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Flucht nach vorn

Flucht nach vornBeim Recycling ist Grossbritannien kein Musterknabe. Die Briten setzen auf konsequente Reduktion ihrer riesigen Verpackungs- und Lebensmittelabfallberge. Ihre Erfahrung: Mit freiwilligen Zielvereinbarungen sind Fortschritte bei der Vermeidung von Abfällen effizienter möglich als durch neue Regulierungen.

In keinem Land Westeuropas wird seit einigen Jahren so viel zur Eindämmung von Lebensmittel- und Verpackungsmüll geforscht und diskutiert, und nirgends werden so gross angelegte Kampagnen geführt wie in Grossbritannien.

Recycling auf die englische Art
Die im Jahr 2000 gegründete Organisation WRAP (Waste & Resources Action Programme) lancierte einige gross angelegte Initiativen, um das Recycling auf dem Inselreich voranzutreiben und die Praxis der Beseitigung von Müll auf Deponien einzudämmen. Dazu gehört etwa eine Zielvereinbarung mit der Baubranche, die Hälfte des Bauschutts nicht zu deponieren, sondern wieder in den Wirtschaftskreislauf zu bringen. Unter dem steten und sanften Druck der britischen Regierung haben sich 2005 auch die Lebensmittelindustrie und die Grossverteiler zu einer Vereinbarung zusammengerauft: dem Courtauld Commitment.

Im Gegensatz zur Schweiz oder zu Deutschland ist die Kompostierung von Grünabfuhr auf den britischen Inseln noch wenig fortgeschritten, was zu einem regelrechten Notstand in Deponien führte und die Regierung zum Handeln zwang. Laut der britischen Environment Agency gab es zwar in der letzten Dekade grosse Fortschritte: Noch 2001 wurden nur 11 Prozent des Haushaltmülls rezykliert, zehn Jahre später waren es bereits 40 Prozent. Dennoch bleiben in der britischen Wirtschaft die Recyclingraten für viele Wertstoffe noch weit entfernt von Ländern wie den Niederlanden, Deutschland oder der Schweiz.

Absolute Reduktion seit 2010
WRAP verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, um Haushalte, Unternehmen und Kommunen zu effizienterem Ressourceneinsatz und Recycling von Abfällen zu motivieren. Die britische Regierung hat erkannt, dass die Zielvereinbarungen mit einzelnen Branchen nicht nur dazu dienen, die Abfallentsorgung besser zu bewältigen, sondern auch einen massiven Hebel darstellen, klimapolitische Ziele auf nationaler Ebene umzusetzen. Das Fernziel «zero waste economy» dient somit auch den hoch gesteckten Zielen des vom Parlament verabschiedeten Climate Change Act, der die Reduktion von klimaschädlichen Treibhausgasen um 34 Prozent bis 2020 (Messbasis 1990) vorsieht. Zudem verspricht eine Vermeidungsstrategie kurzfristigeren Erfolg im Abfallmanagement, zumal freigesetztes klimaschädliches Methangas aus offenen Deponien entweicht. Schliesslich sind die Unterzeichner des Courtauld Commitment zur regelmässigen Berichterstattung zu den Fortschritten verpflichtet.

Die Organisation WRAP wurde 2012 von der britischen Regierung und von den Regierungen Schottlands, Wales’ und Nordirlands mit insgesamt 65 Millionen Pfund (im Vorjahr: 79 Millionen Pfund) unterstützt. Diese Mittel erlauben es, nicht nur breit angelegte Präventionskampagnen zu lancieren, sondern auch umfangreiche Studien zu Teilfragen zu finanzieren, etwa zur Frage, welchen Einfluss gewichtsoptimierte Verpackungen auf die CO2-Bilanz der Produkte haben könnten im Vergleich zu anderen Massnahmen wie zum Beispiel einer erhöhten Recyclingrate.

Schritt für Schritt zum Erfolg
Die mit dem Lebensmittel- und Detailhandelsektor ausgehandelte Vereinbarung (Courtauld Commitment) ist ein fortlaufender Prozess, der die Reduzierung von Abfällen nicht nur aus Haushalten, sondern aus Quellen über die ganze Supply Chain hinweg zum Ziel hat. Deswegen werden die Zielvereinbarungen periodisch erneuert. Phase 1 des Courtauld Commitment (von 2005 bis 2010) beruhte auf einer gewichtsbasierten Vorgehensweise. In dieser Phase konnten trotz Wirtschaftswachstum in den ersten Jahren 1,2 Millionen Tonnen Lebensmittel- und Verpackungsmüll (bzw. 3,3 Mio. Tonnen CO2-Äquivalente) vermieden werden. Phase 2 (2010 bis 2012) nahm auch die Reduzierung von Sekundär- und Tertiärverpackungen ins Visier. In dieser Phase wurde erstmals eine absolute
Reduktion von Abfällen und CO2-Emissionen aus Kehricht erreicht:

_Der negative Einfluss auf die CO2-Bilanz durch Verpackungsmüll wurde um 8,2 Prozent gesenkt.

_In der Beschaffungskette wurde in derselben Periode mengenmässig der Abfall um 8,8 Prozent gesenkt – die Zielvereinbarung von fünf Prozent wurde somit übertroffen.

