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Auf Augenhöhe mit der EU

GS1 Standards sollen von Anfang an dabei sein: Das ist die Mission von Gregor Herzog, Chairman von GS1 in Europe und Geschäftsführer von GS1 Austria. In Europa werden für Unternehmen besonders wichtige Themen wie der digitale Produktpass derzeit supranational von der EU geregelt. Wenn dabei GS1 Standards eingesetzt werden, bekommen Unternehmen Planungs- und Investitionssicherheit – auch in der Schweiz.

GS1 network: Nach vielen Jahren als CEO bei GS1 Austria sind sie 2021 und 2022 auch Chairman von GS1 Europe. Was macht GS1 in Europe eigentlich, was die nationalen Organisationen nicht machen?
Gregor Herzog: GS1 in Europe ist eine mit eigener Rechtspersönlichkeit und eigenen Mitarbeitenden konstituierte Zusammenarbeit von insgesamt 49 nationalen GS1 Organisationen. Die Mitgliederliste von GS1 in Europe geht weit über die 27 EU-Staaten hinaus und umfasst beispielsweise auch Israel oder Kaukasusstaaten wie Aserbeidschan und Georgien. Sie unterscheidet sich schon durch ihre Grösse von den anderen Kooperationen, die nationale GS1 Organisationen auch in anderen Weltregionen unterhalten. Der zweite und gewichtigere Grund für die umfassenden Aktivitäten von GS1 in Europe ist, dass mit der Europäischen Union tatsächlich eine supranationale und in der Gesetzgebung tätige Institution besteht. Diese wollen wir sozusagen auf Augenhöhe ansprechen können. GS1 in Europe hat damit auch den Zweck, unsere Organisation und ihre Angebote bei den europäischen Stakeholdern zu positionieren.

Warum sind so viele GS1 Organisationen aus Nicht-EU-Staaten mit an Bord?
Viele Themen, welche die Europäische Union entwickelt, reichen mit ihren Auswirkungen weit über den Binnenmarkt hinaus, beispielsweise die Kreislaufökonomie, aber auch der Digital Service Act. Insofern ist es sinnvoll, dass auch Nicht-EU-Staaten wie Grossbritannien, die Schweiz oder Norwegen bei GS1 in Europe mitwirken, da viele der auf EU-Ebene entstehenden Gesetzgebungen in nationales Recht übernommen werden.

Gerade für die Schweiz ist sehr relevant, was in der EU passiert. Das gilt etwa für traditionell starke Industriezweige der Schweiz wie Pharma. Das Geschehen in der EU hat aber auch Auswirkungen auf Online- Marktplätze, welche in der Schweiz genutzt werden, ohne dass das Land in deren Fokus steht. Die Schweizer Wirtschaft ist extrem mit derjenigen der EU verwoben. Dadurch kann sich das Land nicht einfach von den dortigen Vorgängen abkoppeln. Ähnlich wie in Österreich ist zudem der Heimmarkt zu klein, um sich selbst zu genügen.

Was sind die derzeit aktuellen Themen für GS1 in Europe?
Für mich steht die europäische politische Agenda im Vordergrund, allem voran der Green Deal, aber auch der Digital Service Act. Bis 2050 will Europa ein CO2- neutraler Kontinent werden. Künftig müssen in der EU verkaufte Produkte einen digitalen Zwilling haben, den digitalen Produktpass. Für Industriebatterien, beispielsweise in Elektroautos, muss der digitale Produktpass bis 2026 realisiert werden.
Der Produktpass enthält umfassende Informationen zum Lebenszyklus des Produkts. Es wird beispielsweise erfasst, wer es aus welchen Materialien oder Komponenten hergestellt hat, wie es entsorgt werden kann oder ob sich der Lebenszyklus durch Recycling verlängern lässt. Der Weg in die Kreislaufwirtschaft soll durch die Verfügbarkeit all dieser Informationen erleichtert werden.

Wie kann sich GS1 bei der EU einbringen und wie gut wird das Angebot aufgenommen?
Wir können vor allem mit unserer Neutralität punkten. Unsere Standards ziehen zwischen den Gesetzen und den von der produzierenden Industrie mit der Umsetzung betrauten Lösungsanbietern eine neutrale Ebene mit Standards ein. Da diese international anerkannt und interoperabel sind, werden für die Unternehmen die Login-Kosten kleiner. Insbesondere müssen sich Unternehmen nicht mehr so stark an einzelne Lösungsanbieter und individualisiert entwickelte Lösungen binden. Dort droht die Gefahr einer starken Abhängigkeit, wenn beispielsweise individuell erstellte Systeme von Identifikationsnummern ein Update oder Ähnliches brauchen.
Mit den neutralen Standards von GS1 sind die Unternehmen wesentlich freier in der Wahl der Lösungsanbieter. Es besteht ein erprobtes System von Identifikationsmerkmalen, das funktioniert und leicht in jeder Grössenordnung skalierbar ist. Ebenso funktioniert die Schnittstelle von den Datenbeständen in die physische Welt – Barcode, QR-Code oder Datamatrix – reibungslos. Das Nummernsystem von GS1 ist dadurch zukunftsfähig und eine tragfähige «common language» für das Business.

