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Nachhaltigkeit – unser vornehmster Begriff

Nachhaltigkeit – unser vornehmster BegriffNachhaltig ist heutzutage alles, von der Diät bis zum Ausbau der Kapitalkraft. Nachhaltigkeit ist aber unser ursprünglichstes Weltkulturerbe, ein Begriff, der tief in unserer Kultur verwurzelt ist und den es vor seinem inflationären Gebrauch zu retten gilt.

Ja, ich weiss: «Nachhaltigkeit» ist ein sperriges Wort: Nach und halt und -ig und -keit. Ächz, seufz, gähn! Zu lang, zu schwerfällig! Eine massive Anhäufung von stimmlosen Verschlusslauten, Reibelauten, rauen Hauchlauten! Sie erfordern von den Stimmorganen beinahe akrobatische Fähigkeiten im Blockieren und Verschliessen. Besonders gefordert ist der Rachenbereich. Das ist der Bereich, in dem auch die Schnarchgeräusche entstehen. Der Wortkörper erlaubt kaum einen dynamischen Luftstrom, kaum Vorwärtsbewegung. Ein verschnarchtes Wort. Eines, das bereits im Mund Blockaden  hervorruft. Weg damit! Oder?

Ein Wort geht um die Welt

Alle reden von Nachhaltigkeit, sustainability, chi xu fa zhen, desarrollo sostenible… Im gobalen Vokabular des 21. Jahrhunderts hat kein anderer Begriff eine so steile Karriere hinter sich. Wer den Suchbegriff bei Google eingibt, und sei es nur in einer Handvoll Sprachen, kommt schnell auf sagenhafte 100 Millionen Einträge. Es gibt nicht viel, was die Menschen momentan stärker beschäftigt. Ja, ich weiss: Unweigerlich geriet das Wort dabei in das Feuerwerk der Reklamesprache und der politischen Propaganda. Im Speckgürtel von Zürich baute man die «nachhaltigste Autobahn aller Zeiten». Europäische Regierungen erheben «nachhaltiges Wachstum» zum Programm. Die Produktinformation für mein Haarshampoo verheisst mir die «nachhaltige Befreiung der Kopfhaut von Schuppen». Kein anderes Wort wurde so brutal entkernt, verwässert, weichgespült. Steiler Aufstieg, heftiger Absturz? Ist der Begriff schon verbraucht? Verbrannt?

Ich halte dagegen: «Sustainability is the key to human survival – Nachhaltigkeit ist der Schlüssel zum Überleben der Menschheit.» So prägnant brachte es Christopher G. Weeramantry, der sri-lankische Jurist und frühere Vizepräsident des Internationalen Gerichtshofs, auf den Punkt. Das Konzept ist nach wie vor Leitbild der internationalen Gemeinschaft. Zu Recht? Ein Gedankenspiel: Einfach in diesem Satz mal anstelle von «Nachhaltigkeit» die aktuellen Mantras von Politik und Wirtschaft einsetzen: Wachstum – Wettbewerbsfähigkeit – technische Innovation – digitale Revolution. Gewiss sind das Prozesse von grosser Dynamik. Aber Schlüssel zum Überleben der Menschheit? Erscheint da eine tragfähige und verlockende Zukunftsvision?

«Nachhaltigkeit ist der Schlüssel zum Überleben der Menschheit.»
Christopher G. Weeramantry

Was tun? Auf die Frage, was er als Erstes tun würde, wenn ihm der Kaiser die Regierung des Staates anvertraut, antwortete im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung der chinesische Weise Konfuzius: «Unbedingt die Bezeichnungen richtigstellen.» Zheng Ming – wörtlich: «auf korrekte Begriffe halten» – steht noch heute im Zentrum chinesischer Philosophie. Wie wäre es also mit einer Arbeit am Begriff Nachhaltigkeit die seinem Rang angemessen ist? Tauchen wir für einen Moment in die Strukturen des Begriffs ein – und in seine Geschichte.

Zurück zu den Wurzeln
Es war der britische Thronfolger Prinz Charles, der vor einigen Jahren die Frage aufwarf, ob nicht «tief in unserem menschlichen Geist die Fähigkeit schlummere, nachhaltig (sustainably) im Einklang mit der Natur zu leben». Das Denken hat gewiss tiefe Wurzeln in allen Kulturen der Welt. Der Begriff freilich – könnte man sagen – ist ein Geschenk der deutschen Sprache an das globale Vokabular.

