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Europäischer Standard auch in der Ausbildung

Berufsleute, die Logistik als ganzheitliches, prozessorientiertes Konzept denken und auch noch einschlägige Projekterfahrung mitbringen, sind auf dem europäischen Arbeitsmarkt gefragt. Die ELAQF-Standards der europäischen Logistik-Vereinigung ELA dienen als Orientierungshilfe bei der Rekrutierung von Fachpersonal auf dem internationalen Arbeitsmarkt.

Der EQR definiert eine Reihe von Bildungsniveaus, die das ganze Spektrum von Bildungsergebnissen abdecken soll. Jedes Niveau wird durch Deskriptoren (siehe Beispiel) beschrieben. Die Deskriptoren beziehen sich auf Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen. Unter Kenntnissen wird dabei Theorie- und/oder Faktenwissen verstanden. Fertigkeiten können kognitiver Natur (Problemlösefähigkeit, kreatives Denken usw.) oder praktischer Natur sein (z. B. Umgang mit Instrumenten und Materialien).

Ob in der Schweiz, in Deutschland, anderswo in Europa oder in Übersee: Logistik wird zunehmend als ganz- heitliches, prozessorientiertes Konzept verstanden, dementsprechend sind generalistisch ausgebildete Fachleute gefragt. Oft suchen Unternehmen, die in neuen Märkten tätig werden wollen, zuerst einmal auf dem lokalen Arbeits- markt nach Fachkräften. Gut ausge- bildete  Logistiker  zu  finden,  welche das geforderte prozess- und kunden- orientierte Denken mitbringen und bereits in der Praxis erfolgreich umge- setzt haben, ist nicht einfach. Häufig bekunden Linienvorgesetzte wie HR- Rekrutierungsspezialisten Mühe, das Bündel der Kompetenzen der Jobkan- didaten aus einem andern Land richtig einschätzen zu können.

Internationale Zertifikate
«Logistik ist eine dynamische Branche. Die Anforderungen ans Fachwissen ändern schnell. Dementsprechend gibt es  sehr  viele  verschiedene  Angebote und  Kurse,  welche  versuchen,  Schritt zu  halten. Die  einen  sind  sehr  spezi- fisch, andere sehr universalistisch aus- gerichtet»,  sagt  Nicole  Geerkens,  Ge- schäftsführerin der European Logistics Association   (ELA),  des   europäischen Berufsdachverbands der Logistiker. Bereits  Ende  der  1990er-Jahre  wurde die  ELA  aufgrund  von  Anfragen  aus weltweit  tätigen  Unternehmen  aktiv. Um Fachwissen, Fertigkeiten und Kom- petenzen im Berufsfeld Logistik zu be- werten  und  zu  bescheinigen,  formu- lierte die ELA bereits 1998 ein Bündel von   Anforderungen,   welche   Berufs- leute erfüllen müssen, um zu einem in- ternational  gültigen  Zertifikat  zu  ge- langen. Der ELA-Ausschuss für solche Zertifizierungen  (ECBL)  unterscheidet drei   Stufen,  die   aber   in   allen  Sub- branchen   und   Arbeitsbereichen   der Logistik zum Tragen kommen sollen.

  • Der «European Junior Logistician» (EJLog) führt vorwiegend operative Tätigkeiten aus, kann aber auch Prozesse beaufsichtigen und als Führungskraft in Linienfunk- tion ( Teamvorgesetzter) tätig sein. Auf diesem Niveau sind bereits vertiefte Kenntnisse in Betriebswirt- schaft sowie zu Teilprozessen in der Beschaffungs-, Produktions-, Lager-, Distributions- und Entsorgungslogistik gefordert und auch anzuwenden.
  • Für Manager oder Berater, die beauf- tragt sind, verschiedene Teile eines Logistiknetzwerks zu planen, zu koor- dinieren und logistische Prozesse in ihrer Wirksamkeit zu kontrollieren, wird der Titel «European Senior Logistician» (ESLog) angeboten. Sie sind im betrieblichen Alltag bei- spielsweise bereits vertraut mit den Planungsmitteln innerbetrieblicher Logistiksysteme und der dazugehörigen Materialwirtschaft (Layout planen, Konzeptbildung, Dimensionierung) oder sind verantwortlich für den Aufbau von Kooperationen in firmenübergreifenden Wertschöpfungsnetzwerken.
  • Schliesslich wird noch der «European Master Logistician» (EMLog) ver- liehen für Fach- und Führungskräfte mit langjähriger Erfahrung im Logis- tikgeschäft. Diese sollen bereits in verantwortungsvoller Position als Bereichsleiter oder auf Geschäfts- leitungsebene tätig sein.

Gerade Fachleuten, die zwar über so- lide Ausbildungsabschlüsse verfügen, aber aus Ländern kommen, deren Bildungseinrichtungen anderswo nicht bekannt sind oder deren Renommee nicht über die Landesgrenzen hinaus reicht,  verschaffen die internationalen ELA-Standards  Anerkennung  in der Branche. Nicht von ungefähr  tritt im Übersichtsprospekt zu den ELA- Zertifikaten ein Logistikfachmann aus Rumänien als Zeuge auf: «Das europäische Zertifikat  in der Tasche verhilft mir zu mehr Glaubwürdigkeit, wenn ich mit meinen Partnern in der Zulieferkette kommuniziere.»

