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Alt, gesund und leistungsfähig

Was die Demografie von Logistikern verlangt. Der demografische Wandel wird die Schweiz in den kommenden Jahrzehnten prägen. Die Zahl der Erwerbstätigen wächst langsamer als die Bevölkerung. Arbeitnehmende werden mit steigender Lebensarbeitszeit älter. Gerade in der Logistik mit ihren hohen körperlichen Beanspruchungen verlangt das nach zukunftssicheren Rezepten.

Die Schweiz wächst. Das Bundesamt für Statistik rechnet damit,  dass  die Wohnbevölkerung der Schweiz bis 2055 auf rund neun Millionen Personen ansteigen wird, um dann bis 2060 auf diesem Niveau zu verharren. Die Bevölkerung wird  auch  immer  älter: Die  Zunahme   der  Lebenserwartung, vor allem aber die derzeitige Altersstruktur ziehen eine beschleunigte Alterung der Bevölkerung nach sich. Die Zahl der Personen im Ruhestandsalter wird in den kommenden Jahrzehnten wachsen.

Die Zahl der erwerbsfähigen Personen wird hingegen nicht gleich rasch ansteigen wie die der Personen im Pensionsalter. Daran ändert nach Angaben der Statistiker auch eine stärkere Einwanderung nichts. Sowohl das Verhältnis der Personen ab 65 Jahren zu den Personen zwischen 20 und 64 Jahren  als  auch  die  Relation  zwischen den über 64-jährigen und den 20 bis 64 Jahre alten Erwerbspersonen  werden in den nächsten 50 Jahren rasch steigen.

Wegen der Bevölkerungsalterung und der tiefen Geburtenrate prognostiziert das Bundesamt für Statistik für die nächsten Jahrzente ein Arbeitskräftedefizit. Die Mehrbeschäftigung von Frauen allein vermag dieses nicht zu kompensieren. Und bloss auf eine verstärkte Migration ausländischer Fachkräfte zu zählen, wird nicht als nachhaltige Lösung angesehen. Die Produktivität der Schweizer Unter- nehmen könne am besten mit einer Verlängerung des individuellen Er- werbslebens gesichert werden. Des- halb dürfte die Gruppe der älteren Arbeitskräfte  im  Zeitraum  von  2005 bis 2025 einen verlagerungsbedingten Zuwachs des Arbeitsvolumens von etwa 37 Prozent erfahren.

Gezielte Strategien für die älter werdende Belegschaft
Vor  diesem  Hintergrund  verlangt  die «Strategie für eine schweizerische Alterspolitik» des Bundesrates eine bessere Integration älterer Arbeitnehmer in die Arbeitsprozesse. Der Arbeitsmarkt müsse den Bedürfnissen dieser Arbeitsprozesse. Der Arbeitsmarkt müsse den Bedürfnissen dieser Arbeitnehmer besser angepasst werden, um ihr Leistungspotenzial zu fördern. Das SECO setzt im  Hinblick auf das Fördern und Erhalten der Erwerbsfähigkeit bis ins ordentliche Pensionierungsalter vor allem auf zwei
Punkte:

  1. Altersgerechte Arbeitsbedingungen, um vorzeitigen physischen Verschleiss zu vermeiden und Flexibilität, Kreativität und Lernbereitschaft zu erhalten
  2. Individuelle Massnahmen zur altersgerechten Gestaltung der Tätigkeit der àlteren, mit denen die altersbedingten Defizite aufgefangen und kompensiert werden können.

Die  Studie  «Erhalt  der  Erwerbsfähigkeit von Mitarbeitern in der physischen Logistik vor dem Hintergrund des demographischen Wandels» von Willibald Günthner und Dennis Walch greift genau diese Ansätze auf. Der demografische Wandel betrifft schliesslich  nicht  nur  die Schweiz, sondern
alle Industriestaaten mehr oder weniger stark. So stellten die zwei Wissenschaftler vom Lehrstuhl für Fördertechnik, Materialfluss und Logistik der Technischen Universität München zwei Fragen ins Zentrum ihrer Arbeit:

  1. Wie verändern sich die Mitarbeiter in der operativen Logistik im Ver- lauf ihres Erwerbslebens und wel- che Auswirkungen hat dies?
  2. Welche Anforderungen stellen heutige und zukünftige Arbeitsplätze der physischen Logistik an ältere Arbeitnehmer?

In  einem  ersten  Schritt  erhob  man eine Datenbasis mit der Altersstruktur der Belegschaft der an der Untersuchung teilnehmenden Betriebe. Ferner wurden  betriebsärztlich diagnostizierte körperliche Einschränkungen erfasst. Diesen  Daten  stellte  man  die durch Arbeitsplatzanalysen identifiziert körperliche Einschränkungen erfasst. Diesen Daten stellte man die durch Arbeitsplatzanalysen identifizierten Anforderungen an die Mitarbeitenden gegenüber und berücksichtigte dabei besonders, die körperlichen Belastungen der jeweiligen Arbeitsplätze.

