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Je elektronischer, desto standardisierter

Je elektronischer, desto standardisierterProzessoptimierung steht in allen Agenden fortschrittlicher Spitäler weit oben. Kein Wunder, wo sonst soll nachhaltig rationalisiert und gespart werden – wohlweislich ohne Qualitätsverluste. Dabei gilt es eines zu beachten: Digitalisierung ist gut, soll sie aber beim Bestellen und Zahlen voll ausgenutzt werden, bedarf es künftig vermehrter Standards.

(hb) Die Ausgangssituation präsentiert sich wie folgt: Im europäischen Markt gibt es keine Standardklassifikation für Medicalprodukte. In Deutschland werden GPI und eCl@ss verwendet. Für den Bereich Pharma hat sich ATC, für den Laborbereich EDMA und für Büro-/ Wirtschaftsbedarf eCl@ss als gängige Struktur etabliert.

Der UN-Standard UNSPSC wird von der Mehrzahl der Marktteilnehmer in Europa (Lieferanten, Spitäler) hingegen nicht als Standard akzeptiert; er wird aber beispielsweise in Australien benützt.

Tatsache ist überdies, dass Spitäler bei Weitem nicht nur Bestellungen für medizinische Produkte und Pharmazeutika auslösen, sondern auch in zahlreichen andern Gebieten präsent sind. Sie sind heute moderne Versorgungsund Logistikunternehmen mit professionellem Finanzwesen und kompetentem technischem Service. Also geht es darum, (einen) Standard(s) zu defi nieren, mit dem möglichst viele Prozesse erfasst und abgebildet werden. Dabei soll der betriebswirtschaftliche Aufwand moderat, die Transparenz und Geschwindigkeit hingegen hoch sein.

Positive Initiativen
Es gibt nun eine Vielzahl von Aktivitäten der Marktteilnehmer mit dem Ziel, eine Standardisierung in Europa oder weltweit in unterschiedlichen Gremien bzw. Arbeitsgruppen zu erreichen. Beispiele sind:

  • GS1
  • BVMed
  • Steuerungsausschuss Medical
  • eCl@ss
  • DIMDI

GPI® Klassifikationsstruktur
Wegweisend war vor 20 Jahren die Entwicklung der GPI-Klassifikationsstruktur. Die Klassifikation ermöglicht eine eindeutige Identifikation und Vergleichbarkeit von medizinischen Produkten. Dabei erfolgte eine Strukturierung von etwa 80 Prozent der im Spital gängigen Produkte in 13 Sortimenten mit 92 Produktgruppen und 1623 -untergruppen. Es besteht eine Hierarchisierung auf bis zu 7 Ebenen: d.h. vom Allgemeinen zum Speziellen anhand von Eigenschaften und/oder Anwendungsbereichen (Gewichtung der Eigenschaften nach Wichtigkeit).

Der aktuelle Fokus liegt bei einer Klassifikationsstruktur und der Pflege einer Produktdatenbank, seit 2006 durch GHX auf der Basis des Kooperationsvertrags mit IMS HEALTH. Daher erfolgt eine kontinuierliche Weiterentwicklung der GPI® Klassifikationsstruktur durch Krankenhausnutzer und Lieferanten. Zuständiges Fachgremium ist der Steuerungsausschuss Medical. Heute besteht eine tiefe Marktdurchdringung mit mehr als 400 Benutzern. Die GPI® stellt auch eine Basis für die Klassifikationsstruktur von Medical Columbus und Teilbereiche von eCl@ss dar.

Wohl industrieorientiert, aber trotzdem bedeutungsvoll
Interessant ist auch die Entwicklung durch die Non-Profit-Organisation eCl@ss e.V. eines hierarchischen Systems zur Gruppierung von Materialien, Produkten und Dienstleistungen anhand normenkonformer Merkmale. Hier erfolgt die Strukturierung aller im Markt befindlichen Produkte, Materialien und Dienstleistungen in 26 Sachgebiete, 559 Hauptgruppen, 4953 Gruppen und 27 053 Untergruppen/ Klassen. Die Hierarchisierung erfolgt auf bis zu 4 Ebenen: d. h. vom Allgemeinen zum Speziellen sowie Ergänzung jeder Untergruppe um Basis-/ Standardmerkmale.

Die Lieferanten erarbeiten die Klassifikationsstruktur und Datenklassifizierung. So wird eine kontinuierliche Weiterentwicklung durch Anwender, Lieferanten (Gremien- und Fachgruppenarbeit) gepflegt. eCl@ss ist insbesondere im gewerblichen Bereich wie der chemischen Industrie, Automobilindustrie, Elektroindustrie und Bürobedarf etabliert. Seit 2006 besteht für das Gesundheitswesen das Sachgebiet 34 «Medizin, Medizintechnik, Life Science».

