gs1-neton-header-03.jpg

Die Zukunft gehört kollaborativen Netzwerken

Die digitale Transformation gelingt Unternehmen erst, wenn sie das richtige Führungsverständnis und ausgeprägte Kollaborationsfähigkeiten erlangen, konstatiert eine Zukunftsstudie.

«Digitalisierung» ist leichter gesagt als getan – das merken Unternehmen dann, wenn sie sich angesichts der Vielfalt technologischer Optionen gar nicht recht entscheiden können. Einerseits haben Vorreiterfirmen wie Airbnb oder Uber gezeigt, welchen disruptiven Einfluss konsequente Digitalisierung in einer Branche entfalten kann. Gleichzeitig hat die digitale Ermächtigung der Konsumenten eine regelrechte Bewertungsökonomie geschaffen, in der Firmen mit Likes wie mit Shitstorms umgehen müssen. Viele Firmen stehen jetzt vor einem «Umsetzungsproblem», da sie eine zur eigenen Strategie passende Digitalisierung gestalten wollen – oder doch eher ihre Strategie der Digitalisierung anpassen müssen?

Führung muss Freiheit geben
In diesem Spannungsfeld möchte die Zukunftsinstitut GmbH aus Frankfurt am Main mit ihrer Studie «Hands-On Digital: Agenda für digitale Kompetenz » Firmen eine Orientierungshilfe geben. Dazu identifiziert sie fünf zentrale Einflussfaktoren, welche den Digitalisierungserfolg eines Unternehmens massgeblich bestimmen. An erster Stelle steht die Identität. «Digitale Orientierung besteht in der Besinnung auf die ureigenen Potenziale, nicht in der Nachahmung fremder Vorbilder», heisst es. Somit müssen Unternehmen eine klare Vision des eigenen Könnens und Wollens und der langfristigen Strategie entwickeln, um Schöpfer und Gestalter ihrer Zukunft in einer digitalisierten Welt zu sein.

Die digitale Transformation ist dann vor allem eine Frage von Führung und Unternehmenskultur als zweitem Einflussfaktor. Eine der Digitalisierung förderliche Unternehmenskultur gedeiht nur, wenn sie von den Führungskräften auch überzeugend vorgelebt wird. In zu vielen Firmen besteht jedoch eine deutliche Diskrepanz zwischen den entsprechenden Bekenntnissen des Managements und seinen Taten: Digitale Kulturen und Strategien werden proklamiert, ohne sie zu praktizieren. Das lässt die Mitarbeitenden frustriert zurück.

Ein neuer, in der Digitalisierung erfolgreicher Führungsstil muss Veränderung erlauben und digital affinen Mitarbeitenden Erfolgserlebnisse ermöglichen. Leadership ist dann das Hinterfragen von Grenzen und Barrieren innerhalb der Firma und an ihren Schnittstellen mit der Umwelt. Abläufe sollen nicht mehr abschnittsweise gedacht werden, sondern als Prozesskette, die eine interdisziplinäre Zusammenarbeit erfordert. Führung wird damit «zum Beziehungsmanagement der unterschiedlichen Player», schreiben die Experten. Das gilt innerhalb des Unternehmens, wo Teams in eine produktive Balance zwischen Offenheit und Vertraulichkeit gebracht werden müssen, wie auch über die Firmengrenzen hinaus. Im Idealfall haben die Mitarbeitenden Freude daran, Arbeitsprozesse eigenverantwortlich zu übernehmen. Mit Pioniergeist und Empathie soll den Führungskräften das Change Management der digitalen Transformation gelingen.

Die Innovation – als dritter Faktor – hat ebenfalls einen festen Platz, muss aber richtig verstanden und gelebt werden. Innovation kann nicht an isolierte Abteilungen oder Positionen delegiert werden. Sie geschieht nicht isoliert und ist auch kein zeitlich begrenztes Projekt. Sie entsteht erst, wenn Spielräume für exploratives und achtsames Denken und Handeln gegeben sind. Dann wird Innovation im Unternehmen als Chance zur kreativen Mitgestaltung verstanden und es kann eine inspirierende Lernkultur entstehen.