Wenn optimieren, dann gesund
Es ergab sich, dass auf 100 Mitarbeitende 19 ärztlich festgestellte Einschränkungen kamen. Die Zahl der Einschränkungen stieg mit dem Alter exponentiell an. Mit 63 Prozent standen Probleme mit Bezug zur Wirbel- säule an erster Stelle. Eine Hochrech- nung auf Basis der demografischen Entwicklung innerhalb der Unternehmen bis zum Jahr 2018 ergab Folgendes: Für Tätigkeiten, die durch «Heben und Tragen», «Rumpfbeugung», «Arbeiten über Schulterhöhe» sowie reine «Steh-, Geh- und Sitzarbeitsplätze» geprägt sind, wird in Zukunft nochmals weniger Personal ohne Einschränkungen verfügbar sein.

Vor diesem Hintergrund entwickeln die Forscher gleich mehrere Hand- lungsoptionen, zumal die bisher nicht direkt wertschöpfungsrelevante Logistik zunehmend von gesamtbetrieblichen Optimierungsprogrammen miterfasst wird. Altersgerechte Logistikarbeitsplätze sind ihrer Auffassung nach durchaus möglich. Eine gezielte Job-Rotation könnte für abwechs- lungsreiche Tätigkeiten und eine ausgewogene Belastung über die Arbeits- zeit  hinweg  sorgen. Arbeitnehmende  würden dann entweder zwischen Arbeitsplätzen mit unterschiedlicher Belastungsintensität (Packstrassen und Kommissionierzonen) wechseln oder, als weitergehende Variante, sogar verschiedene Arbeitsplätze mit unterschiedlichen Arbeitsinhalten haben.

In der operativen Logistik könne man beispielsweise die Grösse und das Gewicht von Transporteinheiten für eine leichtere manuelle Handhabung reduzieren. Hilfreich sei auch eine Bereitstellung der Waren in optimaler Höhe. Dies liesse sich durch den Einsatz von Hubtischen, Flurförderzeugen mit Sitz-/Stehmöglichkeiten und Rückfahrtkameras umsetzen.

Weniger Krankheitstage dank richtiger Lagerfachbelegung
In der Studie «Gesundes Kommissionieren durch ergonomische Lagerfachbelegung» werden  diese  Ansätze nochmals  deutlich vertieft und konkretisiert. Die Analyse von fünfzehn typischen Kommissioniersystemen bestätigte die auftretende hohe körperliche Belastung der Mitarbeitenden. Immerhin 40 Prozent der Systeme stellten sogar ein erhöhtes Risiko für folgende Gesundheitsschäden der Kommissionierer dar. Auch der starke Anteil von Tätigkeiten, die im Stehen und Gehen erfolgen, ist ein mögliches Gesundheitsrisiko, da nur selten ein Belastungsausgleich durch eine sit- zende Tätigkeit erfolgt. Im Lauf der Jahre entstehen aus diesen Belastungen für den Kommissionierer Muskel- Skelett-Erkrankungen. Genau diese sind schon heute für rund ein Viertel der Arbeitsunfähigkeitstage der Mitarbeitenden  verantwortlich. Wegen der unergonomischen Arbeitsbedingungen nehmen sie mit dem Alter stark zu.

Die Münchner Forscher halten jedoch technische Ansätze zur Veränderung der Situation für nicht optimal. Das eigne sich häufig nur für Kleinteile, ziehe eine einseitige Belastung des Personals oder hohe Investitionen nach sich. Entsprechend seien die «Ansätze ergonomischer Optimierung für die oft vorherrschenden, gewachsenen Lagerstrukturen rar gesät und ebenso mit hohem (finanziellen) Aufwand verbunden.»

Wesentlich besser finden Günthner und Walch arbeitsorganisatorische Ansätze, um die körperliche Belastung der Kommissionierer zu erleichtern. Ansetzend am Warehouse-Management-System ist es ihnen gelungen, eine möglichst ergonomische Lagerfachbelegung zu realisieren. Ausgehend von der Zugriffshäufigkeit auf bestimmte Artikel werden diese so gelagert, dass für die Kommissionierer die geringstmögliche körperliche Belastung entsteht. «Die  Artikel  werden in Abhängigkeit der Zugriffshäufigkeit, ihres Gewichts und ihrer ergonomischen Greifbarkeit so für den Kommissionierer bereitgestellt, dass dieser das geringstmögliche Risiko an Gesundheitsschäden  erfährt», schreiben  Günthner  und  Walch. Besonders schwere Stücke  werden so gelagert, dass sie ohne Rumpfbeugung erreichbar sind.  Leichtere und selten benötigte Artikel kommen in die schlecht zugänglichen Lagerplätze, weil man sich bei der Entnahme beugen oder bücken muss.

Alexander Saheb

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