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Umfrage: Was tun gegen Fachkräftemangel?

Eine Kurzumfrage zeigt: Das Thema Fach- und Führungskräftemangel beschäftigt die Logistikbranche. Bestimmte Stellen mit qualifizierten Kandidatinnen und Kandidaten zu besetzen, fällt zunehmend schwerer und stellt die Personalabteilungen vor neue Herausforderungen.

 

 

«Berufe in der Logistik haben Zukunft.»

Heinz Jaun, Leiter HR BU Handel / Supply Chain Management, Emmi Schweiz AG

GS1 network: Wie zeigt sich bei Ihnen der Fachkräftemangel?
Heinz Jaun: Qualifizierte Stellen im Bereich Logistik / Supply Chain zu besetzen, fällt uns bei Emmi tatsächlich nicht leicht. Vor allem fehlen uns Führungskräfte mit Erfahrung, aber auch Chauffeure und Logistiker sind rar. Auch zeigen sich die Auswirkungen des demografischen Wandels und der zunehmenden Akademisierung bei der Besetzung der Lehrstellen. Trotz der vielfältigen Aufgaben, die wir jungen Leuten in der Logistik bieten können, wird es für uns Jahr für Jahr schwieriger, Nachwuchs zu rekrutieren.

Heute sind es nicht mehr die Schulabgänger, die keine Lehrstelle  finden. Die  Situation  hat  sich  gedreht:  Es  sind die Unternehmen, die ihre Ausbildungsplätze teilweise nicht besetzen können.

Worauf führen Sie den Fachkräftemangel zurück ?
Die Ursachen für den Fachkräftemangel sind vielfältig. Neben der demografischen Entwicklung hat die Logistikbran- che wohl auch mit ihrem Image zu kämpfen. Im Vergleich zu heutigen Trendberufen wie der Informatik wird die Logistik nicht als attraktiv wahrgenommen.

Einerseits hat das seine Berechtigung: In der Branche herrschen andere Arbeitsbedingungen als im kaufmännischen Bereich. So sind viele Berufe auch mit körperlicher Belastung verbunden. Dem sollte aber die hohe Bedeutung der Logis- tik innerhalb eines Unternehmens gegenübergestellt werden. Sie ist gerade in international agierenden Firmen wie Emmi ein Eckpfeiler der Globalisierungs- und Wachstums- strategie, verfügt über einen stetig steigenden Stellenwert und trägt massgeblich zum wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens bei. Auf qualifizierte Logistikfachleute können wir nicht verzichten. Mit fundierten Logistikkenntnissen besitzt man heute und auch in Zukunft eine sehr gute Ausgangslage, um beruflich voranzukommen.

Bei welchen Berufen haben Sie den höchsten Bedarf (heute und in zehn Jahren)?
Logistiker mit Berufslehre, Logistikfachleute, Leiter Logistik, Supply Chain Manager, Transport-Disponenten, qualifizierte Chauffeure.

Was unternehmen Sie, um dem Fachkräftemangel zu begegnen?
Ich sehe die Mitarbeiterbindung als eine gute mittel- und langfristige Möglichkeit zur Vorbeugung gegen den Fach- kräftemangel. Mit klaren Rahmenbedingungen fördern wir unsere Fachkräfte auf allen Ebenen. Dazu gehören Weiterbildungs- und Karrieremöglichkeiten, Zufriedenheitsumfragen und Wertschätzung. Und mit einer gezielten Laufbahnentwicklung beabsichtigen wir, 80 Prozent der Führungskräfte im Bereich logistik und Supply Chain Management intern besetzen zu können.

Ist nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative ein Massnahmenpaket gegen den Fachkräftemangel notwendig? Wenn ja, was erwarten Sie von der Politik?
Ich bin der Meinung, dass nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative die Politik Vorkehrungen treffen sollte, um die Schweiz als Arbeitgeberland für ausländische Mitarbeitende, aber auch für angelernte Arbeitskräfte attraktiv zu behalten. Ansonsten befürchte ich eine deutliche Beeinträchtigung des Wirtschaftsstandortes Schweiz.

 

«Wir setzen auf eine nachhaltige Personalentwicklung.»

