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Fit fürs Wachstum – dank Standards

Als Basis für das weitere Unternehmenswachstum standardisierte das Glarner Familienunternehmen Läderach seine Prozesse und führte ein neues ERP ein. GS1 Schweiz begleitete das Projekt in beratender Funktion. Schnellere Abläufe, eine höhere Stammdatenqualität und reibungslose Rückverfolgung von Produkten sind nur einige Ergebnisse.
Seit einigen Jahren verfolgt das auf die Herstellung von Schokolade und Konfekt spezialisierte Familienunternehmen Läderach eine ambitionierte Wachstumsstrategie. Im Jahr 1962 aus einer bereits 1926 gegründeten Glarner Bäckerei hervorgegangen, beliefert die Firmengruppe mit Produktionsstandorten in der Schweiz und Deutschland heute rund 65 Verkaufsstellen in der Schweiz, Deutschland sowie dem Nahen Osten und Asien. 
 
«Vor rund dreieinhalb Jahren erteilte der Verwaltungsrat den Auftrag, die Prozesse innerhalb der Unternehmensgruppe zu standardisieren und ein professionelles Datenmanagement, das einem internationalen handwerklichen Hersteller und Retailer gerecht wird, aufzubauen», sagt Robert Medimorec, Director Supply Chain & Services. Das betraf alle Abteilungen: Produktion, Finanzen, HR usw. Das Projekt hatte nicht das vorrangige Ziel, Sparpotenziale zu heben oder die Effizienz zu erhöhen. Es schuf vielmehr die technische und datengestützte Grundlage für das weitere Unternehmenswachstum und die Schaffung korrekter Daten als Ausgangslage für die zukünftige Digitalisierung der Unternehmensprozesse. «Das Projekt hat das in die Jahre gekommene ERP abgelöst und das Unternehmen prozessmässig in eine neue Dimension katapultiert. Es hat uns trotz der Handwerklichkeit unserer Produktionsprozesse und unseres Anspruchs an ‹Frische› erlaubt, einen weltweiten Standard einzuführen», sagt Medimorec. 
 
Begleiter in Theorie und Praxis
Zur Begleitung des Projekts suchte man gezielt nach einem externen Partner. Läderach hatte bereits Kontakt mit GS1 Schweiz, da man sich für den standardisierten Informations- und Datenaustausch mit Themen wie EDIFACT oder GS1 EANCOM befasste. So war der Weg zu einem weiter gefassten Beratungsmandat nicht weit, in dessen Rahmen GS1 Schweiz die Standardisierung der Prozesse bei Läderach begleitete. Dabei übernahm der Fachverband nicht nur das Coaching in der theoretischen Phase mit ihren zahlreichen Workshops. In der anschliessenden Umsetzungsphase begleitete GS1 Schweiz das Unternehmen auf dem praktischen Weg von den aktuellen Abläufen bis hin zum angestrebten Sollprozess.
Das mit Abstand wichtigste Kapitel während des gesamten Projekts war die Erstellung einer neuen Stammdatenbank. Der bisherige Datenpool war historisch gewachsen und kam aus verschiedenen elektronischen Quellen, die mit unterschiedlichen Anforderungen geschaffen worden waren. «Die Zusammenführung dieser Daten und die Implementierung in ein einziges System war sehr anspruchsvoll und stellte die grösste Herausforderung dar», sagt Medimorec. 
 
Die Datenvielfalt war in langen Jahren entstanden, ohne dass ein alles überblickendes integratives Denken die Bestände gestaltet hätte. Selbstverständlich reichten die Datenbestände für die jeweiligen einzelnen Geschäftsvorfälle aus, für die sie angelegt worden waren. Im geplanten neuen ERP-System ist die Sichtweise jedoch nicht mehr so beschränkt, und Daten haben verschiedene Verwendungszwecke.
 
Hohe Komplexität der Abläufe
Der Gedanke, dass Standardprozesse die Flexibilität produktiv erhöhen, wurde intuitiv zuerst in Frage gestellt. Daher war die Professionalisierung der Prozesse anfangs ein ungeliebtes Kind, da sie kostenträchtige Improvisationen blossstellte. In einem Pilotprojekt wurden die neuen Prozesse im neuen ERP-System abgebildet. Anschliessend prüfte man, welche Daten für diese Abläufe nötig sind und wo sie in den alten Beständen vorhanden waren. Zudem wurde so auch gleich klar, welche Daten fehlten und noch ergänzt werden mussten. Auf diese Weise konnten die Anforderungen an die neue Datenbank spezifiziert werden. 
 
Danach erfolgten mehrmonatige Tests auf Grundlage der geplanten neuen Arbeitsabläufe. «Anfangs konnten wir keinen Prozess reibungslos durchlaufen lassen», berichtet Medimorec. Das war allerdings keine Überraschung. Den Aufwand für diese Arbeiten habe man durchaus richtig eingeschätzt, lediglich die Komplexität sei höher gewesen als gedacht. Die heutige Datenbank enthält rund 40 000 Artikel mit jeweils bis zu 40 Attributen. 
 
