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Temperaturgeführte Citylogistik – Ideen und Taten

Fahrradkurier mit Kühlbox auf dem RückenUnter dem Begriff «Citylogistik» ist eine kluge Bewirtschaftung der letzten Meile durch KEP-Dienstleister gemeint. Die Zutaten: hoher Kooperationsgrad, gemeinsame Kommissionierungslager, sauberer Fahrzeugpark, Depotdienstleistungen. Die Temperaturführung ist eine zusätzliche Knacknuss.

Es ist ein Widerspruch: In einer zunehmend urbanen Gesellschaft mit individualisierten Lebensstilen und Zeitmustern blüht der Onlinehandel und somit die Zulieferung von allerlei Konsumgütern frei Haus (Elektronik, Textilien, Hobbyartikel usw.) durch Kurier-Express- Paket-Dienstleister (KEP). Ebenso nimmt die Nachfrage nach online bestellten und vor die Haustür gelieferten Lebensmitteln, auch aus dem Frischesortiment, zu. Andererseits sehnen sich Stadtbewohner nach hoher Wohnqualität und nach verkehrsberuhigten Quartieren.

Die Anzahl der auszuliefernden Pakete steigt Jahr für Jahr und damit die Anzahl Sendungen mit temperaturkritischer Ware. Gleichzeitig beobachtet man eine Reduktion der Volumen pro Sendung. Den induzierten Mehraufwand bei der Zustellung auf der letzten Meile und behördliche Restriktionen bei den Zufahrten (Reduktion von Parkplätzen, Zeitbeschränkungen, Dieselfahrverbote usw.) erleben KEPDienstleister als unbefriedigend.

Also müssen neue Konzepte her: Die Citylogistik wurde in ihrer ursprünglichen Form als reine Kooperation von Stückgutspediteuren verstanden. Modernere Citylogistik-Konzepte zeichnen sich durch einen breiteren Problemfokus und Massnahmenkatalog aus. Dazu gehören unter anderem das Errichten von Kommissionierungslagern in der Nähe der KEP-Auslieferungszonen, ein Erledigungsservice für zeitund mobilitätsbeschränkte Kunden oder Depotdienstleistungen mit Warenübergabeboxen (Pick-Points). Nicht zu vergessen ist das Umrüsten des Fahrzeugparks auf lärm- und schadstoffarme Fahrzeuge.

Hubs in Städten, Fahrzeugpark
«Der Leidensdruck ist hierzulande noch zu wenig gross, dass sich bereits ein Citylogistik-Konzept flächendeckend durchgesetzt hätte», sagt Georg Burkhardt, Geschäftsführer des schweizerischen Verbandes für temperaturgeführte Logistik (SVTL), zur Situation in Schweizer Städten. Mit der zunehmenden Beliebtheit der KEP-Dienste steige hingegen der Druck, praxistaugliche Lösungsansätze umzusetzen.

Der SVTL führte zusammen mit GS1 Switzerland im Mai dieses Jahres einen Workshop «Innovative Lösungen in der Feinverteilung temperaturgeführter Lebensmittel » durch. Eine erste Gruppe diskutierte hinsichtlich des «Szenarios Städtefahrverbot» neuartige Kooperationskonzepte. Als eines der wichtigsten Elemente wurde die Errichtung eines zentralen Hubs pro Grosstadt/ Stadtregion genannt. Die Feinverteilung müsste ab diesem Hub auf fixen Routen mit Fahrzeugen geschehen, die mit nachhaltiger Antriebstechnologie ausgestattet sind. Vorteil: Ein gebündelter Transport mit sauberen Fahrzeugen, wie zum Beispiel LNG oder E-Cargobikes, auf der letzten Meile hätte weniger Verkehr in den Wohnquartieren und weniger Emissionen zur Folge. Nachteil: Ein geeigneter Standort mit passender Infrastruktur am Stadtrand muss zuerst gefunden werden.

