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«Der Revisionsprozess war sehr aufwendig und zeitintensiv»

Interview mit Thomas Bögli, Leiter Geschäftsfeld Bildung, und Mario Rusca, Leiter Bildungsentwicklung, beide GS1 Switzerland,Wir haben uns mit Thomas Bögli, Leiter Geschäftsfeld Bildung, und Mario Rusca, Leiter Bildungsentwicklung, beide GS1 Switzerland, über die Neugestaltung der Berufsbilder und die Ausrichtung der Weiterbildungen in Logistik und Supply Chain Management unterhalten. Beide sind der Meinung, dass Corona die Digitalisierung im Bildungsbereich massgeblich beschleunigt hat.

Wie ist die Bildung in die aktuelle Strategie von GS1 Switzerland eingebettet?
Thomas Bögli: Seit dem 1. Januar 2022 ist der Bereich Bildung ein eigenständiges Geschäftsfeld. Der Fokus unserer Aktivitäten liegt ganz klar auf dem Bereich B2C. In diesem Rahmen haben wir auch seit Oktober 2022 unseren eigenständigen Webauftritt unter www. gs1-bildung.ch. Über diese Plattform sprechen wir unser Zielpublikum direkt an.

Welchen Stellenwert hat die Bildung bei GS1 Switzerland?
Thomas Bögli: Hier gibt es zwei Aspekte, die ich hervorheben möchte. Der Bereich Bildung erwirtschaftet rund ein Drittel des Gesamtumsatzes von GS1 Switzerland. Viel wichtiger als die betriebswirtschaftliche Betrachtung ist aber die Tatsache, dass wir die Organisation der Arbeitswelt im Bereich der höheren Berufsbildung für Logistik und Supply Chain Management wahrnehmen. Damit verbunden ist für uns die Aufgabe, dass wir die Wirtschaft mit ausgewiesenen Fach- und Führungspersonen versorgen.

Thomas Bögli, Leiter Geschäftsfeld Bildung, GS1 Switzerland,Wer war alles in den Revisionsprozess der Prüfungsordnung involviert?
Thomas Bögli: GS1 Switzerland ist Träger der eidgenössischen Prüfungen. Die Funktion wurde uns vom SBFI, dem Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation, übertragen. Damit ist auch die Verpflichtung verbunden, die entsprechenden Berufsbilder wie Logistikfachfrau/fachmann, Logistikleiter/-in und Supply Chain Manager/-in laufend auf ihre Aktualität hin zu überprüfen. In regelmässigen Abständen erfolgt die Überprüfung der Berufsbilder und ihrer Qualifikationsprofile. Den Revisionsprozess haben wir als Träger mit der Berufsfeldanalyse angestossen.

Im Rahmen des Revisionsprozesses wird überprüft, welche Kompetenzen die Berufsbilder aufweisen müssen. Gibt es neue Anforderungen, die erfüllt werden müssen, oder solche, die weniger stark gewichtet werden? Dieser Prozess ist sehr aufwendig und zeitintensiv. Dazu haben wir unser ganzes Netzwerk an Fachspezialisten befragt. Abgeschlossen wird dieser Prozess, der Hand in Hand mit dem SBFI geht, mit der Publikation im Bundesblatt.  

Wie ist/war die Reaktion auf die Anpassung der Berufsbilder?
Thomas Bögli: Im Rahmen des Revisionsprozesses haben wir alle Bildungsinstitutionen, die die gleichen Weiterbildungen anbieten, laufend informiert und auch abgeholt. Die Reaktionen waren durchwegs positiv, vor allem im Hinblick auf die Zusammenlegung der drei Berufsbilder Logistikleiter/-in, Supply Chain Manager/-in und Leiter/-in Internationale Spedition und Logistik zum Berufsbild Supply Chain Manager/- in.

Neu bieten wir die Ausbildung als Supply Chain Manager/-in mit den Fachrichtungen Unternehmenslogistik, Digitale Integration und Internationale Speditionslogistik an. Dieser Schritt war sicher mutig, wurde aber von allen Beteiligten als zukunftsorientiert beurteilt. Auch die umgesetzte Modularisierung der Weiterbildung hat einen starken Zukunftscharakter.

Wie entwickelt sich die Weiterbildung in der Logistik?
Thomas Bögli: Wir leben in einem sich ständig ändernden Umfeld. Digitalisierung, Automatisierung und Robotik sind nur einige Stichworte, die einen starken Einfluss auch auf die Logistik haben. Die Fach- und Führungskräfte müssen in diesen Bereichen fit sein und auch das notwendige Wissen mitbringen. Daher setzen wir in unseren neuen Lehrgangsformen einen starken Akzent auf die Digitalisierung.

Wir müssen uns vom traditionellen Frontalunterricht mit Vorlesungen und Lehrbüchern verabschieden. ELearning und digitale Medien sind die neuen Instrumente in der Weiterbildung. Auch liegt der Fokus verstärkt auf einer attraktiven Lernumgebung und der Zusammenarbeit in der Gruppe.

Welches waren die grössten Herausforderungen bei der Neugestaltung der Berufsbilder und Weiterbildungslehrgänge?
Mario Rusca: Die drei Berufsbilder Logistikfachfrau/ fachmann, Logistikleiter/-in und Supply Chain Manager/- in sind alle generalistischer Natur und decken grosse Bereiche ab. So macht die Vielfalt der einzelnen Disziplinen die Neugestaltung der Berufsbilder extrem komplex und herausfordernd. Hinzu kommt, dass das SBFI verlangt, den einzelnen Berufsbildern klare Handlungskompetenzen zuzuweisen.