Neue, schlanke IT-Umgebung
Die praktische Implementierung der neuen, standardisierten Prozesse erfolgte über die Einführung eines neuen ERP-Systems. Dieses ist für die Integration von GS1 Standards wie der globalen Artikelnummer GTIN, der globalen Lokationsnummer GLN und der eindeutigen Kennzeichnung der Versandeinheit mittels SSCC ausgelegt. Es löste die bestehende Landschaft aus einem Kernsystem mit seinen zahlreichen erweiternden Anwendungen ab. Diese dienten den unterschiedlichsten Zwecken, vom HR bis zur Warenrückverfolgung. 
 
In der Vergangenheit war es immer darum gegangen, die gewünschte Zusatzfunktion schnellstmöglich zur Verfügung zu stellen. Dafür wurde dann eine individuelle Software per Schnittstelle ans alte ERP angeschlossen. «Wir hatten ein regelrechtes Spinnennetz aus rund 20 ergänzenden Anwendungen », erinnert sich Medimorec. Das neue ERP hingegen wird nur von wenigen Umsystemen ergänzt.
 
Das neue ERP konnte in Bezug auf den Warenfluss wie geplant in Betrieb genommen werden. Von Anfang an konnte man Waren ausliefern und Rechnungen schreiben. In anderen Bereichen, namentlich im Finanzbereich, waren in den ersten Monaten jedoch Anpassungen nötig. Die mehrschichtigen Herausforderungen hatten teils mit der Datenqualität zu tun, jedoch auch mit der Handhabung des Systems durch die Mitarbeitenden. Erschwerend kam hinzu, dass die Einführung des neuen Systems gleichzeitig mit der Umstellung vom Gesamtkosten- auf das Umsatzkostenverfahren erfolgte. 
Für die Schulung der Mitarbeitenden wurden vier bis fünf Arbeitstage aufgewendet. Medimorec betont, dass der Faktor Mensch einen solch umfassenden Change, wie er bei Läderach implementiert wurde, so anspruchsvoll macht. «Nicht alle begeistern sich in gleicher Intensität für solche Projekte», stellt er fest. Es habe durchaus Mitarbeitende und Führungskräfte gegeben, die das Projekt nicht vollumfänglich unterstützten. Die Klärung der Sinnhaftigkeit, die Förderung der verbindlichen Einbindung der Mitarbeitenden und konsequente Führungsentscheide waren denn auch herausfordernde Kernaufgaben der Projektleitung. 
 
Anspruchsvoller Change für die Linie
In dieser Phase zeigte sich, dass es vor allem auf Ebene der Linienverantwortlichen Handlungsbedarf gab, um die Im plementierung zu einem Erfolg zu machen. Es tauchten recht vielschichtige Schwierigkeiten auf: teils falsche Daten, manchmal ein falscher Knopfdruck oder ein falsches Prozessverständnis, in dem der Blick fürs Ganze durch Detailthemen unterlaufen wurde. Am Ende sei es durchaus zu Ausfällen bei Lieferungen gekommen, erzählt Medimorec. So wurde der Roll-out zur anspruchsvollsten Phase des Projekts. 
 
Das sei allerdings auch der Unternehmenskultur geschuldet. Bei Läderach als grossem Confiseur ist in allen Prozessen viel Handarbeit enthalten. Viele Mitarbeitende, insbesondere in der Produktion, sind schon seit Jahrzehnten bei der Firma. «Da dauert es eine Weile, bis das richtige Verständnis für so ein Projekt geschaffen ist», sagt Medimorec. Wenn ein Confiseur, dort wo sinnvoll, das effiziente Prozessverständnis eines grösseren Betriebs schaffen wolle, dann sei das für die Mitarbeitenden ein anspruchsvoller Change-Prozess. 
Das GS1 System kommt bei Läderach in mehreren Stufen zur Anwendung. Während die Produkte schon länger einen GS1-128-Strichcode tragen, wurde mit dem neuen ERP auch die Anwendung von GLN, GTIN und SSCC eingeführt. Letzterer spielt erst in der Logistik eine Rolle, nicht aber in der Produktion. 
 
Die Versorgung der Ladengeschäfte von Läderach erfolgt ab dem Logistik- Hub in Bilten. Dorthin kommen alle am Produktionsstandort Ennenda hergestellten Artikel, die den Markennamen «Läderach» tragen. In der Schweiz beliefert ein Logistikpartner alle Ladengeschäfte. Die deutschen Filialen werden aus der Schweiz beliefert, die Ware für den Nahen Osten und Asien reist per Luftfracht. Das deutsche Werk wiederum stellt weltweit die Produkte für B2B-Kunden her; der Transport erfolgt mit verschiedenen Speditionen. 
 
