gs1-neton-header-10.jpg

Stammdaten: Jeder braucht sie, aber keiner will sie teilen

Die Herausforderungen im Gesundheitswesen sind gross. Rückverfolgbarkeit, Fälschungssicherheit und Patientensicherheit haben in der gesundheitlichen Versorgungskette weltweit oberste Priorität. Stammdaten übernehmen dabei eine Schlüsselfunktion. 

Gleich zu Beginn der Tagung präsentierte Roland Weibel, Branchenmanager Gesundheitswesen bei GS1 Switzerland, unter dem Titel «GS1 in a nutshell» die Grundlagen für digitale Supply Chain im Gesundheitswesen.

Identify, Capture und Share
Die GS1 Bausteine lassen sich in die drei Bereiche Identifizieren, Erfassen und Austauschen einteilen. In ihrer Gesamtheit dienen die GS1 Standards dazu, die Supply Chain transparenter, effizienter und sicherer zu gestalten. Der Blick zurück zeigt, dass die Fachgruppe Beschaffung im Gesundheitswesen wichtige Grundlagen für das Gesundheitswesen erarbeitet hat. Die Anwendungsempfehlung über die gesamten Prozesse der Supply Chain im Schweizer Gesundheitswesen beschreibt den Stammdatenaustausch und den gesamten Nachrichtenaustausch von der Bestellung bis zum Zahlungsfluss «Order to Cash».

Von der Theorie zur Praxis
Die Aussagen der Fachgruppe sind eindeutig: Wer bessere, schnellere und sichere Abläufe, keine Redundanzen, klare Rückverfolgbarkeit und Transparenz will, der setzt auf Standards und muss für erstklassige Stammdaten sorgen. Wie wichtig denn auch Artikelstammdaten im Gesundheitswesen sind, veranschaulichte Mario Sander, Projektleiter Supply Chain bei der Insel Gruppe, in seinem Erfahrungsbericht aus dem GDSN-Pilotprojekt der Insel Gruppe.

Im Rahmen des Pilotprojekts empfängt das Inselspital über den Datenpool der Firma Contentis die Artikelstammdaten der Firmen Mathys AG, Cosanum AG und B. Braun Medical AG. Die Artikelstammdaten werden vom Hersteller mittels der EDI-Nachricht Catalogue Item Notification (CIN) übermittelt. Vor der Datenübernahme in das Inhouse- System visuVonalisiert und überprüft der DataConnector von Con-Sense die Produktstammdaten auf inhaltliche und strukturelle Richtigkeit. Korrekte Stammdaten sind das A und O. Für Mario Sander sind sie die Luft zum Atmen. Trotz dieser Erkenntnis läuft es aber nicht rund. Es fehlt an Qualität und Durchgängigkeit der Stammdatenprozesse. So führen fehlende, nicht korrekte oder veraltete Stammdaten zu falschen Entscheidungen und behindern die Geschäftsprozesse. Auch bei der Firma Mathys geniessen die Stammdaten oberste Priorität. «Wir stellen unsere Stammdaten über den GDSN-Datenpool zur Verfügung», so Stephan Zurbuchen, Head Supply Chain Management bei Mathys AG. Frustrierend für Zurbuchen ist aber die Tatsache, dass sich ausser der Insel Gruppe kein Partner im Gesundheitswesen finden lässt, der bereit ist, Stammdaten auszutauschen. Der Vergleich mit der Zahnbürste kommt der aktuellen Situation sehr nahe: Jeder braucht sie, aber keiner will sie teilen.

