gs1-neton-header-05.jpg

Mobile Health: Emerging Markets sind weiter als die Schweiz

Mobile Health: Emergig Markets sind weiter als die SchweizEine Mehrheit der Patientinnen und Patienten würde Smartphone-Apps im Gesundheitswesen begrüssen. Ärzteschaft und Krankenversicherungen sind aber besonders in entwickelten Staaten zurückhaltend.

(as) «Mobile Health» steht für via Mobilfunk erbrachte Dienstleistungen in Prävention, Diagnose oder Patienten- Fernüberwachung. So kann beispielsweise ein Diabetiker seinen Blutzucker mittels Smartphone-Zubehör messen. Die Daten landen auf einem Patientenportal im Internet. Nun haben er und sein Arzt jederzeit und von überall her online Zugriff auf diese Werte. Der Zeitaufwand ist gering, und Fehler beim Übertragen der Werte vom Gerät in ein Tagebuch entfallen. Auf gleiche Weise lassen sich bereits heute Herzpatienten fernüberwachen. Probleme können so früher erkannt und Behandlungen besser angepasst und rascher eingeleitet werden.

In der Studie «Emerging mHealth – paths for growth» hat sich das Beratungsunternehmen PwC eingehend mit den Perspektiven dieser Technologien befasst. Für die Studie wurden Patienten und Ärzte aus zehn Staaten befragt: Dabei standen entwickelte Länder und Emerging Markets im direkten Vergleich. In Brasilien, China, Dänemark, Deutschland, Indien, Südafrika, Spanien, der Türkei, England und den USA erfolgten je zwei Umfragerunden. Die eine erfasste insgesamt 1027 Patienten. Diese hatten sehr unterschiedliche Hintergründe mit Blick auf Alter, Ausbildungsstand, Gesundheitszustand und Einkommen. Die zweite Fragerunde umfasste 433 Ärzte und 345 Vertreter von Organisationen, die für die Gesundheitsversorgung zahlen.


 Mobile Health wird sich positiv auf die Qualität der gesundheitlichen Versorgung auswirken.


 

Patienten haben grosse Hoffnungen
Rund die Hälfte der befragten Patienten erwartet, dass sich Mobile Health in den nächsten drei Jahren positiv auf die Qualität ihrer gesundheitlichen Versorgung auswirkt und die damit verbundenen Kosten sinken. Von jenen, die bereits einen Mobile-Health- Service nutzten, gaben 59 Prozent an, dass sie dadurch auf Arztbesuche verzichten konnten. Patienten schätzen diese Unabhängigkeit, Ärzte tun sich damit schwer, auch wenn sie die Verbesserung der Versorgung und einfachere administrative Abläufe positiv aufnehmen. Von den befragten Ärzten befürchten immerhin 42 Prozent, dass Patienten durch Mobile Health zu unabhängig werden. Die zahlenden Institutionen schliesslich sind wegen der Aussicht auf geringere Kosten an mHealth interessiert. Allgemein sind Ärzte und Krankenversicherungen in ihrer Einschätzung eher zurückhaltend. So sagten 64 Prozent, Mobile Health eröffne zwar spannende Möglichkeiten, doch existierten nicht genügend bewährte Geschäftsmodelle. Die breite Nutzung dürfte deshalb noch längere Zeit auf sich warten lassen. Der Studie zu Folge braucht es vorher eine Verhaltensänderung der Akteure im Gesundheitswesen. Diese würden derzeit sehr darauf achten, ihre Interessen zu schützen. Dazu komme, dass der konsequente Einsatz von mHealth-Anwendungen eine starke Veränderung in der Art und Weise bewirke, wie medizinische Leistungen zum Patienten kommen. Deshalb müssten die Protagonisten für mHealth in einem kulturell konservativen, hoch regulierten und fragmentierten System navigieren, welches oft monopolistische Strukturen aufweist. Besonders rege entwickeln sich mHealth-Angebote jedoch in den Emerging Markets. Dort sind auch die Ärzte wesentlich aufgeschlossener, diese Möglichkeiten zu nutzen, als ihre Kollegen in den entwickelten Staaten, und die Kosten werden häufiger von zahlenden Instanzen übernommen. Als Grund dafür wird das vergleichsweise wenig entwickelte Gesundheitssystem genannt. Eine Veränderung ist stark gefragt, und es gibt – was für die Studienautoren ein ebenso wichtiger Faktor ist – weniger festgefahrene Strukturen und Interessen, welche die Entwicklung in Richtung mHealth behindern. So sieht es auch Philip Sommer, Berater Gesundheitswesen von PwC, der an der Studie mitgearbeitet hat. In den Emerging Markets gehe es vor allem darum, über grosse Distanzen hinweg überhaupt einen Zugang zum Gesundheitssystem zu schaffen. SMS und MMS seien dafür hervorragend geeignet. In Südafrika könne man den Barcode einer Medikamentenschachtel scannen und via MMS den Echtheitsnachweis des Präparats führen. Vor dem Hintergrund zahlreicher kursierender Arzneimittelfälschungen ist dies ein gefragter Service. In den USA wiederum werden mHealth-Vorhaben mit Bundesmitteln gefördert. Deshalb investieren dort auch viele Unternehmen in die Entwicklung passender Anwendungen.