Qualifikationen vergleichbar machen
Eine neue Herausforderung stellt der Europäische Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen dar, kurz EQR genannt. Diese Initiative der Europäischen Union soll berufliche Qualifikationen und Kompetenzen innerhalb Europas vergleichbar machen. Durch die  Definition  eines  Rasters  soll  der EQR als «Übersetzungshilfe» zwischen den Qualifikationssystemen der Mit- gliedstaaten dienen, damit Bildungs- abschlüsse für die Arbeitgeber sowie die Berufstätigen und Absolventen vergleichbarer und verständlicher werden. Darüber hinaus verfolgt die im April 2008 beschlossene Empfehlung noch weitere Ziele: die internationale berufliche Mobilität und die Förderung lebenslangen Lernens.

Damit der EQR auf unterschiedliche Systeme anwendbar ist, basieren die Qualifikationsniveaus ausschliesslich auf Lernergebnissen, also darauf, was Absolventen eines Studiengangs oder Berufstätige wissen, verstehen und im Alltag können und anwenden. Konkrete Inhalte, die Dauer eines Lernprozesses oder die Art der Bildungs- einrichtung sind sekundär. Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten können im Rahmen eines Bildungsgangs, aber auch auf informellem Weg erworben werden.

Die ELA nahm dies vor über zwei Jahren zum Anlass, ihre eigens definierten Standards  dem  EQR-Raster  anzupassen. So wurden innerhalb des achtstufigen EQR-Rasters den oben beschriebenen Qualifikationen die Stufen 4, 6 und 7 zuerkannt. Berufsleuten  in der Logistik steht es offen, ihr Kompetenz- profil nachträglich von der ELA zertifizieren zu lassen. «Leute mit Berufserfahrung haben sehr unterschiedliche schulische Hintergründe und können dennoch auf demselben Komplexitätsniveau arbeiten in einer Logistikfunktion. Das wollen wir damit honorieren», sagt hierzu Nicole Geerkens. Zunehmend sind international tätige Unternehmen interessiert, Schlüsselpersonen in Logistikfunktionen nach ELA-Standards zertifizieren lassen. Beantragt wird dies von so unterschiedlichen Organisationen wie der Weltbank, einem dänischen Getränkekonzern oder von Tupperware.

Die EQR-Initiative der EU führt dazu, dass weitere Projekte anstehen. So definierte die ELA sieben typische Tätigkeitsfelder logistischer Aktivitäten, wie beispielsweise Supply Chain Prozessmanagement, Beschaffungs- und Distributionslogistik, Lagerhaltung, Transporte, für die Stufen 3 bis 8. Das Dokument mit der Beschreibung der Jobprofile ist allerdings noch nicht offiziell verabschiedet worden.

Ausbildungsinstitut und Zertifikat Absolventen von Bachelor- oder Masterstudiengängen in Logistik, die am Anfang der Berufskarriere stehen, können ein provisorisches ELA-Zertifikat beantragen. Das definitive Papier wird nach Nachweis mehrjähriger Tätigkeit im Berufsfeld Logistik (durch Lebenslauf usw.) nachgereicht. Sowohl die ursprünglichen ELA-Standards als auch die an den EQR-Raster angepassten legen Wert auf die im Berufsalltag erworbenen Handlungskompetenzen. Dies ist übrigens von Vorteil für Schweizer Berufsleute, welche häufig den Weg der höheren Berufsbildung gewählt haben, der den hohen Praxisbezug und die berufliche Erfahrung betont. Sie erlangen nach erfolgreichem Bestehen der national   gültigen Berufsprüfungen oder höheren Fachprüfungen (durchgeführt durch von GS1 Schweiz bestellte Prüfungsgremien) auch ein ELA-Zertifikat als Zusatzdokument.  ||

Manuel Fischer

 

Die drei Stufen

EJLog (Niveau 4 gemäss EQR)
Der ELA-Standard beschreibt Fähigkeiten in den Bereichen allgemeine Betriebswirtschaft, Supply Chain and Logistics Design, Planning und Execution auf dieser Stufe, wie beispielsweise:
• kann ein Team führen
• versteht eine Erfolgsrechnung und kann eine Bilanz lesen
• versteht die Wirkung von Nachfrageschwankungen auf die Lieferkette
• ist fähig, verschiedene Kommissionier- und Lagerhaltungssysteme zu beschreiben

ESLog (Niveau 6 gemäss EQR)
Auch dieser ELA-Standard beschreibt Fähigkeiten in den Bereichen allgemeine Betriebswirtschaft, Supply Chain and Logistics Design, Planning und Execution auf dieser Stufe, wie beispielsweise:
• versteht das Konzept «Netto-Kapitalwert» (Barwert)
• überwacht aktuelle Kosten und vergleicht sie mit budgetierten Kosten
• identifiziert und nutzt Leistungskennzahlen
• versteht das Phasenmodell im Projektmanagement
• disponiert die Terminplanung von Transportaufträgen
• kreiert und sorgt sich um kollaborative Lieferantenbeziehungen

EMLog (Niveau 7 gemäss EQR)
Auch dieser höchste ELA-Standard beschreibt Fähigkeiten in allen vorhin erwähnten Bereichen:
• identifiziert und bewältigt unternehmerische Risiken
• beeinflusst und unterstützt andere, um eine höhere Leistungsfähigkeit im
Betrieb zu erreichen
• versteht den Einfluss technologischer Innovation auf die momentane
Struktur der Supply Chain
• richtet eine strategische Beschaffungsplanung ein

Weblinks zum Thema
• ec.europa.eu/ploteus/sites/
eac-eqf/files/brochexp_de.pdf
• www.elalog.org > ELA Certifi- cation

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