Markus Ströbel, Head of Human Resources, Fiege Logistik (Schweiz) AG

GS1 network: Wie zeigt sich bei Ihnen der Fachkräftemangel?
Markus Ströbel: Die Anzahl an qualifizierten Bewerbungen hat erheblich nachgelassen. Ebenso müssen wir für die Per- sonalbeschaffung mehr Zeit und Ressourcen einplanen, und die Reaktionszeit wird immer kürzer. Als Ausbildungsbetrieb gestaltet sich die Suche nach Auszubildenden immer schwieriger, auch wenn wir wie auch die gesamte Branche (Spedlogswiss) den Jugendlichen interessante, lehr- und abwechslungsreiche Ausbildungsplätze in einem dynamischen Umfeld bieten können.

Worauf führen Sie den Fachkräftemangel zurück?
Für mich gibt es drei  Gründe für den Fachkräftemangel: die demografische Entwicklung, die Anzahl an Studiums- und Weiterbildungsmöglichkeiten und die Zuwanderungsinitiative.

Bei welchen Berufen haben Sie den höchsten Bedarf (heute und in zehn Jahren)?
Kurz- wie auch mittelfristig suchen wir Speditions- und Logistikfachleute im kaufmännischen und gewerblichen Bereich.

Was unternehmen Sie, um dem Fachkräftemangel zu begegnen?
Wir richten unsere Aktivitäten auf die Steigerung der Arbeitgebermarke aus und setzen ausserdem auf eine nachhaltige Personalentwicklung.

Ist nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative ein Massnahmenpaket gegen den Fachkräftemangel notwendig? Wenn ja, was erwarten Sie von der Politik?
Ich erwarte, dass die Zuwanderung in Berufen mit Fachkräftemangel, sowie die Ausbildungs- und Berufswahl gezielt gesteuert werden. Ausserdem sollte die Attraktivität der Branchen mit überdurchschnittlichem Fachkräftemangel gesteigert werden.

 

«Es braucht mehr Zeit für die Neu- oder Wiederbesetzung von Stellen.»

Pirmin Trachsel, Leiter HR, Galliker Transport AG

GS1 network: Wie zeigt sich bei Ihnen der Fachkräfte­mangel?
Pirmin Trachsel: Gewisse Fachkräfte können nur noch sehr schwierig rekrutiert werden. Zur Verfügung stehende Interessenten weisen meist Handicaps oder Mängel auf; die Gefahr steigt, dass die Qualität der Belegschaft sinkt. Es braucht mehr Zeit für die Neu- oder Wiederbesetzung von Stellen. Zudem sehen wir uns mit wachsenden Lohnforderungen konfrontiert. Heute werden vermehrt Fachleute aus den eigenen Reihen mit übertriebenen Angeboten geködert oder gar abgeworben.

Worauf führen Sie den Fachkräftemangel zurück?
Die Schweiz wandelt sich. Der Bedarf an Mitarbeitenden mit höherem Bildungsniveau hat stark zugenommen. Dieser Trend hat  die  Berufswahl junger Leute hin zu Karrieren mit akademischem Hintergrund oder weiteren Berufen im Tertiärsektor stark gefördert. Kommt hinzu, dass diese Berufe «höher» eingestuft und attraktiver bewertet werden. Die Tendenz weg vom klassischen Handwerksberuf geht somit weiter.

Bei welchen Berufen haben Sie den höchsten Bedarf (heute und in zehn Jahren)?
Heute: Chauffeure CE, Logistiker, Mechaniker, Autolackierer, Kaufleute. In zehn Jahren: Chauffeure CE, Logistiker, Mecha- niker, Kaufleute.

Was unternehmen Sie, um dem Fachkräftemangel zu begegnen?
Wir forcieren die Lehrlingsausbildung in den für uns wichtigen Berufszweigen. In unserer betriebseigenen Fahrschule bilden wir in grosser Zahl Quereinsteiger zu Chauffeuren CE aus. Teilweise ergänzen wir Vakanzen mit entsprechenden Fachleuten und Arbeitskräften aus dem Ausland. Sehr wichtig sind für uns eine positive Firmenkultur und attraktive, moderne Arbeitsplätze. Mitarbeitende, die sich wohlfühlen, sind motiviert, zeigen guten Spirit und halten dem Arbeitgeber die Stange.

