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Auf der Überholspur

Kombinierter Verkehr lohnt sich nicht für kurze Distanzen, meinen die einen. Stimmt nicht, meinen die Verantwortlichen des innovativen Projekts CityCargo Genf. Seit rund einem halben Jahr setzt Coop für die Belieferung von 42 Verkaufsstellen im Grossraum Genf auf den kombinierten Verkehr. Der Clou: Nur 67 Kilometer werden mit der Bahn zurückgelegt.

(kb) Um vier Uhr morgens geht es los: Die ersten Warentransporte rollen von Aclens nach Genf. Täglich verkehren drei Züge mit rund 80 Wechselbehältern zwischen der Coop-Verteilzentrale Aclens und dem Genfer Güterbahnhof La Praille. Für den Transport ist das Gütereisenbahnunternehmen railCare zuständig. railCare ist seit dem Jahr 2010 eine hundertprozentige Tochtergesellschaft von Coop. «Coop ist zurzeit zwar unser Hauptwachstumskunde; als Transportdienstleister sind wir jedoch neutral und bedienen auch andere Kunden», erklärt Philipp Wegmüller, Geschäftsführer von railCare. Von Aclens aus werden Frisch-, Tiefkühl- und Allgemeinwaren in die Stadt und die Agglomeration Genf transportiert – auf der Schiene. Die Feinverteilung erfolgt dann im Anschluss mit dem Camion. Die Verteilzentrale Aclens selbst wird von den nationalen Verteilzentralen Wangen bei Olten sowie Pratteln beliefert – ebenfalls im unbegleiteten kombinierten Verkehr (UKV) – und wickelt insgesamt rund 25 Prozent aller Transporte mit dem UKV ab.

Kurz und gut

UKV an sich ist eigentlich nichts Neues. Die Besonderheit von CityCargo Genf liegt in der Distanz: Gerade einmal 67 Kilometer werden auf der Schiene zurückgelegt. Das ist für den UKV verhältnismässig kurz. Laut Philipp Wegmüller kann die Lösung dennoch mit den Preisen von bisherigen konventionellen Strassentransporten mithalten. Der Kostenvergleich könne sich nicht ausschliesslich auf die Kosten pro gefahrenen Kilometer stützen. «Die Staustunden werden eliminiert, und das hat positive Konsequenzen: Die Produktivität der Fahrer, die Verfügbarkeit der technischen Ressourcen und auch die Zuverlässigkeit der Anlieferungen werden erhöht. Zudem wurden bisherige Arbeitsprozesse innerhalb der Verteilzentralen vereinfacht oder aufgehoben und damit ebenfalls Kosten eingespart.»

Mit dem Strom schwimmen

Von der Verteilzentrale Aclens wird die Ware bis nach Genf auf der Schiene transportiert. Für die Feinverteilung auf die 42 Verkaufsstellen werden Lkws eingesetzt. Der Umschlag erfolgt horizontal mit dem ContainerMover-3000.Durch den Transport auf der Schiene können die Staus auf der stark befahrenen A1 rund um den Genfersee umgangen werden. Für die Verkaufsstellen wird so die Versorgungssicherheit erhöht. Doch nicht nur die Schweizer Strassen sind zunehmend überlastet. Auch auf der Schiene wird es eng, wie in der Studie «Mobilität und Verkehr 2013» des Bundesamtes für Statistik zu lesen ist. Besonders die Kapazität derjenigen Strecken, auf denen sich Personen- und Güterverkehr kreuzen, sei heute weitgehend ausgeschöpft. Bei railCare begegnet man dem Problem mit Pendelzügen und einem Jahresfahrplan der Züge. «Wir reservieren unsere Trassen pro Jahr. Die zugesprochenen Trassen können uns nicht mehr entzogen werden, solange sie genutzt werden», erklärt Philipp Wegmüller. Die Züge hätten ausserdem ähnliche Fahreigenschaften wie die Personenschnellzüge. «Wir schwimmen sozusagen mit dem Personenverkehr mit und profitieren dadurch von einer höheren Trassenauswahl.»

Horizontal umgeschlagen, permanent überwacht

Für die Schnittstellen zwischen Strasse und Schiene setzt railCare auf den Horizontalumschlag und nutzt hierfür den ContainerMover-3000 von Innova- Train. Insgesamt 38 dieser Verschubgeräte sind bei railCare im Einsatz.
«Der ContainerMover-3000 erhöht die Attraktivität des kombinierten Verkehrs gerade auch auf kürzeren Distanzen », meint Pieter van den Bold, Geschäftsführer von InnovaTrain. «Der Umschlag ist sehr schnell und effizient: Der Vorgang dauert nur maximal vier Minuten. Unser Konzept bietet eine hohe Flexibilität. Der Umschlag ist an jedem beliebigen Freiverlade- oder Anschlussgleis möglich. Ausserdem ist das System mit allen Standard-Wechselbehältern und -Containern kompatibel. »
Dabei wird der gesamte Transportweg mittels GPS überwacht. «Unsere Wechselbehälter sind mit GPS-Transpondern ausgerüstet, die über ein Web-Telematikportal im Hinblick auf Temperatur und Geodaten laufend überprüft werden können. Das gilt sowohl für die Strasse als auch für die Schiene», erläutert Philipp Wegmüller. «Zurzeit testen wir ausserdem sieben Wechselbehälter mit einer zusätzlichen Türöffnungsüberwachung.»

CityCargo Zürich, Olten, Basel…?

Das Projekt ist prinzipiell auch auf andere Städte übertragbar. Gemäss der Medienstelle von Coop ist eine Ausweitung auf weitere Transporte in der Westschweiz derzeit in Prüfung. Ähnlich äussert sich Philipp Wegmüller: «Zurzeit finden Gespräche und Abklärungen statt, um das Konzept auf eine weitere Stadt in der Schweiz zu übertragen. Das Pilotprojekt CityCargo Genf ist noch jung. Wir möchten nun Erfahrungswerte gewinnen.»
Und in der Zwischenzeit spart Coop jedes Jahr 1,4 Millionen Lkw-Kilometer auf der Achse Lausanne–Genf. Das entspricht jährlich 1128 Tonnen CO2.

Katharina Birk

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