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Zugestellte Ware, präzise Daten

GS1 Australia entwickelte in einem internationalen Gremium Scan4Transport als neuen Logistikstandard. Damit werden Transportdaten aus dem Zustellungsgeschäft inklusive erste und letzte Meile zum Handling sinnvoll miteinander kombiniert und übersichtlich dargestellt. 

Die Corona-Krise verleiht vielen Trends zusätzlichen Schub, so beispielsweise der fortschreitenden Digitalisierung des Einkaufens. Davon profitieren auch die Kurier-, Express- und Paketzustellungsdienste (KEP-Dienste). Sehr viele kleine Unternehmen sind in den letzten Jahren auf den Zug der Direktzustellung aufgesprungen. Die Branche wird deswegen als stark fragmentiert beschrieben. Das gilt sowohl für die Schweiz und die EU als auch für Weltregionen wie Ostasien, Nordamerika oder Ozeanien.

Die KEP-Vielfalt bezieht sich einerseits auf die verschiedenen Typen der zugestellten Fracht in Form von Massenware, Ware auf Paletten, Paketen, tragfähigen Taschen oder Briefumschlägen. Ebenso unterschiedlich zeigen sich die Aktionsradien der Zustellung. Während sich manche KEP-Dienstleister nur im urbanen Raum bewegen, beliefern andere eine Region, decken ein ganzes Land ab oder haben Kunden weltweit. Die Anbieter unterscheiden sich auch in der Dienstleistungsqualität – postalische Standardfristen, Übernacht- Zustellung oder Lieferung am Tag der Bestellung (Same-Day Delivery).

Proprietäre Kennzeichnungen
Gerade entlang einer überregionalen oder gar internationalen Supply Chain sind durchaus verschiedene Akteure an der Durchführung einer Sendung beteiligt. In solchen Fällen werden Infor-mationen zum Transportauftrag nicht von einem einzigen Unternehmen zentral verwaltet. Vielmehr ist es gelebte Praxis, dass einzelne Unternehmen im Hinblick auf ihr Management der Sendungsaufträge sehr häufig mit ihrer eigenen Kennzeichnungslogik arbeiten. Das barrierefreie Austauschen von Informationen zu genau demselben Zustellungsauftrag (Weisungen zur Beförderung, aktueller Status der Sendung usw.) wird dadurch empfindlich erschwert. Eine lückenlose Verfolgbarkeit (Track & Trace) über mehrere Glieder der Kette bleibt suboptimal.

«Down under» hat den Lead
Mit dem aktuellen Zustand sind nicht nur Kunden, sondern auch Spediteure und im KEP-Geschäft tätige Logistikdienstleister unzufrieden. Im Hinblick auf erhöhte Effizienz und Interoperabilität, Anschlussfähigkeit und Sichtbarkeit von Sendungen wandten sich Vertreter der Branche in Australien an GS1 Australia. Die GS1 Länderorganisation nahm den Ball auf und formulierte einen Projektantrag zur Entwicklung eines neuen globalen Standards, wobei sie sich ans weltweite GS1 Expertennetzwerk wandte. Daraus ergab sich im Januar 2019 der Auftrag an Michiel Ruighaver, Senior Account Manager bei GS1 Australia, eine globale Scan4Transport- Arbeitsgruppe zu leiten, die sich aus KEP-Dienstleistern, Spediteuren, weiteren Leistungserbringern sowie GS1 Mitgliedsorganisationen aus der ganzen Welt zusammensetzt.

Scan4Transport – eine Kombination von Standards
 Mit dem Scan4Transport-Projekt wird ein klares Ziel verfolgt: Alle beteiligten Unternehmen sollen bei der Abwicklung ihrer Aufträge entlang der Supply Chain die auf einem Logistiklabel codierten Transportdaten gleichermassen vollständig und effizient erfassen können – auf der Basis derselben «Sprache ». Scan4Transport ist im eigentlichen Sinn nicht als neuer Standard zu verstehen, sondern als Dienstleistung von GS1 an das Transportgewerbe: Bereits bestehende und zugelassene Standards werden sinnvoll kombiniert. Eine Scan4Transport-Etikette ermöglicht das Erfassen der Kerninformationen eines Transportauftrags – maschinell via Scan, aber auch von Auge.