Eigenen Platz im Netzwerk sichern
Kooperation in Netzwerken – so lässt sich der vierte Faktor charakterisieren. «Digitalisierte Unternehmen handeln ökosystemisch», konstatieren die Experten. Die Firmen sind in einer vernetzten Wirtschaft keine Einzelkämpfer mehr, sondern können nur noch als Teil eines Ökosystems erfolgreich agieren. Firmen, die auf ihre Netzwerke achten, haben ein offeneres Verständnis von sich selbst. Ihre Anschlussfähigkeit ist entscheidend, sowohl intern wie auch extern. In der Digitalisierung sollten Firmen die Zahl der Schnittstellen zur Umwelt erhöhen und in Beziehungspflege investieren – mit den Kooperationspartnern, die das fehlende Wissen haben.

Das Unternehmen wird von den Beziehungen getragen, die es zu anderen Organisationen, Partnern und Experten aufbaut. Es versteht sich selbst als aktiver Knotenpunkt in einem Netzwerk – wie ein offener Hafen. Dadurch wird Fremdes integriert, das Eigene aber auch in die Welt hinausgetragen. Echte Kooperationskompetenz ist dann erreicht, wenn sich das Unternehmen als Teil eines Teams definiert, welches Netzwerke pflegt und nicht nur «benutzt». Als Zukunftsvision gilt den Autoren der Studie eine offene digitale Ökonomie, in der nicht einige wenige Monopolisten den Markt beherrschen, sondern ein kooperatives Miteinander den Umgang prägt. Der Kollaborationsfähigkeit eines Unternehmens kommt dann ein hoher Stellenwert zu, denn sein Erfolg wird an der Qualität seiner Kooperationen gemessen.

Die Technologie ist der fünfte wichtige Faktor, und die Studie propagiert dazu einen integrativen Ansatz. Nur Organisationen, die Mensch und Maschine nicht als Konkurrenz verstehen, sondern als Partner mit komplementären Stärken, sind auch in der Lage, technologische Potenziale zu erkennen und zu nutzen. Dazu müssen Unternehmen reibungslose Schnittstellen zwischen Mensch und Technologie etablieren. Hardware und Software werden zentrale Teile des unternehmerischen Alltags. Die Beziehung zwischen Mensch und Maschine gestaltet die Zukunft. Während dieses Umgangs neu erworbene Kompetenzen sollten der gesamten Organisation zugute kommen.

User Experience als höchstes Gut
Schliesslich analysiert die Studie, im Sinne eines «Big Picture», auch die Chancen von Unternehmen in einer vernetzten Welt. Sie greift dazu auf das vom Soziologen und Systemtheoretiker Dirk Baecker entworfene Modell «Form of the Firm» zurück, welches die sieben Stufen Produkt, Verfahren, Organisation, Markt, Wirtschaft, Gesellschaft und schliesslich Mensch umfasst. Das Produkt ist als oberste Ebene die Konsequenz aus dem Zusammenwirken aller anderen Ebenen – die User Experience steht im Zentrum. Produkte sollen einen sinnvollen, nachhaltigen Mehrwert schaffen und sich ganzheitlich in die jeweiligen Umwelten einfügen. Auf der Führungsebene muss digitale Kompetenz gelebt und gefördert werden. Führung schafft kreative Spielräume, die von den Mitarbeitenden mit «strukturiertem Schwirren» gefüllt werden, was Innovation und neue Potenziale im Unternehmen erschliesst. Auf Ebene der Gesamtwirtschaft kommt es zu neuen Partnerschaften, wie beispielsweise der von Google mit der Ellen MacArthur Foundation, die von der Vision einer müllfreien Wirtschaft getrieben wird.

Und schliesslich wird die konsequente Digitalisierung dem Menschen erst recht bewusst machen, was ihn ausmacht und genuin von Maschinen und künstlicher Intelligenz unterscheidet: Diese wird immer nur rational sein und damit ein Bruchteil der menschlichen Intelligenz. Intuition, Sozialität, Emotionen, Körperlichkeit, Kreativität und Unberechenbarkeit machen dagegen den Menschen erst zum Menschen – und das in digitalisierten Zeiten mehr denn je.

Alexander Saheb

Mehr in dieser Kategorie: Digital ganz normal? »
Nach oben