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Vom Quereinsteiger zum Experten

Der Bedarf an universell denkenden und handelnden Supply-Chain-Spezialisten ist gross. Gefragt sind in der Wirtschaft insbesondere Fachkräfte, die technisches Verständnis, betriebswirtschaftliches Denken und Projektleitungserfahrung kombinieren. Die Ausbildungsanbieter passen ihre Angebote entsprechend an.

Der Quereinstieg scheint der typische Zugang zur Logistik als wichtige wertschöpfende Tätigkeit einer modernen Wirtschaft zu sein. Vielfach nehmen bildungswillige Berufstätige in ihrem Alltag bereits erhebliche Verantwortung in Teilbereichen der Logistik wahr, sei es bei der Güterbeschaffung und -distribution, in der Lagerhaltung, in der Produktion von Gütern und Diensten sowie bei der Entsorgung.

Berufsfeld Logistik
Aus betriebswirtschaftlichen Gründen werden immer mehr Unternehmen genötigt, den Einkauf von Vorleistungen zu  optimieren oder die Distribution von Fertigprodukten zu überdenken. Solche Arbeitgeber ermuntern geeig- nete, zumeist jüngere  Beschäftigte, sich intensiver mit Logistikthemen auseinanderzusetzen. Allein das Bildungsangebot für Berufstätige ohne Hochschulabschluss, aber solider beruflicher Grundbildung ist reichhaltig, wie aus der Publikation «Bildungslandschaft Schweiz – Berufsfeld Logistik & Supply Chain Management» des Herausgebers GS1 Schweiz zu entneh- men ist. Zu unterscheiden ist zwischen Angeboten, die fachspezifische Kenntnisse weiter vertiefen  (z. B.  Einkaufs-, Speditionsfachleute, Zolldeklaranten mit eidg. Fachausweis), und solchen, welche die Gesamtschau über zahlreiche logistische Prozesse betonen.

Der Fachverband GS1 Schweiz tritt selbst als Bildungsanbieter auf und pflegt eine universelle Sicht auf die Logistik. Sein Bildungsprogramm bietet eine Auswahl zwischen kürzeren Seminaren und längeren Vorberei- tungslehrgängen zu eidgenössischen Prüfungen. Im Auftrag des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) tritt GS1 Schweiz auch als Träger der eidgenössischen Prüfungen  auf, die im Erfolgsfall zu den Titeln «Logistikfachmann/-frau mit eidg. Fachausweis», «eidg. dipl. Logistikleiter/in» und «eidg. dipl. Supply Chain Manager/in» berechtigen.

Hohe Akzeptanz der HBB­ Abschlüsse
Nach Auskunft von Franco Miani, Lehrgangs- und Prüfungsleiter bei GS1 Schweiz, kommen die Lehrgangsteilnehmer aus sehr unterschiedlichen Berufen, auch aus solchen, wo man auf den ersten Blick keinen Zusammenhang zur Logistik zu erkennen glaubt, beispielsweise kaufmännische Angestellte, Maurer, Bäcker, Konditorinnen und Chemielaboranten.

Die Titel der sogenannten höheren Berufsbildung (HBB) sind aufgrund ihres hohen Praxisbezugs auf dem Schweizer Arbeitsmarkt gut verankert. Etwas anders sieht es aus bei internationalen Konzernen ohne Schweizer Stammsitz. Hier ortet Miani noch Aufklärungs- bedarf. HR-Verantwortliche mit ausländischem Pass, oft primär mit den Bildungssystemen ihrer jeweiligen Herkunftsländer vertraut, müssten die Eigenheiten des schweizerischen Berufsbildungssystems noch besser ken- nenlernen. GS1 Schweiz unterstützt die Aufklärungsarbeit zur Werthaltig- keit von Bildungszertifikaten höherer Berufsbildung im Rahmen ihrer Mitgliedschaft im Verein «Dualstark».

Ständige Fortbildung als Fu¨hrungs­ und Strategiethema
In der Schweiz aktive Logistikdienst- leister wie Kühne & Nagel oder Planzer Transport AG beschäftigen nicht nur Fachkräfte mit Titeln der höheren Berufsbildung, sondern senden einen beträchtlichen Anteil der Belegschaft auch in externe Weiterbildungen. Zusätzlich bilden sie Personal intern aus.
«Wir haben gute Fachkräfte an Bord. Aufgrund steigender Marktanforderungen nimmt der Bedarf an gut ausgebildeten Mitarbeitenden zu. Stetige Weiterentwicklung der Beschäftigten ist wichtiges Führungsthema und Teil der Strategie», sagt Alexander Wolski, Mediensprecher bei Kühne & Nagel Management AG.