SSCC/GS1-128
Nach wie vor werden die Transporteinheit als solche (SSCC) und (allenfalls) Attribute wie Bruttogewicht und Mengenangabe in Form des GS1-128-Barcodes verschlüsselt. Dieser Standard ist in der Lieferkette von Konsumgütern zwischen Herstellern und Detailhandel weit verbreitet und eignet sich sehr gut für Transportaufträge mit hohem Warenwert. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass der Zugriff auf solche codierten Informationen nicht immer möglich ist, da KEP-Dienstleister mit unterschiedlichen Systemen arbeiten und die Daten zwischen den Akteuren nicht ausgetauscht werden. Ausserdem sind elektronische Transportinstruktionen mit Bezug auf die angekommene Transporteinheit noch nicht vorhanden.

Zweidimensionale Codes
Eine Vielfalt an zusätzlichen Informationen, so etwa zum Bestimmungsort (Adresse, Empfänger, Telefonnummer, PLZ), zum Zeitpunkt der Anlieferung (frühester Anlieferungszeitpunkt, Zeitfenster der Anlieferung), zur Interaktion mit dem Endkunden (Zustellung ohne persönliche Entgegennahme, Unterschrift erforderlich) und zum Handling (Kennzeichen für Gefahrengut) lassen sich in zweidimensionalen Codes – GS1 Datamatrix und GS1 QR-Code – verschlüsseln. Hierzu sind neue GS1 Application Identifier (AI) freigegeben worden, also zwei- bis vierstellige Ziffern, welche die Bedeutung nachfolgender Datenfelder definieren und mit alphanumerischen Zeichen befüllt werden können – wie beispielsweise die Postleitzahl (Ziffern) oder der Name des Empfängers.

Anbindung ans Internet (via Smartphone) ist möglich
Wird die Struktur des GS1 Digital Link- Standards für Scan4Transport-Aufträge verwendet, wird im 2D-Code eine URL verschlüsselt, über die sich alle oben erwähnten spezifischen Informationen zur Sendung abrufen lassen.

Hoher Nutzen bestätigt
Michiel Ruighaver, der die Einzelheiten des Scan4Transport-Standards im März 2021 am Global Forum vorstellte, verspricht sich eine Vielzahl von Nutzen: «Damit werden die Akteure befähigt, Daten in einem übereinstimmenden, überall gültigen Format innerhalb der Supply Chain zu erfassen. Es erhöht das Vertrauen in die Qualität der erfassten Daten und reduziert manuelle Prozesse beim Handling und der Übergabe der Transportaufträge.» Ausserdem wird die Sichtbarkeit der Sendungen für alle Beteiligten erhöht: Denn mit einem Link zu einer verlässlichen Ablage im Internet (URL) kann der aktuellen Status der Fracht abgefragt werden.

Bereits laufen Pilotversuche bei ausgewählten Dienstleistern. So spricht sich Mark Chaston, Innovation Manager beim australischen KEP-Dienstleister Border Express, klar für Scan4Transport aus: «Die in den Labels eingebetteten reichhaltigen Informationen ermöglichen das einfache Durchschleusen der Fracht durch ein Logistik-Netzwerk auf einem hohen Effizienzniveau. Zudem ermöglicht der GS1 Digital Link Echtzeitinformationen zur Sendung.» Noch ist dieses Standard-Paket nicht offiziell von der GS1 Organisation ratifiziert. Voraussichtlich wird das internationale Management Board von GS1 im Juli dieses Jahres darüber entscheiden.

Manuel Fischer

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