Mein Favorit im Dickicht der Definitionen ist schon 200 Jahre alt. Er findet sich in Joachim Heinrich Campes «Deutschem Wörterbuch» von 1809: «Nachhalt ist das, woran man sich hält, wenn alles andere nicht mehr hält.» Nur ein kurzer Satz, aber er hat es in sich. Er nimmt einen damals schon etablierten Ausdruck aus dem deutschen Forstwesen auf. In dem Lexikoneintrag erscheint Nachhaltigkeit nun als Gegenbegriff zu dem, was nicht mehr hält, also kollabiert. Eine frappierende Entdeckung: Dasselbe Denkbild liegt dem Neustart des Begriffs im späten 20. Jahrhundert zugrunde. Am Anfang stand hier der Bericht an den Club of Rome von 1972. Seine Autoren suchten nach einem Modell für ein Weltsystem das «nachhaltig» (sustainable) ist. Und das heisst: gegen einen «unkontrollierbaren Kollaps» gefeit und fähig, die Grundbedürfnisse aller Menschen zu befriedigen.

Ob im deutschen Wörterbuch von 1809 oder im bahnbrechenden Bericht von 1972 – der Begriff richtet den Fokus auf das, was tragfähig ist. Er bündelt die Lösungen, die dauerhaft unsere Lebensgrundlagen bewahren und damit die Optionen für eine lebenswerte Zukunft offen halten. Das ist die erste grosse Konstante des Nachhaltigkeitsdenkens seit seinen Anfängen. Angesichts der heutigen multiplen Krise, vom drohenden Kollaps des Finanzsystems bis zu den Störungen des Klimasystems und dem Scheitern ganzer Staaten, ist sie brandaktuell. Der Begriff schöpft seine Wirkkraft aus dem elementaren Wunsch nach einem tragfähigen Netz des Lebens, letztlich aus unserem Grundbedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit.

Eine Strategie der Reduktion
Die zweite Konstante dieses Denkens knüpft nahtlos daran an: Nachhaltigkeit ist primär eine Strategie der Reduktion, nicht des Wachstums. Der Kontraktion, nicht der Expansion. Der Kollaps von Gesellschaften ist nämlich historisch gesehen in der Regel eine Folge der Übernutzung der verfügbaren Ressourcen. Zu allen Zeiten ging es darum, den Raubbau an der Natur zu stoppen und «unsere Ökonomie» wieder in die «oeconomia naturae» (Linné), die «Haushaltung der Natur» einzubetten. Modern ausgedrückt: Die Ökonomie ist nur ein Subsystem der Biosphäre. Planet first!

1713 hatte der kursächsische Bergbauexperte Carlowitz angesichts der rapiden Entwaldung eine «nachhaltende Nutzung» der Wälder gefordert. Im Interesse der «lieben Posterität», also der nachfolgenden Generationen. Wir bewahren die Ressource Holz, sagten seine Nachfolger in Deutschland – und sehr früh auch in der Schweiz –, indem wir «die wahren Kräfte der Forste» zum Massstab ihrer Nutzung machen. Und das heisst: die Nutzung der Ressource an deren Regenerationsfähigkeit koppeln. Und nicht an die «unsichtbare Hand» des Marktes, den jeweiligen Holzpreis. «Die Holzabgabe aus den Wäldern auf Nachhaltigkeit berechnen», so 1804 der preussische Forstmann Georg Ludwig Hartig, heisst, «sie so zu benutzen suchen, dass die Nachkommenschaft wenigstens ebenso viel Vorteil daraus ziehen kann, als sich die jetzige Generation zueignet.»

Bis in die Formulierung hinein nimmt diese klassische forstliche Definition die Bestimmung der Brundtland-Kommission von 1987 vorweg. Die alte Faustregel für den Umgang mit einer einzigen Ressource, dem Holz, erweitertedie UNO zum modernen Leitbild für eine umfassende Strategie zum Schutz der Lebensgrundlagen auf dem Planeten. Reduce, reuse, recycle – die «three R’s» signalisieren das neue Denken. Am Horizont erscheint ein anderer zivilisatorischer Entwurf. Damals wie heute wird ein ethisches Prinzip zum Massstab gemacht: die Selbstsorge der gegenwärtigen Generation mit der Vorsorge für künftige Generationen in eine Balance zu bringen.

