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Mit etwas mehr Support Logistik lernen

Die Stiftung Brändi mit 15 Betrieben und rund 1800 Beschäftigten ist als Zulieferer in ein Netzwerk privater Unternehmen der Zentralschweiz eingebunden. Auch Logistikdienste werden angeboten. Dank guter Beziehungen kann die Stiftung ihren Auftrag zur beruflichen Integration von Menschen mit einem Handicap noch besser erfüllen. Für dieses Engagement erhielt sie den Swiss Logistics Public Award 2018.

Helle Räume sind es, in denen fleissig gearbeitet wird. Für Unkundige auch ein verschlungenes Ensemble verschiedener Betriebe, wobei jeder einzelne sich auf einen anderen Werkstoff spezialisiert hat. In der Schlosserei stehen volle Palettenboxen mit Metallhaken herum, die darauf warten, abgeholt zu werden. In der elektrotechnischen Montage werden Litzen gelötet und ganze Kabel konfektioniert, ganze Steuerkasteneinheiten verdrahtet.

Zwischen Handarbeit und moderner Technik
In der Schreinerei sind auf einem Rundgang auch sorgfältig gefertigte Stücke aus Massivholz zu entdecken, etwa Verpackungskisten für einen Schweissgerätehersteller. Dann Objekte aus zwei senkrechten Brettern und einem waagerechten, die drei fest verzahnt, von einem runden Holzstab unten zusammengehalten – in verschiedenen Farben. «Das ist der berühmte Ulmer Hocker von Max Bill, den wir im Auftrag der Firma wb form herstellen dürfen», sagt Roger Aeschlimann, Leiter Kommunikation bei der Stiftung Brändi mit Hauptsitz in Kriens, der durch die Räume führt. Man staunt: Auf dem Rundgang sind auch Roboter, CNC Fräs- und Bohrmaschinen zu sehen, womit verschiedene Materialien bearbeitet werden.

Die Brändi-Unternehmen haben sich ein erstaunlich dichtes Beziehungsnetz zu Industrieunternehmen der Region aufgebaut. Häufig lagern die Wirtschaftspartner zuweilen arbeitsintensive Schritte, die aber unter Swissness-Bedingungen ausgeführt werden sollen, an die Stiftung Brändi aus. Die vielfältige Arbeit ist für die berufliche Ausbildung der Beschäftigten von hohem Nutzen. Mit Produkten und Dienstleistungen für externe Wirtschaftspartner generiert die Stiftung Brändi einen jährlichen Umsatz von über 30 Millionen Franken.

Hoher Betreuungsaufwand
Die Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen in die Arbeitswelt zu integrieren, und zwar mit Mitteln der Berufsbildung und einem Bündel an spezifischen Massnahmen, welche die persönliche Entwicklung unterstützen.

Freilich wird auf die besonderen Ausgangslagen der Beschäftigten Rücksicht genommen: Für das Erlernen eines Berufs bedarf es – je nach Situation des Jugendlichen – eines beträchtlich höheren Betreuungsaufwands als im ersten Arbeitsmarkt. «Wir führen noch eine Lehrwerkstatt, eine Einrichtung, die in anderen Betrieben kaum mehr anzutreffen ist», so Aeschlimann. Auszubildende haben so die Gelegenheit, die Grundoperationen einer Tätigkeit gründlich einzuüben, unter Anleitung fachkundiger Ausbildner.

Wo industriell produziert wird, müssen Waren transportiert, gelagert, umgeschlagen, kommissioniert, sortiert, verpackt und verteilt werden. Im betriebseigenen Lager entdeckt man Komponenten für Steuerkästen, die sortenrein abgepackt worden sind. Hier in Kriens werden diese Elemente von Hand verdrahtet, bevor ein Hersteller automatisierter Verpackungssysteme davon Einzelpositionen elektronisch abruft. Die Brändi-Logistiker müssen nachfolgend diese Ware dem Kunden fachgerecht verpackt bereitstellen und ausliefern.

Anderswo stehen für Coop Möbelstücke bereit. Nach Vorgabe des Kunden sind diese mit einem Gebinde zu schützen und werden versandbereit palettiert. Der Grossverteiler stellt im Vorfeld – übrigens mit GS1 Barcodes versehene – Etiketten bereit, womit die Einzelstücke und die Versandeinheiten vor der Auslieferung zu kennzeichnen sind.

Lebhaftes Onlinegeschäft
Ihre Logistikkompetenzen bringt die Stiftung Brändi auch im Onlineversandhandel ein. In einem Lagerraum warten Spielzeuge, Kostüme und Papeterieartikel auf ihre Auslieferung. Der Zufall wollte es, dass die Stiftung Brändi zum Logistikpartner auch in diesem Bereich wurde. Alles begann mit einer Jungunternehmerin, die Geburtstagspartys für Kinder organisieren wollte, daraufhin mit Lizenznehmern von Artikeln Kontakt aufnahm und schliesslich einen Onlineshop einrichtete. Sie brachte die aus Mexiko stammende Tradition der Piñatas in die Schweiz. Piñatas sind Figuren aus Pappmaché in den vielfältigsten Formen – Eulen, Schweine, Affen, Schlösser. An der Party schlagen die Kinder mit verbundenen Augen mit einem harten Schläger auf die Figur, bis Süssigkeiten herauskullern.