Hinsichtlich der Knappheit an Fachkräften am Arbeitsmarkt differenziert Galexis zwischen Komplexitätsgraden des Arbeitseinsatzes im Betrieb. Für vorwiegend ausführende Funktionen in der Distribution, der Warenkommissionierung und der Spedition sei der Bedarf an Fachpersonal im Logistikbereich des Pharmagrossisten Galexis ( Teil der Galenica-Gruppe) überschaubar. Dort, wo Fachkräfte mit beruflicher Grundbildung (z. B. Logistiker EFZ) oder Fortbildung (Logistikfachleute mit eidg. Fachausweis) benötigt würden, seien keine grösseren Probleme bei der Stellenbesetzung zu verzeichnen. Bei Berufsfeldern, für die eine höhere Fachprüfung gewünscht wird (Kaderpositionen oder Projektleitung), gestalte sich die Suche anspruchsvoller. Mathias Forny, Konzernsprecher von Galenica, verdeutlicht: «Insbesondere Fachkräfte mit hohem technischem Logistikverständnis in Kombination mit betriebswirtschaftlichem Wissen oder mit fundierter Projektleitungserfahrung sind im Arbeitsmarkt eher schwierig zu finden.»

Interne Weiterbildung
Auch die Feldschlösschen-Gruppe sen- det jedes Jahr etwa drei Logistikmitarbeitende an Berufsprüfungen und weitere zwei an höhere Fachprüfungen. Gemäss Sprecherin Bettina Sutter werden Mitarbeitende motiviert, nach Möglichkeit eidgenössisch anerkannte Weiterbildungen in Angriff zu nehmen: «Diese sind auf dem Arbeitsmarkt anerkannt dank ihres guten Rufs bezüglich Qualität und praxisrelevantem Inhalt.» Dies trage zusätzlich zur Arbeitsmarktfähigkeit der Beschäftigten bei.

Zusätzlich ergreifen im Durchschnitt drei weitere Beschäftigte pro Jahr die Chance, Fortbildungsangebote universitärer Hochschulen und Fach-hochschulen im Bereich Logistik und Supply Chain Management zu besuchen. Überdies stehen den Logistik- Beschäftigten On-the-job-Schulungen, Führungsentwicklungsseminare sowie Fortbildungsangebote an der konzern- internen Carlsberg Supply Chain Academy zur Verfügung.

Angebot der Fachhochschulen
An universitären Hochschulen (z. B. Weiterbildungs-Diplomstudium Logistikmanagement an der Uni St.Gallen) sowie an Fachhochschulen ist der Lehrinhalt «Logistik» ebenfalls im Bereich Weiterbildung oder als Teil einer übergeordneten Lehre angesiedelt. So ist das Bachelor-Studium «Wirtschafts- ingenieurwesen» an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW ) selbst interdisziplinär angelegt und bringt Fragen der Betriebswirtschaft, der Technik und des Designs von Produktionsanlagen in Verbindung. «Supply Chain Management» ist eine von fünf Vertiefungsrichtungen.

Bekannt ist auch das Angebot derselben Hochschule in der Weiterbildung. Nach Angaben von Studiengangleiter Jörg Schmitt sind für das berufsbegleitende Nachdiplomstudium MAS (Master of Advanced Studies) «Internationales Logistik Management» jeweils 18 bis 24 Studierende eingeschrieben. Der Ausbildungsgang betont die Umsetzung des im Studium erworbenen Wissens durch Projektarbeiten in Unternehmen, das Erarbeiten von Lösungen in Arbeitsgruppen und die Analyse und Präsentation von Fallstudien. «Ohne hohe intrinsische Motivation raten wir von der intensiven Ausbildung ab», sagt Schmitt. Im Durchschnitt arbeiten Studieninteressenten vor ihrer Anmeldung bereits acht Jahre im Berufsfeld der Logistik. Die MAS- Studierenden sind im Mittel 35 Jahre alt. Nebst Vertretern aus dem Handel, der Industrie und von Logistikdienstleistern belegen zunehmend auch Berufstätige aus dem Gesundheitswesen diesen Studiengang.

Bachelor «Logistik»
Ein Blick ins nahe Ausland: Die Fachhochschule Köln startete im Oktober 2013 einen neuen Bachelor-Studiengang  «Logistik». Das neu geschaffene Studium vermittelt «betriebswirt- schaftliche und technische Grundlagen und Methoden, um unternehmensinterne und -übergreifende Güter- und Informationsflüsse zu gestalten». Die Nachfrage ist gross: Der erste Jahrgang startete mit 60 Ausbildungsplätzen bei rund 1000 Bewerbern; im  Folgejahr war das Verhältnis 70 zu 1500. Hartmut Reinhard, Professor an der FH Köln und Studiengangleiter, versteht den neu formierten Studiengang als ideale Symbiose aus Ingenieur- und betriebs- wirtschaftlichem Studium. Daher wird dieser auch fakultätsübergreifend gemeinsam vom Institut für Produktion und dem Schmalenbach-Institut für Wirtschaftswissenschaften durch- geführt. Auf Basis dieser Voraussetzungen verknüpft der Studiengang solide Kenntnisse in Betriebs- und Volkswirtschaftslehre mit dem Verständnis für technische Strukturen und Abläufe, ohne dabei Soft Skills wie Kreativitäts-, Moderations- und Präsentationstech- niken ausser Acht zu lassen.

Manuel Fischer






 

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