Und jetzt?
In meinem Terminkalender für 2012 war der 22. August dick angestrichen. An diesem Tag hatte die Menschheit
den Vorrat an Naturressourcen verbraucht, die der Planet im ganzen Jahr erzeugte. An diesem Datum hatte sie die Menge an Müll deponiert und an Emissionen in die Luft geblasen, die die Ökosysteme in diesem Jahr absorbieren konnten. Umweltforscher nennen das den Earth Overshoot Day. An diesem Tag überschreiten wir die Tragfähigkeit der Erde. Jedes Jahr erneut.
Jedes Jahr ein paar Tage früher. 2013 fiel der Tag auf den 20. August. Unser viel zu grosser ökologischer Fussabdruck muss heute Ausgangspunkt jeder Form von nachhaltigem Denken und Handeln sein. Doch Nachhaltigkeit hatte von den Urtexten bis heute noch eine weitere Konstante: die Suche nach dem guten Leben, das für alle zugänglich ist. Dieses Streben hat sehr wohl mit Wachstum, Aufstieg und Fülle zu tun. Doch das ist ein qualitativ anderer Prozess als die Steigerung des Bruttosozialprodukts. Da geht es um persönliche Entfaltung eines jeden Individuums und seinen Aufstieg zur jeweils höheren Stufe auf der Pyramide der Bedürfnisse. Da geht es um das Erlebnis von Vielfalt, Buntheit und Schönheit in der Natur, in den zwischenmenschlichen Beziehungen, in den Kulturen der Welt. Um die Möglichkeit, nach Befriedigung der materiellen Grundbedürfnisse die immateriellen Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu rücken, mit einem Wort: um Lebensqualität. Da sind nun keinerlei Grenzen des Wachstums gezogen. In diesen Spielraum lockt uns die Verheissung des guten Lebens für alle. Wie also zwischen nachhaltig und nicht nachhaltig – oder pseudo-nachhaltig – unterscheiden? Mein Vorschlag ist ein einfacher «Lackmustest»:

1. Reduziert sich der ökologische Fussabdruck?
2. Steigt – für jeden zugänglich – die Lebensqualität?
3. Wird die Teilhabe vieler an den Entscheidungsprozessen, der persönliche «Handabdruck», befördert?

Damit kann man den Planeten nicht retten? Wie denn sonst? Alle reden von Nachhaltigkeit. Gut so! Die viel gescholtene «inflationäre» Verwendung des Begriffs sehe ich gelassen. Die Sprache ist ein offenes System, und Nachhaltigkeit ist eine Suchbewegung. Je mehr Menschen sich auf den Begriff einlassen, desto besser. Man begibt sich damit nämlich auf ein Spielfeld, wo man früher oder später gefragt wird: Was ist an dem, was du tust, eigentlich nachhaltig? Der Etikettenschwindel  beginnt dort, wo grünes Wortgeklingel dem «business as usual » ein gutes Gewissen verschafft. Er wird früher oder später durchschaut. Nein, der Begriff Nachhaltigkeit ist nicht verbraucht. Im Gegenteil. Wir haben seine Tragweite noch gar nicht richtig verstanden. Wir ahnen erst, auf was wir uns mit dem Bekenntnis zur nachhaltigen Entwicklung eingelassen haben. Das wird ein Umkrempeln bis tief hinein in das Wesen unserer Industrie-Konsum-Zivilisation. Eine Revolution im wahrsten Sinne des Wortes. Der Begriff zielt auf das grosse Ganze dieser Transformation. Er enthält  alles, worauf es ankommt. Ich finde, er macht Lust auf ein Leben, das weit ausgreift.

Ulrich Grober
Publizist und Autor


Zum Weiterlesen
Ulrich Grober: Die Entdeckung der Nachhaltigkeit – Kulturgeschichte eines Begriffs. Antje Kunstmann Verlag, München, 2010. Erweiterte Taschenbuchausgabe 2013. Auf Englisch: Sustainability – A cultural history. Translated by Ray Cunningham, Green Books, Totnes UK, 2012.


 

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