Bei der Handlungskompetenz geht es nicht nur um das Wissen, sondern vor allem um die Fähigkeit zur selbstständigen und effektiven Ausübung der beruflichen Tätigkeit. Eine wichtige Aufgabe umfasste die Beschreibung und Ausformulierung der Tätigkeiten, die ein Berufsbild erfordert und in denen es sich ganz klar von anderen unterscheidet. Auch der Abgleich mit den Partner- und Branchenverbänden war anspruchsvoll. So hat auch hier das SBFI gefordert, dass die Berufsbilder, welche andere Branchenverbände wie der SVBL formulieren, ganz klar unterscheid- bar sind.

Zum Start des Revisionsprozesses kam dann auch noch Corona hinzu. Das hat anfänglich die ganze Berufsbildentwicklung erschwert und durcheinandergebracht, weil der Austausch in Form von physischen Workshops geplant war. Gleichzeitig hat uns die Situation aber auch neue Möglichkeiten eröffnet, an die wir eigentlich gar nicht richtig geglaubt hatten. So hat die Pandemie den digitalen Austausch sowie die digitale Unterrichtsform massgeblich beeinflusst und vorangetrieben. Ohne Corona hätten wir den Mut nicht aufgebracht, das in dieser Form umzusetzen.

Was sind die Erwartungen der Generation Z an heutige Bildungsformate?
Mario Rusca: Ein gemeinsamer Nenner ist die Vernetzung. Die Generation Z ist mit digitalen Medien vertraut, wünscht sich orts- und zeitunabhängiges Lernen und maximale Flexibilität. Hinzu kommt aber auch der Wunsch nach Struktur und Begleitung während des Lernprozesses.

Die Anforderungen der Generation Z führen zwangsläufig zu digitalen Bildungsformaten. Da gibt es zahl reiche Unterrichtsformen wie E-Learning, Blended Learning oder Hybrid-Unterricht. Für uns stellte sich die Frage, welche Formate oder welche Kombination wir langfristig anbieten wollen.

Zusammen mit Ectaveo, einem Beratungsunternehmen im Bildungssektor, haben wir moderne Lernumgebungen und Lerndesigns diskutiert. Über unsere Absolventen oder unser Netzwerk wie den Logistikleiter- Club Schweiz konnten wir die Anforderungen aus der Praxis abholen und in die Diskussion einbringen. Schliesslich haben wir uns für das Format Blended Learning entschieden.  

Mario Rusca, Leiter Bildungsentwicklung, GS1 Switzerland,Und was ist neu an den Weiterbildungslehrgängen?
Mario Rusca: Mit dem Konzept Blended Learning werden die zwei Lernformen Präsenzunterricht und E- Learning zu einer neuen modularen Unterrichtsform zusammengeführt. Das Selbststudium findet auf einer digitalen Lernumgebung statt. Die Teilnehmenden bestimmen in ihrem eigenen Rhythmus, wie tief sie etwas erarbeiten möchten.

Die Vertiefung des Erlernten findet anschliessend im begleiteten Präsenzunterricht statt. Im Klassenverbund werden die Themen diskutiert, Fallstudien besprochen und Meinungen ausgetauscht. So findet neben der Vertiefung auch eine für die Teilnehmenden wichtige Vernetzung statt. Und abschliessend soll die erworbene Kompetenz in Form von konkreten Aufträgen in die Praxis umgesetzt werden.

Das letzte Element bildet das persönliche Portfolio. Es unterstützt die Teilnehmenden, die Lernprozesse zu strukturieren und die erworbenen Handlungskompetenzen zu dokumentieren und sichtbar zu machen. Selbst nach Abschluss des Weiterbildungslehrgangs kann das Portfolio weitergeführt und in den Lebenslauf integriert werden.  

Welche Chancen haben die Absolventen der neuen Lehrgänge im europäischen Umfeld?
Mario Rusca: Mit dem Nationalen Qualifikationsrahmen steht ein Instrument zur Verfügung, um die Schweizer Abschlüsse in Europa besser zu vergleichen. Der NQR Berufsbildung definiert acht Niveaustufen, in die alle Abschlüsse der Berufsbildung eingestuft werden. Der europäische Qualifikationsrahmen dient dabei als Referenz. So wissen ausländische Arbeitgeber, welchem Niveau der Abschluss im Qualifikationsrahmen ihres Landes entspricht. Mit den Diplomzusätzen, den Zeugniserläuterungen und dem persönlichen Portfolio haben die Absolventen gute Chancen auf dem europäischen Arbeitsmarkt.

Welche Möglichkeiten haben heutige Logistikleiter bezüglich Titelupgrade zum Supply Chain Manager?
Mario Rusca: Eines vorweg: Das Berufsbild Logistikleiter bleibt bestehen, der Titel ist weiterhin geschützt und behält seinen Stellenwert in der Wirtschaft. Der Titel Logistikleiter kann jedoch in Zukunft nicht mehr erworben werden.

Logistikleiter können aber mit wenig Aufwand den Titel Supply Chain Manager nachholen. Dank dem modularen Aufbau der Weiterbildungslehrgänge lassen sich einzelne Bausteine buchen und abschliessen. Spezifische Kompetenzen wie Digitale Integration und Unternehmenslogistik oder Supply Chain Management und Leadership können über einzelne Module nach einem Semester erworben und abgeschlossen werden.

Ich bin überzeugt, dass wir mit unserem modularen Aufbau dem Bedürfnis nach Flexibilität und beruflicher Weiterbildung entsprechen. Fachkräfte in Logistik und Supply Chain Management haben so die Möglichkeit, sich die Kompetenzen anzueignen, die sie aktuell im beruflichen Alltag benötigen.

Die Fragen stellte Joachim Heldt.
 

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