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Supply Chains im Stresstest

Supply-Chain-Transparenz ist wichtig, reicht aber in der heutigen Zeit nicht mehr. Wer auf Supply-Chain-Störungen nur reagiert, hat ein Problem. Vorbeugendes Handeln ist notwendig.

Das sich rasch verbreitende Coronavirus gefährdet Lieferketten und ganze Supply-Chain-Ökosysteme, führt zu kostenträchtigen Produktionsunterbrüchen und Lieferengpässen in zahlreichen Branchen – von Automotive über Elektronik bis Pharma und Textil. Dabei sind Lieferkettenstörungen – von Menschen wie auch von Naturereignissen verursachte – kein neues Phänomen.

Komplex und dynamisch
Das Supply Chain Management (SCM) gehört zu den komplexesten Aufgaben in Unternehmen. Globale Lieferquellen, Einbindung unterschiedlichster Partner, ob Produktionsstandorte, Lieferanten, Lagerhalter, Spediteure, Transporteure, Zollbehörden oder Distributoren, unzählige physische und digitale Schnittstellen – es gibt so viele Faktoren, die den Überblick über das Supply-Chain Ökosystem und den Durchblick erschweren.

Und die Anforderungen an das SCM steigen stetig weiter. Die Unternehmen müssen immer schneller auf Nachfrageveränderungen reagieren respektive diese immer besser vorausschauend einschätzen können. Aufgrund des «Amazon-Effekts» (günstig und schnell per Mausklick bestellt und morgen geliefert) stehen viele Konzerne unter starkem Wettbewerbsdruck. Der Verbraucher erwartet ein vollendetes, störungsfreies Kundenerlebnis mit einer Echtzeitverfolgung seiner Bestellungen bis zur punktgenauen Lieferung. Dieser Anspruch hat sich inzwischen auch aufs B2B-Geschäft übertragen. Geschwindigkeit, Transparenz und Qualität sind der Schlüssel zum Erfolg.

Systemvielfalt kontra Transparenz
Seit Jahrzehnten kämpfen Supply Chain Manager für mehr Prozesstransparenz – vom Rohstofflieferanten bis zum Endkunden –, um agiler und nachhaltiger auf Lieferkettenstörungen reagieren zu können. Viele Hoffnungen verknüpften sich mit der Digitalisierung.

Eine Vielzahl von Softwarelösungen ist heute bei Versendern, Spediteuren und Transporteuren im Einsatz: Global Trade Management (GTM), Warehouse-Management- Systeme (WMS), Transport- Management-Systeme (TMS), Enterprise Ressource Planning (ERP) oder Carrier-Dispatch-Systeme, um nur einige zu nennen. Aber alle sind Insellösungen, auch die von Maersk und IBM gegründete Shipping-Information- Pipeline auf Basis von Blockchain-Technologie.

Immer noch werden viele Informationen manuell, per E-Mail, Fax oder Telefon entlang der Lieferkette ausgetauscht. Der Grund: Zwischen den genannten Systemen besteht wenig oder keine Interoperabilität. Dies verhindert, dass alle Beteiligten eine ganzheitliche Sicht auf ihre Lieferungen haben. Dadurch ist weder ein schnelles Erkennen noch eine proaktive Kommunikation von Lieferproblemen möglich, insbesondere wenn die Probleme ihren Ursprung bei Tier-2- oder Tier-3-Lieferanten haben.

Hinzu kommt, dass sich der Informationsbedarf und die Interpretation einzelner Dateninhalte je nach Supply- Chain-Partner erheblich unterscheiden. Grosse Vielfalt herrscht auch bei Datenstandards, Datenumfang und angewandter Semantik bei der SCM-Software, die sich bei den verschiedenen Parteien im Einsatz befindet. Zudem ist nicht jeder Partner in der Supply Chain bereit oder in der Lage, seine Daten an alle weiterzugeben – wegen unterschiedlicher ERP-Systeme oder eventuell aus Angst, die Daten würden nicht vertraulich behandelt.