Das Geschäft lief gut. Schnell reichte ihr in Privaträumen eingerichtetes Lager nicht mehr aus und bald wollte sie die dafür erforderliche Logistik in professionellere Hände geben. «Da kamen wir ins Spiel, zusammen mit dem Hug- Verlag, der bald darauf den Onlineshop übernahm», erinnert sich Elmar Bielmann, Leiter Logistik, der mit seinem Team den Materialgüterfluss im Betrieb Kriens verantwortet.

Pro Tag werden bis zu 200 Bestellungen abgewickelt; vor allem nach einem regnerischen Wochenende läuft das Geschäft mit den Geschenkartikeln rund. Eingelagert wird die Ware nach dem Prinzip der dynamischen Lagerhaltung. Die Mitarbeitenden kommissionieren sie mit einem tragbaren und wireless bedienbaren Datenerfassungsgerät, das die Bestellungen aus dem Onlineportal des Verlags anzeigt. Über Barcodes wird sichergestellt, dass die Beschäftigten die richtigen Artikel aus dem Lager zusammenstellen.

«Es ist ein schnelles Geschäft: Heute bestellen, morgen Party. Wir haben unsere Sorgfaltspflichten gegenüber den Bestellern und dem Verlag als Auftraggeber zu erfüllen», schildert der Logistikleiter die Situation im Onlineshop. Da Kundenbewertungen auf Onlineportalen gang und gäbe sind, druckt Bielmann diese regelmässig aus, um die Feedbacks auch dem Team präsent zu halten.

Schritt nach draussen
Die Stiftung Brändi hat über die Jahre auch ihr Netzwerk spielen lassen, damit die Integration von Jugendlichen mit Behinderungen oder Lernschwierigkeiten in den ersten Arbeitsmarkt gelingen kann. «Lernende mit den Zielen EFZ/EBA bereiten wir stark auf den Schritt nach draussen vor», so Bielmann. Die Lernenden sind aufgefordert, einmal pro Ausbildungsjahr mindestens ein einmonatiges Praktikum zu absolvieren. Einmal ist das Ziel, sich innerhalb der Brändi-Unternehmen in ein anderes Team integrieren zu können. Ein anderes Mal geht es darum, «sich dem etwas raueren Wind des ersten Arbeitsmarktes auszusetzen». Seitens der Stiftung Brändi sucht man den Kontakt mit regionalen Wirtschaftspartnern, um solche externen Praktika zu ermöglichen.

Die angefragten Firmen sind aufgefordert, die Praktikantinnen und Praktikanten in ihre Arbeit einzuführen und sie zu betreuen. «Andererseits dürfen unsere Partner auch eine Arbeitsleistung abrufen. Unsere Lernenden profitieren sehr vom Austausch – mehr Selbstständigkeit, mehr Fachwissen», resümiert Bielmann. Vielfach wird der Austausch auch von den Wirtschaftspartnern als erfreulich erlebt, was zur Nomination der Stiftung Brändi für den Swiss Logistics Public Award massgeblich beigetragen hat.

Manuel Fischer

Die Stiftung Brändi in Kürze
In einem Pavillon in Horw begann 1968 die Entwicklung der Stiftung Brändi. Darin betreuten zwei Gruppenleiter 12 Menschen mit Behinderung. Heute ist die Stiftung mit ihren 15 Unternehmen und rund 1800 Beschäftigten die zehntgrösste Arbeitgeberin in der Zentralschweiz. Sie ist eine soziale Institution, ein Ausbildungscenter und ein leistungsfähiger Industriebetrieb, zu dem auch zwei Gärtnereien und zwei Shops gehören. Insgesamt stehen 1100 Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung zur Verfügung.

Mit Produkten und professionellen Dienstleistungen erzielt die Stiftung jährlich einen Ertrag von über 30 Millionen Franken. Der Eigenfinanzierungsgrad beträgt über 52 Prozent, was die öffentliche Hand erheblich entlastet. Die Stiftung Brändi bietet ihren jährlich rund 220 Lernenden Berufslehren in 14 Branchen an. Rund 50 Lernende absolvieren ihre Ausbildung ganz oder teilweise im ersten Arbeitsmarkt. Die Job-Coaches der Stiftung Brändi übernehmen dabei die Koordination zwischen dem Lehrbetrieb, dem Lernenden und der IV. 2018 gewann die Stiftung Brändi den Swiss Logistics Public Award.

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