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Das Universitätsspital Basel baut aus – die Logistik wird komplexer

Das Universitätsspital Basel (USB) hat im Januar 2018 seine Kinderwunschklinik ausserhalb des Spitalcampus erfolgreich eröffnet. Damit entstand eine der modernsten Reproduktionskliniken Europas. Diese Auslagerung bei steigender Nachfrage fordert die Logistik in allen Facetten. Bei den eingeschränkten Freiheitsgraden waren die Hauptoptimierungspunkte die betrieblichen Prozesse und das Layout. 

Eine ausführliche Analyse der Frauenklinik am USB ergab, dass trotz Prozessoptimierungen die bestehenden Flächen nach 20 Betriebsjahren für Erweiterungen nicht ausreichen. Nach dieser Erkenntnis galt es festzustellen, welche Bereiche der Frauenklinik sich für eine Auslagerung eignen. Aufgrund des relativ geringen Grades der Vernetzung mit den anderen Disziplinen fiel die Wahl auf die Reproduktionsmedizin und gynäkologische Endokrinologie. Auf diesem Fachgebiet bestehen sehr hohe Diskretionsanforderungen und die Patientinnen und Patienten sind eigentlich «Gesunde». Auch wird mit sehr starkem Wachstum gerechnet. Im Rahmen der Standortsuche fiel der Entscheid auf die Vogesenstrasse. Das Gebäude befindet sich etwa 700 Meter vom USB-Campus entfernt. Der gefundene Standort musste komplett umgebaut werden, um den Anforderungen einer modernen und führenden Klinik zu genügen – eine Metamorphose von einer «Autogarage» zur modernen, Best-in-Class Reproduktionsklinik.

Patient im Zentrum
Vor der Layout-Planung konnten die Prozesse wie auf einer «grünen Wiese» neu definiert werden. Dies bot die einmalige Chance, die gesamten internen Prozesse inklusive Schnittstellen zur externen Logistik optimal und zukunftsgerecht zu gestalten. Dabei wurde besonderer Wert auf Lean gelegt. Die entscheidende Vorgabe war, alle betrieblichen und logistischen Abläufe auf den Patientenfluss zu optimieren. Er bildet den wertschöpfenden Prozess und ist in jedem Spital der Taktgeber. Weitere Schwerpunkte waren die absolute Patientensicherheit, der hohe Komfort sowie eine nachhaltige Kostensenkung und Standardisierung aller Abläufe. Es galt dabei auch lieb gewonnene Prozesse zu hinterfragen. Mit den neuen Prozessdefinitionen wurde auch ein wichtiger Schritt zur weiteren Automatisierung durch RFID-Tags gemacht.

Bedürfnisse
Parallel zur Standortsuche wurden die Bedürfnisse der Benutzergruppen erfasst. Diese sind sehr vielfältig: Patienten, Fach- und Belegärzte (inklusive Anästhesie), Pflege, Embryologen, Mitarbeitende in zwei hoch spezialisierten Labors, Psychologen, administrative Mitarbeitende sowie alle Schnittstellen zur zentralen Frauenklinik und anderen Disziplinen des Spitals. Zudem wird am Standort auch aktiv Forschung der Universität Basel betrieben. Neue Prozesse mit sehr vielen Abhängigkeiten mussten definiert werden. Im Rahmen der Projektarbeit wurde ein Konsens erarbeitet, der genügend Raum für Wachstum und zukünftige, vom Gesetzgeber freigegebene Behandlungen ermöglicht. Besondere Herausforderungen waren die Patientensicherheit und die USB-gerechten Standards für kleinere Operationen.

Logistikbedarf
Die Logistik der Reproduktionsklinik ist sehr anspruchsvoll und sämtliche internen logistischen Tätigkeiten müssen durch Stammmitarbeitende erfolgen. Dazu gehören:

• Anbindung an das USB-Zentrallabor für spezielle Untersuchungen und Tests, auch in Randzeiten,
• einfache Lagerhaltung und Bewirtschaftung der lokalen Materialien (inklusive Überwachung der Haltbarkeiten, vorschriftsgerechte Lagerung von Gefahrenstoffen usw.),
• Versorgung mit und Entsorgung von Untersuchungsmaterialien, Sauerstoff, flüssigem Stickstoff, Chemikalien für die Labors, Wäsche usw.,
• Versorgung mit Verbrauchsmaterialien für den ärztlichen Betrieb,
• Wartung von Untersuchungs- und Laborgeräten inklusive Ersatzteile
• Versorgung mit Büromaterialien und ITC-Equipment,
• fachgerechte Entsorgung,
• Notfallpläne zur Evakuation von minus 70 Grad kalten Materialien.

