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Essen 2.0

Was essen wir morgen? Die Frage ist in Anbetracht der wachsenden Weltbevölkerung berechtigt. Im Jahr 2050 werden neun Milliarden Menschen den Planeten bevölkern. Wollen wir alle satt werden, müssen wir umdenken. Essen wir in Zukunft In-vitro-Fleisch, Insekten und Käfer oder Gemüse vom Dach? Ein Blick in die Zukunft. Von Joachim Heldt

Gemüse und Obst vom Wolkenkratzer
Gemüse und Obst sollen in Zukunft nicht nur vom Acker kommen, sondern gleich dort angebaut werden, wo die Menschen leben und arbeiten – in Hochhäusern. Vertical Farming nennt sich die Anbaumethode. In meterhohen verglasten Hightech-Pflanzenkarussellen zirkulieren Hydrokulturen unter Gewächshausbedingungen. So sollen in Gebäuden ganzjährig Früchte, Gemüse, Steinpilze und Algen wachsen. Die Bewässerung erfolgt computergesteuert, ebenso die Nährstoffversorgung. Das für das Wachstum wichtige Sonnenlicht wird über energiesparende LED-Leuchten simuliert. Die Vorteile liegen auf der Hand: Gegessen wird gleich dort, wo angebaut wird. Transport und Kühlung fallen weg, dies führt zu weniger Verderb und Verlust. So utopisch ist das gar nicht. In Basel unterhalten die Urban Farmers die erste Aquaponic Rooftop Farm auf dem Dach eines ehemaligen Depots für Lokomotiven.

Ein bisschen Flexitarier
Weil Flexitarier mehr auf Pragmatismus setzen und weniger auf Moral, gehört ihnen die Zukunft – so lautet das Resümee im Food Report 2014. Ihr Motto: frisch, gesund und nachhaltig. Flexitarier werden oft auch als Teilzeit-Vegetarier bezeichnet. Sie ernähren sich bewusst, achten auf ihre Gesundheit, kaufen vorwiegend biologisch und nachhaltig angebaute Lebensmittel aus der Region, kochen mit saisonalem Gemüse und verzichten auf Billigfleisch. Wenn sie Fleisch essen, dann nur selten und in Bio-Qualität. Im Gegensatz zu den Veganern und Vegetariern kennen die Flexitarier keine strikten Regeln und Verbote. So neu ist die Lebensform nun auch nicht. Das Ganze wirkt wie Altbekanntes, nur in einem neuen Gewand und mit einem hippen Namen.

Essen aus dem Drucker
Der 3D-Drucker wird die Lebensmittelproduktion revolutionieren. Ob Pizza, Nudeln oder Erbsen, der Food-Drucker soll einst komplette Menüs Schicht für Schicht auf den Teller bringen. Kein Schneiden und Schnippeln, kein Braten und Backen, sondern Downloaden und Drucken. Essen aus dem Drucker ist keine Spielerei, sondern hat einen ernsthaften Hintergrund. Die Nahrung aus dem Drucker soll älteren Menschen mit Kau- und Schluckbeschwerden ermöglichen, wieder Essen serviert zu bekommen, das gut aussieht und zudem auch schmeckt. Die EU unterstützt das Projekt «Performance» (PERsonalised FOod using Rapid MAnufacturing for the Nutrition of elderly ConsumErs) mit drei Millionen Euro, damit Smoothfood – pürierte und durch die Druckerdüsen wieder in Form gebrachte Nahrung – bald auch industriell hergestellt werden kann.

Heuschrecken und Würmer zu Kaffee und Kuchen
Etwa zwei Milliarden Menschen weltweit essen täglich Insekten. Nur wir nicht. Laut Gesetz ist der Verkauf von Insekten bei uns noch verboten, hingegen ist ihr Verzehr erlaubt. Insekten könnten in Zukunft zu einer wichtigen Nahrungsquelle werden, auch wenn uns diese Vorstellung noch widerstrebt. Durch die Zugabe von Insekten liesse sich nach Meinung von Experten die weltweite Tierfuttermittelproduktion schlagartig reduzieren. Laut Studien bieten sich hierfür die Schwarze Soldatenfliege, aber auch der Gelbe Mehlwurm an. Der Schritt vom Verzehr von Schnecken, Austern und Garnelen hin zu Heuschrecken, Grillen und Raupen ist klein, findet aber in unserem Kopf statt. Der eigene Ekel vor allem, was kreucht und fleucht, und die gesetzlichen Hürden stehen dem Durchbruch der Insekten noch entgegen, auch wenn Mehlwürmer ein nussiges Aroma aufweisen und Heuschrecken wie Poulet schmecken. Einige Schweizer Unternehmen sind bereits in den Startlöchern und warten nur darauf, dass Insekten als Nahrungsmittel zugelassen werden.

Der Retorten-Burger aus der Petrischale
Das Experiment der Universität Maastricht war erfolgreich. Forscher konnten tierische Zellen vermehren und den ersten In-vitro-Burger herstellen. Der war zwar mit rund 250 000 Dollar nicht ganz billig und scheint noch nicht wirklich massentauglich zu sein. Experten erhoffen sich von dem Laborprodukt die Lösung von Ernährungs- und Umweltproblemen. Bereits heute gehen 70 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche weltweit auf das Konto der Viehmast, Tendenz steigend. Die Welternährungsbehörde FAO (Food and Agriculture Organization) schätzt, dass es Mitte des Jahrtausends 460 Millionen Tonnen Fleisch brauchen wird, um die Gelüste der Menschen zu befriedigen. In Zukunft müssen mit immer weniger Fläche immer mehr Menschen ernährt werden. Der durchschnittliche Fleischkonsum in der Schweiz liegt übrigens bei 52 Kilogramm pro Person und Jahr.

 

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