Rückverfolgung in Minuten
Für einen Lebensmittelhersteller ist natürlich die Rückverfolgbarkeit der Produkte ein zentrales Thema, welches regulatorischen Anforderungen unterliegt. Früher war die Rückverfolgung einzelner Produkte sehr aufwendig. Eine Praline beispielsweise entsteht in mehreren Stufen, für die jeweils ein eigener Produktionsauftrag vergeben wurde. Trat ein Problem auf, wurde im Computer von Hand und Schritt für Schritt nach den einzelnen Produktionsaufträgen gesucht. Heute liefert das System nach Eingabe der Chargennummer binnen weniger Minuten umfassende Informationen. 
 
Regelmässig werden Tests des Rückrufablaufs durchgeführt. Dafür sucht die Krisenorganisation einen Artikel aus, der zurückgerufen werden soll. Im Bild ist sonst nur die Qualitätssicherung. Zunächst wird beurteilt, ob der Artikel einen für Konsumenten gefährlichen Schaden hat. Wenn das nicht der Fall ist, erfolgt ein sogenannter «silent recall». Nach Eingabe der Chargennummer liefert der Computer Informationen über alle Produktionsschritte und die Produkthistorie. Danach ist klar, was wo zurückgerufen werden muss. «Was früher fast einen halben Tag dauerte, geht heute in Minuten», freut sich Medimorec. 
 
Klare Prozesslandschaft, schnelle Abläufe
Diese Abläufe werden durch die konsequente Auszeichnung der Rohstoffe und Produkte auf allen Verarbeitungsschritten möglich. Sobald etwas angeliefert wird, erhält es eine Artikel- und Chargennummer. Wird etwas verarbeitet, wird die Chargennummer mitgereicht. Intern entsteht so ein Baum von Chargennummern, dank dem man genau feststellen kann, in welche Produkte ein Rohstoff eingeflossen ist. Andersherum betrachtet ist auch gleich klar, welche Inhaltsstoffe zu einem Produkt verarbeitet wurden. 
 
Heute bestehen eine massiv verbesserte Übersicht über die gesamte Prozesslandschaft, eine wesentlich höhere Datensicherheit und eine bessere Stammdatenqualität. Der Workflow zur Datenerfassung ist standardisiert, jeder Artikel durchläuft den gleichen Prozess und nichts geht vergessen. Dank der zentralen Datenbank haben sich viele Abläufe beschleunigt, vor allem auch das Intercompany-Business innerhalb der Gruppe.
 
Insgesamt zieht Medimorec ein positives Fazit. Die Herausforderungen in einem komplexen Umfeld des modernen professionellen Datenmanagements eines internationalen handwerklichen Herstellers und Retailers, hinsichtlich Lebensmittelsicherheit, Rückverfolgbarkeit, Rohstoff- und Produktionsplanung sowie Kostenmanagement, konnten dank Prozessstandardisierung grösstenteils gelöst werden, ohne die «DNA» des Unternehmens zu vergessen. Das Unternehmen sieht sich dank korrekter Daten in einer guten Ausgangslage, das System laufend weiterzuentwickeln und sich den zukünftigen Herausforderungen der Digitalisierung zu stellen.
 
Alexander Saheb
Joachim Heldt 
 
Fest in Familienhand
Die heutige Läderach (Schweiz) AG hat ihre Wurzeln in der 1962 von Rudolf Läderach in Glarus gegründeten Konditorei. In den folgenden Jahrzehnten wuchs diese zu einem Zulieferer von Confiserie- und Schokoladeprodukten für Gastronomie und Konditorei-Fachbetriebe. Ein Meilenstein war 1970 die Entwicklung eines Herstellungsverfahrens für Hohlkugeln aus Schokolade als Basis für individuell befüllte Truffes. Im Jahr 2004 erfolgte durch den Kauf der Merkur-Ladenkette die bewusste Erschliessung des Retail-Kundensegments. 2012 eröffnete Läderach in Bilten eine Schokoladenfabrik und kontrollierte damit die gesamte Wertschöpfungskette für die eigenen Produkte. Das Unternehmen ist seit Gründung vollständig im Besitz der Familie Läderach. Im Frühling 2018 übernahm Johannes Läderach das Amt des CEO von seinem Vater Jürg und führt die Firma nun in dritter Generation. Sein Bruder Elias ist Innovationschef und verantwortet die Entwicklung neuer Produkte und die Produktion. Süssigkeiten von Läderach werden in rund 65 Ladengeschäften in der Schweiz und Deutschland, aber auch im Nahen Osten und in Asien angeboten. Das Unternehmen beschäftigt weltweit über 800 Mitarbeitende.
 
 
Beratung für mehr Erfolg
GS1 Consulting ist ein Geschäftsbereich innerhalb des Vereins GS1 Schweiz und bietet Beratungsdienstleistungen in den Branchen Konsumgüter, Gesundheitswesen, Technische Industrie sowie Transport und Logistik an. Der besondere Beratungsansatz liegt im detaillierten Verständnis der GS1 System- und Prozesslandschaft, einem breiten Anwendungswissen kombiniert mit hoher Management- und IT-Kompetenz. Mit den Leistungsbereichen Management Consulting, Operations Management und Systemintegration optimiert und digitalisiert der Geschäftsbereich die Prozesse seiner Kunden über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg. Interessiert? Dann wenden Sie sich per E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.
 
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