In Frankreich haben die Spitäler für die Medizinprodukte die Klassifikation CLADIMED gewählt, basierend auf ATC (Anatomisch-Therapeutisch-Chemische Klassifikation). Dabei handelt es sich um eine funktionelle Klassifikation, die durch den Verband CLADIMED verwaltet wird. CLADIMED bietet eine Hierarchisierung auf 5 Ebenen – analog ATC – und umfasst 11 Familien.

Initiative von GHX
GHX als globaler Dienstleister für eine effiziente Beschaffungskette und weitere mehrwertschaffende Services für Lieferanten und Kliniken sieht sich angesichts dieser Ansätze in Teilgebieten ebenfalls wie die Spitäler und ihre Lieferanten mit der Notwendigkeit einer vernetzten Standardisierung konfrontiert. Hier gilt es nun, einerseits das Vorhandene zu bündeln und für die User nutzbar zu machen, andererseits an einer weiter gehenden Harmonisierung von Standards aktiv mitzuwirken. Aktuell erfolgt eine gezielte Datenbankpflege auf der Basis vorhandener Klassifi kationsstrukturen. Über eigene GHX-Mappingtabellen werden zudem Verknüpfungen vorhandener Klassifi kationsstrukturen aufgebaut.

Eingesetzte Klassifikationsstrukturen
GHX verwendet derzeit folgende Klassifi kationsstrukturen:

  • Medicalprodukte: GPI®, eCl@ss
  • Pharma: ATC (Anatomisch-Therapeutisch-Chemische Klassifikation)
  • Labor: EDMA (European Diagnostic Manufacturers Association)
  • Büro/Hauswirtschaft: eCl@ss (Industrieklassifikation für Waren-/ Materialgruppen)

Im neuen GHX Exchange werden auch weitere Strukturen und Nomenklaturen berücksichtigt:

  • UNSPSC (Benelux, Schweiz)
  • NHS eclass (UK)

Das Know-how besteht in gründlichen Kenntnissen aller im Spital eingesetzter Produkte. Dazu zählen die kontinuierliche Klassifizierung von Lieferantenkatalogen, die Pfl ege einer Referenzdatenbank (für IMS HEALTH), der Stamm datenabgleich für Spitäler im Rahmen des Bestellprozesses, diverse Stammdatenbereinigungs- und Klassifizierungsprojekte für Kliniken und Lie feranten sowie qualitätssichernde Aufgaben im Rahmen des gesamten Katalogmanagements.

e-Invoicing im Gesundheitswesen
Der Standardisierungsprozess von Datentransfers in der Materialwirtschaft muss zweifellos weitergehen. An einem GHX-PayNet-Symposium schlugen Mike Ruoss, Telekurs PayNet AG, und Roger Jaquet, Business Controlling-Partner AG, die Bildung einer Arbeitsgruppe zur Erarbeitung von Branchenstandards für die vereinfachte Umsetzung anerkannter Anforderungen vor.

Die Hausaufgabe ist klar: Aufgrund des Fehlens eines branchenweiten Rechnungsstandards erfolgt die Umstellung auf die elektronische Rechnungsübermittlung oft uneinheitlich, was Mehrkosten verursacht. Das gilt es abzustellen. Bei den in der unten stehenden Tabelle aufgezählten Themen entstehen oft unterschiedliche Handhabungen bei der Umstellung auf elektronische Rechnungsübermittlung. Dies führt heute noch oft zu unnötigen Fehlern, die es auszumerzen gilt.

Aufbauen können die Initianten auf swissDIGIN, das Forum zur Förderung der elektronischen Rechnung im Business-to-business-Prozess der Schweiz. Die Initiative swissDIGIN (swiss Digital Invoice) hat zum Ziel, den elektronischen Rechnungsaustausch zwischen Unternehmen aller Branchen in der Schweiz zu fördern. Ihren Ursprung hatte sie im Projekt zur Entwicklung des swissDIGIN-Inhaltsstandards. Er ist das Ergebnis einer Harmonisierung der Inhaltsanforderungen unter Grossunternehmen (als Rechnungsempfänger) aus diversen Industrien an eine branchenneutrale elektronische Rechnung. «In Anlehnung an diesen Schweizer Standard von www.swissdigin.ch sowie die Erfahrungen von GS1 Schweiz sehen wir den Bedarf eines Branchenstandards», fasst Mike Ruoss die Zielsetzung zusammen. Die Idee besteht nun darin, so Roger Jaquet, in Anlehnung an die GS1 Standards einen allgemein gültigen Standard für die Gesundheitsbranche zu entwickeln und zu etablieren.

Dazu Christian Hay von GS1 Schweiz: «Das GS1 System wurde durch die Gesundheitsbranche rund um die Welt für die Abwicklung von Prozessen, wie Logistik, Patientensicherheit und weiteren, die zur Effi zienzsteigerung beitragen, gewählt. Nicht nur in der Schweiz wird Zusammenarbeit wie in der GS1 Arbeitsgruppe ‹Lieferprozesse im Gesundheitswesen› beschlossen, sondern auch in anderen Ländern Europas wie Spanien, Frankreich, Grossbritannien, Deutschland oder Österreich.»

