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«Was nicht identifizierbar ist, hat keinen Wert …»

Die Bauwirtschaft will vermehrt Wertstoffe und Bauteile aus bestehenden Bauten wiederverwenden. Dazu braucht es eine präzise Dokumentation geplanter und realisierter Bauwerke und deren Materialisierung. Marloes Fischer, Geschäftsführerin von Madaster Schweiz, über ihre Mission und welchen Beitrag das GS1 System zur Durchsetzung der Kreislaufwirtschaft leisten kann.

Die Bauindustrie beschäftigt sich mit der digitalen Neustrukturierung des Planungsprozesses sowie mit Energiefragen. Warum jetzt noch die Forderung nach geschlossenen Kreisläufen?
Marloes Fischer: Es braucht eine ganzheitliche Sicht. Bei der Energiefrage stand bislang der Einsatz von Energie für den Betrieb eines Gebäudes im Fokus. Bei Neubauten ist hier bereits eine sehr hohe Effizienz erreicht, die wir nur noch wenig steigern können. Die Reduktion des CO2-Ausstosses beispielsweise für die Heizung eines Gebäudes ist ein wichtiges Anliegen. Jedoch lässt man bis jetzt oft ausser Acht, dass bei der Produktion von Baumaterialien und bei der Baurealisierung fast ebenso viel CO2 ausgestossen wird wie während des Betriebs. Mit der Forderung nach mehr geschlossenen Kreisläufen in der Bauwirtschaft greifen wir den CO2-Ausstoss von der Herstellerseite an.

Inwiefern hilft die Digitalisierung, dass die Bauwirtschaft mehr in geschlossenen Kreisläufen denkt und baut?
Madaster hat die Vision einer abfallfreien Bauwirtschaft. Von Abfällen in der Bauwirtschaft sprechen wir nur, weil das Material nicht identifizierbar ist. Wenn man nicht weiss, was man hat, wird es zu Abfall. Wenn man wüsste, was man hat, bekäme jedes Bauteil einen Wert.

Für mich ist die Digitalisierung ein Mittel, um Effizienz in der Ressourcennutzung zu gewinnen. Wenn man besser und genauer plant, kann man nicht nur Materialkreisläufe schliessen, sondern auch mit weniger Ressourcenverbrauch bauen. Andererseits geht es um eine präzise Dokumentierung, wie geplante Bauwerke materialisiert werden. Solche Daten sollen auch nach dem Bau vorhanden und greifbar bleiben. Damit ist eine Datengrundlage geschaffen für Umnutzungen, Umbauten, Neubauten und auch für das Facility Management.

Was ist das Geschäftsmodell von Madaster? Welchen Service bietet das Unternehmen der Bau- und Immobilienbranche an?
Wir haben zwei Kundengruppen und zwei Produkte. Eigentümer von Immobilien bilden die erste Gruppe. Sie wollen – analog einem Grundbucheintrag – alle relevanten Material- und Bauteilinformationen eines Gebäudes bei Madaster hinterlegen. Diese Informationen werden beim Verkauf des Gebäudes an den neuen Eigentümer weitergeleitet. Selbst bei einem Verkauf des Gebäudes bleiben sie in unserer Datenbank bestehen. All diese Informationen werden, angereichert durch Indizes zur Berechnung des finanziellen und zirkulären Werts, in einem Materialpass übersichtlich zusammengefügt.

Dann gibt es – als zweite Gruppe – diverse Dienstleister am Bau, wie Ingenieure, Architekturbüros, Bauunternehmen, Immobilienberatungen und so weiter. Ein Planerteam erstellt auf Wunsch des Bauherrn einen Materialpass eines Gebäudes und übergibt den Zugang zum fertigen As-Built Modell der Eigentümerschaft des Gebäudes.

Das zweite Produkt sind die Partnerschaften und die Ausbildungsumgebung. Wir befähigen Mitarbeitende unserer Lizenzpartner in Form von Schulungen und Workshops, mit unseren Tools zu arbeiten.

Die Eigentümerschaft bei Immobilien ist sehr vielfältig. Gibt es Eigentümer, die zum Thema Kreislaufwirtschaft mehr sensibilisiert sind als andere?
Momentan sind es Eigentümer, General- oder Totalunternehmen, institutionelle Investoren wie Banken und Pensionskassen, die mehr Transparenz über ihren ökologischen Fussabdruck erlangen wollen.

Es besteht der Bedarf, dass Unternehmen bezüglich ihrer Nachhaltigkeitsziele und -aktivitäten die Reduktion der CO2-Emissionen publizieren. Mit dem von Madaster bereitgestellten Materialpass erhalten sie mehr Transparenz zu den verbauten Materialien und deren Eigenschaften. Wünschenswert wäre, wenn langfristig jedes Gebäude einen Materialpass hätte und somit die gebaute Umgebung zur digitalen Mine für zukünftiges Baumaterial wird.

