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Keine Wunder von der Blockchain

Vertrauen und effiziente Netzwerke – das sind zwei zentrale Versprechen der Blockchain. Doch je näher man den Verheissungen kommt, desto mehr müssen sie relativiert werden.

Mehr Vertrauen ist eines der Versprechen, mit denen für die Blockchain-Technologie geworben wird – auch und gerade bei Anwendungen entlang einer vernetzten Supply Chain. Da geht es um die manipulationssichere Erfassung und Verbreitung von Daten, die für die integrierten Transaktionsteilnehmer relevant sind. Allerdings wird aus der in einer isolierten Betrachtung schlüssigen Verheissung, die Blockchain schaffe mehr Vertrauen, ein im Gesamtkontext interorganisationaler Anwendung geradezu paradoxer Anspruch.

Denn auch wenn die Daten innerhalb der Blockchain manipulationssicher gespeichert sind, so stellt diese Technologie keineswegs sicher, dass korrekte Daten eingegeben werden. Das in der einschlägigen Literatur gemachte Versprechen, die Blockchain sei eine «Vertrauensmaschine», sollte somit relativiert werden. Um in einer vertikalen Supply Chain überhaupt eine auf Blockchain basierende Lösung einzurichten, ist eine langfristige Beziehung der teilnehmenden Unternehmen notwendig.

Voraussetzung dafür ist allerdings, dass zwischen den Partnern bereits ein gewisses Vertrauen besteht. Das durch die Blockchain zusätzlich geschaffene Vertrauen ist aber vor diesem Hintergrund kein signifikanter Mehrwert.

Ohne vorhandenes Vertrauen funktioniert die Blockchain nicht
Somit kann in einer Supply Chain, in der mehr Vertrauen nötig wäre, genau deshalb keine Blockchain-Lösung eingerichtet werden. Eine Supply Chain mit bestehenden soliden Beziehungen der Partner wiederum braucht keine Blockchain, um Vertrauen zu schaffen. Die Literatur zur Blockchain beleuchtet dieses Phänomen indessen nicht. Bisher herrscht dort die Auffassung vor, dass eine Blockchain-Anwendung in einem Marktumfeld rasch Vertrauen aufbauen kann, auch wenn vorher keine längeren Beziehungen der Marktteilnehmer bestanden. Diese Meinung berücksichtigt jedoch nicht die interTechorganisationale Anwendung und Integration, deren Voraussetzung langfristige Investments sind.

Nicht nur dieses Paradox, auch weitere Spannungsfelder rund um praxisorientierte Blockchain-Anwendungen finden sich im Beitrag «The Struggle is Real: Insights from a Supply Chain Blockchain Case», den die Forscher Henrik Sternberg von der Iowa State University sowie Erik Hofmann und Dominik Roeck von der Universität St. Gallen im «Journal of Business Logistics» publiziert haben.

Letztlich ziehen die Wissenschaftler ein verhaltenes Fazit. Entscheidungsträger, die das Vertrauensparadoxon berücksichtigen, könnten Ressourcen sparen, da sie keine übertriebenen Erwartungen an die Technologie hätten. Immerhin kosten schon Pilotprojekte mit der Blockchain in der Supply Chain rasch zwischen drei- und vierhunderttausend US-Dollar. Wer sich dennoch auf Experimente einlässt, sollte sich bewusst sein, dass er in einem komplexen Umfeld aktiv wird, in dem mehrere spezifische Spannungsfelder bestehen.

Aufwendige Implementierung in unkontrollierbarem Umfeld
Eine Reihe von Hindernissen befindet sich ausserhalb der Einflusssphäre der Firmenführung, und deshalb sollte man die Nutzenerwartungen nicht allzu hoch schrauben. Weil der Nutzen einer Blockchain-Lösung primär aus Netzwerkeffekten entsteht, müssen Entscheidungsträger die Fähigkeit und Bereitschaft aller involvierten internen Stakeholder und externen Supply-Chain-Partner sicherstellen, diese Lösung zu implementieren. Das volle Potenzial komme erst zum Tragen, wenn es entlang der Supply Chain keine grösseren Ausnahmen und Lücken mehr gebe, heisst es in dem Beitrag für das Logistik-Fachmagazin.