Ist nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative ein Massnahmenpaket gegen den Fachkräftemangel notwendig? Wenn ja, was erwarten Sie von der Politik?
Auf jeden Fall braucht es ein Ventil, um trotzdem an die notwendigen Fachkräfte aus dem Euroraum zu kommen. Die Politik wird allfällige Kontingente laufend den Erfordernissen einer erfolgreich agierenden Wirtschaft anpassen müssen. Vorrang muss der Erhalt von Arbeitsplätzen haben. Und das wiederum kann nur mit genügend Fachkräften gewährleistet werden.

 


«Die Logistikberufe für Frauen attraktiver machen.»

Markus Klopfenstein, Leiter Personal, PostLogistics AG

GS1 network: Wie zeigt sich bei Ihnen der Fachkräfte­mangel?
Markus Klopfenstein: PostLogistics befindet sich aufgrund der Entwicklungen im Bereich E-Commerce und dem Trend zu digitalisierten Dienstleistungen in einem wachsenden Zukunftsmarkt. Entsprechend steigt der Bedarf an Spezialisten an der Schnittstelle von IT und Logistik, aber auch an zuverlässigem Zustellpersonal und an Führungskräften in der Produktion.

Aktuell erleben wir noch keinen akuten Fachkräftemangel. PostLogistics bietet im Branchenvergleich attraktive Anstel- lungsbedingungen, ist eine begehrte Arbeitgeberin und kann die benötigten Mitarbeitenden zurzeit in der Regel noch ohne grössere Schwierigkeiten rekrutieren.

Worauf führen Sie den Fachkräftemangel zurück?
Die alternde Belegschaft in den nächsten zehn Jahren müssen mindestens zwanzig Prozent der Mitarbeitenden ersetzt werden sowie die steigenden Anforderungen bei den Logistikberufen ziehen langfristig einen Fachkräftemangel nach sich. Es kommt hinzu, dass die Schweizerische Post früher über Monopolberufe verfügte. Die Laufbahnen waren vorgegeben, und gerade in den Kaderbereichen konnte ge- nügend Personal intern rekrutiert werden. Heute bietet PostLogistics unterschiedliche Profile mit sehr spezifischen Anforderungen an, was es teilweise schwierig macht, externe Kandidaten zu gewinnen.

Bei welchen Berufen haben Sie den höchsten Bedarf (heute und in zehn Jahren)?
Aktuell gesuchte Berufsgruppen sind Paketzusteller, Grup- penleiter in der Zustellung sowie Spezialisten an der Schnitt- stelle von IT und Logistik. Gerade der Bedarf an Mitarbeitenden in der letztgenannten Gruppe wird sicherlich innerhalb der nächsten zehn Jahre noch zunehmen.

Auch Verzollungsspezialisten und Transport-Disponenten sind relevante Schlüsselfunktionen, wobei im Bereich der Verzollung die Entwicklung des zukünftigen Bedarfs stark von den politischen Rahmenbedingungen abhängt.

Was unternehmen Sie, um dem Fachkräftemangel zu begegnen?
Das Employer Branding von PostLogistics wird bis Ende 2015 komplett überarbeitet. Damit positioniert sich das Unternehmen mit seinen vielfältigen Berufsbildern noch stärker als moderne und attraktive Arbeitgeberin auf dem Arbeitsmarkt.

Weiter investiert PostLogistics in die Gesundheit und Leistungsfähigkeit auch der älteren Mitarbeitenden. Mit einer qualitativ hochstehenden Berufsbildung entwickeln wir den Nachwuchs, und durch Kadernachwuchsprogramme werden neue Führungskräfte gezielt gefördert.