Auch der Staat besitzt zahlreiche Liegenschaften. Inwiefern sind staatliche Akteure interessiert, Gebäudepässe zu erstellen?
Staatliche Kunden würde ich mir wünschen. Denn der Staat hat ja hinsichtlich Nachhaltigkeit eine Vorreiterrolle wahrzunehmen. Wer anmahnt, ressourceneffizienter zu bauen, müsste bei sich selbst anfangen.

Madaster entwickelt seine Produkte zusammen mit Partnern. Die Organisation GS1 verfügt über eine jahrzehntelange Erfahrung bei der global eindeutigen Identifizierung und Kennzeichnung von Produkten. Was erhofft sich Madaster von der Partnerschaft mit GS1?
GS1 hat dank ihrer langjährigen Erfahrung aufzeigen können, wie man mit Datendurchgängigkeit Transparenz und damit Vertrauen zu Waren- und Datenströmen innerhalb von Wertschöpfungsketten aufbauen kann. Dass dies in der Baubranche noch nicht so oft passiert, liegt daran, dass Transparenz eben nicht gefragt war. Wir hoffen, dass wir gemeinsam diese Transparenz in der Bau- und Immobilienbranche voranbringen werden, sodass wir diese Riesenmenge an wertvollen Materialien, die hochwertig produziert und dann leider häufig tiefwertig rezykliert werden, zur Verfügung halten können.

Madaster verfolgt den Ansatz, auf Produktebene Detailinformationen zu erfassen und zu hinterlegen. Mit einer eindeutigen Identifizierung ist das nochmals einfacher. Wir unterstützen GS1 insofern, dass wir die Hersteller von Bauprodukten motivieren, die eindeutige Identifizierung nach der GS1 Systematik aufzunehmen. Mit dem Erfassen der funktionalen Spezifikationen eines Bauprojekts auf Produktebene bietet Madaster bereits heute die Möglichkeit, einen Produktcode – beispielsweise eine GTIN, eine Global Trade Item Number – zu vergeben.

Gibt es spezifische Bedürfnisse der Bauwirtschaft, die an GS1 als Lösungsanbieter zu adressieren sind?
Durchaus. Bei der Zuteilung von Produktcodes für verbaute Bauteile stehen wir vor der Schwierigkeit, dass diese für eine Laufzeit von vierzig, fünfzig Jahren oder im Idealfall noch viel länger gültig und auslesbar sein sollten.

Im Zuge der Digitalisierung des Bauplanungsprozesses befassen sich zunehmend auch andere Organisationen mit dem verbesserten Austausch von Produktdaten. Ist das ein Problem, wenn sich mehrere Akteure um Standards des Datenaustauschs kümmern wollen?
In den Vereinigungen BuildingSmart und Bauen- Digital Schweiz bündelt sich die Expertise zur Digitalisierung am Bau, weswegen wir mit deren Fachleuten in Kontakt stehen. Unser Anliegen wird verstanden. Digitalisierte Bauinformationen sollten schon in der Planungsphase und über die Fertigstellung eines Baus hinaus auch während der Nutzungs-, Umbau-, Renovations- und Rückbauphase allen relevanten Beteiligten zur Verfügung stehen. Wir sind auch in Kontakt mit der Schweizerischen Zentralstelle für Baurationalisierung CRB, welche die Grundlagen für die Standardisierung im Bauwesen liefert. Unsere Rolle ist diejenige einer Schnittstelle, die sich darum sorgt, dass alle technischen Dateien auf einer Management- Ebene eben auch während der Nutzungsphase eines Gebäudes verfügbar bleiben.

Irgendwann kommt es zum Rückbau oder Abbruch eines Gebäudes und somit zum Reuse von Bauteilen. Architektur ist aber kein Lego-Spielzeug. Alte Bauteile werden bezüglich Dimension und Verwendungszweck stark verändert. Stellen sich da nicht Fragen der Rückverfolgbarkeit?
Gute Architektur braucht immer Kreativität; ob das mit neuen oder bereits vorhandenen Materialien geschieht, macht da keinen grossen Unterschied. Was wir im Kleinen bereits beobachten, ist skalierbar. So kann eine ehemalige Fassade aus Natursteinplatten ein zweites Leben bekommen, indem deren Elemente als Bodenplatten wiederverwendet werden.

Die Frage nach Reuse ist eine Bestellaufgabe des Bauherrn, der beispielsweise die Anforderung formulieren könnte, dass mindestens 60 Prozent des Baus aus wiederverwendbaren Bauteilen gefertigt werden muss. Wo keine Nachfrage entsteht, wird auch nichts geliefert.

Madaster schafft das Potenzial für das Urban Mining, also das Wiederverwenden von Bauteilen aus bestehenden Bauten, indem wir eine geordnete Datenstruktur anlegen. Dazu gehören auch relevante Informationen zur Rückbauqualität der Elemente, also ob diese verklebt, verschraubt oder zusammengesteckt worden sind. Natürlich stellen sich auch Fragen zu Garantien und Risiken. Wie sich der Reuse-Markt entwickeln wird, kann nur die Zukunft beantworten. Wir müssen aber heute die Grundlagen dazu schaffen.

Die Fragen stellte Manuel Fischer. 

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