Möglicherweise erklären diese Erkenntnisse das bisher recht abwartende Verhalten von Schweizer Firmen in Sachen Blockchain. Die Vertiefungsstudie der Logistikmarktstudie 2020 (erstellt von GS1 Switzerland und der Universität St. Gallen) fokussiert auf «Dezentrale Technologien in der Supply Chain». Eine Umfrage unter 115 Unternehmen aus Industrie und Handel sowie Logistikdienstleistern zeigte, dass sich mehr als die Hälfte der Teilnehmenden, unabhängig von der Unternehmensgrösse oder der Branche, noch nicht mit der Blockchain-Technologie beschäftigt. Grössere Unternehmen haben sie auf dem Trendradar, starten aber keine eigene Entwicklung. Die Implementierung von Blockchain-Lösungen findet man vor allem bei kleineren Firmen, die sich damit ein Geschäftsmodell schaffen wollen. Dieses Bild könne ein Indiz dafür sein, dass aufgrund der Komplexität der Technologie ein Einkauf als sinnvoller angesehen wird als eine Eigenentwicklung, folgern die Experten.

Die gravierendsten Hürden für den Einsatz der Blockchain sind fehlende Standards und eine Zersplitterung des Marktes, das konstatieren die Unternehmen branchenübergreifend. Die fehlende Standardisierung könne als fehlendes technisches Know-how interpretiert werden. Gleichwohl sind die Erwartungen der Marktteilnehmenden an die Blockchain-Technologie in den letzten drei Jahren gewachsen und dürften weiter zunehmen. In den vergangenen sechs Jahren hat sich die absolute Anzahl der hohen Erwartungen vervierfacht, weil es immer mehr in der Praxis funktionierende Anwendungsbeispiele gibt.

Lösungen lieber einkaufen als selbst entwickeln
Die Studienautoren schildern mehrere Anwendungsfälle entlang gängiger, über interorganisationale Schnittstellen hinweg abgewickelter Prozessketten und gehen auf die dafür notwendigen technologischen, prozessorientierten und organisatorischen Veränderungen ein: Das Dokumentenmanagement für FOB-Beschaffung aus Fernost sei aufgrund seiner Komplexität und der impliziten Unsicherheiten ein Präzedenzfall für die Blockchain. Sie könne Vertrauen schaffen und durch eingebundene Smart Contracts durchaus valable Beiträge zur Situationsverbesserung leisten. Dennoch sei die Umsetzung entsprechender Projekte «als Herkulesaufgabe zu betrachten, da ausser wenigen Pilotversuchen keine Supply-Chain-weiten Implementierungen vorliegen und umfassende IT Kenntnisse aufgebaut werden müssen », heisst es in der Studie.

Auch für die Steuerung von Predictive Maintenance liesse sich Blockchain- Technologie anwenden. Sie könnte durch die Schaffung eines digitalen Zwillings der jeweiligen Anlage sowohl für den Kunden als auch den Intralogistikdienstleister erheblichen Mehrwert generieren. Allerdings müssten Systeme dafür umfassend mit Sensorik ausgerüstet werden – was situativ erst mit dem Erwerb neuer Systeme möglich sein könnte. Der Kunde müsse auch bereit sein, die notwendigen Daten zu liefern.  

Ein sicheres Peer-to-Peer-Netzwerk
Die hinter all diesen Visionen stehende Blockchain-Technologie ist eine konkrete Ausgestaltung eines Distributed Ledger-Systems, in dem alle Teilnehmer auf ihren Rechnern den gleichen Datensatz sichern und verwalten. Der Datenaustausch zwischen den Teilnehmern erfolgt fortlaufend, verschlüsselt und durch eine kryptografische Verkettung kontrolliert. Dadurch ist die Historie jeder Transaktion auf allen Servern gespeichert. Solche Systeme kommen ohne zentrale Datenbank aus. Sie können offen oder nur für eine bestimmte Gruppe zugänglich konzipiert werden.

Die Blockchain-Technologie setzt dieses Konzept so um, dass eine bestimmte Anzahl Transaktionen in einem Datenblock gespeichert wird. Jeder Block hat eine automatisch erstellte Prüfziffer und enthält auch die Prüfziffern des folgenden und des vorhergehenden Blocks. Dadurch werden Manipulationen einzelner Blockdaten wirkungsvoll verhindert. Die Gesamtheit aller Blöcke wird Blockchain genannt. Die Blockchain- Datei auf einem Rechner enthält dadurch alle bisher in diesem System erfolgten Transaktionen. Jeder Teilnehmer eines Blockchain-Netzwerks hat eine Kopie der gesamten Blockchain- Datei auf seinem Rechner. Neue Transaktionen werden fortlaufend auf allen Rechnern synchronisiert. Ein öffentliches Blockchain-Netzwerk, wie beispielsweise jenes der Kunstwährung Bitcoin, steht theoretisch jedermann offen. Die Teilnehmer bleiben einander gegenüber anonym. Bei einem privaten Netzwerk sind und bleiben der Zugang und die Nutzungsrechte auf eine vordefinierte Teilnehmergruppe beschränkt.

Alexander Saheb

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