Alternativ zu grossen Hubs könnten auch lokale Sammel- und Lieferhubs von einem KEP-Unternehmen selbst betrieben werden, das auch gleichzeitig die Ware an Endkunden fakturiert (ähnlich HOGA-Shops). Natürlich hatten im Workshop auch futuristische Ideen ihren Platz. So plädierten einige für ein unterirdisches Transportsystem mit vordefinierten Verteilpunkten.

Innovativ kühlen, Pooling der Lademittel 
Unter dem Stichwort «E-Commerce mit innovativen Kühllösungen» sammelte eine zweite Gruppe Ideen zur Gestaltung der Warenübergabe. So wurde die notwendige Infrastruktur für die Auslieferung am Wohnort erörtert. Hinsichtlich der Direktzustellung an die Haushalte wurde die Notwendigkeit der Kühlung und Abschliessbarkeit von Ablagefächern (Milchkasten) diskutiert. Oder genügt ein für die Zulieferer zugänglicher Raum im Untergeschoss für die sichere Ablage der temperatursensiblen Ware? Gibt es alternative Kältemittel? 

Ein ebenso wichtiges Element eines modernen Citylogistik-Konzepts ist das gemeinsame Nutzen von normierten Lademitteln (Boxen gekühlt/ungekühlt, andere Kleinladungsträger). Damit werden die Auslastung der Fahrzeuge und die Effizienz des Auslieferungsdiensts gesteigert. Kunden würden tendenziell schneller und günstiger bedient.

So könnte ein Set an modularisierten, stapelbaren Mehrwegboxen mit Thermo- Funktion die sichere letzte Meile gewährleisten. Bereits heute sind solche Boxen auf dem Markt, mit mehreren Temperaturzonen ausgerüstet oder mit Vakuum-Paneelen versehen, gegen äussere Einflüsse sehr gut gedämmt. Für tiefgekühlte Ware gibt es auf die Kurzdistanz Alternativen zu Kältemaschinen, die in Abhängigkeit von Fahrzeugmotoren funktionieren. Über einfache Sensoren lässt sich die Temperatur der Ware bis zur Übergabe an den Konsumenten kontrollieren. Analog zu den normierten EPAL-Paletten wäre das Management der Mehrwegbehältnisse als gemeinsamer Pool zu betreiben.

Koordination, Politik und Praxisbeispiele
Überdies wurde auch das Abholen der bestellten Ware an kollektiven Standorten im Quartier angeregt, etwa an ÖV-Haltestellen, Tankstellen, Abholpunkten im Detailhandel, ja sogar in stillgelegten Telefonkabinen. Der Vorteil dieser Entkoppelung von Auslieferung und Abholung: Die Lieferung kann ausserhalb der Rushhour stattfinden und ist deutlich billiger als die Individualzustellung. Ein Entgegenkommen – im wortwörtlichen Sinn – der Citylogistik-User wäre ökologisch durchaus sinnvoll. Abseits der diskutierten technischen Ansätze wurde klar: Ohne minimalen politischer Druck und die Bereitschaft zu kooperativem Verhalten aller Beteiligten kann die letzte Meile kaum nachhaltiger gestaltet werden.

Häufig werden Citylogistik-Projekte diskutiert, dann schubladisiert. Nicht so in der Stadt Strassburg im Elsass. Die Stadtverwaltung untersagt per Dekret die Belieferung der zahlreichen Läden und Verpflegungsangebote durch Dieselfahrzeuge ab 2022. Die Behörden der Stadt und der Agglomeration Strassburg starteten letztes Jahr ein Kooperationsprojekt mit dem Kühllogistiker STEF. Das Unternehmen hat seine Fahrzeugflotte umgerüstet und versorgt aus einem Distributionszentrum im Vorort Bischheim die Läden und Restaurants der Innenstadt mit Flüssiggas-Lieferwagen und E-Cargobikes. Ausserdem wurde vor einem halben Jahr eine weitere Plattform – zusammen mit DB Schenker – aufgebaut. Diese hat zur Aufgabe, die «Letzte- Meile»-Sendungen diverser Anbieter zu bündeln. 

Manuel Fischer 

 

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