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Baustellen mit Sparpotenzial

Baustellen mit Sparpotenzial Baustellen für Grossanlagen gleichen einem Puzzle. Jedes Stück muss zur richtigen Zeit in der richtigen Qualität am richtigen Ort sein. Über Verbesserungen im Baustellenmanagement lassen sich mehrere Millionen Euro einsparen.

(as) Erst aus Tausenden von Ausrüstungen und baufertigen Materialien, die von einem globalen Lieferantennetzwerk bezogen werden, entsteht in den verschiedensten Winkeln der Welt eine Grossanlage, beispielsweise für die chemische Industrie. Der Barcode erlaubt eine nahtlose Materialsteuerung und Kontrolle solcher Projekte, und zwar durchgängig vom Engineering bis hin zur Baustelle. Voraussetzung ist, dass die IT der beteiligten Firmen entsprechend vernetzt ist. Oft ist das aber nicht der Fall, und deshalb besteht verbreitet Optimierungspotenzial.

Barcode als Bindeglied
Neue Fabriken werden heute am Computer geplant. Dank moderner CAD-3D-Engineeringsysteme wie dem PDMS (Plant Design Management System) ist es schon bei der Konstruktion von Anlagen möglich, einkaufs-und montagetechnische Informationen mit einem Bauteil zu verknüpfen. Ob Rohrleitungselement, Kabeltrasse, Stahlbauelement oder Zentrifuge, jedes Teil bekommt auf dem Computer nicht nur technische Spezifikationsmerkmale zugewiesen, sondern es wird bereits definiert, an welchem Ort und in welcher Sequenz es montiert wird. Dann erteilt der Generalunternehmer Hunderten von spezialisierten Lieferanten und Fertigungsunternehmen auf der ganzen Welt Fertigungs-und Lieferaufträge für die verschiedensten Ausrüstungen, Off-the-shelf-Items und Materialien, die wiederum von unterschiedlichsten Montagefirmen auf der Baustelle zu verbauen sind. Dieser Ablauf stellt erhebliche Herausforderungen an das Materialmanagement, einer Unterdisziplin des Projektmanagements im Anlagenbau. Die Datendurchgängigkeit ist dabei zentral. Im Idealfall reicht sie vom Engineering über den Einkauf und die Logistik und den Wareneingang auf der Baustelle bis zur finalen Montage. «Dann ist sie ein Schlüsselfaktor für Zeit-und Kostenersparnis», stellt Andreas Rupieper fest, Senior Consultant bei der Düsseldorfer Beratungsfirma Management Engineers. Der Barcode, mit dem diese Teile gekennzeichnet werden und dessen Dateninhalt bereits im 3D-CAD festgelegt wurde, fungiert hier als Bindeglied der Logistik für den geordneten Transport zwischen Abhollager beim Lieferanten und Wareneingang auf der Baustelle.

Erst bauen, wenn alle Teile da sind
Für den planmässigen Ablauf des Baus ist es wichtig, dass die jeweils bestellten Teile geordnet geliefert werden und auch für jeden Bauabschnitt nachweislich alle Teile im Baustellenlager vorliegen, bevor die Montage freigegeben wird. Damit dies gelingt, werden sogenannte Forwarding-Firmen eingebunden. Sie sind Experten für eine ordnungsgemässe Verpackung sowie für Verzollung, Logistik, Versand und Transport. Mit der IT-Erfassung der Abholung von Bauteilen bei den Lieferanten bzw. der Datenaustragung bei Ablieferung auf der Baustelle übernehmen sie darüber hinaus eine wichtige Steuerungs-und Kontrollfunktion. Denn auch wenn schon ein Barcode durch den Lieferanten auf der Ware angebracht ist, muss doch sichergestellt werden, dass dieser dem Verpackungsinhalt entspricht. Ist erst ein falsches Teil von Europa nach Argentinien verschifft, bevor der Fehler zutage tritt, besteht die Gefahr, dass der Baufortschritt dadurch stockt. Der Forwarder ist somit laut Rupieper der «Brückenkopf zur Baustelle» und idealerweise elektronisch vernetzt mit der dortigen Wareneingangskontrolle. So kann die Totzeit zwischen Versand und Baustellenankunft bereits genutzt werden, das angemeldete Material gezielt für den weiteren Montageablauf zu verplanen. Wenn Engineering, Einkauf, Logistik und die Baustelle selbst durchgängig verknüpft sind, können mit dem PDMS bereits die Stücklisten für den Einkauf erzeugt werden. Beim Wareneingang auf der Baustelle werden die gelieferten Teile dann gescannt. Oftmals entspricht dieses Modell aber nicht der Realität. Durchgängigkeit der Informatik ist eben nicht immer gegeben. An den jeweiligen Schnittstellen werden stattdessen die Daten von Hand eingegeben, was eine Fehlerquelle darstellt und Zeit raubt.

