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Wirklich für die Tonne?

Wirklich für die Tonne?Der Apfel hat Runzeln, die Banane ist braun, und das Brot ist trocken: Ab in die Tonne! Auch wenn die Lebensmittel noch geniessbar sind, schmeissen wir weg, was nicht mehr gut aussieht oder das Ablaufdatum überschritten hat. Unser Umgang mit Lebensmitteln ist verschwenderisch.

Weltweit werden jährlich 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel weggeworfen. In Europa sind es 90 Millionen Tonnen, und Herr und Frau Schweizer entsorgen rund zwei Millionen Tonnen. Wenn keine Massnahmen getroffen werden, wird das Volumen der weggeworfenen Lebensmittel in Europa um 40 Prozent auf rund 126 Millionen Tonnen ansteigen.

Die Fakten
Laut einer von der EU finanzierten Untersuchung gehen in Europa 42 Prozent der Gesamtmenge der verschwendeten Lebensmittel auf das Konto der Haushalte. Für 39 Prozent sind die Lebensmittelhersteller verantwortlich, 14 Prozent verursacht die Gastronomie und fünf Prozent der Einzelhandel.
Ganz ähnlich sieht es in der Schweiz aus. Mit 45 Prozent sind die Haushalte Spitzenreiter bei den Lebensmittelverlusten. Dann folgt die verarbeitende Industrie mit 30 Prozent. 13 Prozent gehen zu Lasten der Produktion. Obwohl der Detailhandel oft als Hauptverschwender dargestellt wird, ist er lediglich für fünf Prozent verantwortlich. Auf die Gastronomie entfallen ebenfalls fünf Prozent und auf den Grosshandel zwei Prozent.
In den Entwicklungsländern sieht es anders aus. Dort entstehen bereits bei der Ernte, bei der Lagerung oder wegen unzureichender Verpackung oder Verarbeitung hohe Nahrungsmittelverluste. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 40 Prozent der Verluste bereits auf dem Weg vom Hersteller zum Verbraucher entstehen. Gemäss Angaben der Food and Agriculture Organization (FAO) gehen so jährlich 150 Millionen Tonnen Getreide verloren. Das entspricht etwa dem Sechsfachen von dem, was nötig wäre, um den Welthunger zu beenden!

Verschwendung kostet Geld
Laut einem Bericht des WWF Schweiz und des Vereins Foodwaste.ch, basierend auf zwei unabhängigen Masterarbeiten, geht in der Schweiz etwa ein Drittel aller verfügbaren Lebensmittel verloren. Das sind rund zwei Millionen Tonnen oder 300 Kilo pro Person. Allein die Schweizer Haushalte werfen 117 Kilo Lebensmittel pro Jahr und Kopf weg, am häufigsten Obst, Gemüse und Backwaren. Das entspricht etwa 320 Gramm pro Tag oder einem Fünftel der 1,5 Kilo, die wir täglich einkaufen – anders gesagt: fast einer Mahlzeit pro Tag.
Die Hälfte der Verluste fällt an, weil die Waren nicht rechtzeitig konsumiert werden und verderben oder das Haltbarkeitsdatum überschreiten. Die andere Hälfte entsteht wegen Qualitätsnormen und Essvorlieben, denen die Produkte nicht entsprechen. In der Produktion und im Grosshandel gehen die Hauptverluste auf das Konto von Früchten und Gemüsen, die auf dem Feld liegen bleiben oder aussortiert werden, weil sie zu gross, zu klein oder einfach zu unförmig sind. Die Verluste im Detailhandel sind auf zu lange Lagerung im Laden respektive auf ein zu grosses Angebot zurückzuführen, so der Bericht.
Im Durchschnitt wirft jeder Schweizer Haushalt Lebensmittel im Wert von 500 bis 1000 Franken weg. So investieren wir Jahr für Jahr mehrere Milliarden Franken in Lebensmittel, die gar nie auf dem Teller landen.

Verlust ist nicht gleich Verlust
Ob wir einen Salatkopf aus dem eigenen Garten oder Bohnen aus Kenia wegwerfen, macht einen Unterschied. Herstellung, Transport und Lagerung brauchen Energie, fruchtbares Land, Wasser, Dünger und eine Menge Arbeitskraft. Gleichzeitig wird unsere Umwelt belastet. Wie viel Ressourcen verbraucht werden und wie stark unsere Umwelt belastet wird, ist je nach Produkt sehr unterschiedlich, resümiert der Bericht. So können auf einem Quadratmeter Ackerland etwa fünf Kilo Kartoffeln geerntet werden. Wird hingegen auf der gleichen Fläche Hühnerfutter angebaut, reicht der Ertrag für fünf Eier. Und bei Rinderfutter reicht das Land nur noch für 100 Gramm Rindfleisch. Als Faustregel gilt: Verluste aus Fleischprodukten belasten die Umwelt am stärksten. Am wenigsten fallen pflanzliche Produkte ins Gewicht. Milchprodukte und Eier liegen dazwischen. Je weiter ein Produkt transportiert wird und je länger es gelagert wird, desto weniger soll weggeworfen werden. Je mehr es verarbeitet ist, wie zum Beispiel Convenience-Produkte, desto mehr belastet es die Umwelt.

Weniger ist mehr für die Umwelt
Mit der Vermeidung von Lebensmittelverlusten können gleich zwei Probleme entschärft werden. Erstens können die unnötigen Ausgaben für Produkte, die spüter auf dem Müll landen, reduziert werden. Auf die Schweiz bezogen, sind das doch einige Milliarden Franken. Zweitens lassen sich so die Umweltverschmutzung und die Ressourcenverschwendung wirksam verringern.
Der Bericht schätzt, dass ein Drittel der Verluste ohne viel Aufwand vermieden werden könnte. Der Konsument kann durch eine Wochenplanung, Führen einer Einkaufsliste, richtiges Lagern und Restenverwertung die eigene Verschwendung reduzieren.
Und wenn doch was anfallen sollte, dann ist der ökologischste und sinnvollste Weg die Verfütterung an Haus oder Nutztiere sowie die Vergärung der Lebensmittelreste. Bei beiden Methoden werden die Lebensmittel stofflich und energetisch genutzt. Hingegen bleibt bei der Kompostierung das Energiepotenzial der Biomasse ungenutzt, und bei der Verbrennung werden die Stoffkreisläufe nicht geschlossen.
Mit dem Engagement aller Stufen der Lebensmittelkette und der Sensibilisierung der Haushalte, die für 45 Prozent der Verluste verantwortlich sind, können wir einen Drittel der heutigen Lebensmittelverluste verhindern. Damit lassen sich jährlich eine Million Tonnen CO2 einsparen; das entspricht dem Ausstoss von 500 000 Autos oder 12 Prozent aller Personenwagen in der Schweiz.

Joachim Heldt

 

Verlust oder Verschwendung? Bei der Vernichtung von Nahrungsmitteln, insbesondere infolge der industriellen Massenproduktion, unterscheidet man zwischen dem vermeidbaren Verlust von Lebensmitteln durch Händler oder Konsumenten, obwohl diese noch geniessbar sind (Lebensmittelverschwendung) und den Verlusten, welche während der Produktion, der Nacherntephase oder der Verarbeitung anfallen, jedoch vermeidbar gewesen wären (Lebensmittelverluste).

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