Die Schweiz steht noch ganz am Anfang
Die Schweiz allerdings steht laut Sommer in Sachen mHealth erst ganz in den Anfängen. Es gebe zwar einzelne Anwendungen und Experimente in gewissen Spitälern, doch warten die meisten Akteure noch auf etablierte Lösungen. Beispielsweise hat sich das Unispital Basel als Vorreiter positioniert. Es setzt auf eine Kollaborationsplattform namens «Cybermedical Community». Die Community ermöglicht Kommunikation per Video und den Austausch von Bildern und anderen diagnostischen Daten zwischen zwei oder mehreren Beteiligten. Wie das Fachmagazin «inside IT» berichtet, wird sie von der Pfäffiker Firma Cyberfish betrieben. Dank der Nutzung von iPads können die Ärzte die Plattform über WLAN oder das Mobilfunknetz nutzen. Das Unispital will eigene wie auch externe niedergelassene Ärzte in diese Plattform einbinden. Sommer berichtet auch von einem Projekt in den USA, welches das Sparpotenzial von mHealth illustriert. Dort werden bisher rund ein Fünftel der Herzinfarktpatienten binnen 30 Tagen nach ihrer Entlassung mit erneuten Herzproblemen rehospitalisiert. Dieser Zeitraum wird aber noch von der ursprünglichen Fallpauschale abgedeckt, und die Rehospitalisierung stellt damit eine gewisse Garantieleistung dar. Deshalb entschlossen sich Spitäler, entlassene Herzpatienten mit einem mobilen Videokonferenzgerät auszurüsten. Es gab nun mehr ambulante Besprechungen oder Videokonferenzen, während die Quote der Rehospitalisierungen auf zehn Prozent etwa halbiert werden konnte. «So etwas könnte ich mir in der Schweiz auch vorstellen », meint Sommer. Für ihn sind chronische Krankheiten wie auch Diabetes das grösste Anwendungsgebiet für mobile Technologien im Gesundheitswesen. Gerade bei Diabetikern könnte eine App einfach an die Medikamenteneinnahme erinnern und die gemessenen Werte online registrieren lassen. Solche Anwendungen sind bereits operativ, wie eine kleine Webrecherche zeigt. Ein Beispiel mag der Welldoc Diabetes Manager sein (www.welldoc.com). Laut Sommer lässt sich mit solchen Technologien einiges sparen. Bis zu 3500 USDollar pro Diabetes-Patient können es gemäss diversen Studien sein. Davon profitieren vor allem die Krankenversicherungen. An diesen hängt es in der Schweiz derzeit auch noch. «Ohne besseren Risikoausgleich sind die Krankenversicherungen in der Schweiz wenig interessiert an kostensenkenden Massnahmen für chronisch Kranke», stellt Sommer fest. Aus seiner Sicht ist aber ein wirksamerer Risikoausgleich an sich inzwischen politisch relativ unbestritten und wird vermutlich in ein paar Jahren durch das eidgenössische Parlament beschlossen. Dies wird mobilen Technologien im Gesundheitswesen einen Schub geben, ist er überzeugt.

Alexander Saheb

 

Nach oben