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Grosse Pläne, grosse Schritte

Damit Lidl ab 2030 alle Schweizer Filialen ohne Nutzung fossiler Treibstoffe beliefern kann, setzt man auf Lkws mit Flüssiggasantrieb. Die notwendige Betankungsinfrastruktur und Lastwagenflotte baute der Retailer zusammen mit mehreren Logistikpartnern auf. Für diesen Pioniergeist erhielten die Unternehmen im Herbst 2019 den Swiss Logistics Award.

Strom ist nicht genug. Die Erfahrungen mit zwei 18-Tonnen-Elektrolastern bei Lidl Schweiz zeigen, dass Batterien und Elektromotoren keine dieselbetriebene Lastwagenflotte ablösen können. Trotzdem will Lidl Schweiz bis 2030 alle Schweizer Filialen ohne die Nutzung fossiler Treibstoffe beliefern. Die Alternative zum Dieselantrieb sollte bei Nutzlast, Reichweite und Kosten konkurrenzfähig sein und eine bessere Umweltbilanz haben.

Ein Blick über die Landesgrenzen offenbarte das dort bereits erkannte Potenzial von Flüssigerdgas-Antrieben (Liquefied Natural Gas, LNG). Die Europäische Union fördert die Umstellung auf LNG-Fahrzeuge mit einer zweijährigen Befreiung von der Strassenmaut und bezuschusst den Kauf solcher Fahrzeuge. In der Schweiz gibt es derzeit aber keinerlei finanzielle Anreize dafür.  

Infrastruktur selbst aufgebaut
Um ihre Ziele zu erreichen, begaben sich Lidl Schweiz und der Logistikpartner Krummen Kerzers auf Neuland. Denn es gab in der Schweiz keine LNG-Tankstellen. Ohne Tankstelleninfrastruktur investierte aber niemand in Fahrzeuge. Und ohne Fahrzeuge fand sich kein Tankstellenbetreiber. Im Sommer 2018 präsentierten die beiden Firmen der Branche und gezielt den Wettbewerbern ihr Projekt «Goodbye Diesel – Hello LNG». Scania und Volvo stellten Testfahrzeuge bereit. Vor Ende 2018 wurden Kaufverträge für zwei LNG-Tankstellen und 34 LNG-Fahrzeuge der Hersteller Scania und Volvo unterschrieben, von denen 20 für Lidl Schweiz, Krummen Kerzers, KMT und Thurtrans fahren. Ferner investierte die Firma Schöni in LNG-Lastwagen. Laut den Bewerbungsunterlagen für den Swiss Logistics Award zeichnet sich die Kooperation der Unternehmen vor allem dadurch aus, dass sie über Wettbewerbsgrenzen hinweg zusammenarbeiten und bewusst Risiken eingehen, um Ressourcen entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu sparen.

Das klimarelevante Einsparpotenzial der durch Lidl und seine Partner betriebenen Fahrzeuge wird auf über 400 Tonnen CO2-Emissionen (Well to Wheel) pro Jahr geschätzt. Im Mai und Juni 2019 wurden die zwei ersten Schweizer LNG-Tankstellen in Weinfelden und in der Romandie in Sévaz installiert. Als besonderes Highlight wurden sie nicht mit LNG, sondern bereits mit LBG (Liquified Biogas) befüllt. Dies sei als Signal zu werten, dass es nicht nur Alternativen, sondern sogar fossilfreie Alternativen zu Dieseltreibstoffen gebe. Der Import von aus biogenen Abfällen produziertem LBG als Treibstoff war der erste überhaupt in die Schweiz. Auch in Europa gibt es praktisch keine mit LBG betriebenen Tankstellen. Nun wäre eine Belieferung der Lidl-Filialen ohne Nutzung fossiler Treibstoffe möglich, sobald der Einsatz von LBG ökonomisch tragbar wird.

Weniger Schadstoffe, Lärm und Steuern
In den ersten Wochen des Betriebs wurden die Fahrer geschult und technische Detailprobleme gelöst. Aktuell wird beim Betrieb der Fahrzeuge mit fossilem LNG aus Katar (dem weltweit führenden LNG-Exportland) mit mehreren ökologisch vorteilhaften Effekten gerechnet. So dürften sich die CO2- Emissionen um 10 bis 15 Prozent verringern, je nachdem ob es sich in den Lkws um Otto- oder Dieselmotoren von Scania oder Volvo handelt. Stickoxide werden um 40 Prozent und Feinstaub um 70 Prozent reduziert, Kohlenwasserstoffe gar um 90 Prozent. Die mittelfristig geplante Flotte von 40 LNG-Lastwagen wird noch ohne Beimischung von LBG über 400 Tonnen CO2 einsparen. Sollte sie hingegen nur noch mit LBG betankt werden, könnten es sogar über 5000 Tonnen sein. Dabei sind das nur die Projektionen für die Lidl-Flotte. Die Tankstellen stehen aber grundsätzlich auch Dritten zur Verfügung, was das Ökopotenzial der Branche deutlich steigert.

