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Höhere Patientensicherheit und effizientere Prozesse

 

Spital der Zukunft live will Schnittstellen zu Nahtstellen machenIn der Studie «Spital der Zukunft» von GS1 Schweiz und economiesuisse wurden die Logistikprozesse in den Spitälern analysiert. Daraus entwickelte sich das Projekt «Spital der Zukunft Live». Damit sollen die Erkenntnisse umgesetzt werden. Wir haben mit Erwin Zetz von GS1 Schweiz darüber gesprochen.

GS1 network: Worum geht es beim Projekt «Spital der Zukunft Live»?
Erwin Zetz: Aktuelle Informatikentwicklungen im Gesundheitswesen, wie der Aufbau von E-Health-Communities, das elektronische Patientendossier oder die Verbreitung von Gesundheits-Apps, bergen ein grosses Chancenpotenzial für die sachgerechte Digitalisierung des Gesundheitswesens. Das Projekt «Spital der Zukunft Live» will Schnittstellen zu Nahtstellen machen und die Digitalisierung im Gesundheitswesen fördern, indem wir bestehende Technologien und globale Standards zusammenführen. So erhöhen wir die Patientensicherheit und sorgen für effizientere Prozesse.

Wer hat das Projekt initiiert und entwickelt?
Das Projekt wurde als Studie «Spital der Zukunft» von GS1 Schweiz und economiesuisse initiiert und zusammen mit Stakeholdern aus dem Schweizer Gesundheitswesen, wie Spitälern, Herstellern von Pharma- und Medizinprodukten und Krankenkassen, umgesetzt

Gibt es ähnliche Projekte oder Umsetzungen im Ausland?
In Deutschland gibt es ähnliche Initiativen. So hat das Fraunhofer Institut die Studie «Krankenhaus der Zukunft» herausgegeben, die aktuelle und zukünftige Konzepte aus dem nichtmedizinischen Bereich vorstellt.

Was ist das Ziel des Projekts «Spital der Zukunft Live»?
Mit dem Anschlussprojekt «Spital der Zukunft Live» sollen die Erkenntnisse aus der Studie «Spital der Zukunft» umgesetzt werden. Im Wesentlichen geht es dabei um die Beseitigung von Unterbrüchen im patientenorientierten Behandlungspfad in Verbindung mit einer optimierten Supply Chain. Globale Standards sorgen hier für bessere, schnellere und sicherere Abläufe, vermeiden Redundanzen und verhelfen zu Transparenz. Die Lösungen sollen von den Projektpartnern als Pilotprojekte in die Praxis umgesetzt werden.

Die Studie «Spital der Zukunft» ist der erste Schritt als Teil eines Gesamtprojekts. Können Sie das Gesamtprojekt erläutern?
Aus dem ursprünglichen Projekt mit zehn Stakeholdern ist eine Community von mittlerweile 25 Projektträgern aus fast allen Bereichen des Gesundheitswesens entstanden. Rund um den Behandlungspfad der fiktiven Frau Brönnimann wurden mehr als 50 Aktivitäten definiert, die sich verbessern lassen. Wir betrachten insbesondere die dem Spital vor- und nachgelagerten Prozesse und unterstützen Frau Brönnimann auch in ihrer häuslichen Umgebung mit entsprechender Technologie. Alle Behandlungen, Untersuchungen, Einweisungen und Abrechnungen erfolgen unter dem Aspekt moderner Informations- und Identifikationstechnologien. Dank verbesserter Informationsflüsse soll der Patient von mehr Sicherheit, Qualität und Transparenz im Behandlungsablauf profitieren.
Die Arbeitspakete werden mit Studierenden, unter Leitung der wissenschaftlichen Mitarbeitenden der Berner Fachhochschule (BFH), im Living Lab der BFH umgesetzt und können dort auch «angefasst» werden. Interessierte Organisationen aus dem Gesundheitswesen können sich im Labor über das Projekt und die bisher entwickelten Prototypen informieren und auch die Wohnung von Frau Brönnimann besichtigen.

Welche Rolle spielt die Logistik im Projekt?
Die Logistik spielt eine bedeutende Rolle im Gesundheitswesen und natürlich auch im Projekt «Spital der Zukunft Live». Wir versuchen im Beispiel, die Pflegepersonen von fachfremden Arbeiten wie der Bestellung von Verbrauchsmaterial oder Implantaten zu entlasten. Das gehört in den Aufgabenbereich der Logistiker, die das besser können. Wir fördern ebenfalls den Einsatz globaler GS1 Standards und wollen aufzeigen, dass eine weitere Integration der in der Schweiz schon sehr gut etablierten GS1 Standards die Digitalisierung im Gesundheitswesen beschleunigt sowie die Effizienz und die Patientensicherheit signifikant erhöht.

Verschiedene Projektpartner setzen die Erkenntnisse aus der Studie in den Unternehmen und angeschlossenen Lieferketten um. Wie ist das Feedback der einzelnen Akteure? Inwiefern profitieren die einzelnen Akteure, also Leistungserbringer, Logistik, Administration, Spital?
Die Umsetzung der Studienergebnisse ist im Gange, wobei sich die Akteure finden und abstimmen müssen. Häufig ist die praktische Umsetzung schwierig, weil sich sehr viele Beteiligte auf eine gemeinsame Vorgehensweise einigen müssen. Als Beispiel möchte ich nur den Austausch von Materialstammdaten nennen. Die entsprechenden Standards und Anwendungsempfehlungen von GS1 sind vorhanden, werden aber von den Akteuren noch nicht konsequent genutzt.
Allerdings gibt es erste Lichtblicke. In der GS1 Fachgruppe Beschaffung im Gesundheitswesen (BiG) haben sich Unternehmen und Spitäler gefunden und ein Pilotprojekt initiiert, um Stammdaten über das GS1 Global Data Synchronization Network (GDSN) auszutauschen. Dort werden nicht nur die Beschaffungsprozesse verbessert, sondern die Daten stehen auch für medizinische Prozesse bereit, die in der Folge ebenfalls davon profitieren können. Ausserdem behandeln wir gegenwärtig ein neues Arbeitspaket zum Thema der Erkennung von Medikamentenfälschungen im Rahmen der EU-Initiative. Hier spielen die globalen GS1 Standards eine essenzielle Rolle. Über einen GS1 DataMatrix kann die Seriennummer einer Medikamentenpackung automatisch gelesen und mit einer Datenbank abgeglichen werden, was einen sehr hohen Schutz gegen Fälschungen bietet und eine ausgezeichnete Grundlage für weitere Prozessoptimierungen schafft.

