gs1-neton-header-04.jpg

«Bei Früchten und Gemüse ist die Wirkung am stärksten»

Migros-Mitarbeiterin vor ObstregalDer Migros-Genossenschafts-Bund macht mit dem GS1 Standard EPCIS die Lieferkette für Früchte und Gemüse transparenter, um die Qualität der Ware besser steuern zu können. Dabei wurde darauf geachtet, den Aufwand für alle Akteure im Rahmen zu halten.

Wenn Obst und Gemüse mit der richtigen Reife in der Auslage liegen, ist dies das Idealszenario für die kaufende Kundschaft. Mit dieser Zielvision verwendet der Migros-Genossenschafts- Bund (MGB) den GS1 Standard EPCIS beim digitalen Datenaustausch mit seinen Früchte- und Gemüselieferanten. «Die Warenströme werden digital transparent», erklärt Marc Inderbitzin,Leiter Supply Chain Information Solutions beim Migros-Genossenschafts- Bund. Damit wird eine bessere Steuerung der Qualität der verkauften Ware möglich, ebenso wie eine höhere Effizienz interner Prozesse. Im Idealfall wird die Migros dank den Daten schon bald den Einfluss des Wetters auf die Orangenernten in Spanien und Italien kennen, ebenso wie die Auswirkungen unterschiedlicher Transport- oder Lagerungszeiten. 

Bisher waren von den Beschaffungsverantwortlichen geführte Excel-Listen die Basis solcher Vorgänge. So bestand ein grosses, aber personengebundenes Know-how, einheitlich strukturierte Analyseprozesse gab es nicht. Wegen des hohen manuellen Aufwands fanden entsprechende Auswertungen nicht allzu häufig statt. Künftig soll dafür ein Klick genügen.

Konsequente End-to-end-Datenintegration
Im Rahmen einer strategischen Logistikinitiative suchte der MGB 2015 Instrumente, um den Waren- und Informationsfluss zu synchronisieren. Daraus erwuchs der Auftrag, ein modular aufgebautes generisches Logistik- und Datenmodell für die Gruppe zu schaffen. Im Auftrag des Category Managements Früchte und Gemüse wurde 2017 eine Vorstudie zur Optimierung der Transparenz beim Warenfluss verfasst. Man entschied sich für diesen Bereich, weil der qualitative Mehrwert bei frischer Ware rasch sichtbar wird. Ausserdem handelt es sich um sogenannte Monoprodukte, die nicht aus mehreren Ingredienzen bestehen wie beispielsweise eine Fertigpizza. Das reduziert die Komplexität der Aufgabe massgeblich. Um eine optimale End-toend- Datenintegration zu gewährleisten, setzte der MGB von Beginn weg auf den international anerkannten und systemunabhängigen GS1 Standard EPCIS, der alle relevanten Informationen abbildet. Dieser soll die Akzeptanz bei Produzenten von Früchten und Gemüse, aber auch in anderen Industrien erhöhen, sagt Inderbitzin.

Kleinster gemeinsamer Nenner bei Datenbeständen
Um den Projektaufwand im Rahmen zu halten, einigte man sich bei den erfassten Datensätzen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner der Datenbestände der Partner. Somit müssen diese keine neuen Daten aufbereiten und keine Prozesse verändern. Lediglich die Bereitstellung dieser Daten als EPCISEvent an einer entsprechend funktionierenden Schnittstelle war nötig. «Es gab keine Hardwareinvestitionen», erläutert Inderbitzin. Über das EPCISSystem für Früchte und Gemüse werden hauptsächlich logistisch relevante Informationen wie Erntedatum und -menge, Herkunftsland, Sorten, Versandzeit sowie Qualitätsdaten ausgetauscht. Die Daten werden direkt in den Arbeitsprozessen (Produktion, Versand, Wareneingang, Qualitätsprüfung) als EPCIS-Events bereitgestellt. An späteren Verarbeitungspunkten der Ware wird beispielsweise beim Umpacken die Artikelnummer geändert, bei der regionalen Anlieferung erfolgt eine Qualitätskontrolle. Auch diese Daten werden via EPCIS erfasst. Das System erlaubt den Beschaffungsverantwortlichen umfassende Auswertungen, die über genaue Herkunftsstatistiken bis zu den Liegezeiten der Ware reichen.

