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Fachpersonen wollen Standards, die Bevölkerung mehr Wissen

Fachpersonen wollen Standards, die Bevölkerung mehr Wissen«eHealth» ist eine beschlossene Bundesstrategie für das Gesundheitswesen. Derzeit bilden die geringe Vernetzung unter den professionellen Akteuren und der niedrige allgemeine Wissensstand der Bevölkerung die Haupthindernisse für eine weitere Entwicklung. Auch der noch schwach geregelte Datenaustausch und -schutz führt zu Skepsis.

Wer im Gesundheitswesen arbeitet, weiss recht gut, was E-Health bedeutet, doch für die Bevölkerung ist es ein meist nur vage mit Inhalten besetzter Begriff. Bewusste Erfahrung damit haben nur vier Prozent der Bevölkerung. Das sind Erkenntnisse des aktuellen Swiss eHealth Barometers, das jährlich seit 2009 erhoben wird.

Swiss eHealth Barometer 2015
Die aktuelle Ausgabe wurde vom Beratungsunternehmen gfs Bern erstellt und im März 2015 publiziert. Der eine Teil beleuchtet die Situation bei den Akteuren des Gesundheitswesens, der andere beschreibt den öffentlichen Informationsstand und Meinungen. Hinter der Studie stehen das Bundesamt für Gesundheit (BAG) und die Ärztevereinigung FMH. Eingebunden sind ausserdem Curaviva Schweiz, pharma- Suisse, eHealth Suisse, die Ärztekasse, die Hint AG, die Health Info Net AG, Logicare, die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich, das Gesundheitsdepartement des Kantons St. Gallen sowie die Interessengruppe eHealth.

Für den die Fachwelt erfassenden Teil wurden die gleichen Gruppen befragt wie im Vorjahr: Ärztinnen und Ärzte, Spitäler, Apothekerinnen und Apotheker, Alters- und Pflegeheime, die Kantone sowie die Kantonalverbände von Curaviva Schweiz. Die Rücklaufquote der online (für Ärzte auch schriftlich) durchgeführten Befragung erreichte rund 24 Prozent.

Interesse an E-Health hat zugenommen
Apothekerinnen, IT-Verantwortliche in Spitälern und Ärzte gehen demnach mehrheitlich davon aus, dass E-Health in ihrem Arbeitsumfeld viele Verbesserungen bewirken kann. Auch die Alters- und Pflegeheime zeigen sich diesbezüglich deutlich weniger skeptisch als noch vor einem Jahr. Ganz generell wird der Stand der Arbeiten zur Erlangung einheitlicher Standards für E-Health als noch nicht weit fortgeschritten bezeichnet. Die einzige Ausnahme in dieser Beziehung bilden die befragten IT-Verantwortlichen der Kantone.

Spitäler und Kantone verfügen mehrheitlich über eine E-Health-Strategie, Apotheker, Alters- und Pflegeheime und die Kantonalverbände von Curaviva dagegen nicht. Mit Ausnahme der Ärzteschaft zeigen sich alle Gesundheitsfachpersonen an einem Umsetzungsprogramm für E-Health interessiert oder beteiligen sich daran. Es besteht zudem der Wunsch nach Aus- und Weiterbildung im Bereich von E-Health. Die Spitäler und Apotheken verfügen ebenso wie die überwiegende Mehrheit der Ärzte sowie Alters- und Pflegeheime über ein elektronisches System zur Speicherung und Verwaltung von Patientendaten. In der jeweils eigenen Institution wurden – ausser bei Apotheken – auch deutlich mehr klinische Patientendaten aufgezeichnet als noch im Vorjahr.

Schnittstellen sind oft noch Baustellen
Erstmals wurden 2015 Aussagen zu den Schnittstellen zwischen Gesundheitsakteuren erhoben. Grundsätzlich wurden diejenigen zu seinesgleichen als am besten beurteilt. Sie werden denn auch rege und routiniert genutzt. Es herrscht des Weiteren Einigkeit darüber, dass E-Health viel Potenzial in sich birgt, die Schnittstellen zwischen verschiedenen Gesundheitsakteuren stark zu verbessern.

Das reflektieren die Ergebnisse zur 2015 ebenfalls erstmals erfassten koordinierten Versorgung. Diese sei noch wenig entwickelt, schreiben die Autoren. «Die Gesundheitsakteure gehen überwiegend davon aus, dass Fortschritte in der koordinierten Versorgung von Gesundheitsfachpersonen nur schwer zu erreichen sind», heisst es. Trotz steigender Bereitschaft findet aber noch keine elektronisch koordinierte Versorgung statt. Erst praxisbewährte Pilotlösungen könnten zu weiteren Fortschritten bei der Umsetzung des E-Health-Gedankens führen, meinen die Experten. Erfolgreiche Pilotprojekte seien auch die Voraussetzung für eine bessere externe Vernetzung der Akteure. Klinische Daten könnten von ausserhalb der eigenen Institution noch nicht routiniert empfangen werden.