Eine der sozialen Komponenten des Projekts wird in der Abkehr vom schadstoffreichen Dieselantrieb gesehen, was einem Bedürfnis der Bevölkerung entspreche. Der Betrieb von Gasmotoren mit LNG ist zwar noch nicht fossilfrei, der Ausstoss an Luftschadstoffen wird jedoch signifikant vermindert. Zudem laufen die gasbetriebenen Ottomotoren der Scania-Trucks deutlich leiser als Dieselmotoren. Mit Blick auf die Kosten steht die Besteuerungspraxis des LNG im Vordergrund. Diese erhöht den LNG-Preis auf derzeit rund 1.40 Franken pro Kilogramm, was das ökonomische Gleichgewicht zum Dieselmotor gefährdet. Für den wirtschaftlich neutralen Betrieb der LNG-Fahrzeuge wäre ein um 35 Prozent tieferer Preis notwendig. Laut Angaben von Lidl zeichnet sich bei der Besteuerung noch 2020 eine vorteilhafte Veränderung ab. Erwartet man künftig leicht steigende Dieselpreise, konstante Gaspreise, reduzierte Risikobeiträge und tiefere Anschaffungskosten, könnte ein LNGFahrzeug mit einer Laufleistung von 180 000 Kilometern pro Jahr rund 10 000 Franken günstiger sein als ein Diesellastwagen.

Ausbau von Flotte und Tankstellennetz
Sowohl bei Lidl als auch bei Krummen Kerzers ist man mit den bisherigen Erfahrungen aus dem LNG-Betrieb sehr zufrieden. «Nach acht Monaten Betrieb haben wir durchwegs positive Erfahrungen gesammelt», meint Peter Krummen von der gleichnamigen Logistikfirma. Demnach funktionieren die Fahrzeuge einwandfrei und fahren sich wie Diesellaster. Die von den Herstellern kommunizierten Verbrauchswerte seien korrekt. Im Juni wird in Egerkingen die dritte Schweizer LNGTankstelle eröffnet, die für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Bis Mitte Jahr will Krummen zehn weitere LNG-Fahr-zeuge und im Herbst auch einen eigenen LNG-Transport-Auflieger in Betrieb nehmen. Bei Lidl Schweiz konstatiert man, dass die LNG-Lkws die gleiche Nutzlast und Reichweite haben wie Dieselfahrzeuge. Es gebe praktisch keine Ausfälle wegen Reparaturen oder Schäden, lässt Mathias Kaufmann von der Lidl-Medienstelle wissen. Wenn sich Unternehmen für die Nutzung der LNG-Technologie interessierten, sollten sie frühzeitig mit den involvierten Behörden Kontakt aufnehmen, rät man bei Lidl Schweiz.

Indessen ist für Lidl Schweiz nicht LNG, sondern die Nutzung von LBG das Ziel, um eine letztlich von fossilen Treibstoffen freie Logistik realisieren zu können. Dazu gibt es das Projekt «Hello LBG» mit Krummen Kerzers. Erst mit der Nutzung von Biomasse als Treibstoff wird der CO2-Kreislauf physisch und zeitlich geschlossen. Es wird zeitnah nur so viel CO2 freigesetzt, wie von der Natur wieder gebunden werden kann. Deshalb gehört LBG zu den erneuerbaren Energien. Der Einsatz von LBG im Schwerlastverkehr der Schweiz wird derzeit vom Bundesamt für Energie, der Schweizerischen Gaswirtschaft, Lidl Schweiz und Krummen Kerzers untersucht. Begleitend steht die Hochschule Rapperswil mit messtechnischen und analytischen Studien zur Seite, um die Wirksamkeit über die gesamte Wertschöpfungskette auszuwerten.

Die Jury des Swiss Logistics Award (SLA) zeigte sich vor allem von der Geschwindigkeit und der Konsequenz beeindruckt, mit der das gemeinsame Projekt «Goodbye Diesel – Hello LNG» umgesetzt wurde. «Die privatwirtschaftliche Initiative, um in der Logistik neue Wege zu beschreiten und einen Change of Mind herbeizuführen, und dies sogar gegen behördlichen Widerstand, ist bemerkenswert», sagte Jurypräsident Hans-Rudolf Hauri bei der Preisverleihung im Herbst 2019.

Alexander Saheb

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