Kollaboration vergrössert den Gesamterfolg
Aktuell werden über 40 Partnerunternehmen des MGB in diese Struktur eingebunden: Es sind die Früchte- und Gemüselieferanten, die nicht in der Schweiz ansässig sind. Der grösste Teil dieser Lieferanten ist aus Europa. Seit Anfang Juni werden alle Lieferanten rollierend über die Umsetzung informiert. Ab 2021 sollen auch alle nationalen Lieferanten und deren Vorlieferanten mit der neuen Lösung arbeiten und ihren Beitrag zur End-to-end-Datenintegration leisten. Weil dabei EPCIS verwendet wird, müssen die Lieferanten den Aufwand nicht allein für die Migros machen. Sie können die Daten in diesem Format auch anderen Kunden liefern. «Der Einsatz eines international anerkannten GS1 Standards bietet da einen gewissen Investitionsschutz », betont Inderbitzin.
Die entlang der Supply Chain gewonnenen Daten könnten künftig sogar mit den Lieferanten geteilt werden. Davon dürften beide Seiten profitieren: Reduzierte Volumen von Papierbelegen, Echtzeitzugriff auf Qualitätsdaten, Verzicht auf redundante Datenerfassung sind laut Inderbitzin einige Pluspunkte. Zudem dürfte die Produktebewirtschaftung verbessert und die Verfügbarkeit der Sortimente an den von den Kunden gewünschten Orten gesteigert werden. Zudem verbessere der Lieferant seine Verhandlungsposition in der Supply Chain, beispielsweise gegenüber beauftragten Transportunternehmen. Der dem Datenaustausch zugrunde liegende Gedanke der unternehmensübergreifenden Kollaboration ist für Inderbitzin sowieso die Basis für einen grösseren Gesamterfolg der Beteiligten.

Kleinschrittiges Vorgehen in volatilem Umfeld
Derzeit ist der Anwendungscase im MGB noch alleinstehend, weil man sich vom Einsatz im Bereich Früchte und Gemüse die grösste Wirkung verspricht. Laufend werden andere Anwendungsgebiete untersucht. Da sich die Beschaffungs- und Logistikprozesse anderer Sortimente stark von denen bei Früchten und Gemüse unterscheiden, ist eine 1:1-Adaption nicht möglich. Inderbitzin betont auch die Bedeutung kleiner Schritte für den Gesamterfolg bei der Implementierung. Dieses Vorgehen eigne sich in einer von raschen Veränderungen geprägten Umwelt am besten zur Erzielung solider Ergebnisse.

Angesichts der Komplexität des Vorhabens wählte man ein iteratives Vorgehen, da es sehr herausfordernde Details zu bewältigen gab. So funktioniert der Datentransfer von den externen Partnern trotz des gemeinsamen Standards nicht per «plug and play». Laut Inderbitzin bestehen immer gewisse Unterschiede bei den Partnern, weshalb die Prozesse und Schnittstellen sehr genau angeschaut und abgestimmt werden müssen. Ein schlechtes Prozessverständnis führe zu schlechten Daten, aus welchen dann schlechte Massnahmen abgeleitet würden, schildert Inderbitzin die mögliche Abwärtsspirale. «Deshalb braucht jedes Integrationsprojekt seine Zeit», sagt er.

GS1 Standards schaffen Mehrwert
Die Migros setzt ganz generell stark auf die Standards von GS1. Diese kommen auch bei der Gebindeidentifikation mit der GRAI und bei der Palettenauszeichnung mit dem SSCC zum Einsatz. Transaktionsdaten werden zwischen dem MGB und seinen rund 900 Lieferanten mittels EDI ausgetauscht: Das können Bestellungen, Lieferscheine, Rechnungen oder Stammdaten sein. Für den Austausch von Eventdaten der Supply Chain wird EPCIS genutzt. «Wir sind überzeugt, dass GS1 Standards und Werkzeuge einen Mehrwert bedeuten », konstatiert Inderbitzin. Das reiche von der hohen Marktakzeptanz über das einheitliche Prozessverständnis und die Prozesssicherheit bis zu Aspekten des Investitionsschutzes. 

Alexander Saheb

Nach oben