Transparenz erhöht Dokumentationsaufwand
Bei allen Gesetzen und Verordnungen steht die Patientensicherheit im Mittelpunkt. So setzt auch die Kennzeichnung von Medizinprodukten und In-vitro- Diagnostika (MDR und IVDR) mit der Unique Device Identification (UDI) auf Stammdaten. Das GS1 System erfüllt die Anforderungen der Medical Device Regulation (MDR) sowie der Regulation on in-vitro diagnostic medical devices (IVDR) und ermöglicht eine durchgängige Transparenz und Rückverfolgbarkeit in der gesundheitlichen Versorgungskette. «Der Aufwand zur Erstellung und laufenden Aktualisierung der geforderten klinischen Bewertungen, Spezifikationen und Produktdaten wird massiv zunehmen», betont Michael Maier, Senior Partner, Medidee Services AG. Den Herstellern empfiehlt er dringend, in den Ausbau der klinischen Abteilung zu investieren. Nicht zuletzt in gut ausgebildete und fachlich kompetente Personen, die für die Einhaltung der Regulierungsvorschriften und das Qualitätsmanagement verantwortlich sind. Da das Personal bei Konformitätsbewertungsstellen punkto Ausbildung und Erfahrung höheren Ansprüchen gerecht werden muss, sind die Zahlen der Notified Bodies in Europa von 75 Stellen auf 57 benannte Stellen gesunken. In der Schweiz sind heute nur noch zwei Stellen aktiv. «Es kann also durchaus zu Kapazitätsengpässen kommen», betont Maier.

Yes, we scan
Wie eine durchgängige Identifikation im Spital aussieht, zeigt Martin Reichstätter von Agfa HealthCare. Bei der Closed Loop Medication spielen Stammdaten in Form der Global Service Relation Number (GSRN) für die Patienten-, Mitarbeiter- und Dispenseridentifikation sowie der Global Trade Item Number (GTIN) für die Medikamentenidentifikation eine wesentliche Rolle. Auf Basis der GS1 Systemarchitektur funktioniert der IT-gestützte Medikationsprozess, der von der Verordnung der Medikamente über das Richten bis zum Austeilen am Patientenbett lückenlos dokumentiert wird. Somit wird die Einhaltung der 5-R-Regel – richtiger Patient, richtiges Arzneimittel, richtige Dosierung oder Konzentration, richtige Applikation, richtiger Zeitpunkt – garantiert. Das Scannen des Mitarbeiterausweises schliesst den Verabreichungsprozess ab.

GLN als Schlüssel
Die Globale Lokationsnummer (GLN) ist wie ein Fingerabdruck im nationalen und internationalen Geschäftsverkehr. Mit der GLN werden Standorte oder Firmenadressen eindeutig und überschneidungsfrei identifiziert. «Im Gesundheitswesen sind die praktizierenden Ärztinnen und Ärzte, die Spitäler, Heime, Magazine, Verwaltungen und die zahlreichen Gesundheitsfachpersonen mittels der Global Location Number (GLN) eindeutig gekennzeichnet», erklärt Nicolas Florin, Geschäftsführer der Stiftung Refdata. Weitere Personenidentifikationen im Zusammenhang mit der Bearbeitung des elektronischen Patientendossiers kommen hinzu. Die Stiftung ist im Auftrag aller Fachverbände des Schweizer Gesundheitswesens für die Referenzierung von Personen und Institutionen des schweizerischen Gesundheitsmarktes zuständig. Die GLN ist der eindeutige Schlüssel und ermöglicht den Zugriff auf die hinterlegten Stammdaten. In der refdatabase- Datenbank werden die Basisinformationen zu jeder Person aufgeführt. Auch juristische Personen (Spitäler, Praxen, Pflegeheime usw.) sind darin zu finden. Aktuell umfasst der Datenpool von Refdata rund 430 000 GLNs. Die Datenbank wird täglich aktualisiert und ist kostenfrei verfügbar. In Zukunft wird auch der Web- Service GLN-Search mitangebunden. Nebst Personen und Organisationen umfasst die Datenbank auch alle Pharmaartikel und immunbiologischen Erzeugnisse, die von Swissmedic zugelassen worden sind, sowie Non- Pharma-Produkte. Die Referenzierung der Artikel erfolgt über die Global Trade Item Number (GTIN). Fazit: Mit Identify, Capture und Share steht den Anwendern im Gesundheitswesen ein modular aufgebautes System zur Realisierung von Qualitätssteigerungen entlang der gesundheitlichen Versorgungskette zur Verfügung. Die Werkzeuge sind vorhanden, sie müssen jetzt nur genutzt werden.

Joachim Heldt

Impressionen der Tagung finden Sie hier

Nach oben