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Wenn Logistik will, kann sie klimafreundlich

Das Team von Lidl Schweiz bei der Übergabe des Lean&Green 1st StarLogistikprozesse geraten immer mehr in den Fokus klimapolitischer Diskussionen. Die Lean & Green-Initiative ist ein pragmatischer Ansatz, wie Unternehmen gleichzeitig Treibhausgas-Emissionen senken und interne Prozesse effizienter gestalten können – und dies partnerschaftlich und kreativ, wie das Beispiel Lidl Schweiz zeigt.

Schon viel ist diskutiert worden über die Leitideen der so ähnlich klingenden Disziplinen Ökonomie und Ökologie. Hier der rationale, ökonomische Umgang mit knappen Gütern, dort das Zusammenspiel innerhalb der belebten und zur unbelebten Umwelt, die der menschlichen Zivilisation nicht unbegrenzte Ressourcen zur Verfügung stellen kann.

Mit der Überwindung dieser etwas unterschiedlichen Vorstellungen befassen sich nicht nur Wissenschaft und Politik, sondern auch moderne Management- Ansätze. Denn zusätzlich zu den zwei Hauptabsichten eines Unternehmens, nämlich Wachstum und beständige Effizienzsteigerung, geraten nun auch soziale und ökologische Faktoren in den Fokus von Kunden, Öffentlichkeit und Investoren. So versteht man beispielsweise unter «Lean & Green-Management » ein Konzept, das Effizienzsteigerungen in den Wertschöpfungsprozessen von Unternehmen mit Umwelt- und Nachhaltigkeitsaspekten verbindet. Im Fokus der Lean-Management- Methodik ist das Vermeiden oder Minimieren von «Verschwendung», also nicht wertschöpfender Tätigkeiten. Arbeitsprozesse sollen – bei gleichzeitig geringerem Einsatz von Material- und Zeitressourcen – schrittweise effizienter gestaltet werden. Die Idee: Herausforderungen hinsichtlich Umwelt- und Rohstoffeffizienz lassen sich mit demselben Managementansatz anpacken.

Klimapolitisch geforderte Logistik
«Lean & Green» soll auch die Logistik ansprechen. Die 2008 in den Niederlanden im Auftrag der Regierung ins Leben gerufene Lean & Green-Initiative richtet sich zwar grundsätzlich an alle Branchen. Dank der zentralen Rolle der grossen Seehäfen und der ausgezeichneten Verkehrsinfrastruktur in diesem Staat geriet allerdings die überragende Bedeutung der Logistik schnell ins Blickfeld. Das ebenfalls in den Niederlanden aktive Netzwerk Connekt richtete in der Folge ein Monitoringprogramm für Unternehmen ein, deren umweltbelastende Emissionen mindestens zur Hälfte aus Logistikprozessen herrühren. Das primäre Ziel der Notfor- Profit-Initiative: Unternehmen sollen die Treibhausgas-Emissionen in ihren Logistikprozessen innerhalb von fünf Jahren um 20 Prozent reduzieren. Die Ausarbeitung eines Massnahmenplans bleibt der innerbetrieblichen Kreativität überlassen.

Lidl Schweiz schafft den 1st Star zuerst
Inzwischen hat sich die Initiative zu einem europäischen Netzwerk «Lean & Green Europe» mit über 500 Unternehmen weiterentwickelt. Hierzulande ist GS1 Switzerland der Koordinator dieser Initiative. Aktive Mitglieder sind Lidl Schweiz, die Coop Genossenschaft, die Spar Handels AG sowie die Logistikdienstleister Krummen Kerzers AG, die Schweizerische Post und Zingg Transporte AG. Bereits im Rahmen des 13. GS1 Forums Logistics & Supply Chain im März 2018 verpflichteten sich die beiden Detailhändler Coop und Lidl Schweiz sowie Krummen Kerzers zu konkreten und plausiblen Aktionsplänen, ihren CO2-Fussabdruck massiv zu reduzieren.