Logistiklösung
• Regelmässige Shuttles vom/zum zentralen USB-Campus für Verbrauchsmaterial, Wäsche und Entsorgung.
• Ausserordentliche Lieferungen an das Zentrallabor erfolgen bis auf Weiteres mit dem Velokurier, da Drohnen und selbstfahrende Fahrzeuge mitten im Stadtgebiet noch nicht zugelassen sind respektive aus Vertraulichkeitsgründen zu unsicher sind.
• Gasanlieferungen erfolgen direkt am neuen Standort inklusive Flaschentausch.
• Ein Teil der Lager wird auf Sicht bewirtschaftet. Für diese wurden optische oder sensorische Meldesysteme eingerichtet. Für einige wenige Materialien wurde ein neuer bewirtschafteter Standort im ERPSystem eröffnet.
• Gerätschaften und IT-Infrastruktur wurden fest zugeordnet. Der Unterhalt findet analog wie früher statt.
• Der Reinigungsdienst erfolgt unabhängig vom USB (Hygiene ist zentral).
• Der sonstige Gebäudeunterhalt erfolgt über die Zentrale. Entstanden ist eine neue, voll funktionsfähige Einheit, verbunden mit den zentralen USB-Einheiten wie Sterilisation, Zentrallager usw.

Layout
Nach der Prozessdefinition, mit all ihren Abhängigkeiten, wurde das Netzwerk in einem Dreieckdiagramm dargestellt und mehrfach optimiert. Anschliessend wurden im neuen baulichen Perimeter klare Zonen definiert, um ein Maximum an Diskretion, kurze Wege für alle und eine übersichtliche Anordnung zu erhalten. Die Patientensuche im Haus muss der Vergangenheit angehören. Eine besondere Herausforderung bestand darin, den feuerpolizeilichen Vorgaben (Fluchtwege) und den arbeitsrechtlichen Vorschriften nachzukommen. Es gab zu wenig Tageslicht für eine Fläche dieser Grösse. Dank einiger Gespräche und dem Entgegenkommen des entsprechenden Amtes wurde schliesslich eine fast optimale Lösung gefunden. Diese besteht aus einzelnen zusätzlichen Fenstern in Aussenwänden, vielen Oberlichtern und einem grossen mit Glas gedeckten Innenhof, der als sehr angenehmes und repräsentatives Wartezimmer dient. Des Weiteren wurden Räume mit Glas anstatt mit Wänden unterteilt; oben durchsichtig und unten bis über die Blickhöhe blickdicht, um die Diskretion zu wahren und ein Maximum an Tageslicht zu ermöglichen.

Bau
Der alte Bau bestand aus vier höhenversetzten Stockwerken. Die Flächen dienten als Autowerkstatt, diverse Lager, Fitnessraum und Büros. Es galt die Möglichkeiten des Gebäudes voll auszuschöpfen. Als harte Randbedingung, neben der Nutzung, galt es einen vorgängig gesetzten Investitionsrahmen der Spitalleitung einzuhalten. Neu ist die gesamte Klinik auf einer Ebene, ausgenommen Garderoben für die Mitarbeitenden, einige Technikräume und das An- und Ablieferlager. In die zwei Labors vor Ort wurde modernste Technik integriert, um Resultate von diagnostischen Tests rasch zu erhalten, eine absolute Notwendigkeit in der Reproduktionsmedizin. Die Labors sind ISO-zertifiziert. Das Glasdach des Innenhofs und die Oberlichter wurden mattiert, um Einblicke aus den umliegenden Häusern zu verunmöglichen. Materialan- und -ablieferungen erfolgen getrennt vom Patientenfluss über die Parkgarage. Die Tiefgarage als ein Zugang mit separatem Lift wird von den Patienten als diskreter Eingang sehr geschätzt und genutzt. Das Ambiente der neuen Klinik gefällt sehr und das Personal arbeitet gerne am neuen Ort. An der Vogesenstrasse in Basel ist eine wegweisende Reproduktionsklinik entstanden. Sie bietet Ärzten eine Top-Basis und professionelle Abläufe, die ihresgleichen suchen.

Dr. Peter Acél

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