«Es freut uns sehr, dass Lösungsanbieter wie GHX oder Medical Columbus oder auch Telekurs Massnahmen getroffen haben, um diesen Standard einzusetzen. Seitens der GS1 Organisation bieten wir unsere Unterstützung, um einen branchenspezifischen, aber nicht notwendigerweise landesspezifischen Einsatz des Standards hier in der Schweiz zu erreichen. Dafür bieten wir beispielsweise unseren Mitgliedern einen Beirat und die notwendigen Arbeitsgruppen. Eine adäquate Standardimplementierung öffnet den Anwendern einen interessanten Return on Invest; so hat zum Beispiel die Pharmabranche vor über 12 Jahren die elektronische Bestellung umgesetzt, die immer noch befriedigend benützt wird – die damalige Investition ist extrem rentabel geworden», führt Christian Hay weiter aus.

GDSN Data Pool
In der Zusammenarbeit zwischen GHX und GS1 wird schon bald ein neues Kapitel geschrieben. GHX plant, in der Rolle eines GDSN-zertifizierten Datenpools für das Gesundheitswesen Mitglied im GS1 Global Data Synchronization Network (GDSN) zu werden. GDSN ist das GS1 Konzept, das Arti kelinformationen standardisierterweise den Marktpartnern öffnet. Über zertifizierte Datenpools können die Unternehmen ihre Stammdaten mit Kunden oder Lieferanten austauschen.

Die bestehenden GHX-Lösungen und die GHX-Kundenbasis werden eine einfache Nutzung der GS1 Standards ermöglichen, damit die Akteure im Markt rasch und kostengünstig von den entsprechenden Vorteilen profitieren.

GHX wird ihr bestehendes Lösungsportfolio erweitern, um die besonderen Anforderungen von GS1 GDSN zu erfüllen, und plant, 2009 die Zertifizierung als Datenpool zu erhalten. Durch die GS1 Zertifizierung von GHX kann eine effizientere Versorgungskette im Gesundheitswesen erwartet werden. Standardisierte Dateninhalte werden für ein erhöhtes Mass an elektronischer Interoperabilität sorgen, Prozesse zwischen Handelspartnern werden gestrafft, und durch akkurate Daten wird die Patientensicherheit positiv beeinflussbar sein.

Leichterer Datenzugriff
Sobald GHX als Datenpool zertifiziert ist, werden Hersteller über ihre bestehende Verbindung zu GHX Produktdaten, inklusive die GS1-spezifische Produktidentifizierung Global Trade Identification Number (GTIN), weltweit standardkonform im GDSN verfügbar machen können.

Ähnlich werden Spitäler, die an GHX oder an einen anderen zertifizierten Datenpool angeschlossen sind, leichter auf Daten im GDSN zugreifen können, anstatt jeweils neue Einzelverbindungen aufbauen zu müssen. Lieferanten und Leistungserbringer ohne GHX-Anbindung werden die Möglichkeit haben, das GHX-Datenpool-Angebot als einzelnen Service in Anspruch zu nehmen.

«Die Branche hat erkannt, dass die Verwendung von GS1 Standards für die Identifizierung und Synchronisierung von Produkt- und Adressdaten im GDSN viele Probleme der Supply Chain im Gesundheitswesen löst», sagt GHX Chief Executive Officer Bruce Johnson. «GHX freut sich darüber, die breite Verwendung der GS1 Standards nicht nur in der Funktion als Datenpool, sondern auch durch unsere Mitgliedschaft und unser Engagement in weltweiten und lokalen GS1 Arbeitsgruppen zu fördern.»

Anpacken!
Die eigentliche Arbeit wird sicherlich auf Stufe Geschäftsfall erfolgen. Die optimale Zusammensetzung einer Arbeitsgruppe, von Mike Ruoss und Roger Jaquet angeregt, würde aus Vertretern von Lieferanten und deren Kunden bestehen. Der Nutzen für die Netzwerkteilnehmenden dürfte wie folgt aussehen:

  • Tieferer Setup-Aufwand für neue Netzwerkteilnehmer: Rechnungssteller wie Rechnungsempfänger
  • Investitionsschutz für elektronische Anbindung, sodass der Datenaustausch mit weiteren Lieferanten bzw. Kunden vorgenommen werden kann
  • Beschleunigtes Wachstum des Branchen-Netzwerks
  • Rezept für eine effi ziente, papierlose Rechnungsabwicklung; dies führt wiederum zu Inputs zur Umsetzung firmeninterner Prozessverbesserungen.

Ein Branchenstandard kann also ein wichtiger Treiber zur Förderung eines nationalen e-Invoicing-Netzwerks sein. Davon profitieren alle Akteure im Gesundheitswesen.

Hans Balmer

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