Bereits im Juni 2019 hat die Discountkette Lidl Schweiz als erster Detailhändler in der Schweiz einen 1st Star erhalten. Die Auszeichnung bescheinigt die effektive Reduktion der CO2- Emissionen um über 20 Prozent innerhalb von weniger als fünf Jahren. Zu den umgesetzten Massnahmen gehörte das 2015 eröffnete zweite Warenverteilzentrum in Sévaz im Kanton Freiburg. Das nach neuesten Energiestandards gebaute Lager hat den Vorteil einer guten verkehrstechnischen Anbindung, womit ungefähr 40 Prozent der ursprünglichen Transportkilometer eingespart werden konnten. Viele weitere Schritte führten zu zusätzlichen Einsparungen von CO2- Emissionen wie des Energieverbrauchs generell. So verzichtet man auf das Vorkühlen der Lkws mit Diesel beim Verladen gekühlter Ware. Verschiedene Tests zeigten, dass die Kühlkette dennoch problemlos eingehalten werden kann. Zudem wurde das Warenverteilzentrum in Weinfelden auf LEDLeuchten umgerüstet.

Systematisches Energiemonitoring
Lidl Schweiz hat rechtzeitig ein systematisches Energiemanagement nach der ISO-50001-Norm implementiert. Dieses beruht auf der Erfassung der Energieflüsse im Unternehmen (Energiequellen, Energieeinsatz, Energieverwender) und einer Bewertung des Niveaus der Energieeffizienz an bedeutsamen technischen Anlagen und bei relevanten Prozessen und Tätigkeiten. Seit 2017 sind alle Schweizer Lidl- Filialen sowie beide Warenverteilzentren nach diesem Standard zertifiziert. Für Lidl-Schweiz-Projektleiterin Sabine Rapold bilden die beiden ökologischen Anforderungskataloge keinen Widerspruch: «Die Vorgaben der Lean & Green-Initiative gehen deutlich über die Anforderungen von ISO 50001 hinaus und beziehen sich ausschliesslich auf die Logistik. Die beiden Instrumente ergänzen sich insofern hervorragend, als ein Energiemanagement das systematische Erfassen der verbrauchten Ressourcen innerhalb eines Unternehmens erst möglich macht.» Für die Umsetzung der Zielvorgaben setzte Lidl Schweiz ein interdisziplinäres Energiemanagement- Team ein, das durch einen unternehmensinternen Energiebeauftragen geleitet wird.

Wertschöpfungskette denkt mit
Die durch GS1 Switzerland moderierte Lean & Green-Plattform ist für die teilnehmenden Firmen in zweifacher Hinsicht sinnvoll. Einerseits können sie so ihre Anstrengungen gegenüber der Öffentlichkeit transparent machen und andererseits auch von einem intensiven Erfahrungsaustausch profitieren. Man schätzt den «kooperativen, ehrlichen Austausch» unter den Mitgliedern. «Dabei spielt es in erster Linie keine Rolle, ob Mitbewerber oder Zulieferer. Im Bereich der Nachhaltigkeit versuchen wir uns gegenseitig zu unterstützen und gemeinsam besser zu werden. Der Wettbewerb steht im Hintergrund», so Rapold.

Das für eine effiziente Logistik geradezu typische engmaschige Zusammenwirken von Partnern in einer Wertschöpfungskette nützt natürlich auch den Lean & Green-Zielen. Für Warentransporte setzt Lidl Schweiz bereits zwei Elektrolastwagen ein. Für die flächendeckende Filialbelieferung arbeitet der Detailhändler allerdings mit externen Dienstleistern zusammen. So setzt Krummen Kerzers neu auch umweltfreundlichere Flüssigerdgas-Nutzfahrzeuge (LNG-Lkw) ein. Überdies hat Lidl Schweiz im Juni dieses Jahres zusammen mit Krummen Kerzers zwei LNG-Tankstellen in Betrieb genommen. Krummen Kerzers betreibt diese und baut damit wichtiges Know-how im Umgang mit Flüssigerdgas in der Schweiz auf.

Manuel Fischer

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