Mehr Informationen bedeuten auch mehr Daten. Wie gewährleistet GS1 in Europe die Datenqualität?
Das geschieht insbesondere über die dezentrale Datenhaltung. Die Datenbankbetreiber müssen dabei garantieren, dass die Daten einzelner Produkte weiterhin zur Verfügung stehen, wenn Hersteller oder Händler nicht mehr aktiv sind.

Der Strichcode ist bald 50 Jahre alt. Werden sich die 2D-Symbologien im Handel und in anderen Branchen durchsetzen?
Ich denke, dass der QR-Code wie die Datamatrix diejenigen Identifikationsmöglichkeiten sein werden, die für physische Produkte vorgeschrieben werden. Es ist schon jetzt ein wichtiges Thema, mit welchen Verfahren die Kennzeichnungen auf den Produkten selbst aufgebracht werden können. In der Medizintechnik kennt man schon lasergravierte Implantate. Eine der Herausforderungen für die produzierende Industrie dürfte es sein, in den laufenden Prozessen das Aufbringen von variablen Daten wie Seriennummern zu realisieren.

Was kann man 2022 noch erwarten?
Das Jahr dürfte von den bereits erwähnten Themen bestimmt werden. Wir geben im Jahresverlauf die definitiven europäischen Richtlinien für den Produktpass weiter in die nationalen Organisationen und erörtern Möglichkeiten der Implementierung. Gibt es auch noch andere Themen, die nicht im Rampenlicht stehen? Es wird uns ein Anliegen sein, dass sowohl die Ukraine als auch Russland weiterhin in den relevanten Gremien von GS1 vertreten sein können.

Wo ergänzt die Aktivität von GS1 in Europe die Tätigkeit der nationalen Organisationen?
GS1 in Europe fokussiert wie gesagt die Aktivitäten der nationalen Organisationen mit Blick auf die EU. Allerdings widmen wir uns auch sehr stark der Förderung der Kooperation zwischen den beteiligten nationalen Organisationen. Diese sind ja juristisch eigenständige Einheiten und verfolgen ihre Aktivitäten, wie die Betreuung der Kunden und die Entwicklung von Marktlösungen, auf einer individuellen nationalen Basis.
Wir führen beispielsweise gemeinsame Projekte durch, damit nicht auf nationaler Ebene zahlreiche parallele Entwicklungen passieren. GS1 in Europe kommt dann ins Spiel, wenn es sinnvoll ist, auf der übergreifenden europäischen Ebene etwas zu ergänzen. Derzeit entwickeln wir beispielsweise eine App, um Produktfotos in die Stammdatenbanken zu integrieren.

Ist GS1 in Europe auch hinsichtlich Know-how-Transfer aktiv?
Natürlich hat der Wissenstransfer zwischen den nationalen Organisationen ein grosses Gewicht. Beispielsweise hat GS1 in der Schweiz 50 Mitarbeitende, in Montenegro aber nur zwei, dabei sind die Aufgabengebiete ähnlich. Der Unterschied im lokal vorhandenen Know-how ist entsprechend gross. Wir bemühen uns deshalb aktiv um einen Wissenstransfer hin zu kleinen Ländern wie den baltischen Staaten oder zu westeuropäischen Ländern mit weniger Ressourcen. Die Bereitschaft, spezifisches Wissen weiterzugeben, ist gross. Beispielsweise ist GS1 Austria Mentor für Bulgarien. Dort unterstützen wir immer wieder bei spezifischen Fragen, aber auch bei der Entwicklung eines Produkt-Stammdatenpools.

Was kennzeichnet die Zusammenarbeit mit den nationalen GS1 Organisationen in Europa?
Die Zusammenarbeit funktioniert in beiden Richtungen sehr gut. GS1 in Europe ist die Summe der nationalen Organisationen, welche sie tragen. Es gibt regelmässige Treffen, um die europäische Agenda voranzutreiben. GS1 in Europe ist auch darauf angewiesen, dass die nationalen Organisationen Ressourcen zur Verfügung stellen. GS1 in Europe selbst hat lediglich vier Mitarbeitende. Zwölf der 49 Mitgliedstaaten sind im Regional Executive Committee vertreten, das sich alle zwei Monate trifft. Das ist der Kern der Organisation.

Wie hat sich die Pandemie auf die Tätigkeit von GS1 in Europe ausgewirkt?
Die Pandemie hat ihren Tribut verlangt. Die Kommunikation war nicht immer adäquat und für kreative oder meinungsbildende Prozesse sind virtuelle Treffen nicht optimal. Dennoch wird es auch nach dem Abklingen der akuten Pandemiephase nicht mehr ganz so sein wie vorher. Die Virtualisierung wird aus Effizienzgründen ihren Platz im Alltag nicht mehr räumen.

Die Fragen stellten Alexander Saheb und Joachim Heldt.

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