Was bedeutet die Umsetzung für die Patienten?
Im Projekt steht Frau Brönnimann ja im Mittelpunkt. Wir tun alles, um nicht nur ihre Sicherheit zu gewährleisten, sondern auch ihre Zufriedenheit zu steigern, zum Beispiel beim Spitalaufenthalt oder der häuslichen Pflege. Die konsequente Digitalisierung der Prozesse ist dabei extrem wichtig und schliesst eine optimale Patienteninformation mit ein. Dazu tragen heute schon entsprechende Apps, die Frau Brönnimann über Diagnosen, ihre Behandlung, Medikation oder Termine informieren, bei.
Im Projekt wurden schon weitere Ideen für Anwendungen entwickelt und umgesetzt. Dazu zählt eMMa, die elektronische Medikationsassistentin. Sie wird künftig dazu beitragen, dass alle behandlungsrelevanten Patientendaten für die berechtigten Leistungserbringer ständig zugänglich sind. Die Inter-operabilität dieser Anwendung mit dem elektronischen Patientendossier ist über die Nutzung von Datenaustauschstandards wie zum Beispiel dem CDA-Format (Clinical Document Architecture) gewährleistet.

Warum ist der Informationsfluss rund um den Patienten heute vielfach unterbrochen?
Das hat viele Gründe. Hauptsächlich liegt es daran, dass die zahlreich vorhandenen IT-Systeme nicht miteinander «sprechen». Ein Hausarzt erzeugt immer noch viel Papier, wenn er einen Patienten in das Spital überweist. Im Spital ist aber auch noch viel zu tun. Grosse Spitäler betreiben zum Teil über 300 unterschiedliche IT-Systeme, die untereinander nicht optimal vernetzt sind. Dies führt zu Doppelspurigkeiten, Mehraufwand bei der Dateneingabe und Übertragungsfehlern mit manchmal fatalen Folgen. Hier ist aber Besserung in Sicht, da die Spitäler gesetzlich verpflichtet sind, sich dem elektronischen Patientendossier anzuschliessen. Das wird mittelfristig den Informationsfluss verbessern.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Zusammenarbeit der Akteure im Spital. Hier fehlt oftmals das gemeinsame Verständnis für den Gesamtablauf, was ebenfalls zu Störungen im Informationsfluss führt. Hier kann IXPRA – eine leicht verständliche Prozessanalysemethode – unterstützen. Die Methode wurde im Rahmen der ersten Studie entwickelt.

Wie kann IXPRA die Sicherheit der Patienten erhöhen?
Mit IXPRA stellen wir eine Prozessanalysemethode bereit, die auch von Prozesslaien sehr gut verstanden wird. Mit IXPRA lassen sich zusammen mit Betroffenen Schwachstellen in einem Prozess aufzeigen, die anschliessend mit Fachleuten aus der IT und dem Prozessmanagement behoben werden. So erreichen wir mehr Durchgängigkeit im Informationsfluss und können den Medikationsprozess bis hin zum Bedside-Scanning verbessern. Selbst Rückrufe eines Implantats lassen sich so schneller durchführen. Das alles trägt unmittelbar zur Erhöhung der Patientensicherheit bei.

Zu welchen Fehlern kann ein unterbrochener Informationsfluss zwischen den Akteuren ansonsten führen?
Im schlimmsten Fall stirbt ein Patient durch Falschmedikation aufgrund eines handgeschriebenen und schlecht lesbaren Rezepts, das falsch in das IT- System übertragen wurde. Das kommt leider häufiger vor, als man glaubt. Andere Auswirkungen werden in vielen medizinischen und administrativen Bereichen sichtbar. Dazu zählen langwierige Informationssuche, manuelle und falsche Materialbestellungen oder lange Wartezeiten für Patienten aufgrund schlechter Terminplanung.

Wie weit sind Sie mit dem Projekt bisher gekommen?
Das Projekt «Spital der Zukunft Live» und die Umsetzung wurden auf zwei Jahre angelegt. Jetzt ist Halbzeit und einige interessante Arbeitspakete, deren Umsetzung bevorsteht, konnten wir abschliessen.

Welches sind dabei die grössten Herausforderungen?
Die grössten Hürden liegen in einer zeitnahen Umsetzung. Hierfür müssen zunächst entsprechende Pilotprojekte initiiert werden. Das erfordert bei den Akteuren die Bereitschaft zu Veränderungen, setzt aber auch eine solide Finanzierung voraus. GS1 Schweiz plant, das Projekt «Spital der Zukunft Live» als ständige Innovationsplattform zu etablieren, um die praxisgerechte Umsetzung zu fördern und die Entwicklung weiterer Lösungen für das Schweizer Gesundheitswesen voranzutreiben. Hierzu laden wir alle interessierten Organisationen ein, sich in diesem Projekt zu engagieren.

Die Fragen stellte Joachim Heldt.

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