Die im Mai 2013 lancierte Courtauld-3-Phase will weitere 1,1 Millionen Tonnen Abfall und 2,9 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente vermeiden. Noch immer sind allerdings die Haushalte die Hauptadressaten von WRAP-Kampagnen, da sie rund die Hälfte aller Konsumgüterabfälle verursachen: Produzierten sie im Durchschnitt der Jahre 2006 und 2007 noch 8,3 Millionen Tonnen Lebensmittelkehricht (20 Mio. Tonnen CO2-Äquivalente), so waren es 2010 nur noch 7,2 Millionen Tonnen (bzw. 17 Mio. Tonnen CO2-Äquivalente). Davon wären noch 4,4 Millionen Tonnen für den menschlichen Konsum geniessbar gewesen! Dennoch zeigen die Zahlen: Messbarer Fortschritt findet statt.

Engere Kooperation in der Supply Chain
Alleine aufgrund der gigantischen Grössenordnung wird den in der Lieferkette produzierten Abfällen der Kampf angesagt. Einige Fallbeispiele von Abfallreduktionsmassnahmen in der Supply Chain veröffentlichte WRAP in ihrem Zwischenbericht (Courtauld Commitment 2-First Year Progress Report):

_So konnte das irische Detailhandelsunternehmen Musgrave zusammen mit dem Backwarenfabrikanten United Biscuits dank einer besseren Bedarfsplanung am Verkaufspunkt die Verluste bei Promotionsware um 13 Prozent reduzieren. Musgrave stellte die Belieferung von Backwaren so um, dass die regionale Zwischenlagerung weitgehend wegfiel und die Haltbarkeitsdauer der Produkte signifikant erhöht wurde.

_Der auf Fertigmahlzeiten spezialisierte Produzent Kerry schaffte es, in Kooperation mit einem britischen Grossverteiler das Verpackungsmaterial (um 20 Prozent) und den Produktionsabfall (um 33 Prozent) zu reduzieren. Dies gelang durch höhere

_Prognosegenauigkeit der Kunden sowie gemeinsame Produktions- und Bedarfsplanung und ökologisch orientiertes Redesign der Verkaufspackungen. Kerry plant für 2014 weitere Abfallreduktionen von 6,5 Prozent (Basis: 2011).

_Die Supermarktkette Sainsbury’s veranlasste in einer ersten Phase die Zulieferer zu substanziellen Fortschritten in Bezug auf die Rezyklierbarkeit und Gewichtsreduktion von Verpackungsmaterialien. Sainsbury’s verlangt nun von ihren Handelsmarken- Lieferanten, ein Konzept zur Messung, Dokumentation und Steuerung von Prozessen im Hinblick auf Nachhaltigkeit einzuführen, die sogenannte Supplier Sustainability Scorecard.

Gerade letztere Massnahme kommt aus der Erkenntnis heraus, dass es zwischen ökologisch sinnvollen Zielen durchaus Konflikte gibt, die es zu lösen gilt. Musgrave stellte fest, dass die Umstellung auf ein Belieferungssystem von Backwaren zu zusätzlichen Transportkosten führte. «Trade-offs sind unvermeidlich. Wird man beim Ziel Abfallvermeidung belohnt, wird man ein Stück weit bei einem andern Ziel bestraft. Aber wir sind ein lernendes System», sagt Clodagh Thompson, Mediensprecherin bei Musgrave. Hinsichtlich der CO2-Bilanz der Geschäftsprozesse will man weitere Fortschritte erzielen, beispielsweise dieses Jahr nur noch 0,767 CO2 pro Versandeinheit und Transportkilometer (2006 waren es 0,86 CO2/km). Die Reduktion des Treibstoffverbrauchs der Flotte von 42 000 Tonnen (2005) auf 39 000 Tonnen (2012, bezogen auf das Geschäftsvolumen 2005) wurde durch eine optimierte Routenplanung und eine bessere Schulung der Lkw-Fahrer erreicht.

Um in Richtung nachhaltigeren Wirtschaftens vorwärtszukommen, sind auch kleine Schritte wichtig: So bestellt nun Sainsbury’s beim Eigenmarkenlieferanten Toilettenpapier, dessen Kartonrollen im Durchmesser 12 Millimeter kleiner sind als die bisherigen. Effekt: Weniger Zulieferfahrten dank besserer Packdichte führen zu Einsparungen von 140 000 Kilogramm CO2 pro Jahr.

Manuel Fischer



Ein lebhafter Diskurs - Wer ist wofür verantwortlich? Unter den Akteuren der britischen Wertschöpfungskette wird lebhaft gestritten, welche Stufe wie viel Abfälle verursacht. So berufen sich Grossverteiler wie Tesco auf Analysen, wonach vom Feld bis zum Teller 32 Prozent aller Kalorien als Müll vernichtet werden, wovon der Detailhandel aber nur ein Prozent verursache. Andererseits stehen Grossverteiler in der Kritik: Das häufige Anbieten verbilligter Promotionsware verleite die Haushalte zum Fortwerfen von Lebensmitteln. Britische Umweltgruppen fordern mehr Transparenz. Die Haushalte würden zu Unrecht getadelt, wenn die Lebensmittelindustrie für die Hälfte der Verschwendung verantwortlich sei. Die Vermeidung von Produktionsabfällen müsse Eingang in die Zertifizierung von Qualitätssicherungsstandards finden, fordern sie. Die lebhafte Diskussion zeugt vom gemeinsamen politischen Willen, bei der Abfallvermeidung und der Ökologisierung der Konsumgüterwirtschaft Fortschritte zu erzielen. Die von WRAP breit angelegte und 2007 lancierte Kampagne «Love food hate waste» will die Bevölkerung für Recycling und Abfallvermeidung sensibilisieren und zu innovativen Lösungsansätzen anregen.

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