Fachverbands GS1 Schweiz. Bemängelt wird das Fehlen einer Vision und einer Gesamtstrategie für die Mobilität der Schweiz. Als Ursachen werden unterschiedliche Partikularinteressen und fehlende Kompromissbereitschaft aller Akteure in Politik und Wirtschaft aufgeführt. Nur gerade 20 Prozent halten es für realistisch, dass sich dieser Umstand korrigieren lässt. Trotz der hohen Unzufriedenheit anerkennen jedoch die Experten die hohe Qualität der Infrastruktur.
Angesichts des täglichen Verkehrsinfarkts und des wachsenden Güterverkehrs sind neue Wege, Ideen und Visionen notwendig. Heute erfolgen rund 78 Prozent aller Transporte in der Schweiz auf der Strasse. Dabei werden 356 Millionen Tonnen bewegt. Das Strassennetz ist stark belastet, und 74 Prozent aller Staustunden gehen auf diese Überlastung zurück. Für 2020 wird geschätzt, dass rund 18 Prozent des Nationalstrassennetzes regelmässig überlastet sein werden. Auf der Schiene verlaufen 14 Prozent aller Transporte in der Schweiz.

Die Frage stellt sich, ob dies ein Zeichen von klugem Abwarten ist oder ob es bedeutet, dem technischen Wandel hinterherzuhinken.

Aufgrund der politisch gewollten Verlagerung auf die Schiene wird mit einem weiteren Wachstum gerechnet.
Bezogen auf die einzelnen Verkehrsträger wird der dringlichste Handlungsbedarf auf der Strasse gesehen. Über 70 Prozent sehen hier eine sehr schlechte bis ungenügende Gesamtsituation, die hauptsächlich auf die Überlastung der Nationalstrassen und Autobahnen zu Stosszeiten zurückzuführen ist. Prognosen gehen davon aus, dass der Güterverkehr auf den Schweizer Strassen in den nächsten 20 Jahren zwischen 36 und 87 Prozent zunehmen wird. Auf der Schiene soll das Wachstum sogar zwischen 48 und 96 Prozent betragen. Damit das steigende Güterverkehrsaufkommen in Zukunft gemeistert werden kann, müssen heute die Weichen gestellt werden. Laut der Umfrage wird grundsätzlich eine engere Zusammenarbeit zwischen Politik und Wirtschaft gewünscht und auch gefordert. Ziel sollte es sein, eine übergeordnete Verkehrspolitik mit einer ganzheitlichen Strategie zu etablieren.

Wir können uns Ineffizienzen eigentlich gar nicht mehr leisten.

Vision, Ziele und Strategie?

Für das befragte Expertenpanel liegt der dringendste Handlungsbedarf darin, die Partikularinteressen zu einem ganzheitlichen Masterplan für Güterverkehr und Logistik zusammenzuführen. Erschreckend dabei ist allerdings, dass die Umsetzung dieser Massnahme gemäss den Experten als am wenigsten realistisch eingeschätzt wird. Nur gerade 21 Prozent bewerten nämlich die Zusammenführung und Verknüpfung der unterschiedlichen Interessen zu einer gesamthaften Vision als realistisch. Laut Expertenmeinung dauern unsere politischen Prozesse zu lange, Parteien sind sich in der Vorgehensweise nicht einig und es fehlt der Wille, Innovationen voranzutreiben.
Zwar sehen rund 30 Prozent der befragten Experten die Themen rund um Umwelt, Energie und Technologie im Fokus der Schweizer Verkehrspolitik 2050. Dabei stehen vor allem die Förderung neuer Technologien sowie die Schaffung eines Innovationsvorsprungs im Vordergrund. Es zeichnen sich aber nicht nur optimistische Visionen hinsichtlich der Entwicklungen in den Bereichen Umwelt, Energie und Technologie ab. So wird die Fähigkeit der Implementierung neuer Technologien in Frage gestellt. Zudem sind lediglich 15 Prozent der Experten der Meinung, dass die Schweiz durch die Realisierung einer unterirdischen Transportverbindung zwischen den Schweizer Zentren eine Vorreiterrolle einnehmen soll. Die Frage stellt sich, ob dies ein Zeichen von klugem Abwarten ist oder ob es bedeutet, dem technischen Wandel hinterherzuhinken.
Wir können uns Ineffizienzen eigentlich gar nicht mehr leisten. In Zukunft sind intelligente Infrastrukturprojekte, ausgeklügelte Logistikkonzepte zur Bündelung des Güterverkehrs und mit moderner IT vernetzte Verkehrssysteme die indiskutable Voraussetzung für eine wettbewerbsfähige Wirtschaft. Um diese Anforderungen sicherzustellen, müssten alle Akteure über den eigenen Schatten springen. Die Wirtschaft – Dienstleister wie auch Verlader und Verbände –, Wissenschaft, Politik und Verwaltung sind gefordert, eine gemeinsame Vision zu entwickeln. Nur so kann eine Güterverkehrsplanung entstehen, von der alle Beteiligten langfristig profitieren können.


Valentin K. Wepfer
Stellvertretender Geschäftsleiter GS1 Schweiz, Leiter Geschäftsbereich Collaborative Supply Chains

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