Studie bescheinigt Sparpotenzial
Unternehmensübergreifend durchgängig gestaltete IT- und Logistiksysteme könnten den Grossanlagenbau deutlich effizienter machen. Zu diesem Schluss kommt eine 2009 vorgelegte Studie der Arbeitsgemeinschaft Grossanlagenbau des Verbandes Deutscher Maschinen-und Anlagenbauer VDMA, die gemeinsam mit der Unternehmensberatung Management Engineers realisiert wurde. Befragt wurden 180 C-Level-Manager des deutschen und europäischen Grossanlagenbaus. Bei einer Rücklaufquote von 50 Prozent traf das Thema auf grosses Interesse. Insgesamt definiert die Studie drei Kategorien, in denen beim Grossanlagenbau sowohl auf operativer als auch strategischer Ebene noch Potenzial verortet wird. Zum Ersten wird die höhere Kosten-und Termineffizienz genannt, bei der die Optimierung des operativen Baustellenmanagements im Mittelpunkt steht. Zweitens wird Human Resources und Know-how grosser Einfluss zugemessen. Beim Personal geben fast 50 Prozent der Befragten an, dass die Schlüsselpositionen nicht rechtzeitig oder nicht in der gewünschten Qualität besetzt werden können. Vor allem Bauleiter, Supervisoren und Montageleiter fehlen demnach. Ebenfalls 50 Prozent attestieren Mängel bei der internen Verbreitung und Nutzbarmachung von Wissen. Zudem geben 87 Prozent der Befragten an, dass mit anderen Firmen kein oder nur ein sporadischer Erfahrungsaustausch existiert, man sich diesen aber mehrheitlich wünsche. Schliesslich befasst sich ein dritter Punkt mit der Optimierung des Geschäftsmodells, was vorrangig strategischen Charakter hat. Hier kommen Themen wie Make or Buy, insbesondere ein optimiertes Claimsmanagement sowie Wahl und Ausgestaltung des Geschäftsmodells hinsichtlich Leistungsumfang und Vertragsform zur Sprache.

Das Geld liegt auf der Baustelle
Besonders rund um die Baustelle selbst machten die Befragten signifikantes Sparpotenzial durch Optimierung aus. Während 68 Prozent glauben, die Ausgaben könnten mindestens um 3 Prozent sinken, sind immerhin noch 32 Prozent der Meinung, es könnten 5 und mehr Prozent sein. Wenn auch Vor-und Umfeld der Baustelle in die Betrachtung mit einfliessen würden, könnten die Kosten sogar um bis zu 10 Prozent verringert werden. Eine Optimierung der Teilefertigung und Beschaffung soll zudem bis zu 10 Prozent kürzere Montagezeiten nach sich ziehen. Als zentrales Element für die Verbesserungen im Vorfeld der Baustelle gilt eine durchgängige Planung und Steuerung des Projekts auf Basis eines Gesamtterminplans, welcher sich aus der Rückwärtsterminierung vom Übergabezeitpunkt aus gestaltet. Drei Viertel der Umfrageteilnehmer bewerten die Steuerung und die Überwachung des Montageablaufs auf Grossbaustellen als gut bis sehr gut. Allerdings besteht übereinstimmend Handlungsbedarf im Hinblick auf ein leistungsfähiges Controlling und Abweichungsmanagement. Für die verbesserte Steuerung und Überwachung des Montageablaufs selbst wird eine durchgängige und transparente Gesamtterminplanung gefordert. Eine Schlüsselstelle für die rechtzeitige Materialverfügbarkeit bildet zudem die Wareneingangskontrolle, die aber in der Praxis oft nicht besonders ausgeprägt ist.

Wareneingangskontrolle ausbaufähig
Mit Fokus auf den Montageablauf glauben immerhin 83 Prozent der Befragten, dass moderne und durchgängige Logistiksysteme diesen verbessern würden. Qualitätssicherung auf der Baustelle nennen 70 Prozent als Ansatzpunkt für Verbesserungen, und die Wareneingangskontrolle ist für 50 Prozent aus dem gleichen Grund ein Thema. Die Wareneingangskontrolle hat insbesondere dann eine Schlüsselfunktion, wenn es um die Sicherstellung der quantitativen und qualitativen Materialverfügbarkeit geht. An dieser Stelle wäre eine sofortige Identifizierung, Prüfung und Registrierung des Materials notwendig, heisst es. Nach Einschätzung der Befragten werden aber diese Anforderungen in der Praxis nicht durchgängig erfüllt. Dabei sind die lückenlose Materialverfolgung und eine entsprechende Dokumentation wichtig. Heute würden jedoch auf Baustellen sehr heterogene Materialsteuerungs-, Kennzeichnungs-und Identifizierungssysteme eingesetzt. RFID werde kaum genutzt. Vor diesem Hintergrund wurden auch keine bedeutenden Investitionen in moderne Logistiksysteme getätigt. Laut Studie herrscht hier ein grosser Nachholbedarf.

Alexander Saheb

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