Ist nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative ein Massnahmenpaket gegen den Fachkräftemangel notwendig? Wenn ja, was erwarten Sie von der Politik?
Zurzeit ist noch unklar, wie die Initiative konkret umgesetzt werden wird, daher sind die Auswirkungen noch nicht genau absehbar. Grundsätzlich wird die Masseneinwanderungsinitiative die Rekrutierung in der Logistikbranche nicht vereinfachen, da Arbeitskräfte aus dem EU-Raum und aus Drittstaaten für Logistikunternehmen wichtige Zielgruppen sind.

Gerade in Betriebsfunktionen (Zustellung, Sortierung) beschäftigt PostLogistics viele ausländische Arbeitskräfte. Ohne diese Mitarbeitenden wäre die Aufrechterhaltung des Leistungsangebots erschwert. Wir warten jedoch nicht auf die Politik. PostLogistics sieht noch brachliegendes Rekrutierungspotenzial im Inland: beispielsweise indem wir die Logistikberufe für Frauen attraktiver machen.

 


«Die Wirtschaft setzt immer mehr auf kostengünstige Praktikanten statt auf Berufsfachleute.»

Roland Schumacher, CEO, SISA Studio Informatica SA

GS1 network: Wie zeigt sich bei Ihnen der Fachkräftemangel?
Roland Schumacher: Wir stellen fest, dass es schwierig ist, Personal zu finden, das Logistik- und IT-Know-how, Berufs- erfahrung sowie überdurchschnittliches Engagement vereint.

Worauf führen Sie den Fachkräftemangel zurück?
Meiner Meinung nach tragen die Arbeitgeber, unser Ausbildungssystem, aber auch die Arbeitnehmer selbst dazu bei. Leider wird in der Wirtschaft öfter mehr auf Praktikanten statt auf Berufsfachleute gesetzt. Das heisst, Teilzeitmitarbeitende leisten als Praktikanten einen normalen Job, der eigentlich nichts mit einem Praktikum zu tun hat, und erhal- ten dafür Saläre von unter 1000 Franken pro Monat. Dies ist eine fatale Tendenz. Hinzu kommt, dass Arbeitgeber immer weniger Engagement zeigen, Lehrlinge auszubilden und die Mitarbeitenden weiterzuentwickeln. Das führt zu höheren Fluktuationsraten und zu Know-how-Verlust.

Was unser Ausbildungssystem betrifft, wäre im Bereich Berufsabschluss mehr Kontinuität in den Lehrgängen und Berufsbildern sinnvoll. Ausserdem ist der Trend zur Akademisierung von Berufsbildern zu stark ausgeprägt. Besser wäre, auf eine gesunde Mischung von Berufsfachleuten, FH- und Uni-Absolventen zu setzen. Und nun erlaube ich mir noch eine unpopuläre Aussage: Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Arbeitnehmer bereits in Bewerbungsgesprächen der Freizeit Priorität vor überdurchschnittlichem beruflichem Engagement geben – und dies in einer Welt, die extrem kompetitiv ist.
 
Bei welchen Berufen haben Sie den höchsten Bedarf (heute und in zehn Jahren)?
Speditions- und Zollspezialisten mit hohem IT-Know-how, Softwareentwickler, Projektleiter und IT-Techniker.

Was unternehmen Sie, um dem Fachkräftemangel zu begegnen?
Wir bilden zusätzliche Lehrlinge aus und führen Projekt- und Diplomarbeiten mit Fachhochschulen durch mit dem Ziel, frühzeitig in Kontakt mit interessanten Arbeitskräften zu kommen.

Ist nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative ein Massnahmenpaket gegen den Fachkräftemangel notwendig? Wenn ja, was erwarten Sie von der Politik?
Die Masseneinwanderungsinitiative ist aus meiner Sicht verheerend für die Wirtschaft. Aber unabhängig davon erwarte ich, dass die Berufslehre auch für Schülerinnen und Schüler, die vielleicht nicht den besten Abschluss haben, gefördert wird. So könnte die Zahl der unqualifizierten Arbeitskräfte ohne Lehrabschluss verringert werden. Es wäre auch sinnvoll, gezielte Anreize für Ausbildungsbetriebe zu schaffen. Zudem sollten ganzheitliche IT-Ausbildungsmöglichkeiten gefördert und mehr auf gelernte Berufsleute anstatt auf Praktikanten gesetzt werden.

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