Breite Unterstützung findet bei allen Gesundheitsfachpersonen das elektronische Patientendossier. Dieses sollte ihrer Auffassung nach auch die Medikationsgeschichte einer Person enthalten. Uneinig sind die Gesundheitsfachpersonen aber darüber, ob Patienten Zugang zu allen Dossierdaten bekommen sollen und über den Zugang zu den Daten entscheiden dürfen. Die Ärzteschaft sowie die Alters- und Pflegeheime sehen darin Nachteile, die Apotheken sowie die IT-Verantwortlichen der Kantone, die Kantonalverbände von Curaviva und die Spitäler finden das eher gut.

Arzte wollen das Patientendossier lieber geschlossen halten
Fragt man aber die Patientenseite und damit die Bevölkerung, finden drei Viertel den direkten Zugang zum eigenen Patientendossier vorteilhaft. Genauso viele halten sich für qualifiziert, um über die Freigabe der eigenen Daten zu entscheiden. Das wiederum sieht nur eine Minderheit der Gesundheitsfachpersonen genauso. «Hier besteht ein offenbarer Dialogbedarf, um sich vertieft mit den Implikationen auseinanderzusetzen», erkennen die Studienautoren. Einen aktiv geführten Dialog empfehlen sie auch zu den Inhalten des elektronischen Patientendossiers sowie zum Datenschutz. Zudem fehlten positive Alltagserfahrungen mit E-Health. «Um eine positive Nutzungsspirale mit positiven Erfahrungen auszulösen, braucht es einfache, sinnvolle und überzeugende Anwendungen », so die diesbezüglichen Schlussfolgerungen in der Studie.

Vor allem aber ist E-Health – das macht der Studienteil mit den Befragungsergebnissen aus der Öffentlichkeit klar – weiterhin wenig bekannt. Noch nicht einmal ein Fünftel der Schweizer Stimmberechtigten weiss, worum es dabei eigentlich geht. Überdurchschnittlich bekannt ist der Begriff nur bei Personen mit hoher Bildung, solchen, die im vergangenen Jahr in medizinischer Behandlung oder Kontrolle waren, und Menschen, die sich im Internet über Gesundheitsthemen informieren. Für den Studienteil «Öffentliche Meinung eHealth» führte gfs Bern eine repräsentative telefonische Befragung von 1210 Stimmberechtigten aus der ganzen Schweiz durch.

Keine Freude am Datenaustausch ohne klare Regeln
Bemerkenswert ist noch, dass immerhin 55 Prozent der Befragten bei EHealth einen Nutzen erkennen, aber bereits 30 Prozent Risiken feststellen wollen. «Somit hat sich die Gruppe der Skeptiker innert zwei Jahren verdoppelt », konstatieren die Marktforscher. Man ist skeptisch gegenüber E-Health weil der Begriff weitgehend unbekannt ist, man ihm wenig Inhaltliches zuordnen kann und ausserdem die Regeln noch zu wenig klar definiert sind, um zu einem abschliessenden Urteil zu kommen. Viel Widerwillen erwächst zudem aus der Einstellung der Bevölkerung zum Datenaustausch und dem Vertrauen in den Datenschutz. Gerade hier werden mehr verbindliche Regeln über den Ablauf des Datenaustauschs als Grundlage für eine abschliessende Meinungsbildung als notwendig erachtet.

2015 wurde erstmals die Kenntnis von neun elektronischen Angeboten abgefragt. Dabei stellten sich Alarmierungs- Applikationen (wie zum Beispiel die Rega-App) als am bekanntesten heraus. 34 Prozent der Befragten kennen solche. Davon nutzt rund ein Viertel diese Angebote. Hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung wären dass neun Prozent. Ein Viertel der Befragten kennt Apps für Fitness und Bewegung. Davon nutzt ein Drittel diese Apps, was rund acht Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht. Das elektronische Patientendossier mit eigener Zugangsmöglichkeit ist 21 Prozent der Befragten ein Begriff. Damit gehört es immerhin zu den bekannteren elektronischen Angeboten im Gesundheitsbereich. Fünf Prozent derjenigen, die es kennen, nutzen das Patientendossier auch. Das wäre ein Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Nutzer sind überwiegend zufrieden: 13 von 14 Personen, die das elektronische Patientendossier kennen und nutzen, bewerten es als sehr oder eher zufriedenstellend. Weniger bekannte elektronische Angebote des Gesundheitswesens – kein Fünftel der Befragten kennt sie – sind beispielsweise Apps für die Blutdruckund Blutzuckermessung, die elektronische Organspendekarte für das Smartphone oder das elektronische Impfdossier. Insgesamt am wenigsten bekannt sind Apps mit Erinnerungsfunktion für die Medikamenteneinnahme.

Alexander Saheb

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