Mangelnde Datenqualität
Eine weitere Schwachstelle sind die riesigen Datenmengen, die durch die Lieferkette fliessen, und die Qualität dieser Daten. Stimmen die Verschiffungs- oder Ankunftszeiten nicht oder werden Transportverzögerungen vom Transporteur zu spät übermittelt, können Ausliefertermine beim Endkunden nicht eingehalten werden. Zusätzlich fallen eventuell Demurrage, Detention und Storage Charges an. Und die Unternehmen müssen Pufferwarenbestände vorhalten, um eine hundertprozentige Lieferfähigkeit sicherzustellen.

Die meisten Softwarelösungen basieren auf statischen Rechenmodellen, in die beispielsweise nur die offiziellen Daten des Transporteurs oder Spediteurs einfliessen. Sind diese Daten nicht à jour, entsteht ein falsches Bild. Nur selten hat der Supply Chain Manager einen wirklichen Überblick über die Ist-Situation und noch seltener kann er in die Zukunft blicken. Volle Supply-Chain- Transparenz (Visibility) bleibt so Utopie.

Predictive Supply Chain Visibility
Nur wenige Software-Anbieter sind in der Lage, die für den Verlader interessanten Daten dynamisch aus verschiedenen Quellen zu schöpfen (Reeder plus Satellitenmeldungen usw.), zu überprüfen, zu korrigieren, auszuwerten und bereinigt in die Modellrechnung einzuspeisen. Sie haben erkannt, dass die Datenqualität entscheidend ist für Transparenz und zukunftsorientierte Aussagen. Sie setzen auf eine «kontinuierliche » Methodik und offene Plattform-Technologielösungen unter Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) und maschinellem Lernen (ML). In einem solchen selbstlernenden System werden Daten auch extrapoliert. Dadurch lassen sich nicht nur Supply- Chain-Ökosysteme in Echtzeit abbilden, es können auch mit grosser Präzision Vorhersagen für vorher definierte Ereignisse erstellt (Predictive Supply Chain Visibility) und die Lieferfähigkeit optimiert werden (Continuous Delivery Experience).

Continuous Delivery Experience
Grosse Kunden in Industrie und Handel erwarten heute von ihrem digitalen Supply Chain Management eine punktgenaue Lieferung der bestellten Produkte, eine Amazon-ähnliche Lieferfähigkeit und Kundenerfahrung – auch im B2B-Geschäft. Bei Lieferstörungen aus was auch immer für Gründen erwarten sie eine vorausschauende, schnelle Problembewältigung.

Unternehmen wie Lenzing Gruppe, Georgia-Pacific und Koch Industries setzen daher auf innovative, offene Plattform-Technologielösungen, die Lieferketten digital so abbilden, dass eine hohe Kundenzufriedenheit auch im B2B-Geschäft erreicht wird. Für erfolgreiche Firmen stehen der Kunde und das Kauferlebnis ganz am Anfang der Prozesskette und diese wird in entgegengesetzter Richtung organisiert als im Traditionsunternehmen.

Ausblick
Seit Anfang des Jahres erweist sich die Coronavirus-Epidemie als Stresstest für Lieferketten von und nach China. Die negativen Auswirkungen auf internationale Lieferketten-Ökosysteme, Produktion und Kundenangebote zeigen sich bereits heute und werden noch zunehmen. Luft- und Seefrachtkapazitäten werden knapp. Die Frachtkosten steigen. Die Corona-Epidemie fällt unter höhere Gewalt. Zusatzkosten, vor allem im Seeschiffsverkehr anfallende sogenannte Detention, Demurrage und Storage Charges, können vom Spediteur dem Verlader weiterberechnet werden.

Die Coronavirus-Epidemie ist auch ein Stresstest für Supply Chain Manager, die schnell und proaktiv auf die absehbaren Störungen in der Supply Chain reagieren müssen, um die Lieferfähigkeit des Unternehmens zu erhalten und genügend Waren für den Abverkauf zur richtigen Zeit am richtigen Ort zur Verfügung zu haben. Nur eine hohe Datenqualität garantiert wirkliche Transparenz in der Lieferkette und macht zuverlässige Aussagen über Produktlieferungen möglich. Ein positives Kauferlebnis wiederum schafft Kundenbindung.

Thomas Kofler, VP Sales EMEA, ClearMetal, Zürich
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