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In 24 Stunden einsatzbereit und 30 Tage autonom

Jede Sekunde zählt, wenn es darum geht, Leben zu retten. Médecins Sans Frontières (MSF) Schweiz hat einen Operationssaal für die Notfallchirurgie entwickelt, der leicht zu transportieren und in 24 Stunden einsatzbereit ist. Für diese logistische Innovation wurde die Hilfsorganisation mit dem Swiss Logistics Public Award 2015 ausgezeichnet.

Vor allem in der Katastrophenhilfe spielt die Logistik eine entscheidende Rolle: Dank einer effizienten Logistik kommen die Medikamente und Hilfsgüter so schnell wie möglich bei den Betroffenen an. In der Praxis ist das allerdings nicht so einfach. «Oft ist die Infrastruktur zerstört und der Transport der Güter gestaltet sich schwierig», erklärte Mathieu Soupart, Leiter der Logistikabteilung bei MSF Schweiz, an der Preisverleihung.

Aus diesem Grund hat MSF Schweiz die Rapid Deployment Surgery Unit (RDSU) entwickelt. Es handelt sich um eine modulare, aufblasbare Chirurgieeinheit. «Die Innovation besteht nicht darin, dass die RDSU aufblasbar ist, sondern darin, dass sie ohne besondere Infrastruktur transportiert werden kann», so Mathieu Soupart. In der Tat kann der Transport sogar ohne Lkw oder Frachtmaschine erfolgen, wenn die RDSU erst einmal aus dem Logistikzentrum in Bordeaux im betroffenen Land angekommen ist. «Das Material ist auf mehrere Kisten aufgeteilt, die jeweils über Griffe verfügen. Jede von ihnen wiegt maximal 120 Kilogramm», erläutert Anne Khoudiacoff. Die Krankenschwester leitete das Projekt als Koordinatorin. «Im schlimmsten Fall kann das Material zu Fuss ans Ziel gebracht werden. Sechs bis acht Personen können jeweils eine Kiste tragen.» Um noch mehr Platz und Gewicht zu sparen, dienen die Kisten nach dem Aufbau der RDSU als Schrank für die medizinischen Produkte.

Weniger denken für einen schnelleren Einsatz
Das multidisziplinäre Projektteam hat nicht nur den Transport optimiert. Um die RDSU schnellstmöglich aufbauen zu können, sind die Behälter mit Farbcodes gekennzeichnet. «So wissen wir, welche Kiste wir wann holen müssen. Der rote Code steht für Teile, die als erste zu montieren sind. Das sind zum Beispiel die Triage, die Intensivpflege oder die Sterilisierung», sagt Anne Khoudiacoff. Zusätzlich zu den Farben tragen die Kisten eine Nummer, die in Verbindung mit den Montageschritten steht, sowie den Namen des Bereichs, in dem ihr Inhalt aufgebaut werden muss. «Mit diesem System muss man so gut wie gar nicht mehr nachdenken. So kommen wir noch schneller voran.» Die RDSU kann innerhalb von 24 Stunden aufgebaut werden.

Die Verbrauchsmaterialien reichen für rund 30 Tage aus. So können die Ärzte etwa 100 chirurgische Eingriffe durchführen. «Hervorzuheben ist, dass der Fokus der RDSU vor allem auf den chirurgischen Operationen, der Stabilisierung von Verletzten, dem Verbandsraum und den Notentbindungen liegt. Die RDSU bietet keine ambulanten Behandlungen. » Dank ihres Stromgenerators und ihres Wasseraufbereitungsund Verteilungssystems ist die RDSU autonom. «Unser Ziel war es, sie so zu bauen, dass sie trotz aller denkbaren Hindernisse funktionsfähig ist. Es braucht noch nicht einmal einen Boden, in dem wir graben können.»

Eine Lücke in der humanitären Hilfe wird geschlossen
Die RDSU ist nicht die einzige mobile Einheit für die chirurgische Notfallbehandlung. MSF verfügt bereits über das Rapid Intervention Surgery Kit und das Modular Field Hospital. «Das Rapid Intervention Surgery Kit wird in den ersten 72 Stunden nach der Katastrophe verwendet», erklärt Anne Khoudiacoff, die dieses Werkzeug entwickelt hat. «Das ist wie ein Mini-OP, der es ermöglicht, die grundlegendsten und notwendigsten chirurgischen Eingriffe unverzüglich durchzuführen.» Da er nur 500 Kilogramm wiegt, kann er einfach in demselben Flugzeug wie das Ärzteteam transportiert werden. Seine Einsatzkapazität ist allerdings beschränkter.

Das Modular Field Hospital ist für langfristige Hilfsbedürfnisse konzipiert. Es handelt sich um ein modulares, aufblasbares Krankenhaus. Neben chirurgischen Interventionen kann MSF hier auch ambulante Behandlungen anbieten. «Der Nachteil ist seine schwerfällige und komplexe Logistik. Wenn das Material vor Ort angekommen ist, muss man mit sieben bis zehn Tagen für die Montage rechnen», so Anne Khoudiacoff. Es galt also, eine Lösung zu finden, die die Zeit zwischen der kurzfristigen und der langfristigen humanitären Hilfe überbrückt. Die RDSU deckt den Zeitraum zwischen dem dritten Tag und der dritten Woche nach der Katastrophe ab.
Heute, nach 2600 Arbeitsstunden, ist die RDSU bereit, Leben zu retten. Bleibt zu hoffen, dass sich nicht allzu viele Katastrophen ereignen.


Katharina Birk

Über Médecins Sans Frontières
MSF, auf Deutsch Ärzte ohne Grenzen, ist eine internationale, unabhängige, humanitäre Hilfsorganisation, die seit 1971 medizinische Nothilfe für Menschen leistet, die von bewaffneten Konflikten, Epidemien, mangelhaften Gesundheitssystemen oder Naturkatastrophen betroffen sind. Die Einsätze beruhen auf den Grundsätzen der medizinischen Ethik sowie den Prinzipien der Neutralität und Unparteilichkeit. 1999 erhielt MSF den Friedensnobelpreis.

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